Es war einmal ein Fach Germanistik …

Erinnerungen an 1968 im letzten Kapitel des noch unveröffentlichten Romans „Der Duft der Bücher“

Von Jenny SchonRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jenny Schon

Hinweise der Autorin zum Inhalt des Romans: Der Roman „Der Duft der Bücher“ beginnt um 1960 in Köln. Betty Pütz – wegen ihrer guten Note im Rechnen macht sie eine Lehre bei einem Steuerberater, aber eigentlich gehört ihre Liebe den Wörtern – dichtet heimlich, hat aber nur wenige Bücher. Denn ihr Vater ist der Auffassung, dass Mädchen keine Bildung brauchen, weil sie heiraten.

Sie lernt einen Antiquar kennen, der ihren Wissensdurst anregt und ihr Bücher schenkt, die der Vater aber aus dem Regal reißt. Bei dem Antiquar nimmt sie eine Stelle an. Ihre Lieblingsautoren sind Kleist, Kafka, aber auch Hemingway und Francoise Sagan. Im Jazzkeller lernt sie die Musik von Chet Baker kennen, einen Jazzer und die französischen Existenzialisten lieben.

Sie ist achtzehn, sie will von zu Hause weg. Der Jugendverband wirbt unter den Jugendlichen, nach Westberlin zu gehen, weil dort nach dem Mauerbau junge Leute gebraucht werden. Dort findet sie nach mehreren Anläufen am Kurfürstendamm eine ähnliche Stelle wie in Köln. Zu den Kunden gehört Ingeborg Bachmann. In Berlin lebt ein Großteil der literarischen Szene Westdeutschlands. Und schon in diesen frühen sechziger Jahren gibt es dort Protestbewegungen, z.B. gegen die Notstandsgesetze, woran Betty sich beteiligt.

Ihre Liebesgeschichten sind meist enttäuschend, bis auf die mit einem Mann, der in der chinesischen Philosophie und Liebestechnik bewandert ist. Doch der zieht nach Taiwan in ein buddhistisches Kloster. In China wird 1966 die Kulturrevolution ausgerufen.

Die Buchhändlerprüfung und auf dem Abendgymnasium das Abitur hatte Betty bestanden, tagsüber arbeitete sie in der Buchhandlung. Neben ihren Gedichten hatte sie auch immer wieder Romane geschrieben, die in der Schublade lagern.

Sie will Germanistik studieren, aber sie wird von der achtundsechziger Bewegung voll erwischt …

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Das „Germanische Seminar“ befand sich in der Boltzmannstraße 3. Im ersten Stock war die Bibliothek. Bis ins Dachgeschoss breiteten sich Arbeits- und Seminarräume aus; das ehemalige Gebäude des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Biologie, in dem sich auch das Dekanat der Philosophischen Fakultät, das Immatrikulationsbüro und die Universitätskasse sowie Lehrveranstaltungen anderer Fächer befanden, war bald zu eng. Entlastung für den Lehrbetrieb gab es mit der Erweiterung des Henry-Ford-Baus im Juni 1954, in dem die großen Vorlesungen der Germanistik (Audimax) und auch viele Seminare in den kleineren Hörsälen A, B, C und D stattfanden.

Ich traf hier bei den Philosophen Wolfgang Fritz Haug, Margherita von Brentano und Jacob Taubes wieder.

Neben den Vorlesungen von Professor Liebers zur Antike hörte ich Vorlesungen des Germanisten Eberhard Lämmert, der auf dem Münchener Germanistentag 1966 sprach: Wichtiger noch scheint es, Klarheit darüber zu schaffen, daß die zähe Ursprungsfrömmigkeit des literarischen Denkens in der Jugendzeit der Germanistik uns bis heute daran gehindert hat, eine hinreichende Geschichte der neuhochdeutschen Sprache, ihrer rhetorischen Gepflogenheiten und des Wandels von Wortbedeutungen und Argumentationsformen im letzten Jahrhundert zu erarbeiten. So entlassen wir noch 1966 die künftigen Deutschlehrer zugunsten einer ausgiebigen Unterweisung in den altdeutschen Dialekten in diesem Bereich ihrer Berufsarbeit vielfach nahezu als Autodidakten an die Schule.

Ich hatte ja auch gelitten, dass Dr. Schmidt uns in der Abendschule mit der Mittelhochdeutschen Sprache eines Walther von der Vogelweide quälte und nicht eine gute moderne Übersetzung verwendet wurde. Aber natürlich sollte das nicht bedeuten, dass das für die Universität auch gelten soll.

Von dem anderen großen Germanisten Wilhelm Emrich las ich das Buch über Kafka von 1957, das damals nicht nur an der FU (Freie Universität Berlin) als Klassiker der Nachkriegs-Germanistik galt. Emrich und Lämmert galten als Vertreter der Neugermanistik.

