Psychopathographische Fakten und Fiktionen

Hinweise zu einer digitalen Edition von Sigmund Freuds „Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“ in literaturkritik.de

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 500. Todestag von Leonardo da Vinci am 2. Mai 2019 ist ein Anlass, im Rahmen unseres Themenschwerpunktes auch an Sigmund Freuds im Mai 1910 erschienene Studie über Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci zu erinnern – mit einer digitalen Edition im Rahmen der seit 2011 als „Sonderausgabe“ von literaturkritik.de präsentierten kunst- und kulturtheoretischer Schriften des Psychoanalytikers und mit Hinweisen dazu, die einige aktuelle Debatten betreffen.

Umstritten war Freuds erster Versuch, die „Leistungsfähigkeit der Psychoanalyse in der Biographik“ zu erproben, so seine eigene Formulierung, schon gleich nach der Veröffentlichung. Und er ist es bis heute geblieben. Kaum ein Werk von ihm ist so kontrovers diskutiert worden wie dieses. Im Juli 1910 erschien in der expressionistischen Zeitschrift Der Sturm eine kurze Polemik mit dem Titel Das bespuckte Genie (als Dokument unserer Edition beigefügt). Es sei die Psychoanalyse, die das Genie bespuckt. Leonardo da Vinci werde in Freuds Studie das neueste Opfer einer medizinischen Kampagne, die schlimmer sei als die Inquisition. In ihr sehe man „die psychoanalytische Hyäne ihr Unwesen treiben“. Die Polemik beruft sich zum Abschluss auf einen Satz von Karl Kraus: „Eine gewisse Psychoanalyse ist die Beschäftigung geiler Rationalisten, die alles in der Welt auf sexuelle Ursachen zurückführen, mit Ausnahme ihrer Beschäftigung.“ Der Satz stand 1910 unter dem Titel Pro domo et mundo in der Fackel – zusammen mit weiteren kritischen Bemerkungen von Kraus Kraus zur Psychoanalyse, darunter auch dieser: „Die neue Seelenkunde hat es gewagt, in das Mysterium des Genies zu spucken.“ (Nachdruck im Kapitel „Karl Kraus“ in Psychoanalyse in der literarischen Moderne, Bd. I, 2006, hier S. 231 f.)

Spätere Polemiken gegen die Psychoanalyse waren ebenfalls vielfach mit einer Kritik an Freuds Leonardo-Studie verbunden. Bevor der niederländische Soziologe und Rechtspsychologe Han Israëls 1999 sein Buch Der Fall Freud. Die Geburt der Psychoanalyse aus der Lüge und 2006 Der Wiener Quacksalber. Kritische Betrachtungen über Sigmund Freud und die Psychoanalyse veröffentlichte, provozierte er 1992 die „Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse“ Luzifer-Amor mit einem Beitrag über Freuds Phantasien über Leonardo da Vinci zu einem Themenheft, in dem sich etliche Kenner Freuds mit ihm auseinandersetzten (siehe die Literaturhinweise in unserer Edition). Ambivalenter ging der Sozialpsychologe, Psychotherapeut und Kunsthistoriker Manfred Clemenz 2003 in seinem Buch Freud und Leonardo. Eine Kritik psychoanalytischer Kunstinterpretation sowie in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung (26.7.2008) mit dem dafür bezeichnenden Titel Brillant misslungen um.

Freud selbst ahnte bei der Arbeit an seiner Studie, was da an Kritik auf ihn zukommen würde. Am 17. Oktober 1909 schrieb er an C.G. Jung: „Das Charakterrätsel Leonardo da Vincis ist mir plötzlich durchsichtig geworden. Das gäbe also einen ersten Schritt in die Biographik. Aber das Material über Leonardo ist so spärlich, daß ich daran verzweifle, meine gute Überzeugung anderen faßbar darzustellen.“ Die Studie enthält dann ganz ähnliche Selbstzweifel:

Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, was zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges Leonardos, zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und Aufklärung seines Schwankens zwischen Kunst und Wissenschaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman geschrieben habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit dieser Ergebnisse gewiß nicht überschätze. Ich bin wie andere der Anziehung unterlegen, die von diesem großen und rätselhaften Manne ausgeht, in dessen Wesen man mächtige triebhafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich doch nur so merkwürdig gedämpft äußern können.

