Ambitionsloses Epos
Ken Follett legt mit „Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit“ einen holzschnittartigen Roman vor
Von Michael Fassel
Über die Entstehungsgeschichte von Stonehenge lassen sich einige Mythen spinnen. Der Historienroman mit dem überschwänglichen Titel Stonehenge – Die Kathedrale der Zeit verheißt ein imposantes Epos. Ken Follett hat sich nach eigenem Bekunden sehr intensiv mit der Geschichte Stonehenges auseinandergesetzt, ohne dass der Roman in einer Zahlen- und Tatsachenflut versinkt. Vielmehr setzt Follett – wie in den meisten seiner früheren epochalen Historienromanen auch – auf Geschichten rund um das Leben fiktiver Figuren. Familien- und Liebesgeschichten, unterschiedliche, einfach konstruierte Gesellschaften wie die Gemeinschaft der Bauern, Hirten, Priesterinnen und Waldmenschen sowie deren Fehden, kriegerische Konflikte und andere zwischenmenschliche Dramen sorgen für eine dynamische Handlung mit wenigen überraschenden Wendungen.
Langsam führt die Erzählinstanz anhand der Hauptfigur Seft in die Zeit um 2500 v. Chr. sowie in die Umgebung von Stonehenge ein. Seft, der unter seinem brutalen Vater und ebenso rabiaten Brüdern leidet, versucht sich mit dem Suchen und Handel von Feuerstein unabhängig von seinem Vater zu machen. In Neen findet er seine große Liebe, mit der er eine Familie gründet und somit einen neuen Platz in einer Gemeinschaft findet. So wird auch Seft Teil konfliktreicher Begegnungen, die ebenfalls mal mehr, mal weniger spannend geschildert sind.
Ken Follett erzählt sehr gefällig, sodass mehrere hundert Seiten höchstens auf inhaltlichem Niveau unterhalten. Sprachlich bewegt sich der Roman trotz des multiperspektivischen Erzählens in auffallend einfachen Hauptsätzen, es bleibt wenig Raum für Interpretation; auf Metaphorik oder andere literarische Stilmittel verzichtet Follett durchweg. Interessant hingegen erweist sich die literarische Verhandlung von Zeit, die in der Jungsteinzeit nicht anhand eines Kalenders, sondern anhand von Mondphasen und Sonnenwenden gemessen wird. Dazu dienen die in der Gesellschaft anerkannten Priesterinnen, die über mehr Weisheit und Wissen verfügen als Bauern, Hirten oder die Waldmenschen. Für viele gestaltet sich das Zählen als ein besonderes Talent. Dass trotz der umfangreichen Recherche Folletts dennoch wenig Faktenwissen im Roman Platz bekommt, ist auffällig. So erweisen sich insbesondere diejenigen Szenen, die den Umgang mit Feuersteinen oder den aufwändigen Bau des Monuments schildern, durchaus als lesenswert. Eine jungsteinzeitliche Atmosphäre entsteht jedoch angesichts der aufeinanderfolgenden Ereignisse nicht; ebenso wenig ein durchgängiger Spannungsbogen. Dies liegt unter anderem daran, dass Szenen mit eigentlich dramatischem Potenzial verschenkt werden. So wird etwa die Tötung eines Wachhundes nur in wenigen Zeilen beschrieben:
Als sie ganz nahe an ihm waren, erhob sich Bez. Der Hund bellte laut. Bez trat vor, in der Hand das Messer, und schnitt ihm die Kehle durch. Rasch und lautlos starb das Tier.
Selbst die entscheidende finale Schlacht gegen Ende des Romans wird gehetzt abgehandelt.
Die Figurenzeichnung wirkt überwiegend eindimensional und klischeehaft, Adjektive werden eintönig verwendet (vieles ist einfach nur „schön“) und die Dialoge sind belanglos. Charakterliche Entwicklungen der Figuren bleiben weitgehend aus. Dies ist umso bedauerlicher, als sich der Handlungszeitraum über mehrere Jahrzehnte erstreckt. Insbesondere die simple Einteilung in Gut versus Böse lässt keine Grauzonen zu. Die Wendungen sind vorhersehbar, der holzschnittartige Erzählstil erweist sich als ambitionslos. Die zahlreichen Wechsel von Perspektiven und Settings wecken den Eindruck, dass hier allenfalls ein Drehbuch mit prosaischen Elementen für eine Netflix-Serie vorliegt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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