Ressentiment – die Krankheit der Zeit

Der wiederentdeckte Aufsatz „Nationalsozialismus als Rankünelehre“ des niederländischen Intellektuellen Menno ter Braak vermittelt Einsichten von bemerkenswerter Aktualität

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, auch wenn wir das manchmal glauben und behaupten, aber sie reimt sich immer wieder. Ein schmaler Band, der einen Aufsatz aus dem Jahre 1937 über die mentale Verfasstheit von Menschen im Bann der nationalsozialistischen Ideologie enthält, illustriert geradezu erschreckend, wie sehr sich Geschichte und Gegenwart reimen können. Zwei symbiotisch verbundene Begriffe stehen dabei im Zentrum: Ressentiment und Ranküne. Letzterer dürfte als weitgehend verschwunden aus unserem heutigen Sprachgebrauch gelten, nur eben nicht das durch ihn Bezeichnete, nämlich ein Hass um des Hasses willen.

Die aktuellen Befunde beschreiben im Grunde die gleichen oder zumindest vergleichbare Phänomene. Da analysiert beispielsweise Joseph Vogl in Kapital und Ressentiment, wie in den Netzwerkarchitekturen von Social Media „Hegemonien von Meinungsmärkten“ expandieren und durch eine „ballistische Schnellkommunikation“ die „Feindseligkeit aller gegen alle“ befeuern. Vorurteile und Hass sind darin ein wesentliches Ferment. Von Rechtsruck und Backlash ist allenthalben die Rede, von einer gesellschaftlichen Mitte, die nach rechts rückt – eine Beobachtung, die auch ter Braak mit Blick auf das Bürgertum jener Zeit in seinem Aufsatz wiedergibt. Dass Autoritarismus im Trend liege, bestätigen uns immer wieder Wahlergebnisse – in den USA ebenso wie in Europa und anderswo auf dieser Welt.

Von welchen Symptomen das begleitet ist, haben – um ein weiteres aktuelles Beispiel zu nennen – Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in Gekränkte Freiheit als „Aspekte des libertären Autoritarismus“ unter die Lupe genommen. Da ist dann die Rede von einer nostalgischen „Retrotopie“, von unterstellter „Meinungsdiktatur“ und berichtet wird von Empörten, die „mit dem heißen Atem des Ressentiments durch die Talkshows [tigern], wo sie vor einem Millionenpublikum erklären, dass sie mundtot gemacht werden sollen“. Wir haben mittlerweile zudem die Querdenker und die Wutbürger kennengelernt mit einem Habitus, wie ihn auch ter Braak für Menschen seiner Zeit beschreibt. Schon er wusste, Wut lasse sich nicht durch Aufklärung bekämpfen.

Besonders deutlich wurde die ganze Bandbreite des Problems rechtspopulistischer und rechtsextremer Politiken durch die Ergebnisse, zu der die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 Vereint im Ressentiment gelangt. Gesamtgesellschaftlich mag das zwar als Polarisierung wahrgenommen werden und als eine gespaltene Gesellschaft, doch da vermittelt die Empirie ein differenzierteres Bild und erkennt in dem Szenario einer polarisierten Gesellschaft zugleich ein beliebtes Narrativ rechter Meinungsmache. Nachzulesen ist das in Triggerpunkte. Konsens und Konflikte in der Gegenwartsgesellschaft von Steffen Mau und den Mitautoren. Beruhigend ist das trotzdem nicht.

Zu sehen ist, dass Ressentiments und letztendlich auch Ranküne als Hass aus Prinzip gleichwohl nichts von ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit verloren haben. Mit diesem Wissen liest sich ter Braaks Aufsatz mit seinen Einblicken in das ideologische Betriebssystem der Nazis als eben erschreckend aktuell. Der Text ist jetzt als deutsche Erstausgabe zusammen mit einem Vorwort von Bas Heijne und biografischen Informationen im Anhang (auch zur Person des Übersetzers) in der Edition Memoria erschienen. Die Übersetzung stammt von keinem Geringerem als dem deutschen Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen und entstand bereits 1938.

Wer war Menno ter Braak? Der 1902 im niederländischen Eibergen geborene ter Braak wurde bekannt als Literatur- und Theaterkritiker, Essayist und Romancier. Seine journalistische Heimat war die Haager Tageszeitung „Het Vaderland“, für die er von 1933 bis zu seinem Freitod 1940 arbeitete. Er galt zu seiner Zeit als eine streitbare intellektuelle Instanz und setzte sich gegen rechte wie linke Politik wortstark zur Wehr. Seine Devise lautete „Moskau ist Berlin kaum vorzuziehen.“ Stalin erschien ihm keineswegs als Alternative zu Hitler, sondern lediglich als ein Übel mit anderem Namen, wie er überhaupt den Sozialismus als „Perversion von Demokratie“ wahrnahm.

