Nicht mehr Mensch sein

„Die Zertrennung. Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos“ von Salmen Gradowski liegen erstmalig komplett in deutscher Übersetzung vor

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Die Zerstörung des Archivs ist das Wesen des Genozids“, schreibt der französisch-armenische Philosoph und Literaturkritiker Marc Nichanian. Die Opfer des Genozids wollen dem entgegenarbeiten. Viele Überlebende taten es danach, mit ihren Berichten wollten sie bezeugen, dass das Verbrechen stattfand; der Verpflichtung nachkommen und das Versprechen einzulösen, Zeugnis abzulegen, das sie Leidensgenossen gaben, die nicht überlebten; das für sie traumatische Verbrechen verarbeiten, meistern und versuchen, in ihr Leben zu integrieren; wieder in die menschliche Gemeinschaft zurückfinden, aus der sie ausgeschlossen waren, wie die französische Psychoanalytikerin Régine Waintrater und die armenisch-französische Philosophin Hélène Piralian herausgearbeitet haben. So wollten sie sich „auf die Eingangspforte der Welt zubewegen, mit Papier und Bleistift in der Hand“, wie es der französische Schriftsteller Francis Ponge in anderem Zusammenhang formulierte.

Das Archiv der Überlebenden ist eigentlich keines, es ist posthum. Ihren Schriften ist die Angst eingeschrieben, dass sie zu spät kommen und dass ihnen keiner glauben will. Doch auch während der Shoah entstanden Zeugnisse, aber unter besonderen Bedingungen: Es war sehr schwer, Schreibmaterialien zu finden, es brauchte ein Mindestmaß an Nahrung, körperlicher Unversehrtheit sowie Ruhe für die fürs Schreiben nötige Geistesgegenwart, und bei Entdeckungen drohten schwere Strafen, meistens der Tod.

In den von Deutschen eingerichteten und als „Getto“ bezeichneten Vernichtungsorten gab es ein wenig mehr Freiraum. Aus Warschau sind mehrere Tagebücher erhalten, darunter das berichterstattende des Oneg-Shabbat-Mitglieds Abraham Lewin, das von Chaim A. Kaplan, das von Emanuel Ringelblum und natürlich das von Adam Czerniakow, des Vorsitzenden des Judenrates. Außerdem gibt es die Beichte des jüdischen Polizisten Calel Perechodnik. Aus Lodz sind unter anderem die Reportagen und Essays des Journalisten und Schriftstellers Oskar Singer erhalten, die Kurzgeschichten des Dichters Isaiah Spiegel sowie die Tagebücher von Dawid Sierakowiak und die Aufzeichnungen von Abram Cytryn. In Bergen-Belsen verfasste der niederländische Jude Abel J. Herzberg seine Reflexionen über das KZ, und selbst aus Auschwitz schaffte es eine Originalschrift: die Aufzeichnungen der rumänischen Jüdin Ana Novac. Auch in der beklemmenden Enge des Verstecks bei polnischen Bauern wurde geschrieben: Der spätere israelische Schriftsteller Leïb Rochman hat seine literarischen Tagebücher aufbewahrt.

Zusätzlich zu den oben genannten Schwierigkeiten hatte das Vorhaben, inmitten der Katastrophe Zeugnis abzulegen, etwas Vergebliches: Die Deutschen zerstörten alles: Menschen, Häuser, Viertel, Gettos und jedes Dokument oder Foto, das an die Ermordeten hätte erinnern können. Also galt es nicht nur, aufzuzeichnen, sondern auch zeitüberdauernd zu schützen und zu verstecken. Der polnische Jude Simcha Guterman befüllte Glasflaschen mit beschrifteten Papierrollen, die er vergrub. Nur die aus dem Getto Radom wurde – zufällig – wiedergefunden. Das, was er im Getto Warschau verfasste, bis er sich dem jüdischen Aufstand anschloss und im ersten jüdischen Krieg gegen die Deutschen fiel, ging verloren. Größer angelegt war das „Oneg Shabbat“, das geheime Archiv des Warschauer Gettos unter der Leitung von Emanuel Ringelblum. Es wurde in großen metallenen Milchflaschen verwahrt und eingegraben. Ähnlich verfuhren Salmen Lewental und Salmen Gradowski, beide Mitglieder des sogenannten Sonderkommandos von Auschwitz, also der isolierten Gruppe von Juden, die von Deutschen gezwungen wurden, alle Aufgaben rings um Vergasung und Verbrennung zu erledigen. Sie alle gehören zu dem großen Textkorpus der jüdischen „Literatur der Zerstörung“ (David G. Roskies).

