Warum Campingplätze für Killer so gefährlich sind…

Linus Geschke hat mit “Das Camp” einen schön undisziplinierten Krimi geschrieben

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zugegeben, das ist schon die Fortsetzung einer entsetzlichen Geschichte und der Schreiber dieser Zeilen kennt den Vorgängerband nicht. Das muss aber auch nicht. Denn Linus Geschke, der mit Das Camp den zweiten Teil der Donkerbloem-Reihe herausgebracht hat, gibt einem nach und nach so viel vom Vorlauf mit, dass man einigermaßen die Anschlüsse findet und sich den Rest denken kann. Das muss dann nicht stimmen, aber solange es die Geschichte, die man gerade liest, hinreichend stützt, ist das auch egal.

Also, was haben wir hier? Eine Hamburger Kommissarin, die es anscheinend mit der Rechtsstaatlichkeit nicht so genau nimmt, wenn es denn um Gerechtigkeit geht. Was mittlerweile so angesagt ist, dass die Fallhöhe solcher Geschichten schon gar nicht mehr auffällt. Auch Polizisten meucheln anscheinend, wie ihnen gerade das gerechte Herz schlägt. Da muss es einen nicht wundern, wenn sich unter ihnen dann auch echte Übeltäter finden, die unter dem Schutzmantel der Rechtshüterei jedes Schindluder treiben können, nach denen ihnen der Sinn und die Geldgier steht. Ganz fiese Leute sind das, was einen ein bisschen an die guten alten hard boiled-Zeiten erinnert, in denen die lokalen Bullen auch immer die gewissenlosesten und brutalsten Schläger waren. Anscheinend kommen solche Zeiten jetzt zurück, und sie schwappen auch in hiesige Areale. Was zu vielen Spekulationen über unser Misstrauen gegenüber dem Staatlichen anregt – das ja ungeheure Gefolgschaft erfordert: Proteste gegen rechtsnationale Parteitage werden schon als Rechtsbruch inkriminiert, Klimakleber müssen in den Knast wegen Nötigung – das hätten sich die 68er nie zu träumen gewagt. Die mussten immerhin Sprengstoffanschläge simulieren, um auf die Anklagebank zu kommen.

Unter solchen Voraussetzungen Vertreter der Staatsgewalt zum einen ein gebrochenes Verhältnis zur Rechtsprechung zuzuweisen und sie zum anderen zu vollendeten Killern zu machen, hat schon einigen – sagen wir – kulturellen und gesellschaftlichen Sprengstoff. Mal sehen also, wohin uns das noch führt.

In Geschkes Roman sind die Repräsentanten der beiden polizeilichen Bruchstellen des Rechtsstaats nun Antagonisten: Der eine, der Killer, der Vollendete genannt, nimmt die andere ins Visier, um sie vollends zu vernichten. Dass er dabei seine Auftraggeber wechselt, tut nichts zur Sache, Frau Kommissarin Frieda Stahnke steht beiden beim großen Ding im Wege und muss also aus dem Weg geräumt werden. Da fallen dann Neigung und Ratio vollends in eins.

Außerdem: ein halbseidener Barbesitzer, sein ehemaliger Türsteher, der nun das Camp Donkerbloem (Dunkle Blume auf Deutsch) als Verwalter leitet und ein bürgerliches Leben erträumt, und ein paar weitere Akteure auf der Seite von Frau Stahnke. Es kommt aber nicht zu einem echten Showdown – wenn es auch genug Leichen gibt.

Geschke baut seine Geschichte als schnelle, kurzweilig erzählte Abfolge von knappen Episoden, die Leser hopplahopp durch die ganze Republik und dann noch ins benachbarte Belgien jagt. Die einzelnen Bruchstücke fügen sich nach und nach zu einem Muster, in das sich Motive und Gelegenheiten einbauen lassen. Insofern will man über Geschkes Roman nicht meckern – auch wenn er eine ganze Reihe überschüssige Energie hat, die er eben nicht ganz verbraucht. Was eben auch heißt, dass ein weiterer Roman, der dann hier anschließt, möglich ist. Und Fortsetzungsgelegenheit macht Krimidiebe.

Allerdings fragt man sich schon, warum der Killer, der ja anscheinend stets bestens vorbereitet und unerhört umsichtig, kaltblütig und erfahren ist, kaum auf den Campingplatz verschlagen, sich so dämlich anstellt, wie sich eine Stadtpflanze im Gebüsch nur anstellen kann. Dass er das überhaupt überlebt, ist dann eigentlich nur noch der Kalkulation des Autors zu verdanken, der sich ein bisschen Material (ein bisschen Rache hier, noch ne Rechnung offen dort und so weiter) auf Halde legen will. Immerhin macht Erfolg auch ein bisschen berauscht, und das auf gute Art. Und wer wollte Geschke verdenken, wenn er weiterhin den Aufkleber als „SPIEGEL Bestseller-Autor“ auf seinen Büchern kleben haben will. Da kann man neidisch werden – oder gönnen.

Titelbild

Linus Geschke: Das Camp. Thriller.
Piper Verlag, München 2026.
407 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783492068628

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