Kultur erzählen

Anja Gerigk definiert in „Kulturromane. Narrative Kulturologie von Goethe bis Musil“ eine Gattung und ihre Disziplin

Von Urania MilevskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Urania Milevski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Begriff ‚Kultur‘ war im langen 19. Jahrhundert in aller Munde: Allgemein definiert als „Pflege und Vervollkommnung eines nach irgend einer Richtung der Verbesserung fähigen Gegenstandes“, spezifiziert Meyers Konversationslexikon dies im Hinblick auf „die Entwickelung und Veredelung des menschlichen Lebens und Strebens“. Kultur beschreiben heißt also Gesellschaft reflektieren und ist auch Aufgabe der zeitgenössischen Literatur um 1900, die diesen Anspruch in der konkreten Gattungsbenennung ‚Kulturroman‘ verdeutlicht.

Beispiele gibt es viele, hier seien exemplarisch zwei genannt: Paul Scheerbarts sogenannter „arabischer Kultur-Roman“ Tarub, Bagdads beliebte Köchin von 1897 verlegt die Berliner Bohème kurzerhand in ein arabisches Setting und Peter Roseggers Briefroman Erdsegen, der die Erlebnisse eines Akademikers als Bauernknecht schildert, verknüpft Themen der Kultivierung von Menschen und Natur.

Anja Gerigk geht es um keinen dieser Texte, die sich selbst als „Kulturromane“ deklarieren, sondern um jene, die, wie sie betont, durch detaillierte Textanalyse und -interpretation dazu erklärt werden können. Es geht ihr also um deutschsprachige Hochliteratur größeren Umfangs, die „kulturreflexives Wissen“ ausstellt. Das Korpus ihrer Studie versammelt entsprechend monumentale Werke der sogenannten klassischen Moderne, die hier verstanden wird als der Zeitraum von 1800 bis 1930: kanonische Texte wie Adalbert Stifters Nachsommer, Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften,Thomas Manns Zauberberg und Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, aber auch weniger bekannte Romane wie Elias Canettis Die Blendung, Alfred Döblins Die drei Sprünge des Wang-lun, Hanns Henny Jahnns Perrudja und Robert Müllers Tropen.

Um sich der potentiellen Gattung des Kulturromans anzunähern, setzt sie sich zunächst mit der Forschung zum Kulturbegriff auseinander. Wie am Roman, stellt sie dabei fest, sei zwar intensiv geforscht worden, eine einheitlich Definition aber Desiderat geblieben. Diese Lücke versucht die Autorin zumindest im Hinblick auf ‚Kultur‘ zu schließen. Als kleinsten gemeinsamen Nenner der wissenschaftlichen Auseinandersetzung identifiziert sie einen Zugang, der der oben zitierten zeitgenössischen Definition sehr ähnlich ist: Kultur wird verstanden als Universalie menschlicher Gesellschaften, die unterschiedliche Lebensweisen vergleichbar macht.

Was ist also ein Kulturroman? Anja Gerigk beantwortet diese Frage nicht mit zeitgenössischen kulturtheoretischen Schriften, sondern textimmanent. Dabei geht sie induktiv vor, indem sie am Gegensatzpaar von Stifters Nachsommer und Goethes Wahlverwandtschaften eine Typologie entwickelt, die nicht nur die Themen der Texte betrachtet, sondern deren Erzählweisen miteinbezieht, sich also sowohl auf der Ebene von histoire als auch auf der Ebene des discours bewegt. Es ist ebenjene Wechselbeziehung, die ihre Studie von der 2006 erschienenen Dissertationsschrift Antonie Magens unterscheidet, die sich ebenfalls mit dem Kulturroman auseinandersetzte und diesen vor allem inhaltlich definierte.

