Bukarest, oh Bukarest!

Im Roman „Der Feuerturm“ von Catalin Dorian Florescu dreht sich alles um eine rumänische Feuerwehrdynastie

Von Frank RiedelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Riedel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ende des 16. Jahrhunderts umschloss der Wald die kleine Stadt, in der Florescus Roman seinen Lauf nimmt und die sich in den darauffolgenden Jahrhunderten zur rumänischen Hauptstadt mausern sollte, „wie eine kleine Faust. Ob es die Hand Gottes war oder die des Teufels, wusste niemand so genau“. Denn sie befand sich in einer Weltgegend, die abwechselnd von Feuersbrünsten, Erdbeben, Hungersnöten oder Pestepidemien heimgesucht wurde, und deren Bevölkerung, wenn ihr dieses Glück zuteilwurde, von „Vernichtung zu Vernichtung“ lebte.

Hier stehen seit dem 19. Jahrhundert die Mitglieder der Familie Stoica Generation für Generation als Feuerwehrleute im Dienst des Gemeinwohls und erzählen ihren Kindern und Enkelkindern die verstörende, dem Romangeschehen vorangestellte Stadtlegende vom Mann, der die Stadt warnen wollte und kein Gehör fand. Ihr eigener familiärer Erinnerungsort ist der 1892 fertiggestellte Feuerturm, das höchste Gebäude der Stadt, das einer Gotteslästerung gleich sogar Kirchtürme überragt.

Der Turm diente der Feuerbeobachtung, war bis 1935 Feuerwache und ist seit 1963 nationales Feuerwehrmuseum. Für Viktor Stoicas Urgroßvater, Großvater und Vater, „die allesamt beim Turm, auf dem Turm, im Turm, unterm Turm, jedenfalls in seinem Schatten gearbeitet und gelebt haben“, war er mit dem Eiffelturm in Paris, dem schiefen in Pisa und dem zu Babel mindestens gleichwertig. Jedem, der die Treppen des 42 Meter hohen Bauwerks emporsteigt und zum ersten Mal vom Plateau über die Stadt schaut, entfährt ein „Ach!“ – selbst der König reagierte einst so beeindruckt. Durch einen Zufall, der sich beim Umzug der Stoicas zum neuen Turm ereignet, werden für viele Jahrzehnte die Turmumrundungen bei Trauerzügen und später auch bei Hochzeiten zu einem sehr beliebten Bukarester Ritual.

Florescu hat sich einige Jahre mit den historischen Begebenheiten Rumäniens und seiner Hauptstadt beschäftigt, viel recherchiert und sich ein unnachahmlich humorvolles, aber auch spannungsreiches Szenario ausgedacht. Er lässt die einfachen Menschen erzählen, insbesondere die Feuerwehrdynastie der Stoicas, deren Männer „Feuer und Flamme“ für den Beruf und neben Bränden auch jeden Durst zu löschen imstande waren.

Die Frauen der Familie, allen voran Ecaterina, wussten sich mit den unzähligen Heiligen der Stadt gutzustellen und schufen mit ihrer Großzügig- und Barmherzigkeit die Überlebensgrundlage. Ein Herz und eine warme Suppe oder ein Dach über dem Kopf gab es für Bedürftige, Arme und Kranke. Die Freunde des Hauses, Metzger Herz, der Apotheker Gift oder der kranke Taschendieb Ghimpe, wurden gar auf dem Friedhof Crângași im Familiengrab mitbestattet. Eindrucksvoll sind auch die Schilderungen der Hausierer in Bukarest, die von überall her mit den für sie typischen Waren kamen und an der Grenze von Orient und Okzident eine Kultur des Gebens, Nehmens und Helfens mitprägten.

Die Hauptfigur des Romans, Victor Stoica, wird 1932 geboren, die Zeit davor kennt er durch die Erzählungen seiner Vorfahren, die im ganzen Viertel bekannt sind. Während sein älterer Bruder Alex Feuerwehrmann und später auch Securist, also Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes wird, studiert Victor Geschichte. Als Kind hat er die Militärdiktatur und Judenverfolgung unter Antonescu erlebt. Nur das Schweigen, Ducken, Flüchten und Sich-Arrangieren ermöglichte es damals zu überleben. Der Hass auf die Amerikaner, den Vater und Sohn empfanden, als sie vom Feuerturm die Luftangriffe am Kriegsende beobachteten, weicht später der Sehnsucht nach dem Westen und der Freiheit.

Denn nach dem Krieg hielt schon bald der Kommunismus, die „goldene Zeit der Denunzianten“, mit Intrigen, Hetze und Bauerndiktatur Einzug. Victor erlebt es am eigenen Leib, als er im Hörsaal der Universität verhaftet und als Klassenfeind für viele Jahre ins Gefängnis gesperrt wird. Der politische Umschwung verändert auch das Stadtbild und das Lebensgefühl, denn „mit den Kommunisten verschwand auch der Charme.“ Aus dem offenen Markt wird eine Halle und bald gibt es nur noch Geschäfte; die alten engen Gassen und Stadtviertel werden durch Hochhäuser und Monumentalbauten ersetzt. Bukarest geht auf wie ein Hefeteig. Der ganze Friedhof, auf dem auch das Gemeinschaftsgrab der Stoicas liegt, wird umgezogen – eine kollektive Grabschändung, um Häuser für „die gehobene Klasse unserer klassenlosen Gesellschaft“ zu bauen, wie der Autor es Victor ausdrücken lässt. Einheitsgrößen und Einheitsgedanken brechen sich Bahn.

Der Student kommt als gelernte „geduckte Unscheinbarkeit“ wieder aus dem Gefängnis, hat weder Freunde, noch Arbeit. Bald darf er sich als Schneider verdingen und lernt dabei seine Ehefrau Magda kennen. Den sozialistischen Alltag in zu kleinen Plattenbauwohnungen unter Mangelversorgung beschreibt er so: „Im Prinzip leben wir zwischen dem ewigen Kommen und Gehen des Stroms, des Wassers, des Gases, der Heizung, der Lebensmittel, der Hoffnung.“ Gemeinsam erlebt das Paar mit ihrer Tochter Glasnost, Perestroika und mit dem Aufstand in Timișoara auch den Untergang der Diktatur Ceauşescus.

Mit dem Feuerturm setzt Florescu Bukarest ein literarisches Denkmal. Von den Anfängen der Stadtgeschichte über die politischen Wirren eines Jahrhunderts bis zum Fall des Eisernen Vorhangs entwirft er mit zahllosen kulturellen, kulinarischen, religiösen und lebensalltäglichen Details, für die im Roman die entsprechenden fremdsprachigen, kulturspezifischen Begriffe verwendet werden, ein stimmiges Gesamtbild einer Städtegemeinschaft. Sarkastische, ergreifende und komische Aussagen greifen dabei schlüssig ineinander und lassen Historisches und Fiktionales plausibel erscheinen. Nicht nur der Turm, auch der Roman ist eine runde Sache.

Titelbild

Catalin Dorian Florescu: Der Feuerturm.
Verlag C. H. Beck, München 2022.
358 Seiten, 25 EUR.
ISBN-13: 9783406781483

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