Die Einleitung des vorliegenden Buchs beschreibt Gradowskis Leben und Sterben sowie die Odyssee der einzelnen Manuskripte und deren verschiedene Publikationsorte und -formate. Teile wurden vorher bereits an verschiedenen Stellen publiziert, in mehreren Sprachen und in unterschiedlicher Länge. Nun liegen erstmals sämtliche gefundenen Texte Gradowskis auf Deutsch vor.

Diese sind ein „Glück“, schreibt der französische Philosoph Philippe Bouchereau in „La Grande Coupure”. Es mag merkwürdig und unangemessen erscheinen, Schriften, die von einem solchen Ort stammen, so zu benennen, aber Bouchereau hat recht. Besonders an Die Zertrennung sind nicht die Umstände ihrer Entstehung. Ihre Qualität bemisst sich nicht an Authentizität, Herkunft, Nähe zur Vernichtung, sondern vor allem an ihrer Gestaltung.

Gradowski hat Texte verfasst, die die Welt darüber informieren sollen, dass die Juden vernichtet werden. Aber sie sind nicht nur Information und Bericht (dazu später mehr). Anders als der Text des Sonderkommando-Kollegen Salmen Lewental ist Die Zertrennung auch kein Erlebnisbericht. Gradowski tritt als Person zurück – ist aber als literarischer Gestalter im Text dann doch stärker anwesend. Sein Werk ist ein „reflexiver Bericht, eine literarische Konstruktion von extremer Strenge“ (Bouchereau). Gradowski ist sich vollkommen klar über seine Intention, sein Vorgehen, seine Methode und seinen Einsatz literarischer Mittel.

Die offiziell zwei Handschriften kann man in drei Teile aufteilen. Jeder beschreibt ein eigenes Geschehen; alle drei folgen logisch aufeinander:

Im ersten Teil geht es um die Deportations- und Vernichtungskette Shtetl – Getto – Viehwaggons – Lager – Initiation. Gradowski wirft hier einen Blick auf andere und wohl auch auf sich selbst. Im zweiten Teil kommt ein tschechischer Transport an, dessen Insassen sofort ins Gas gehen. Hier schaut Gradowski auf andere, er ist bereits Mitglied des Sonderkommandos. In kleine Kapitel unterteilt erzählt er detailliert und langsam bis retardierend die chronologischen Stationen der Vernichtung. Im dritten Teil nehmen die Deutschen innerhalb des Sonderkommandos eine Selektion vor. Gradowski schaut hier auf sich selbst als Teil des Sonderkommandos und seine Kollegen.

Den ersten beiden Teilen ist eine Art Präludium vorangestellt. Gradowski spricht den Leser direkt an. Er thematisiert die Differenz zwischen Schreiber und Leser, nimmt diese in die Ansprache reflektiert auf. Er weiß, wie unglaublich das klingt, was er erzählt, deswegen will er die Verständnishürden identifizieren, damit man sie hoffentlich leichter nehmen kann. Er will davon überzeugen, dass es Auschwitz tatsächlich gab, und jedem soll klar sein, dass es um die Vernichtung einer bestimmten Gruppe, der Juden, ging. Zudem soll der Leser verstehen, „warum wir so waren“, sprich: warum die Männer des Sonderkommandos diese Arbeit taten und wie sie es konnten. Und nicht zuletzt will Gradowski einen „Rachefunken“ säen.

In allen drei Teilen kehren folgende Thematiken wieder:

- Warum leisteten die Juden keinen Widerstand? Sie hatten keine Umgebung, in der sie auf Unterstützung zählen konnten, erläutert Gradowski. Sie waren durch familiäre Bande aneinander gekettet, sie wollten unbedingt überleben, und sie wurden durch die Deutschen getäuscht.
- Das methodische Vorgehen der Deutschen, um den Vernichtungsprozess so reibungslos wie möglich zu gestalten.
- Der Sadismus der Deutschen und ihre Befriedigung über ihr Tun.
- Gradowski begibt sich in teilweise langen Szenen aber auch in die Innenperspektive der Opfer.
- Schließlich geht es um den Prozess, den Gradowski als „Zertrennung“ bezeichnet.