Gerigk bezeichnet ihre Studie bescheiden als Versuch einer „gattungsähnliche[n] Definition des Kulturromans“. Der von ihr erarbeitete Vorschlag umfasst vier Bereiche: Erstens versteht sie unter „Signatur“ die Art und Weise, wie die implizit gestellte Frage nach Kultur vom literarischen Text beantwortet wird. Zweitens müsse eine „kulturologische Startdifferenz“ vorhanden sein, die sich an den Dichotomien ‚Natur –Kultur‘ (bis 1850) und ‚eigene Kultur – andere Kultur‘ (nach 1850) orientiert. Einen Kulturroman definiere drittens, dass er auf einer Metaebene mediale Phänomene und Diskurse um Kultur reflektiert. Viertens und letztens mache ein spezifisches, räumlich begrenztes Setting einen Roman zum Kulturroman. Abgeglichen wird diese Typologie wiederum mit der Kulturtheorie von Andreas Reckwitz, mit deren Hilfe die gewonnen Erkenntnisse im Sinne einer sogenannten „narrativen Kulturologie“ auf eine höhere Abstraktionsebene gehoben werden.

Es sind zwei wesentliche Kritikpunkte, die sich in Bezug auf diesen ersten Teil der Studie formulieren lassen. Die zunächst irritierend wirkende Paarung der Texte Goethe und Stifters adressiert Gerigk selbst. Sie rechtfertigt die Auswahl und Gegenüberstellung dieser sich sehr voneinander unterscheidenden Texte mit dem Anspruch, deren Singularität „auf neuer Grundlage zu festigen“. Der zweite Irritationsmoment betrifft ihren Terminus der „narrativen Kulturologie“: Das methodische Vorgehen von Gerigks Studie genügt höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen und ist literaturwissenschaftlich bestens fundiert. Doch ist es tatsächlich notwendig, einen eigenen Begriff dafür zu prägen? Meines Erachtens nicht. Doch selbst, wenn man sich dafür entschiede, ist „narrative Kulturologie“ irreführend, geht es ihr doch um die Untersuchung einer spezifischen Gattung – des Romans –, der ein spezifisches Thema behandelt – Kultur. „Narrativ“ ist also zu weit gefasst und die „Kulturologie“ spätestens seit der Diskussion um die scheinbare Neuausrichtung der russischen Kulturwissenschaft ein Begriff mit schalem Beigeschmack.

Gerigks Monographie, die 229 Seiten umfasst, obwohl sie sich mit einem umfangreichen Korpus an Romanen und Romanzyklen beschäftigt, kommt aus zwei Gründen schlank daher: Zum einen liegt dies an der Dichte ihrer Darstellungen. Eine zentrale Schwierigkeit der Studie sind die Verweise auf die literarischen Texte, die so konzentriert sind, dass ihnen ohne intensive Textkenntnis kaum zu folgen ist. Natürlich darf man diesen Kritikpunkt zur Seite schieben mit einem Verweis darauf, dass man sich bei zum Großteil hochkanonisierten Werken nicht damit aufhalten sollte, in die Texte einzuführen. Und doch wäre diese interessante Monographie eine noch erfreulichere Lektüre, wenn sie sich nicht durch die zum Teil fehlenden Kontextualisierungen und die oftmals sehr sperrige Sprache einem schnelleren Verständnisprozess verweigern würde.

Zum anderen basiert der überschaubare Umfang der Monographie darauf, dass sie keine umfassenden Interpretationen der monumentalen Korpustexte liefert, sondern deutliche Schwerpunkte setzt. In der einführenden Gegenüberstellung von Stifter und Goethe werden beispielsweise lediglich jene Stellen beleuchtet, die die Titelmetaphern zum ersten Mal im Fließtext adressieren. Diese Textstellen sind von unterschiedlicher Funktion, wenn es um die Entscheidung geht, die Texte als Kulturroman zu bezeichnen: Während im Nachsommer der Titel als Metapher der Reflexion des Verhältnisses von Natur zu Kultur gelesen werden kann, liefert der Dialog in den Wahlverwandtschaften den Gegenentwurf zum kulturell und symbolisch wirkmächtigen Konzept der Blutsverwandtschaft. An unterschiedlichen Episoden der Wahlverwandtschaften zeigt Gerigk überdies eindrücklich, wie einfache kulturelle Praktiken – Lesen, Schreiben, Sprechen – misslingen und komplexe kulturelle Codes Störungen unterliegen. Diese Durchkreuzungen und Neuverhandlungen werden als Repräsentation einer beweglichen Natur-Kultur-Grenze verdeutlicht und untermauern damit die These vom Kulturroman.