Das „Büchlein über Leonardo da Vinci, das ich geschrieben habe“, bekannte er später, in einem Brief an den Maler Hermann Struck vom 7. November 1914, „ist übrigens auch halb Romandichtung. Ich möchte nicht, daß Sie die Sicherheit unserer sonstigen Ermittlungen nach diesem Muster beurteilen.“  Schon in den Studien über Hysterie hatte Freud ähnlich erklärt: „es berührt mich selbst noch eigenthümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind, und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren.“ Und später betonte und demonstrierte er wiederholt, was Wissenschaft der Literatur und Kunst verdanken kann.

In seiner Studie über Wilhelm Jensens 1903 erschienenen Roman Gradiva nennt er die Dichter „wertvolle Bundesgenossen“ der wissenschaftlichen Psychologie. Ein Roman über Leonardo da Vinci war es denn auch, der ihn zu seinen eigenen Studien über den Künstler und Wissenschaftler maßgeblich inspiriert hatte. Als 1906 der Wiener Buchhändler und Verleger Hugo Heller einige prominente Österreicher (neben Freud u.a. Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Ernst Mach und Arthur Schnitzler) bat, „zehn gute Bücher“ anzugeben, stand in Freuds ausführlicher Antwort mit seiner ,Bestenliste‘ (kürzlich wieder abgedruckt in Bd. 10 der von Christfried Tögel herausgegebenen Sigmund Freud Gesamtausgabe) auch: „Mereschkowsky: Leonardo da Vinci“. Der zum 500. Todestag Leonardos erneut aufgelegte Roman des russischen Schriftstellers Dmitri Mereschkowski (siehe die Rezension dazu in dieser Ausgabe) war in deutscher Sprache zuerst 1903 erschienen. Freud hatte ihn begeistert gelesen und beruft sich in seiner Studie mehrfach auf den „seelenkundigen Romanschreiber“. Leonardos Leben und Werk hat viele Autoren zu Romanen oder romanähnlichen Werken animiert – auch im 21. Jahrhundert wieder, in dem sich die literarische Biographik (und Autobiographik), angereicht oft mit psychoanalytischem Wissen, neuer Beliebtheit erfreut. Peter O. Chotjewitz erzählt in Alles über Leonardo aus Vinci (2004), nach „bestem Gewissen erläutert und in feiner literarischer Manier präsentiert“, nicht nur über Leonardo, sondern auch über Freud und über sich selbst. Und auch der 2011 erschiene Roman Der Maler des Verborgenen von John Vermeulen ist nicht zuletzt von Freud inspiriert.

Wie Leonardo da Vinci selbst bewegt sich die spätere Auseinandersetzung mit ihm in spannungsreichen Beziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft unterschiedlicher Art. Wenn Freud in seiner Studie die „Größe des Naturforschers“ (und „Technikers“, wie er in der 3. Aufl. 1923 hinzugefügte) hervorhebt, „der sich in ihm mit dem Künstler verband“, geht er auf Konflikte ein, die sowohl die eigene Person als generell auch die Streitigkeiten über die Grenzen und Affinitäten zwischen Fakten und Fiktionen, zwischen theoretischen Konstrukten, spekulativen Phantasien und empirischer Forschung betreffen. Freuds eigene Zweifel an der wissenschaftlichen Dignität seiner psychoanalytischen Spekulationen über die Phantasien Leonardos änderten nichts an seinem anhaltenden ästhetischen Wohlgefallen an seinem Werk. Es sei, so schreibt er am 9. Februar 1919 an Lou Andreas-Salomè, „das einzig Schöne, das ich je geschrieben“ habe.

