Gefühlsachterbahn am Telefon

Der erste ins Deutsche übersetzte Roman der bildenden Künstlerin und Autorin Carole Fives „Eine Frau am Telefon“ handelt von einer Reihe ziemlich einseitiger Telefonate zwischen Mutter und Tochter, doch die Gespräche sind alles anderes als normal

Von Elena KucherovaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Elena Kucherova

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Hallo, ich bin‘s, Mama…“

„Störe ich? Na ja, du hättest dein Handy ja ausschalten können.“

So beginnt der überaus ungewöhnliche Roman der französischen Autorin. Er besteht aus einer Reihe von Telefonanrufen der 62-jährigen Mutter Charlène, die permanent ihre schon erwachsene Tochter anruft und ihr all das erzählt, was ihr gerade durch den Kopf geht. Die Themen sind: Dating, Fernsehserien, der Nachbarshund, aber auch Einsamkeit, Alter und Krankheit. Wir hören beim Telefonieren zu, doch nur die Mutter kommt zu Wort. Man bekommt als Leser das Gefühl, stets in der Nähe der Mutter zu sein und ihr zuzuhören. Die Antworten der Tochter blendet die Autorin bewusst aus.

Wer kennt es nicht? Die Mutter ruft an, und was macht sie? Meckern. Darüber, wie man sein Leben führt, wie man seine Kinder behandelt, oder gar: Wie man seine eigene Mutter behandelt.

Doch Charlène ist ein ganz besonderer Fall. Die Anrufe, und es sind einige in den wenigen 127 Seiten des Buches, kommen einem vor wie eine wilde Achterbahnfahrt: Mal fühlt sie sich einsam und allein und ist deswegen depressiv und launisch, mal ist sie froh, ihre Ruhe zu haben und zieht sich bei Whiskey und Zigarette in ihre geliebten vier Wände zurück. Dass Charlène bipolar ist, erkennt man spätestens an dieser Stelle im Buch. Charlène nimmt, wenn sie mit ihrer Tochter am Telefon redet, kein Blatt vor den Mund. Das ist, wenn man an ihre Einsamkeit denkt, kaum verwunderlich. Von ihrem Mann schon vor langer Zeit verlassen versucht sie, einen neuen Partner zu finden. Dazu benutzt sie verschiedene Online-Singlebörsen, für die sie nicht wenig Geld ausgibt. Vor ihrer Tochter gibt sie sich als besonders gute Männerkennerin aus und gibt ihrer Tochter einen Ratschlag nach dem anderen – dabei wird klar, dass sie viel zu oberflächlich und wählerisch ist, und der Erfolg bleibt ebenfalls aus. Und wenn es doch klappt, ist sie über alle Ohren verliebt – um im nächsten Moment will lieber wieder allein sein.

Generell redet Charlène gern von sich selbst. Von ihrer traurigen, lieblosen Kindheit, die sie immer wieder mit der Kindheit ihrer Tochter vergleicht, denn diese hatte es viel besser, von ihrer Krankheit, ihren Liebesgeschichten und praktisch jeder Person, die ihr begegnet. Oft wiederspricht sie sich selbst: Mal darf man sie auf keinen Fall in ein „Sterbeheim“ schicken, doch beim nächsten Anruf geht sie lieber in ein Altenheim, als ständig von ihren Verwandten genervt zu werden.

Man könnte ihr Verhalten mit einer ausgewachsenen Hassliebe vergleichen, denn zwischenzeitlich ist nicht klar, ob Charlène einfach nur egozentrisch und egoistisch ist, oder übervorsorglich. Sie kann es nicht ertragen, die Kontrolle zu verlieren, was ihre ständigen Anrufe bei ihrer Tochter zeigen. Will sie mit ihren Anrufen verhindern, dass ihre Tochter so verbittert wird wie sie selbst? Ist sie deshalb eifersüchtig auf den liebevollen Umgang mit ihren Enkeln? Diese Gedanken verwirft man schnell, wenn sie beim nächsten Anruf von ihrer Tochter einen Plan für ihren Tagesablauf haben will und somit die Kontrolle über sich abgibt.

Durch die vielen Widersprüchlichkeiten, die teils witzigen, teils ernsten Elemente und durch die vielen Überraschungsmomente und auch durch den tiefen Gedanken hinter dem Erzählten, ist es der Autorin gut gelungen, eine, wenn auch ziemlich merkwürdige, Mutter-Kind-Beziehung widerzuspiegeln. Die Konstruktion des Romans ist originell und macht das Thema sehr lebendig.

Der Roman liest sich leicht und schnell, eignet sich sehr gut zum Zeitvertreib und ist durchaus unterhaltsam. Viele Stellen sind witzig und amüsant. Der Erkenntnisgehalt ist relativ gering, bis auf die Tatsache, dass man seine Mitmenschen so nehmen sollte wie sie sind.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2020 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2020 erscheinen.

Titelbild

Carole Fives: Eine Frau am Telefon. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Anne Braun.
Deuticke Verlag, Wien 2018.
128 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783552063624

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