Gradowskis Texte transportieren mehr als andere Texte über dieselbe Thematik. Sie sind mehr als eine Schilderung und dadurch erst ergibt sich ein vollständigeres Bild. Zum Vergleich: In einem Klassiker der deutschen Historiographie geht das beispielsweise so: „Nach Ankunft der Transporte in Birkenau erfolgten die berüchtigten „Selektionen“, zur Trennung derer, die als arbeitsfähig in das Lager aufgenommen wurden, von denen, welche in die Gaskammern wanderten, zumeist ohne registriert zu werden.“ Man kann das so technisch wie der Historiker Helmut Krausnick beschreiben – aber ist damit alles gesagt? „Die Frage, wie sich die Opfer gefühlt haben müssen, […] kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden“, schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer. Und ohnehin sei es „unmöglich, sich in diese Situation der absoluten Demütigung und Bedrohung hineinzuphantasieren“. Wieso, das sagt er nicht. Er müsste auch nicht phantasieren, sondern könnte beispielsweise Gradowski lesen, anstatt sich in Täter-Seelen hineinzuphantasieren und deren Rationalisierungen nachzusprechen. Der Historiker Peter Longerich war da schon weiter: „Eine Analyse dieses Mordprozesses, die […] versucht zu erklären, wie die Opfer bis zuletzt getäuscht und die Täter scheinbar eigener Verantwortung enthoben wurden, kann das Grauen dieses Massenmordes nicht adäquat erfassen. Diese begrenzten Darstellungsmöglichkeiten im Rahmen einer Analyse der Vernichtungspolitik, wie sie hier beabsichtigt ist, muß ganz offen angesprochen werden.“

Man könnte also – wie Gradowski es tut – physische und seelische Leiden sowie die Brutalität der Täter hinzufügen – aber nicht nur, um Mitleid zu erregen und Entsetzen hervorzurufen; nicht um der moralischen Anklage willen; nicht, um die Tat schwerer wiegen zu lassen – sondern um die Tat zu komplettieren und überhaupt erst zu verstehen. Man kann die Täuschung durch die Täter und deren Vergnügen bei der Tat hinzufügen. Damit würde man beispielsweise der weit verbreiteten Vorstellung von der Judenvernichtung als distanzierter bis interesseloser Tat widersprechen. Man kann zudem – wie Gradowski es tut – die Leiden in der Gaskammer ergänzen, den Anblick der von allerlei Körperausscheidungen besudelten Leichen und den Gestank nach der Öffnung der Gaskammer, das gewaltsame Herausbrechen der Leichen aus der Gaskammer-Masse, die Ausplünderung der Leichen (es wurden nicht ‚nur‘ Goldzähne herausgebrochen, sondern auch Anus und Vagina durchwühlt) und das Verbrennen. Wenn man diese gerne als „Horrorporn“ abgekanzelten Schilderungen weglässt, dann fehlt etwas. Denn es ist das eine, Hunderttausende von Menschen zu ermorden – das andere ist es, das in dieser Widerwärtigkeit zu tun.

 „Endlösung der Judenfrage“, das sagt sich leicht, und kaum einer weiß, was er da sagt. Sie umfasst aber mehrere Abschnitte: den Weg zur Tötung, den Vergasungsvorgang selbst sowie die Behandlung und Beseitigung der Leichen. All dies kann man von Gradowski lernen. Seine Texte haben die Ergebnisse der mühseligen kritischen Arbeit an der Genozid-Literatur des US-Literaturwissenschaftlers Lawrence L. Langer, von dessen französischem Kollegen Alain Parrou und des bereits genannten Philippe Bouchereau, die erst Jahrzehnte später einsetzte, vorweggenommen. Mit Gradowski kann man folgende Kehrtwenden in der Shoah-Interpretation vollziehen, respektive hatte er sie teilweise längst vollzogen, bevor es etwas zum Korrigieren gab:

Die Gettoisierung war nicht nur eine Konzentration von Menschen, die die Deutschen als Feind identifiziert hatten, um diese übersichtlich und kontrolliert im Blick zu haben. Sie diente ebenso sehr der Stigmatisierung, der Ausgliederung, der Erniedrigung und der Entmenschlichung sowie dem Aushungern, dem Entmutigen, dem Krankmachen und dem Töten.

