Wiener Spätaufklärung aus Mallersdorf
Der Tagungsband „Aufklärung zwischen Praxis und Utopie“ nimmt den vergessenen Autor Johann Pezzl in den Fokus
Von Klaus Hübner
Die Werke des 1756 im niederbayerischen Mallersdorf geborenen Johann Pezzl sind nur noch antiquarisch erhältlich – im Buchhandel kann man lediglich das Audiobuch Mit Johann Pezzl durch Bayern erwerben. Das war’s. „Das Gesamtwerk Pezzls ist aus dem Blick geraten“, stellen die Herausgeber des Bandes Aufklärung zwischen Praxis und Utopie fest und hoffen, dass dieser zur „Wiederentdeckung des Autors“ entscheidend beiträgt. Gegliedert ist das Buch in vier Sektionen: 1. Publizistik und Polemik, 2. Das literarische Werk, 3. Religion und Religionskritik und 4. Politische Dimensionen – Wissenschafts-, Wirtschafts- und Kulturpolitik. 2023, zum 200. Todestag des zu seinen Lebzeiten europaweit angesehenen Aufklärungsliteraten, fand an der Universität Regensburg die hier dokumentierte Tagung statt, auf der neunzehn Fachleute (darunter nur vier Frauen) das literarische und publizistische Schaffen Pezzls im gesamteuropäischen Kontext be- und ausleuchteten.
Sein literarisches Werk wollte durch dezidierte Zeitgenossenschaft konkret auf die politische Praxis einwirken und so das Licht der europäischen Aufklärung, wie es sich aus England und Frankreich verbreitete, in das katholische Deutschland tragen,
schreiben die Herausgeber in ihrer Einführung. Das verspricht einiges. Allerdings, das muss auch gesagt werden: „Pezzls Roman- und Briefliteratur ist Männersache – in einer ungewöhnlich dominanten Weise.“ Was zudem in Rechnung gestellt werden muss, ist, in den Worten von Anett Lütteken, sein „unverkennbarer Hang zum Grant wie zur Ironie“. Davon allerdings sollte sich heutzutage niemand mehr abschrecken lassen.
Wer war dieser Pezzl? Ein begabter Schüler zunächst, auf der von den Mallersdorfer Benediktinern betriebenen Elementarschule und am Freisinger Gymnasium. Mit 19 Jahren trat er ins Kloster Oberaltaich ein, sein Noviziat begann er 1775 im Kloster Scheyern. Pezzl merkte schnell, dass der Mönchsstand nichts für ihn war – seine Briefe aus dem Novizziat rechneten mit der Ausbildung in Scheyern rigoros ab. Als ihr erster Band veröffentlicht wurde und einen gar nicht so kleinen Skandal auslöste, war Pezzl schon Jurastudent an der Benediktiner-Universität Salzburg. Die Religion blieb ein zentrales Thema seines Werks, auch wenn er an einer Reform der Amtskirche nur wenig interessiert war – zur „Katholischen Aufklärung“ wird man ihn kaum rechnen können. 1780 musste Pezzl nach Zürich fliehen, schob zwei weitere Bände der Briefe aus dem Novizziat nach und arbeitete an dem von seiner Voltaire-Lektüre durchdrungenen, eine Fülle von konkreten zeitgeschichtlichen Fakten aufarbeitenden Roman, dem er seine spätere Berühmtheit verdanken sollte: Faustin oder das philosophische Jahrhundert (1783). In diesem Buch misst Pezzl, wie Helmut Grugger schreibt,
die Ideale der Aufklärung an der gelebten Wirklichkeit seiner – sich theoretisch als aufgeklärt verstehenden – Zeit … Neben der wiederholt eingeforderten Trias von Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit sind die Natur und die Nützlichkeit Kategorien, die … als Leitgedanken dienen.
