Einst ein literarischer Popstar, heute fast vergessen
Zum 200. Geburtstag von Victor von Scheffel
Von Manfred Orlick
Das gründerzeitliche Paulusviertel im Norden der Stadt Halle, das zwischen 1900 und 1910 um die namensgebende Pauluskirche errichtet wurde, wird von den Einheimischen auch „Dichterviertel“ genannt, da die Straßen nach bekannten deutschen Dichtern und Denkern benannt sind. Neben dem Weimarer Viergestirn Goethe, Schiller, Herder und Wieland geben sich hier auch Kleist, Uhland, Hebbel, Herwegh, Schleiermacher oder Humboldt ein straßenmäßiges Stelldichein. Und mittendrin die Victor-von-Scheffel-Straße … und dazu noch mit vollständigem Namen, während die anderen sich mit schlichten Straßennamen wie Goethestraße oder Schillerstraße zufriedengeben müssen.
Wer war Victor von Scheffel, dem eine solche Ehre zuteil wurde? Die Mehrheit der Hallenser wird sicher mit den Schultern zucken. Selbst nach hilfreichen Stichworten wie „Trompeter von Säckingen“ oder „Gaudeamus“ sowie dem Zitat „Behüt’ dich Gott, es wär’ zu schön gewesen, behüt’ dich Gott, es hat nicht sollen sein!“ ist die Verwirrung sicher nicht geringer. Wer war also dieser Victor von Scheffel?
Vor 200 Jahren, am 16. Februar 1826, wurde Joseph Victor Scheffel in der badischen Residenzstadt Karlsruhe als ältester Sohn geboren. Der Vater Philipp Jakob Scheffel (1789-1869) war Ingenieur und Oberbaurat, während seine Mutter Josephine (geb. Kreder, 1805-1865) einen künstlerischen Salon in Karlsruhe führte, in dem bekannte Maler wie Moritz von Schwind (1804-1871) verkehrten. Zunächst besuchte Scheffel das Karlsruher Lyceum, danach studierte er, dem Wunsch des Vaters folgend, Jura, Philosophie und Kunstgeschichte in München, Heidelberg und Berlin. Noch vor dem Staatsexamen begleitete er den Politiker und Parlamentarier Karl Theodor Welcker (1790–1869) als Sekretär zur Frankfurter Nationalversammlung. Für Scheffel, der sich politisch engagierte, war das Scheitern der Revolution von 1848 allerdings eine große Enttäuschung.
Ab 1851 arbeitete Scheffel als Rechtspraktikant in Säckingen im Südschwarzwald und danach 1852 im Sekretariat des Hofgerichts zu Bruchsal. Aber bald hängte er die ungeliebte Juristerei an den Nagel und ging nach Italien. Seit langem hegte er den Wunsch, Maler zu werden; doch in Italien wurde ihm bewusst, dass er eher zur Dichtkunst berufen sei. Den Winter 1853/54 verbrachte Scheffel mit dem Dichter und späteren Literaturnobelpreisträger Paul Heyse (1830-1914) auf der Mittelmeerinsel Capri. Während dieser Zeit verfasste er in sieben Wochen sein berühmtestes Werk Der Trompeter von Säckingen. Das populäre Versepos, das einige Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg angesiedelt ist, erzählt die Geschichte des Bürgersohns und Spielmanns Werner, der sich in die adlige Margarete verliebt. Doch die Standesschranken verhindern eine Heirat. Werner zieht nach Rom, wo er nach einigen Jahren von einem verständnisvollen Papst für seine Verdienste in den Adelsstand erhoben wird. Schließlich kann Werner in seiner Heimatstadt doch seine große Liebe heiraten. Scheffels bittersüßes Erstlingswerk basiert lose auf einer wahren Geschichte des 17. Jahrhunderts, wurde jedoch von ihm stark romantisiert. Es machte Scheffel über Nacht berühmt und erreichte schon 1882 die hundertste Auflage.
Nach diesem Erfolg reiste Scheffel nach St. Gallen, Singen und auf den Hohentwiel, um Materialien für sein zweites Hauptwerk, den historischen Roman Ekkehard (1855), zu sammeln. Mit seinem Mittelalterroman, der die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Mönch Ekkehard und der Herzogin Hedwig von Schwaben erzählt, traf Scheffel genau den Geschmack seiner Zeit. Es sollte das am häufigsten verkaufte belletristische Buch des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum werden (200. Auflage 1903/04). Nach der Veröffentlichung unternahm Scheffel mit dem Maler Anselm Feuerbach (1829-1880) eine weitere Italienreise. 1857 erhielt er vom Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach den Auftrag, einen Wartburg-Roman zu schreiben, der jedoch trotz jahrelanger Vorarbeiten nicht fertiggestellt wurde. Nach dem Ekkehard-Erfolg gelang Scheffel kein größeres Werk mehr.