Der Transport in Viehwaggons war nicht nur praktischer und rationaler, weil man in ihnen im Vergleich zu Personenwagen größere Menschenmengen auf wenig Raum billiger transportieren kann. Er diente ebenso sehr der Entwürdigung und Entmenschlichung sowie dem Ersticken und dem Aushungern, also dem Töten. Die Insassen waren nicht nur lebensbedrohlich Hitze und Kälte ausgesetzt, sondern auch großen Mengen Exkrementen und toten Mitfahrenden. Die Grenze zwischen Leben und Tod wurde hier bereits verwischt.

Die Selektion diente nicht nur der Trennung der Deportierten in Nützliche vs. Unnütze. Erstens wurden die Selektionen nicht ernsthaft nach rationalen Nutzungskriterien durchgeführt. Und zweitens würde man Inhaftierte nicht so ‚leben‘ lassen, dass sie nach einigen Wochen verrecken, wenn man sie verwerten wollte. Worum ging es dann? Möglicherweise um die Demonstration und den Genuss absoluter Macht, die über Leben und Tod entscheidet und dabei eine Grenze zwischen zwei Gruppen von Menschen zieht: Menschen vs. Nicht-Menschen. Die Selektion ist eine Praxis von vielen, die beide Gruppen nach und nach und immer wieder konstituiert.

Die Trennung der Familienangehörigen voneinander diente nicht nur dazu, Unruhe zu vermeiden, weil man befürchtete, dass Männer eher Widerstand leisten, wenn sie mit ansehen, wie (ihre) Frauen und Kinder geschlagen und getötet werden. Sie verursachte auch mehr Sorgen bei den Betroffenen. Sie sorgte für Qual, weil man sich fragte, wie es den anderen geht und führte dazu, dass die Betroffenen sich selbst fertigmachten und schwächten.

Die Täuschungsmanöver der Deutschen (die Gaskammern seien Duschen oder Entlausungs- und Desinfektionsvorrichtungen u.ä.) dienten nicht nur einem friedlichen Ablauf. Die Deutschen wollten nicht nur potenziellen Widerstand von vornherein vermeiden, den Ablauf nach deutscher Ordentlichkeit effizienter gestalten und die Belastung für Opfer wie Täter möglichst gering halten. Sie hatten auch Spaß am Täuschen. Juden nicht nur zu töten, sondern sie dabei auch noch zu „verarschen“, das bereitete besonderes Vergnügen. Die Juden sollten „bis zum letzten Moment missbraucht werden“, resümiert Parrau. Im Extremfall wussten die Opfer nicht, was ihnen geschah: sie wussten nicht, wo sie sich geographisch und an was für einem Ort sie sich befanden. Was sie an die Hand bekamen, das war Betrug: „Durchgangslager“, „Dusche“ etc. Sie konnten ihrem eigenen Tod nichts ins Gesicht schauen. Somit waren sie konzeptionell bei einem Geschehen nicht anwesend, bei dem sie ermordet wurden. Könnte man sie nach ihrem Tod befragen, sie könnten kein (sinnvolles) Zeugnis ablegen. Somit brachten die Deutschen die Judenvernichtung im für sie günstigsten Fall zum Verschwinden. Die genozidale Absicht, so Nichanian, will das Faktum Genozid im Vollzug des Genozids unterdrücken. „Die Genozid-Maschinerie ist eine Negationismus-Maschinerie.“

Die Tarnsprache („Endlösung“, „Sonderbehandlung“, „Arbeitseinsatz im Osten“ etc.) diente den Tätern nicht dazu, sich über ihr eigenes Tun zu täuschen und sich ihre Arbeit leichter zu machen. Die Verwendung verschleiernder Sprache setzt ein Bewusstsein für die Differenz zwischen Realität und Betrug voraus und damit ein Bewusstsein vom eigenen Handeln. Die Tarnsprache sorgte auch fürs eigene Vergnügen, Opfer und andere hinters Licht zu führen.

