Wie wir lieben

Die britische Schriftstellerin und trans*Aktivistin Shon Faye ist nicht die erste, die die Liebe als eine Kampfzone beschreibt, aber wohl die erste, die uns mit „Love in Exile“ erklärt, was das für eine trans*Frau bedeuten kann

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1988 im englischen Bristol geborene Shon Faye ist bei uns bekannt geworden durch die 2022 ebenfalls im Hanser Verlag erschienene Publikation Die Transgender-Frage. Das war ein Update zur Lebenssituation von trans*Menschen in Großbritannien und zugleich eine kritische Abrechnung mit einer dort ansteigenden, geradezu militanten trans*Feindlichkeit, die keine Gelegenheit auslässt, die Angegriffenen in ihrer menschlichen Integrität infrage zu stellen. Das waren, wenn man so will, Kriegsberichte von der Gender-Front.

Faye ließ keinen Lebensbereich aus und gewährte einen ebenso differenzierten Blick auf die verschiedenen Generationen, angefangen bei trans*Kindern und Jugendlichen bis hin zu älteren trans*Personen. Sie gewährte Einblicke in die zahllosen Hürden und Hemmnisse des britischen Gesundheits- und Sozialwesens. Die überwältigende Informationsfülle mit Blick auf medizinische, rechtliche und soziale Problemlagen war zwar beeindruckend, aber leider war es auch deprimierend zu lesen, welche Macht Vorurteile nach wie vor besitzen.

Mit dem neuen Buch bleibt Shon Faye beim Thema trans*, um sich jedoch einem Lebensbereich zu nähern, bei dem es um das menschlich Intimste geht – um Liebe und Sex. Nun lässt sich bei allem, was wir über diese in der Regel lebensbeherrschenden Aspekte der menschlichen Existenz wissen, leicht von einer Kampfzone sprechen – die literarischen Liebes-Schlachtfelder sind unzählbar, aber ebenso die romantischen Illusionsräume, die uns die Literatur immer wieder öffnet. Hier wie dort wird mehr oder weniger das Leben zitiert und zur nicht versiegenden Quelle unserer Erfahrungen und Wahrnehmungen. Und dabei spielte und spielt es keine Rolle, wer wen wie liebt und wer mit wem welchen Sex hat, um Lust und Leid, Glück und Schmerz gleichermaßen zu erfahren.

Wenn über Liebe und Sex dann auch noch psychologisch, philosophisch und politisch nachgedacht wird, dann sitzt uns eine gewaltige Bibliothek im Nacken, die es unwahrscheinlich macht, all dem dort Versammelten wirklich noch etwas Neues hinzufügen zu können. Aber selbst wenn schon alles gesagt wurde, dann eben mit Sicherheit noch nicht von allen. Also bleibt das große Buch von Liebe und Sex aufgeschlagen und wächst weiter mit ständig neuen Eintragungen. Mit dem Sprechen und Schreiben verhält es sich im Übrigen wie mit dem Tun: Die meisten können einfach nicht damit aufhören, und wenn es nur aus Gründen der Gewohnheit ist.  

Wer allerdings wie Faye das Thema kritisch-reflektierend auf die Tagesordnung setzt, könnte in der Tat eine Lücke entdeckt haben. Denn im Ernst, was wissen wir über Liebe und Sex, wenn das trans*Sein mit ins Spiel kommt? Die wenigsten werden die Frage wohl beantworten können – Shon Faye dagegen schon. Ihre eigenen Erfahrungen als trans*Frau stehen dabei im Zentrum. Zwei wesentliche Einsichten standen am Anfang: dass romantische Fantasien als erstes der Realität zum Opfer fallen und dass Liebe kein unkontrolliertes Gefühl sei. Letztere Erkenntnis fand sie bei der Schwarzen Feministin bell hooks, die davon spricht, wahre Liebe sei ein Willensakt.

Wer als trans*Mensch in einer kulturellen, strikt heteronormativ gepolten Umgebung lebt, ist stets der Gefahr ausgesetzt, in der gelebten Weiblichkeit oder Männlichkeit infrage gestellt zu werden. Dabei geht es immer auch um den Zweifel an der menschlichen ‚Echtheit‘. Kann man unter diesen Bedingungen für andere überhaupt begehrenswert sein? Und was, wenn daraus das „tiefgreifende Gefühl der Wertlosigkeit“ entsteht? Wenn also die negative Wahrnehmung der anderen internalisiert wird und man sich in einer Form des Exils wiederfindet, in einer gesellschaftlich verantworteten „strafenden Verbannung“.