Als linker Buchladen hatten wir alles von Adorno verkauft. Am besten ging Dialektik der Aufklärung und Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Er hatte 1949 in seinem Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft, der 1951 erstmals veröffentlicht wurde, geschrieben: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.

Ich las und schrieb so gerne Gedichte. War ich barbarisch?

Wir hatten auch die Kursbücher in großen Mengen verkauft. In dem Kursbuch 15 vom November 1968 postulieren Karl Markus Michel, Walter Boehlich und Yaak Karsunke den Tod der Literatur. Hans Magnus Enzensberger schreibt, für Schriftsteller, die sich mit ihrer Harmlosigkeit nicht abfinden können, könne es doch nicht schwer sein, begrenzte, aber nutzbringende Beschäftigungen zu finden.

All diese Leute können nicht wissen, wie schwer es mir gemacht worden war, überhaupt ein Buch zu lesen, und noch schwerer, eins zu besitzen, und ganz unmöglich war es mir als Arbeiterkind, Bücher zu schreiben, denn ich musste arbeiten, für andere Buchführung und Steuererklärungen machen, um den Staat zu bescheißen. Da war meine zweite Beschäftigung, Bücher zu verkaufen, noch ein paradiesischer Zustand, aber auch der hieß: kalkulieren, was kaufe ich und wohin schleppe ich die Bücher, damit sie an die Menschen kommen, war also auch ein stückweit körperliche Arbeit.

Aber ich hatte es ernst genommen, während all der Jahre der Rebellion schrieb ich keinen Roman mehr und auch die Gedichte sind rar, die meiner Hand entwichen …

1966 hatte ich noch ein Drehbuch für die Aufnahmeprüfung auf die DFFA (Deutsche Film- und Fernsehakademie) vorlegen können, würde ich für die Aufnahme an der Universität was Schriftliches einreichen müssen, es wäre nichts Neues da.

Nicht nur beim Vietnam-Kongress und bei den Demonstrationen gegen das Attentat auf Dutschke zu Ostern 1968 war ich dabei, auch am 11. Mai 1968 lief ich beim „Sternmarsch auf Bonn“ mit, wo im Hofgarten so prominente Gegner wie Heinrich Böll gegen die Notstandsverfassung Position bezogen. Laut Polizeischätzungen nahmen etwa 22.000, nach Angaben der Veranstalter bis zu 60.000 Menschen teil. Doch der Protest half nichts, am 30. Mai 1968, in der Zeit der ersten Großen Koalition, wurden die Gesetze vom Deutschen Bundestag unter massiven Protesten erlassen. Die Notstandsgesetze änderten das Grundgesetz zum 17. Mal und fügten eine Notstandsverfassung ein, welche die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisensituationen (Naturkatastrophe, Aufstand, Krieg) sichern soll. Ich hatte schon 1965 in meiner Zeitschrift „Mensch“ als unorganisiertes Individuum gegen die Notstandsgesetze und den § 218 angeschrieben.

Bei der Demo hatte ich heimlich meinen Bruder in Bonn getroffen, das hat meine Mutter vermittelt. Er soll zur Bundeswehr, ich sag, komm doch nach Westberlin, da sind viele, die vor dem Bund geflohen sind. Da erzählt dieses Rindvieh das zu Hause und schon wieder ist Kontaktsperre die Folge. Natürlich muss mein Bruder bei so einem Vater zum Bund!

Nachdem die Gesetze also beschlossen worden waren, gibt es in Berlin auch einige Besetzungen, unter anderem auch am Germanischen Seminar.

Über dem Eingangsbereich hängt das Plakat:

 Macht die blaue Blume rot –
Schlagt die Germanistik tot.

Auch wenn ich viele Proteste mitgemacht hatte, das tat mir weh, dachte ich doch an den ersten Gedichtsband, den ich als Jugendliche geschenkt bekam, in dem Gedichte von Novalis waren.

Die blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für Sehnsucht und Liebe und Sehnsucht nach dem Unendlichen und kommt in dem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen von Novalis das erste Mal vor. Sie zu zerstören, hieße meine Sehnsucht zu zerstören. Ich kann darin nichts Reaktionäres entdecken, was ja der Romantik von den Linken vorgeworfen wird.

Als ich dann die Matura habe, schreibe ich mich in der Boltzmannstraße 3 nicht für Germanistik, sondern für Sinologie ein; es ist ein kleines, feines Fach mit zwanzig Studenten.

Wenn schon rot, dann richtig, dachte ich, also zu den Roten Garden. Wenn schon Revolution, dann nicht bei Palastrevolutionären, sondern gleich an der Quelle, bei: Mao Zedong.

Wie glücklich war ich, als ich das Rote Buch im Original lesen konnte.

1972 erhalte ich ein Visum, sein Reich zu besuchen, und ich werde damit die erste Studentin nach der Kulturrevolution sein. Darüber werde ich mein erstes Buch veröffentlichen.