Die Vergasung diente nicht (nur) dazu, die seelischen Belastungen für die Täter durch die Massenerschießungen und die direkte Begegnung mit den Opfern zu eliminieren (wie man SS-Chef Heinrich Himmler nachplappert). Die Gaskammern sorgten nicht (nur) für Distanz zum Opfer und somit für weniger Beunruhigung bei den Tätern. Der Tod in ihr war auch nicht klinisch, sauber (auch hier spricht man Täter nach); er geschah auch nicht schnell. Die Gaskammer spricht eine andere Sprache als die Massenerschießung: Erschießen tut man Menschen oder ein begehrtes Tier, das man jagt – Vergasen tut man Ungeziefer. Erschossen werden Individuen – vergast wird ein Quantum. Der Tod in der Gaskammer verhindert einen Märtyrertod, hat Langer herausgestellt. Auch die Vergasung ist ein performativer Akt, der die Trennung in Mensch vs. Nicht-Mensch demonstriert und beweist.

Die Ausplünderung der Leichen war nicht (nur) eine extreme Form der Ausbeutung, sondern schlichtweg Leichenschändung. Noch nach dem Tod sollten Juden degradiert werden.

Zu sagen, den Deutschen sei ihre Vernichtungsarbeit leichter gefallen, indem sie Juden nicht als Menschen ansahen, respektive Leichen nicht als „Tote“ bezeichneten, spricht Täter-Aussagen nach. Dass Deutsche Lebende und Tote als etwas anderes ansahen, das musste erst hergestellt und jedes Mal aufs Neue bestätigt werden. Tote nicht als „Leichen“ zu bezeichnen, das setzt die Entmenschlichung noch über den Tod hinaus fort.

Auch das Heranziehen von Juden als Helfer bei der Vernichtung (jüdische Polizisten und Judenräte in den Gettos, Kapos in den KZs, Sonderkommandos für die Vernichtungsprozesse) diente nicht (bloß) dazu, die Distanz des Täters zur Tat zu vergrößern und dadurch dessen seelische Belastung zu reduzieren. Auch kann man ein unter Todesdrohung verzweifeltes oder erzwungenes Engagement von Juden nicht als „Kollaboration“ bezeichnen. Deutsche benutzten Juden als Schutzschild und Blitzableiter. Der Hass der Opfer richtete sich häufig gegen diejenigen, die die Deutschen als Vollstrecker ihrer Anordnungen eingesetzt hatten. Der Vorwurf der „Kollaboration“ vollzieht nicht nur die systematisch verzerrte Perspektive der Opfer nach, sondern spricht auch die Täter nach, die kollaborierenden Juden deren ‚ehrloses‘ Verhalten vorwarfen. Darüber empfanden sie Befriedigung und Abscheu, weil es ihnen bestätigte, was sie durch performative Akte erreichen wollten: dass Juden keine Menschen seien. Die „Kollaboration“ diente auch der Erniedrigung der Juden: So niedrig sind sie: Sie bringen ihresgleichen um; sie werden von ihren eigenen Leuten ermordet. Also bringen sie sich selber um. Der Täter verschwindet.

Häufig geht die Erzählung so: Die Nazis sahen die Juden als Untermenschen, also konnten sie sie in Viehwaggons deportieren. Die Deutschen sahen die Juden als Ungeziefer, also vergasten sie die Juden mit dem Entlausungsgift Zyklon B. Eine entmenschte Weltsicht geht ganz normal und nur folgerichtig ihren Weg. Wenn man dies sagt, dann ist man aber auf die Selbst-Ideologisierung und Rationalisierung der Deutschen bereits hereingefallen. Man betet sie nach. So leicht ihnen „Untermensch“ und „Ungeziefer“ auch über die Lippen ging – gegen die Vernichtungsaktion revoltierten bei den Tätern nach der Tat oft Körper und Seele. Wie oben angemerkt: Verfolgung und Vernichtung dienten erstens dazu, die Linie zwischen Mensch und Nicht-Mensch zu ziehen, praktisch zu machen. Was vorher nur Behauptung war, das sollte demonstriert und damit bewiesen werden. Parrou beschreibt das KZ als „Institution, die Menschliches vom Nicht-Menschlichen scheidet“. Zweitens ging es darum, Deutsche zu werden, die Volksgemeinschaft zu markieren durch diese Grenzsetzung. Die Volksgemeinschaft galt zwar als substanziell, musste aber erst hergestellt werden, führt Parrou weiter aus. In einer Wechselwirkung vollzog sich die Entmenschlichung des Inhaftierten und das Volksgemeinschaft-werden der SS, die als Vorwegnahme der kommenden Volksgemeinschaft galt. Drittens ging es darum, deutsch zu werden, Massenmord und Grauen auszuhalten, ‚hart zu werden‘. Der Krieg der Deutschen gegen die Juden war „guerre contre l’humanité“ – aber in einem genauen Sinne, wie Bouchereau betont: gegen die (Einheit der) Menschheit, gegen die Menschlichkeit, gegen das Innere eigene Menschsein und das Äußere des Feindes. Sie waren „bewaffnete Philosphen“ (Nichanian).