Was sich im Kräftefeld unterschiedlicher Kulturbereiche, zwischen Wissenschaften und Künsten, an Konflikten und Konvergenzen, Konkurrenz und Kooperation, gegenseitiger Anti- oder Sympathie abspielt, hat Entsprechungen in den Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Kräften in der Psyche einer Person, wie sie Freud an der Leonardos aufzuzeigen versuchte. Dass er dabei auch sich selbst porträtierte, hatte bereits sein Biograph Ernest Jones nahegelegt und wird auch von der kürzlich erschienen Freud-Biographie Peter-André Alts bekräftigt.

Demnach hätte Freud in seinem verbalen Porträt Leonardos etwas getan, was seiner Interpretation nach ganz ähnlich der Künstler bei dessen Porträt der Mona Lisa und anderen Porträts gemacht hat. Zustimmend beruft Freud sich dabei auf die Einleitung der österreichischen Schriftstellerin Marie Herzfeld zu ihrem ab 1904 in mehreren Auflagen erschienen Buch Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet, in der diese nahelegt, „daß Leonardo in der Mona Lisa sich selbst begegnet sei“ (https://archive.org/details/leonardodavincid00leon/page/n103, S. LXXXVIII). Darum, so Freuds Paraphrase, „sei es ihm möglich geworden, soviel von seinem eigenen Wesen in das Bild einzutragen“. Am Anfang des letzten Kapitels seiner Studie bemerkt Freud, dass auch „Biographen in ganz eigentümlicher Weise an ihren Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus Gründen ihres persönlichen Gefühlslebens von vornherein eine besondere Affektion entgegenbrachten.“ Wie weit das auch ihn selbst beim seinem Versuch einer psychoanalytischen Leonardo-Biographie betraf, thematisiert er nicht, zumindest nicht offen. Und die Bemerkung ist zunächst gegen jene gerichtet, deren biographische Interessen an bedeutenden Persönlichkeiten sich mit ihren Idealisierungen verbinden, die deshalb „keinen Rest von menschlicher Schwäche oder Unvollkommenheit“ an ihnen wahrhaben wollen und „aus der Pathologie gewonnene Gesichtspunkte“ in biographischen Darstellungen empört zurückweisen.

Ein Beispiel dafür lieferte kurz nach dem Erscheinen von Freuds Studie die oben zitierte Kritik mit dem Titel Das bespuckte Genie. Sie entsprach schon im Titel dem, was Karl Kraus bereits 1908 in der Fackel mit gewitzter Aggression bekundete: „Nervenärzten, die uns das Genie verpathologisieren, sollte man mit dessen gesammelten Werken die Schädeldecke einschlagen.“

Freud hatte bei seinem Versuch einer Pathographie Leonardos mit solcher Kritik gerechnet. Schon der erste Satz seiner Studie erklärt (mit einem Zitat aus Schillers Gedicht Das Mädchen von Orleans):

Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwächlichem Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen des Menschengeschlechts herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien so häufig zugeschoben werden. Sie strebt nicht danach, „das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen“ […].

Und das abschließende Kapitel beginnt mit dem Satz: „Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die Ablehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer pathographischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung“. Dem hielt er vorbeugend entgegen: „Wir glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale und Nervöse, scharf voneinander zu sondern sind, und daß neurotische Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertigkeit beurteilt werden müssen.“

Die Kritik an pathographischen Analysen von Kunst und Künstlern kam damals allerdings keineswegs nur von „Laien“. Gerade Künstler und Kunstkritiker aus dem Umfeld der literarischen und ästhetischen Moderne attackierten sie, und zwar deshalb, weil sie von pathologisierenden Abwertungen moderner Kunst unmittelbar betroffen waren. Das damals wohl bekannteste Beispiele für solche Abwertungen hatte 1892/93 der Arzt und Schriftsteller Max Nordau mit seinem zweibändigen, in etlichen Auflagen nachgedruckten und in mehrere Sprachen übersetzten Werk Entartung veröffentlicht. Der Titel-Begriff „Entartung“ war das deutsche Wort für den damaligen psychiatrischen Begriff „Degeneration“. Mit ihm attackierte Nordau die neusten „Moden“ in der Pariser Oberschicht und ihre „Nachäffer“ in Deutschland, die aus seiner Sicht geradezu epidemisch sich verbreitende „fin-de siècle-Stimmung“ und ihre Ausprägungen im Lebensstil und Kunstgeschmack einer kleinen, aber tonangebenden „Minderheit“ von „reichen und vornehmen Leuten“.