Am Anfang gab es für Faye eine wohl recht exzessiv praktizierte Dating-Phase, in der sie ständig Männer traf, „um mir selbst zu beweisen, dass ich kein kaputtes Etwas war, das von niemandem begehrt werden konnte“. Andererseits, so wäre anzumerken, enthält dieses sexuelle Begehrt-Werden – so wenig es am Ende mit Liebe zu tun hat – auch etwas Identitätsstiftendes. Doch wo es schließlich um Bindungen geht, die über Sex hinausreichen, und die wir bereit sind, als Liebe zu akzeptieren, wartet schon die nächste heteronormative Falle: die Kinderfrage und die Frage, ob trans*Körper die Hervorbringung von Familie eher ausschließen, womit die allgegenwärtige ‚Pflicht‘ zur Fortpflanzung angesprochen wird. Im Internet werden deshalb trans*Frauen in diskriminierender Absicht als „trap“, also als „Falle“ bezeichnet.

Faye besteht zu Recht darauf, dass es in der Kategorie Hetero auch Platz für trans* geben müsse. „Mein Körper ist nicht inhärent exotisch oder sogar anormal“, heißt es an einer Stelle, „er wird lediglich von bestimmten Teilen der Kultur dazu gemacht.“ Bei Sexvideos und auf der Internet-Plattform „Pornhub“ spielt trans* auf den vorderen Plätzen mit. Doch Faye erzählt auch, wie mühsam es war, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln, gerade weil in der Fremdwahrnehmung so oft das angeblich Defizitäre im trans*Sein im Vordergrund steht. Lange Zeit bestand die zweifelhafte ‚Problemlösung‘ für sie in einem übermäßigen Alkoholkonsum.

Selbstkritik und Ehrlichkeit mit sich selbst waren wohl wesentliche Voraussetzungen, um diese Phase zu überwinden. Aber wohl ebenso der Rückhalt, den sie in und durch die Community erfuhr. „Einer der Gründe, warum ich froh bin, trans zu sein, ist die höhere Qualität der Freundschaften, die ich dadurch in meinem Leben habe.“ Lernen musste sie aber auch, sich selbst zu lieben. „Trotzdem bleibt der Selbsthass meine Muttersprache; ich kann mit Leichtigkeit in sie zurückfallen.“ Was nichts daran ändert, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, ob uns das Gefühl, von der Gesellschaft im Stich gelassen worden zu sein, im späteren Leben weiterverfolgt.

Dass es in Fayes Leben inzwischen eine Hinwendung ins Mystisch-Religiöse gegeben hat, wirft die Frage von Vorbildern auf. Sie ist darüber jedenfalls zur Agnostikerin geworden, die Raum für Gebete braucht. „Mein Glaube sagt mir, dass ich Entmenschlichung nicht mit Entmenschlichung begegnen kann. Ich kann nicht für immer in meinem Zorn leben.“ Was sich jedoch mehr nach Vernunft als nach Glauben anhört. Dessen ungeachtet mag der Glaube als Therapeutikum seinen Sinn behalten: „Beten wird uns nicht retten, aber wenn es mich aus der Lähmung befreit, genügt das.“

Und was das Buch über Liebe und Sex mit Blick auf trans* betrifft, das so offen über Lebenserfahrungen erzählt, so viel Kluges an Kultur- und Gesellschaftskritik enthält, so zielsicher einen trans*feindlichen Feminismus aufs Korn nimmt und gelegentlich auch als Ratgeber in Lebensfragen funktioniert, so entlässt uns die Autorin mit einem bemerkenswert nüchternen Resümee:

„Ich glaube wirklich nicht, dass man aus Büchern lernen kann, geliebt zu werden oder zu lieben […]. Ein Buch darüber zu schreiben, bringt einen jedenfalls nicht weiter.“ Schade!

Titelbild

Shon Faye: Love in Exile. Queerness, Sehnsucht und warum Dating harte Arbeit ist.
hanserblau, Berlin 2025.
256 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783446284296

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