Gradowski macht klar, dass es dem Deutschen nicht bloß um die Ermordung von Juden ging: Dieser „wollte eben das schauerliche Bild vor Augen sehen, wie eine riesige Menge von Menschen in Tiere verwandelt wird, er wollte sein sadistisches Räuberherz mit Emotionen menschlicher Pein, menschlichen Leidens füttern“. Die Vergasung der tschechischen Juden wird von Gradowski als „Fest“ der Lager-SS beschrieben. Für sie sei klar, „dass der Sieg gar nicht dort auf den Schlachtfeldern […] errungen wurde […] sondern hier in dem Bunker“. „Ruhig, kalt und sicher, als müssten sie eine ganz heilige Arbeit tun“, schütten die SS-Männer das Zyklon B in die Gaskammern. „Ihr Herz ist zu kaltem Eis erstarrt, die Hände zittern nicht. Sie gehen unschuldigen Schritts […] Durch die ‚Augen‘-Löcher dringt das tiefe, schmerzliche Stöhnen der Masse zu ihnen, […] aber ihr Herz bleibt unberührt. Taub, stumm, kalt und steinern gehen sie zum zweiten ‚Auge‘ […] Stolz, mutig und zufrieden gehen sie weg.“

Indem Gradowski all diese „Implikationen“ – von denen Langer in seinen eigenen Arbeiten zur Holocaust-Literatur immer wieder spricht – herausarbeitet, kommt er zu seinem Begriff „Zertrennung“. Dieser fasst die Ausschließung einer Menschengruppe aus der Menschheit zusammen. Gradowski beschreibt sie mit einem Blick „durch mikroskopische Brillen“.

Im ersten Text vollzieht sich die Zertrennung während der Bahnfahrt von der Welt und den Menschen. Menschen, an denen die Opfer vorbeifahren, „sie alle sind uns fremd“. Diese bewegen sich frei und „nach ihrem Willen“ – die in den Viehwaggons aber nicht. Menschen in vorbeifahrenden Personenzügen – „anscheinend ebensolche Menschen wie wir“ – bewegen sich „in stürmischer Freude […], als jagten sie zu irgendeinem glücklichen Ziel.“ Sie werden „auf dem Lebensgleis geführt und wir – wer weiß!“ Das kleine Bisschen Welt, das die Juden aus ihren Waggons heraus noch sehen, läuft ab „wie ein Film“ und verabschiedet „die im Zuggefängnis sitzenden Menschen“. Schon unterwegs sind die Deportierten „vom Leben abgeschnitten“, also tot. Die „nationalsozialistische Ontologie“ (Parrou) überführt Menschen nach und nach in einen anderen Daseinszustand. Auch insofern waren die Deutschen „bewaffnete Philosophen“ (Nichanian).