Als „Arzt“, der „sich besonders dem Studium der Nerven- und Geistes-Krankheiten gewidmet hat“, reklamiert Nordau für sich die Kompetenz, das Krankhafte moderner Kunst angemessen zu erkennen:

Der Arzt […] erkennt in der fin-de-siècle-Stimmung, in den Richtungen der zeitgenössischen Kunst und Dichtung, in dem Wesen der Schöpfer mystischer, symbolistischer, „decadenter“ Werke und dem Verhalten ihrer Bewunderer, in den Neigungen und Geschmacks-Trieben des Modepublikums auf den ersten Blick das Syndrom oder Gesammtbild zweier bestimmter Krankheitszustände, mit denen er wohlvertraut ist, der Degeneration oder Entartung und der Hysterie, deren geringere Grade als Neurasthenie bezeichnet werden.

Wie stark Nordaus Entartung und auch Freuds Leonardo-Studie in die damals intensiv geführten Debatten über angemessene Möglichkeiten pathographischer Auseinandersetzungen mit Kunst und Künstlern eingebunden waren, hat material- und kenntnisreich die 2010 erschienene kulturwissenschaftliche Habilitationsschrift der Kunsthistorikern Bettina Gockel gezeigt. Ihre Monographie Die Pathologisierung des Künstlers. Künstlerlegenden der Moderne weist dabei u.a. auf den zwei Jahre vor Freuds Studie in ähnlich knappem Umfang erschienenen Essay des Psychiaters und Schriftstellers Heinrich Stadelmann über Die Stellung der Psychopathologie zur Kunst. Ein Versuch (auf dem abgebildeten Buchumschlag der im Piper Verlag veröffentlichten Erstauflage von 1908 mit dem abgekürzten Titel Psychopathologie und Kunst zu sehen). Stadelmann stand dem expressionistischen Künsterkreis Die Brücke nahe. Bettina Gockel beschreibt seine Schrift als Versuch, „zu zeigen, dass das künstlerische Genie, wie er es versteht, psychische und organische Regungen hat, die auch der durchschnittliche Mensch habe, die jedoch vom Künstler zu Kunstwerken verarbeitet werden können.“ Die abwertende „Degenerationsthese“ Nordaus werde dabei in eine „Neurastheniethese“ umgewendet, „die es erlaubt, das Bild vom übersensiblen, auch krankhaft nervösen Künstler positiv zu zeichnen.“ Dem steht Freuds Pathographie weit näher als den ihm von Kritikern unterstellten Herabwürdigungen des Künstlers.

Freuds Bewunderung Leonardos ist ganz unverkennbar. Dem stehen die dem damaligen Stand seiner psychoanalytischen Theorien entsprechenden Thesen über die gehemmte, passive Homosexualität Leonardos, über seine narzisstischen und zwangsneurotischen Symptome sowie über seine ausgeprägte Sublimierung verdrängter sexueller Triebkräfte mit künstlerischer und wissenschaftlicher Produktivität nicht entgegen. Und auch wenn Freud wiederholt hervorhebt und zu erklären versucht, was andere vor ihm auch schon beschrieben haben, nämlich Leonardos wiederkehrende Probleme, seine Werke zu vollenden, schmälert das nicht die hohe Wertschätzung von Leonardos Werk und Person. Während Leonardos wissenschaftliche Produktivität vielfach als Hindernis für die des Künstlers missachtet wurde, bewunderte Freud vor allem die „Kühnheit und Unabhängigkeit seiner späteren wissenschaftlichen Forschung“, welche „die letzte und höchste Entfaltung seiner Persönlichkeit bedeutete“ und mit der er sich zukunftsweisend über väterliche und religiöse Traditionszwängen hinwegsetzte. Es ist ganz offensichtlich der Forscher Leonardo, mit dem sich Freud identifiziert und dessen innovative Leistungen er selbst mit der Psychoanalyse in einer gravierenden Hinsicht fortzusetzen, weiterzuführen und zu übertreffen beansprucht:

Auf so ziemlich alle Gebiete der Naturwissenschaft dehnte er seine Forschungen aus, auf jedem einzelnen ein Entdecker oder wenigstens Vorhersager und Pfadfinder. Doch blieb sein Wissensdrang auf die Außenwelt gerichtet, von der Erforschung des Seelenlebens der Menschen hielt ihn etwas fern; in der „Academia Vinciana“, für die er kunstvoll verschlungene Embleme zeichnete, war für die Psychologie wenig Raum.

