Fokus, Aktion, Schnitt

Ein Neo-Noir Thriller nimmt Korruption im Berlin der frühen 1990er Jahre ins Visier

Von Heike HendersonRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heike Henderson

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christoph Ernsts neuer Thriller Mareks Liste ist eine bewusste Hommage an den klassischen Film Noir. Der im betont schnoddrigen Ton geschriebene Roman liest sich wie ein Drehbuch; die kurzen Szenen springen in schnellem Schritt zwischen den Schauplätzen der Erinnerung. Die Hauptfigur, ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar des LKA Berlin, der sich unter falschem Namen nach Kanada abgesetzt hat, erzählt von seiner Zeit als trinkender, rauchender Asphaltcowboy. Obwohl die Sprache manchmal ein bisschen zu gewollt salopp ist, wird die Atmosphäre Berlins in den frühen 1990er Jahren, als sich die Stadt sehr schnell veränderte und fast alles möglich schien, gut eingefangen und wiedergegeben. Zeitgeschichtliche Themen wie Korruptionsskandale und Treuhandaffären vermischen sich in Ernsts Thriller mit einer erdachten Geschichte, deren Auswirkungen noch immer Spuren hinterlassen und die das heutige Geschehen prägen. Wechselnde Erzählperspektiven beleuchten Gewinner und Verlierer der Wende und des rasanten Aufbaus Ostdeutschlands. Weil einige der Hauptakteure der erzählten Geschichte mittlerweile Karriere gemacht haben und deshalb viel zu verlieren haben, holen die Geschehnisse den berufsmüden Ermittler letztendlich sogar in Kanada ein. 25 Jahre später entdeckt ein Journalist durch Zufall ein Foto; die von ihm eingeleiteten Nachforschungen haben das Potenzial, Lebenslegenden zu zerstören, und werden deshalb mit allen Mitteln lahmgelegt.

Wie es für Noir-Helden so üblich ist, kämpft die Hauptperson Theo nicht nur gegen Feinde, die es auf sein Leben und das seiner Familie abgesehen haben, sondern auch mit einer Vielzahl von privaten und professionellen Dämonen. Er ist ein guter Ermittler, der nicht ins System passt und gegen die Stumpfheit fester Hierarchien und politische Lügen streitet. Da er als ein zwar staatlich angestellter, aber nicht an Karriere interessierter Ermittler zugleich innerhalb und außerhalb gesellschaftlicher Konventionen agiert, gelingt es ihm, ausgeklügelte Betrugsschemen und geniale Geldwaschanlagen zu entlarven. Die allzu enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Verbrechensbekämpfung erweist sich als korrupt und kriminell. Trotz allem ist auch Theo nicht in der Lage, den Verstrickungen vollständig zu entkommen und keine Schuld auf sich zu laden. Selbst enge Freundschaften werden auf die Probe gestellt: Den Konventionen des Genres folgend sind es letztendlich diejenigen Personen, die er am wenigsten verdächtigt, die ihn am Ende betrügen und verraten.

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Christoph Ernst: Mareks Liste. Thriller.
Leda Verlag, Leer 2018.
318 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783864122101

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