Die polnische Schriftstellerin Ida Fink hat in ihren beiden Kurzgeschichten Eine Spanne Zeit und Der entgleitende Garten mit einem magischen Realismus das Davor und das Danach der Ausgrenzung evoziert. Eigentlich ist alles normal – aber. „Der Anblick […] zeigte nichts Ungewöhnliches […] und doch ganz anders“. Der Morgen, an dem eine „Judenaktion“ angekündigt wurde, war „weiterhin rein und ruhig“, doch genau da hatte „die mit gewöhnlichem Maß gemessene Zeit zu existieren“ aufgehört. Die Welt teilt sich. „Vor uns lagen wie auf einer flachen Hand die beiden Gärten, Wojciechs und unserer, miteinander zu einem verbunden, weil kein Zaun sie trennte […], die Johannisbeerallee verband beide mit einer gleichmäßigen Naht.“ Doch wenig später sieht es anders aus: „Plötzlich zuckte der Garten unseres Kindheitsfreundes Wojciechs, rührte sich, wiegte sich und begann langsam davonzugleiten wie ein großes, grünes Schiff.“ Gradowski verfährt ähnlich. Im zweiten Text geht der Schilderung der Vernichtung des tschechischen Transports die kleine Betrachtung „Eine Mondnacht“ voran. Mondschein war früher schön, doch heute schmerzt er, weil er an früher erinnert. Und der Mond ist ein anderer geworden, weil er früher genauso auf das Glück schien, wie er heute auf die Vergasung strahlt. Durch die Natur geht ein Riss: für die einen scheint der Mond so und für die anderen so.

Auch die Tschechen, die zur Vergasung gefahren werden, fahren „an der Welt vorbei“, sind also nicht mehr Teil dieser Welt. Auch sie „sehen sich auf der Welt um, als schauten sie einen Film an“. Sie haben aber keinen Halt mehr in ihr. „Ihre Augen, ihre Blicke wandern, als wollten sie alles ergreifen und halten.“ Die Zertrennung vollzieht das Durchschneiden von „tausend unzerreißbaren Fäden“. Dazu gehört beispielsweise das Ablegen der Kleidung im Entkleidungsraum des Vergasungskomplexes. Die zurückgebliebene Kleidung wird erkennbar, als der „Panzermantel […], in dem ihr Leben ruht“ und „als Ansage und Beweis des Todes“.

Die Zertrennung ist schließlich die Loslösung von geliebten und vertrauten Menschen. Sind diese im zweiten Text die Familienmitglieder, haben im dritten Text diesen Platz die Mithäftlinge des Sonderkommandos eingenommen. Eine Selektion innerhalb des Kommandos findet statt. Die einen werden aufgerufen, die anderen nicht. „Und so entstand der große Riss in unserer Familie. Allmählich, unsichtbar und unmerklich tat sich der Abgrund auf zwischen uns und ihnen.“ Vorher glaubten sie, wenn dieser Fall kommen sollte, dann würden sie nicht auf die Täuschung hereinfallen, die Selektierten würden woanders eingesetzt anstatt vergast. Aber sie tun es; sie reden sich ein, was sie nicht glauben und beschämen sich dadurch selbst. Auch leisten sie keinen Widerstand, wie sie es sich vorher geschworen hatten und erniedrigen sich dadurch selbst. Dieser Vorgang geht noch weiter. Die Zertrennung besteht auch darin, dass die einen zusehen müssen, wie die anderen weggeführt werden, dass sie bezeugen, nichts dagegen zu tun, wenn ihnen geliebte Menschen weggenommen werden, dass sie ehrlos und feige sind, dass sie ihre Zustimmung geben.

Die Zertrennung ist ein langer Akt. Sie geht weiter, wenn die Übriggebliebenen niedergeschlagen in ihre Baracke zurückkehren und die Präsenz des Nichtdaseins der Selektierten spüren, beispielsweise wenn sie auf dem Boden „verschiedene Dinge herumliegen fanden, die vor Stunden noch jemandem lieb und teuer gewesen waren.“ Jetzt aber tun sie nur weh, „weil sie daran erinnern, dass das alles Zeuge eines Lebens ist, mit dem du mit tausend Fäden verbunden warst“. Gradowski schafft literarisch „einen Gegenstand …, der in sich selbst vibriert“, wie Ponge an anderer Stelle schrieb. „Die Wärme der Hand, in der das Ding lag, ist noch zu fühlen. Es ruht noch der letzte Blick darauf.“

Zurück bleibt ein „tainted self“, wie Langer es nennt, ein beflecktes, beschmutztes Ich. Die Deutschen, so Langer, begruben ihre Opfer zweimal, „einmal vor deren Tod und einmal danach. Und das ist vielleicht das boshafteste ihrer vielen Verbrechen.“

Titelbild

Salmen Gradowski: Die Zertrennung. Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos.
Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M. 2019.
355 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783633542802

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