Über Hitler-Deutschland schrieb er 1936 in einem Brief: „Ich halte die Nazis zu allem fähig, auch für die Ausräucherung Europas.“ Was schließlich auch geschah. Ebenso wenig scheute er sich in seiner Verachtung für die bürgerliche Mittelmäßigkeit, „unverfroren elitär“ aufzutreten, wie es im Vorwort von Bas Heijne heißt. Da glich er ganz seinem Vorbild Friedrich Nietzsche. Er glich diesem Vorbild aber auch darin, ein „guter Europäer“ zu sein – eine Feststellung, die wiederum Thomas Mann traf.

Ter Braak war 1936 Mitbegründer des „Wachsamkeits-Komitees“ („Comité van Waakzamheid van anti-nationaalsocialistische Intellekctuelen“), für das im Jahr darauf der besagte Aufsatz entstand, der als Broschüre gedruckt und verbreitet wurde. Geholfen hat das eine so wenig wie das andere. Auf jeden Fall aber sind dem Text bemerkenswert klare Einsichten über den autoritären Charakter gutzuschreiben, wie wir sie auch in Theodor W. Adornos Studien zum autoritären Charakter finden.

Wer sind die Menschen, die mental auf Ressentiment und Ranküne ansprechen? Was prädestiniert sie dazu? Welche Aussagen über die soziale Herkunft sind möglich? Fragen, die uns auch heute beschäftigen auf der Suche nach einer Antwort, wie denn beispielsweise die Wählerschaft der AfD zusammengesetzt ist. Mit Blick auf die NS-Bewegung spricht ter Braak von einer Bewegung von „Versagern“, nämlich jener, die sich zu kurz gekommen und abgehängt fühlen. Zugleich spricht der Autor vom „Versager“ als Symbol einer Geistesverfassung, denn es seien zuverlässig wiederkehrend Vorurteil und Hass, aus denen die Bewegung sozusagen ihre Inspiration beziehe. In diesem Zusammenhang sei es unerlässlich, sich „über die umfassende Gegenwart des Gleichheitsideals“ klar zu sein, wie er in dem Begriff „Volksgemeinschaft“ kulminiert.

Faschismus und Nationalsozialismus seien zwar aus der Demokratie durch den gemeinsamen Faktor Ressentiment hervorgegangen und auffällig sei dabei, wie gerade die Führer dieser Bewegungen, die sich als Vollstrecker von Volkes Willen begreifen, sich als die „wahren Demokraten“ behaupten, so betreiben sie doch nichts anderes als deren Zerstörung. „Der Nationalsozialismus brüstet sich damit, die ‚wahre Demokratie‘ zu sein; ein solches Paradoxon spricht Bände.“ Indem sie sich aber auf die Demokratie berufen, bestätige das am Ende die „Überlegenheit der Demokratie“, von der jene Führer profitieren wollen. „Ihr schlechtes Gewissen ist die Demokratie“, meint ter Braak, die sie durch Indoktrination nur pervertieren und damit außer Kraft setzen würden. In diese „Perversion von Demokratie“ bezog der Autor, wie oben schon erwähnt, nicht zu Unrecht auch den Sozialismus à la Stalin mit ein.

Ter Braak bezieht sich immer wieder auf Max Schelers Untersuchungen zum Thema Ressentiment, wie sie 1912 in der Abhandlung Das Ressentiment im Aufbau der Moralen publiziert wurden. Auf einen simplen Gefühlsmechanismus heruntergebrochen, beschreibt Ressentiment eine Ohnmacht, in der sich ein Hass staut, der wiederum in Rachsucht mündet. Auch als Nietzscheaner wird ter Braak der Begriff längst vertraut gewesen sein, denn es war Nietzsche, der ihn als Terminus technicus prägte. Nietzsche sprach in diesem Zusammenhang von Wesen, „denen die eigentliche Reaktion, die der Tat, versagt ist, die sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten […] ihre Aktion ist von Grund aus Reaktion“, heißt es in der Genealogie der Moral. Freilich lehrte die Nazi-Diktatur, dass es nicht bei der Reaktion blieb. Mit Blick auf die Gegenwart scheint es in der Gefühlswelt des Menschen gewisse Konstanten zu geben – eine Immunisierung ist da jedenfalls nirgends auszumachen. Und so behält ein bald hundert Jahre alter Text seine Anschlussfähigkeit ans Heute.

Titelbild

Menno ter Braak: Nationalsozialismus als Rankünelehre.
Albert Vigoleis Thelen.
Edition Memoria, Hürth/Köln 2025.
84 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783930353460

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