Pezzls optimistisches Bild der ihn begeisternden Großstadt Wien und ihres Herrschers äußert sich hier noch ungebrochen, wie es der Schlussjubel im Faustin ausdrückt: „Unter Josephs Regierung wird es allgemeiner Sieg der Vernunft und Menschheit; wird es aufgeklärtes, tolerantes, wahres philosophisches Jahrhundert!“
Spätestens 1784 war Pezzl, vor allem beeinflusst von seiner Wieland-Lektüre, Freimaurer geworden, Illuminat, und was das für ihn und für sein Nachleben bedeutete, macht der Beitrag von Franz Fromholzer klar. Er sei zwar „alles andere als ein Revolutionär“ gewesen, habe jedoch, zumindest in seinen frühen Jahren, die Literatur lediglich dafür genutzt, „um auf politische Veränderung zu drängen“ – das Konzept einer „Literatur um ihrer selbst willen“ sei ihm immer fremd geblieben. Im selben Jahr wandte er sich mit der anonym publizierten Reise durch den Baierschen Kreis nochmals Bayern zu. Manfred Knedlik stellt in seiner Analyse dieser Reise heraus, dass der Autor keine landeskundliche Bestandsaufnahme bieten wollte, sondern seine „Gegenstände“ im Sinne subjektiver Authentizität auswählte – Pezzl habe relativ unsystematisch versucht, „die Wirklichkeit selbst zum Sprechen zu bringen“. Ebenfalls 1784 erschienen seine oft mit Montesquieus schon im 18. Jahrhundert berühmten Lettres Persanes (1723) in Verbindung gebrachten Marokkanischen Briefe – Olga Katharina Schwarz erläutert äußerst luzide, was es damit auf sich hat:
Gegenstand ist Deutschland, leitend ist der Verstand, unabhängig von der Religion, die … bevorzugtes Ziel der Angriffe des Briefschreibers sein wird … Mit dem entlarvenden Blick des Marokkaners, der die Titelvignette prägt, verfolgte Pezzl einen politisch-aufklärerischen, aber nicht in erster Linie einen literarisch-ästhetischen Anspruch.
Die ersten Monate im josephinischen Wien, wo Pezzl von 1785 bis zu seinem Tod lebte, waren nicht einfach. Doch bald fand seine finanzielle Misere ein vorläufiges Ende – er wurde Bibliothekar und Vorleser beim Staatskanzler Wenzel Graf Kaunitz-Rietberg. Und mischte weiterhin kräftig mit in der ausufernden Wiener Publizistik und Literaturkritik zur Zeit Josephs II., auch als Übersetzer aus dem Französischen – seine Prinzessin von Babylon erschien 1785, 17 Jahre nach Voltaires Original. Pezzls literarische Werturteile allerdings sind nicht immer ganz nachvollziehbar – er blieb sein Leben lang ein eigenwilliger, vom Credo der rationalistischen Aufklärung durch und durch geprägter Kopf. Zahlreiche topografische, meist auf das wegen seiner Internationalität und Urbanität innig geliebte Wien bezogene Prosaarbeiten entstanden – in seiner Skizze von Wien (1786–1790) habe Pezzl, wie Norbert Christian Wolf und Lydia Rammerstorfer hervorheben, „gleichsam eine frühe Stadtsoziologie avant la lettre“ entwickelt und die literarische Form des „Tableaus“, bekannt durch Louis-Sébastien Merciers Tableau de Paris (1781/82), in der deutschsprachigen Welt etabliert.
Die Skizze liefert im Prozess einer sich ausdifferenzierenden Moderne und mit zunehmender Konjunktur im 19. Jahrhundert ein flexibles Instrumentarium, mit dem die disparaten Gegenstände … kritisch und kleinteilig reflektiert werden können.