Mit der psychoanalytischen „Erforschung des Seelenlebens“ sucht Freud in seiner Leonardo-Studie auch Einsichten über das, was Leonardo mit seinem noch beschränkten Forscherblick auf die „Außenwelt“ (auch wenn diese das anatomische Innere des menschlichen Körpers mit umfasste) an Selbsteinsicht verborgen bleiben musste. Und er erzählt dabei die Lebensgeschichte eines Kindes und Erwachsenen auf eine Weise, die zusammen mit ihrer kontroversen Rezeption genauer zu analysieren für die literatur- bzw. kulturwissenschaftliche Narratologie und Biographieforschung eine exemplarische Herausforderung sein könnte.

Wie Freud schon mit dem Titel seiner Studie signalisiert, steht im Zentrum dieser biopathographischen Lebensgeschichte eine „Kindheitserinnerung“ des Protagonisten. Leonardo hatte in eines seiner wissenschaftlichen Manuskripte, die sich mit Vögeln und dem Fliegen befassten, beiläufig eine Erinnerung an seine frühe Kindheit hinzugefügt. Freud zitiert sie in einer deutschen Übersetzung so:

Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich so gründlich mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als eine ganz frühe Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.

Und er fügt dem Zitat hinzu: „Jene Szene mit dem Geier wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine Phantasie, die er sich später gebildet und in seine Kindheit versetzt hat.“ Die dann folgenden Interpretationen dieser Phantasie ergänzen die wenigen gesicherten Fakten, die über Leonardos Leben überliefert sind, und fügen sich zur psychoanalytischen Erzählung einer Geschichte, deren Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit Freud selbst immer wieder problematisiert:

Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus seiner Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den von ihm selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätzbare Zeugnisse für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen Entwicklung verborgen. Da wir nun in den psychoanalytischen Techniken vortreffliche Hilfsmittel besitzen, um dies Verborgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Versuch gestattet sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch die Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir dabei keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen wir uns damit trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über den großen und rätselhaften Mann kein besseres Schicksal beschieden war.

Ähnlich wie Literaturwissenschaft die Symbolik und Metaphorik fiktionaler Texte analysiert und interpretiert, verfährt die Psychoanalyse im Umgang mit Träumen oder traumähnlichen Phantasien der von ihr untersuchten Personen. Und wenn fiktionale Texte wiederum in „metafiktionalen“ Passagen ihre Fiktionen bewusst und selbstreflexiv als solche thematisieren, dann hat das in der Art, wie Freud seine Geschichte über Leonardo reflektiert, ebenfalls deutliche Entsprechungen.

Fortsetzung folgt in Kürze.

Titelbild

Bettina Gockel: Die Pathologisierung des Künstlers. Künstlerlegenden der Moderne 1880 bis 1930.
Akademie Verlag, München 2008.
376 Seiten, 84,80 EUR.
ISBN-13: 9783050043432

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Sigmund Freud: Gesamtausgabe (SFG). Band 12. 1910–1912.
Herausgegeben von Christfried Tögel unter Mitarbeit von Urban Zerfaß. .
Psychosozial-Verlag, Gießen 2018.
559 Seiten , 79,90 EUR.
ISBN-13: 9783837924121

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Sigmund Freud: Gesamtausgabe (SFG), Band 10. 1905 –1906.
Herausgegeben von Christfried Tögel unter Mitarbeit von Urban Zerfaß.
Psychosozial-Verlag, Gießen 2018.
279 Seiten, 69,90 EUR.
ISBN-13: 9783837924107

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