In der Lektüre von nachfolgenden Kulturromanen zeigt sich, wie die schon bei Stifter und Goethe virulenten Kulturdiskurse aufgegriffen werden, um sie in ihrer „Gleichzeitigkeit und Inkompatibilität“ sichtbar zu machen (Döblins Wang-lun, Canettis Blendung) und sie schließlich als sich bedingende und nebeneinander bestehende Ordnungen zu präsentieren (Musils Mann ohne Eigenschaften und Manns Zauberberg).

Wie dies im Genauen aussieht, kann exemplarisch am Beispiel der Untersuchung von Manns Zauberberg gezeigt werden. Die Exposition des Romans, das Ankommen Castorps also, liest Gerigk unter der Prämisse der Startdifferenz und zeigt deutlich, wie einerseits die Paarung ‚Natur–Kultur‘ in den Beschreibungen dezidiert vorhanden ist, und der Text andererseits eine Gegenüberstellung der eigenen Kultur des Neuankömmlings und der fremden Kultur des Bergsanatoriums inszeniert. Eine intensive Textlektüre im Wechsel mit Rückgriffen auf Forschungsliteratur stellt den Mehrwert von Gerigks Ansatz deutlich heraus:

Wo die Forschung bereits auf den Zauberberg als Erzählung einer Kulturkrise verweist und die Differenz zwischen Europa und Asien ausdeutet, setzt Gerigk nun an, um den Text als einen Kulturroman kenntlich zu machen. Sie zeigt, dass der Zauberberg Kultur gerade nicht semantisch voraussetzt, sondern zur Disposition stellt, um sie narrativ zu reflektieren. Ob daraus dann tatsächlich eine „moderne Version des Epischen“ entwickelt wird, wie die Studie an unterschiedlichen Stellen behauptet, ist natürlich fraglich. Auch die Hinweise der Autorin selbst sind diesbezüglich zwiespältig, deutet sie doch an einigen Stellen an, dass gattungsgeschichtliche Fragen gerade nicht ihr Erkenntnisinteresse leiten. Das ist allerdings auch nebensächlich, weil Gerigks Konturierung des Kulturromans die vollmundige These einer Neuerfindung des Epischen gar nicht braucht. Ihre Ausführungen zu einem Genre, das sich dadurch auszeichnet, Diskurse vorwegzunehmen, die im sogenannten Cultural Turn unserer Zeit erst genau betrachtet werden, überzeugen.

Der eine oder die andere wird sich fragen, warum weder Hermann Brochs Schlafwandler noch Manns Joseph-Romane in Gerigks Korpus auftauchen und tatsächlich ist eine Stärke ihrer Studie, diese Frage direkt zu adressieren. Die Antwort auf die Frage, „[w]arum Die Schlafwandler fehlen“, führt die Argumentation auf den letzten Seiten noch einmal in komprimierter Form vor Augen. Es ist nicht Kultur als Thema, das den modernen Roman zum Kulturroman macht, wie an Brochs Text aufgezeigt wird. Plausibel argumentiert Gerigk gegen den Text als Kulturroman und verdeutlicht dabei en passant äußerst überzeugend die Abgrenzung zum Zeit- und Bildungsroman. Auch wenn es Anja Gerigk vor allem um die narrative Kulturologie als literaturwissenschaftliche Methode zu gehen scheint: Es ist die Konturierung des Kulturromans, die ihre Untersuchung lesenswert macht.

 

Bibliografische Angaben

Meyers Großes Konversations-Lexikon. Bd. 11. Leipzig 1907, S. 788.

Magen, Antonie: Kulturroman. Programm des bürgerlichen Selbstverständnisses. Tübingen, Basel 2006.

Reckwitz, Andreas: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. Weilerswist 2000.

Scherrer, Jutta: Kulturologie. Rußland auf der Suche nach einer zivilisatorischen Identität. Göttingen 2003.

Titelbild

Anja Gerigk: Kulturromane. Narrative Kulturologie von Goethe bis Musil.
Böhlau Verlag Wien, Wien 2019.
242 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783205232599

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