1791 wurde Pezzl verbeamtet und wirkte fortan, was einigermaßen mysteriös klingt, als „Dechiffreur in der Geheimen Ziffernkanzlei“ des Kaisers. Seine literarische Produktion versiegte dennoch nicht. 1800 kam der erste, 1802 der zweite Band eines satirisch-zeitkritischen Romans heraus, Ulrich von Unkenbach und seine Steckenpferde, und der letzte Roman, eine kritische Abrechnung mit der Französischen Revolution, erschien 1810 in Leipzig: Gabriel, oder die Stiefmutter Natur. Pezzls Konzept von Aufklärung, das er auch in diesen beiden Romanen beibehielt, könne man als „Anti-Dogmatismus, Anti-Subjektivismus, Berufung auf die Empirie und den gesunden Menschenverstand“ bezeichnen – das fasst Wynfrid Kriegleder zusammen, der die späten Romane genauer analysiert. Vielen der in diesen Romanen geäußerten Positionen werde man heute widersprechen müssen: Etwa seiner Kritik an der Abschaffung der Todesstrafe, seiner Ablehnung der gesetzlichen Gleichstellung von Frauen oder seinen mehr als despektierlichen Urteilen über jüdische Menschen aus Galizien. Hans-Joachim Hahn konstatiert, dass manche Pezzl-Texte „ihren Anteil an der Transformation des christlichen Judenhasses in den modernen Antisemitismus“ haben, „weil sie die älteren Erscheinungsformen antijüdischer Ressentiments in die Sprache der modernen Nationen übersetzen“. Das wiegt schwer und bleibt zu bedenken.
Selbst wenn der kirchenfeindliche Ex-Benediktiner die Rolle des radikalen Zweiflers und oft haltlosen Spötters gegenüber der Religion zeitlebens nicht aufgab, kann er, wie Christian M. König herausstellt, „nicht in die Ahnengalerie des modernen philosophischen Atheismus eingeordnet werden“. Andererseits darf und muss gerade mit Blick auf seine letzten beiden Jahrzehnte gefragt werden, ob Johann Pezzl in Wien wirklich vom aufklärerischen Paulus zum reaktionären Saulus geworden ist, also zu einem absolutistischen Staatsbeamten, der der Monarchie seine Loyalität bewies. So ganz stimmt das wohl nicht, wie eigentlich alle Beiträge dieses Tagungsbands nahelegen. War Pezzl jemals ein moderner Paulus? Johann Kirchinger betont, „dass seine ökonomischen Ansichten letztlich tief in ländlichen Vorstellungen wurzelten, die er urbanisierte, aber nicht ablegen konnte“, dass er also im Grunde „immer ein Landkind blieb“. Was nicht ausschließt, dass er, wie Ivo Cerman hervorhebt, bis zu seinem Lebensende „das hohe Niveau der josephinischen Aufklärung zu verteidigen“ suchte. Am 9. Juni 1823 ist Johann Pezzl in Oberdöbling bei Wien gestorben. Eine Art Fazit der hier kenntnisreich ausgebreiteten Pezzl-Forschung könnte lauten: Gerade ihre Ambivalenzen, also die oft sehr auffälligen inneren Widersprüche seiner Schriften sind es, die die Lektüre von Johann Pezzls publizistischen und literarischen Arbeiten bis heute spannend machen. Auch wenn man immer wieder auf befremdliche Aussagen und literarisch weniger gelungene Passagen stößt. Zumindest im 19. Jahrhundert blieb sein umfangreiches Werk präsent, besonders in Österreich. Später jedoch …
Aufklärung zwischen Praxis und Utopie, dieser den neuesten Stand der Forschung darlegende und in der Ausgewogenheit seiner kritisch-sympathisierenden Urteile rundum gelungene Tagungsband – wie lange wird es so etwas noch geben? –, stellt den fast vergessenen bayerisch-österreichischen Literaten wieder ins Licht der Literatur- und Kulturwissenschaft. Und vielleicht, darüber hinaus, ins Licht der literaturgeschichtlich interessierten Öffentlichkeit. Genau da gehört er hin.
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