Goethes Ankunft in Weimar vor 250 Jahren

Matthias Gretzschel zu dem Jubiläum

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Oktober des Jahres 1775 wartete der 26-jährige Johann Wolfgang Goethe ungeduldig auf die bestellte Kutsche, die ihn nach Weimar bringen sollte. Am Ende seiner Geduld änderte er plötzlich den Plan: er brach in Richtung Süden auf, nach Italien. In Heidelberg, der ersten Station, erreichte ihn schließlich ein Eilbote mit der Nachricht: der junge Kammerherr von Kalb sei mit der Kutsche endlich in Frankfurt eingetroffen. Obwohl sein Vater ihn gewarnt hatte – man mache sich nicht zum Diener des Adels –, verließ Goethe am 30. Oktober 1775 seine Heimatstadt Frankfurt und machte sich auf den Weg nach Weimar, begleitet von seinem Diener Philipp Seidel. Der junge Herzog Carl August (1757-1828) hatte den Juristen und Dichter, der inzwischen mit seinem Werther und mit Götz von Berlichingen ein weithin bekannter Autor, sogar eine Berühmtheit war, in die thüringische Residenzstadt eingeladen. Im Herbst 1775, zu seinem 18. Geburtstag, hatte der Erbprinz aus den Händen seiner Mutter Herzogin Anna Amalia (1739-1807) die Herrschaft über das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach übernommen. Als regierende Witwe hatte Anna Amalia bereits 1772 den namhaften Schriftsteller und Übersetzer Christian Martin Wieland (1733-1813) als Erzieher für ihren Sohn nach Weimar berufen. Damit legte sie den Grundstein für die kulturelle Bedeutung Weimars.

Das Herzogtum, fast ausschließlich vom Ackerbau geprägt, verfügte jedoch über eine geringe Wirtschaftskraft und musste zusätzlich die Kosten einer aufwendigen Hofhaltung tragen. Die Staatsfinanzen waren durch den Siebenjährigen Krieg zerrüttet. Das Schloss war vor einem Jahr abgebrannt, seitdem lebten der junge Herzog und seine Frau in einem maroden Fürstenhaus, während die Herzoginmutter in dem ärmlichen Wittumspalais wohnte. Und ein Regierungsgebäude gab es nicht. Das bescheidene Weimar, das in einem Tal der Ilm lag, hatte fast noch mittelalterlichen Charakter. Es bestand aus etwa sechshundert Häusern und zählte knapp 6.000 Einwohner. Johann Gottfried Herder (1744-1803), der ein Jahr später auf Einladung Goethes nach Weimar kam, nannte die Stadt ein „Mittelding zwischen Dorf und Hofstadt“.

Goethe reiste auf der alten Handelsstraße von Frankfurt nach Leipzig. Die Via Regia ließ Weimar allerdings links liegen, sodass die letzte Strecke auf holprigen Wegen zurückgelegt werden musste. Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein. Sein Reisewagen passierte die Stadtgrenze durch das „Äußere Erfurter Tor“, in der Nähe des heutigen Goetheplatzes. Als der Frankfurter Bürgersohn ausstieg, war er sicher über den Zustand der Straßen und Gebäude verwundert. Wohin hatte es ihn nur verschlagen?

Die ersten vier Monate verbrachte der Ankömmling im Hause der Familie von Kalb. Sein Aufenthalt in Weimar hatte zunächst private Gründe. Er wollte nur kurze Zeit bleiben, zu den Festlichkeiten zu Ehren des Regierungsantritts von Herzog Carl August. Der seelenverwandte Herzog setzte den jungen Juristen jedoch ein halbes Jahr später gegen den Widerstand seines Hofes und der alteingesessenen Beamtenschaft als Mitglied seines engsten Beratungsgremiums durch. Goethe hoffte nun, nicht nur schriftstellerisch, sondern auch eine wesentliche Rolle auf dem politischen „Welttheater“ spielen zu können. 1779 wurde er zum Minister ernannt. Neben der Sanierung des überschuldeten Staatshaushaltes übernahm er vielfältige Verwaltungsaufgaben, darunter den Ilmenauer Bergbau, die Jenaer Universität sowie Kriegs- und Wegewesen. Im Jahr 1782 wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben.