Von 1857 bis 1859 war Scheffel dann Fürstenbergischer Bibliothekar in Donaueschingen, wo er vor allem einen Katalog zu den mittelalterlichen Handschriften erstellte. Nach dem Tod seiner Mutter kehrte er in seine Heimatstadt Karlsruhe zurück. Hier heiratete er 1864 die Diplomatentochter Karoline von Malzen (1833-1904). Die Ehe war jedoch nicht glücklich und wurde bereits nach drei Jahren wieder geschieden. Den Sohn Victor (1867-1913) erzog Scheffel nach der Trennung allein. Die Sammlung der humorvollen Studentenlieder Gaudeamus (1867), die das Bild des lebenslustigen Studenten prägte, steigerte Scheffels Popularität weiter und machte ihn zum Sänger feuchtfröhlicher Geselligkeit („Alt-Heidelberg, du Feine“, „Wohlauf, die Luft geht frisch und rein“ oder „Als die Römer frech geworden“). Im Jahr 1871 erwarb er ein Grundstück am Bodensee auf der Halbinsel Mettnau bei Radolfzell, ließ dort die Villa „Seehalde“ errichten und lebte nun abwechselnd hier und in Karlsruhe. Anlässlich seines 50. Geburtstags wurde Scheffel in den erblichen Adelsstand erhoben.
Scheffels letzten Lebens- und Schaffensjahre waren von gesundheitlichen Einschränkungen geprägt, sodass nur noch kürzere Werke wie die historische Erzählung Hugideo. Eine alte Geschichte (1884) entstanden. Zunehmend zog er sich vom öffentlichen Leben zurück. Am 9. April 1886 starb Victor von Scheffel im Alter von sechzig Jahren in seinem Karlsruher Elternhaus. Sein Begräbnis glich einer Nationalfeier.
Zu seinen Lebzeiten gehörte Victor von Scheffel zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Dichtern seiner Zeit. Seine Werke, die eine enorme Auflage erreichten und kaum in einem bürgerlichen Haushalt fehlten, trafen den Nerv des Bildungsbürgertums. Sie entsprachen dem Lebensgefühl des spießigen Spätbiedermeiers. Die gescheiterte Revolution von 1848 führte zu einer tiefen Enttäuschung und Resignation. Viele wandten sich von der aktiven politischen Mitgestaltung ab und neoromantische Motive wurden häufig zu einem Rückzugsort vor der unruhigen politischen Gegenwart. Mit seinen historischen Romanen bediente Scheffel wie viele Autoren seiner Zeit aber auch eine volkstümliche Form des Nationalismus. Trotz seiner Befürwortung der Reichsgründung 1871/72 war er ein kritischer Chronist, der die Veränderungen seiner Zeit aufmerksam und skeptisch reflektierte.
Scheffel war schon zu seinen Lebzeiten in vielen Städten zum Ehrenbürger ernannt worden. Nach seinem Tod entwickelte sich ein beispielloser Kult um seine Person („Scheffelkult“). Man benannte Straßen, Plätze und Schulen nach ihm, insbesondere in Süddeutschland, oder errichtete zahlreiche Denkmale. Ab den 1920er Jahren wurde der literarische Wert seiner Werke nur noch gering eingeschätzt. Häufig wurde Scheffel auf das Klischee des gemütsvollen Heimatdichters reduziert. Neuere literaturhistorische Studien, die sich mit dieser Diskrepanz beschäftigen, heben dagegen den Unterhaltungswert und die sprachliche Ausgestaltung seiner Werke hervor. Sie verweisen auch auf die zahlreichen Nachahmer und die Vermarktung durch sentimental illustrierte Ausgaben sowie kitschige Sammelbilder und Postkarten, die dem volkstümlichen Werk Scheffels nachträglich geschadet haben.
Obwohl eine Straße seit mehr als 100 Jahren nach Victor von Scheffel benannt ist, wird in Halle nicht an seinen 200. Geburtstag gedacht werden. Im Schwarzwald und insbesondere in Bad Säckingen („Trompeterstadt“) wird das Jubiläum jedoch mit zahlreichen Events, Ausstellungen und literarischen Touren zu seinen Wirkungsstätten bzw. den Schauplätzen seiner Werke gefeiert.













