Auch Nationaldichter können Miststücke sein
Anne Enrights „Vogelkind“ erzählt in wunderschöner Sprache von schrecklichen, toxischen Verhältnissen
Von Armin König
Dieser Roman spaltet. Während professionelle Literaturkritiker Vogelkind von Anne Enright hymnisch loben, stößt der Roman der irischen Booker-Prize-Trägerin bei einem Teil der Leserschaft auf Unverständnis oder gar Ablehnung. Vogelkind ist tatsächlich keine leichte Kost, weder textlich noch inhaltlich. Und schräg ist er auch: irisch eben.
Die wichtigsten ProtagonistInnen sind der (fiktive) irische Dichter Phil McDaragh, seine Tochter Carmel und deren Tochter Nell. Wir erleben eine höchst toxische Familienaufstellung: Der Lyriker Phil, sexbesessen und notorisch untreu, verlässt ohne große Worte die Familie und seine an Brustkrebs erkrankte Frau Terry, und macht ohne Rücksicht auf Verluste sein Ding als Dichterstar. Carmel leidet lebenslang unter dieser Wunde, vom Vater im Stich gelassen worden zu sein, während ihre Tochter Nell orientierungslos einen Weg ins Leben und eine Möglichkeit des Vergessens sucht.
Mit Nell beginnt der Roman, und er beginnt heftig. Denn auch die Beziehung zwischen Nell und ihrem Lover Felim ist extrem toxisch – und männerdominiert. Über ihren Vater, den nationalen Superstar Phil McDaragh schreibt Sandra Kegel in der FAZ,er sei eine „bitterböse[] Persiflage auf den irischen Dichter an sich“, der sich alles herausnimmt, was er will. „Ich erschaffe ein Monument / aus meinen Herzen erschaffe ich“, dichtet er einmal.
Aber auch monumentale Nationaldichter sind nur fehlbare Menschen. Spielt die Story in Irland, sind meist auch seltsame Vögel im Spiel. Das ist hier der Fall. Wenn Phil in seiner lyrischen Prägnanz ein Vogelkind mit seinen Versen zum Leben erweckt, dann sind wir mitten in Anne Enrights meisterhaft komponiertem Roman.
Und es ist ein böser Roman. Vogelkind verbindet die Selbstmythologisierung des Dichterstars, seine Rücksichtslosigkeit und maskuline Überschätzung mit zerstörerischen Beziehungen, weiblichen Traumata und nationaler Glorifizierung. „Zaunkönig, Zaunkönig, Herr der Vogelkinder / verfing sich am Stephanstag im hohen Ginster“, dichtet er, der sich im Gestrüpp der familiären Dornenhecken verfangen hat. Eigentlich ist es ja die Autorin, die diese Verse (perfekt) dichtet, da sie ihren Protagonisten frei erfunden hat. Die Epikerin Anne Enright ist tatsächlich auch eine brillante Lyrikerin.
Über drei Generationen hinweg seziert Enright die Verstrickungen der Familie, die von der Abwesenheit des Vaters geprägt ist. Der hat eine tiefe Wunde ins Herz der Familie geschnitten und fühlt sich nicht einmal schuldig dabei. Traumatisiert sind nur die anderen. Die Spur der emotionalen Verheerungen zieht sich durch Carmels und Nells Leben. Schuld daran sind die Flucht des Vaters, das emotionale Vakuum der Mutter und Carmels überbehütende Beziehung zu ihrer Tochter. Immer versucht die Mutter, alles zu beschönigen oder zu beschwichtigen – und hat dabei ein schlechtes Gewissen.
Carmel möchte eine gute Mutter sein, doch „sie konnte ihre Tochter nicht halten, genauso wenig konnte sie sie loslassen“. Nell hingegen sucht in Härte, Ironie und gefährlichen Beziehungen nach etwas wie Liebe. Dass sie erfundene Social-media-Reiseberichte schreibt, passt zu ihr. Dass sie den Dichter-Opa erst anhimmelt und dann vor schicken College-Kommilitonen lächerlich macht, gehört ebenfalls zum Spiel.
Was Enright entwirft, ist ein Kreislauf aus Verletzung und Nähe, aus Schuld und Einsicht. Es gibt keine Lösung, keine Heilung. Stattdessen erzählt jede Figur ihre eigene Wahrheit. Nell, die Bloggerin, deren Texte aus erfundenen Reiseberichten bestehen, repräsentiert eine Generation, die sich permanent neu schreibt. Carmel, die Mutter, blickt zurück und erinnert sich an die Frau, die das Leben der Familie zerstörte: „Bunty“. Das Medium zur Selbstzerstörung des Dichters, die „Frau mit dem unvorstellbar versauten Sex“. Enright ist nicht zimperlich mit ihrem Personal.
Carmel konnte es kaum fassen. Ihr Vater hatte seine Familie für eine Frau mit dem Namen „Bunty“ verlassen. Sie war zu seiner Beerdigung erschienen, hatte in der Kirche einen schwarzen Hut mit riesiger Krempe getragen – unvergessen –, einen Hurenhut, der sich am Grab dem irischen Regen beugte.
Die Übersetzung von Eva Bonné ist brillant. Wie sie Enrights Mischung aus Poesie, Schmerz und kalter Rücksichtslosigkeit ins Deutsche überträgt, ist kongenial.
Die Rolle des Zaunkönigs als irischer Nationalvogel wird mehrfach gespiegelt und natürlich auch aufgelöst. „Dieser Vogel ist kein Diener“ zur gefälligen Problemlösung. „Die Beschreibungen verschleiern ihn nur“, um symbolisch-sprachlich verletzen zu können. Mehr wird nicht verraten.
Eine exzellente Autorin hat einen meisterhaften Roman über ein wahres Dichter-Miststück geschrieben.
|
||