Die zahlreichen Ämter, die oft mit seiner Rolle als Staatsminister und Berater des Herzogs verbunden waren, ließen Goethe jedoch für seine schriftstellerische Tätigkeit nur wenig Zeit. Seine heimliche Italienreise (September 1786 – Mai 1788) war dann auch eine Flucht vor den zeitraubenden administrativen Tätigkeiten. Nach seiner Rückkehr wandte sich Goethe wieder verstärkt der Dichtkunst zu.

Der Schriftsteller und Theologe Matthias Gretzschel, der schon auf den Spuren von Martin Luther (1992), Johann Sebastian Bach (1993) und Erich Kästner (2007) war, nahm das 250-jährige Jubiläum von Goethes Ankunft in Weimar zum Anlass, Goethe auf historischem Pflaster zu folgen. Zunächst beschreibt er unter dem Titel Warum Weimar?, wie es zu der Einladung Goethes nach Weimar kam und wie er trotz der Belastung durch seine Ämter allmählich in Weimar heimisch wurde. Außerdem gibt er einen kurzen Überblick über die Residenzstadt um 1775.

Anschließend führt er durch Weimar und erzählt, wo und wie der Dichter gelebt und gewirkt hat. Die ersten Stationen sind das Gartenhaus an der Ilm sowie das Haus am Frauenplan. Ein knappes halbes Jahr nach Goethes Ankunft hatte ihm der Herzog „das alte Häusgen, vor dem Thore“ geschenkt. Das ehemalige Weinberghaus außerhalb der Stadt war bis zu seinem Umzug an den Frauenplan 1782 hauptsächlicher Arbeits- und Wohnsitz. Das Haus am Frauenplan ist Deutschlands berühmteste Dichterstätte. Zunächst als Mieter, dann 1792 erworben, lebte und wirkte Goethe hier fast fünfzig Jahre bis zu seinem Tode im Jahr 1832.

Weitere vorgestellte Örtlichkeiten sind das barocke Wittumspalais der Herzogin Anna Amalia, wo auch die berühmten Tafelrunden des Weimarer Musenhofes stattfanden, das Römische Haus als Sommersitz des Herzogs oder das Weimarer Stadtschloss. Den Bau bzw. den Wiederaufbau hatte Goethe von der Planung an selbst begleitet. Das Schloss Tiefurt war der Sommersitz von Anna Amalia, die hier fernab des höfischen Zeremoniells gern Gäste empfing. Goethe weilte hier gern; vor allem im Park, wo auch seine berühmte Ballade Der Erlkönig (1782) als Teil des Singspiels Die Fischerin aufgeführt wurde.

Ausführlicher widmet sich Gretzschel dem sogenannten „Grünen Schloss“, in dem nach dem Brand des Weimarer Schlosses 1774 die bedeutende Weimarer Büchersammlung ein neues Domizil fand. Um das Palais aus der Renaissancezeit an die neuen Nutzungsbedürfnisse anzupassen, war es notwendig, entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Das 2004 durch Brand stark beschädigte Gebäude beherbergt heute die Anna-Amalia-Bibliothek. Der Autor wirft dann noch einen Blick auf die Beziehung zwischen Goethe und Schiller, die zunächst von Rivalität, später jedoch von einer freundschaftlichen Partnerschaft geprägt war.

Abschließend werden weitere Gedenkstätten und historische Orte mit Goethe-Bezug in Weimar und im übrigen Thüringen vorgestellt. Neben den historischen Abbildungen laden vor allem die zahlreichen großformatigen Farbaufnahmen zu einem Spaziergang durch Goethes Weimar ein. Ergänzt wird die Neuerscheinung zudem durch eine Zeittafel, die die wichtigsten Stationen in Goethes Biografie auflistet.

Titelbild

Matthias Gretzschel: Weimar – auf den Spuren von Johann Wolfgang von Goethe.
Mit zahlreichen Abbildungen.
Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2025.
200 Seiten , 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783831908868

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