Wir sind alle Töchter, aber nicht alle Mütter
Oliwia Hälterleins Debütroman “Wir Töchter“ ist nicht nur feministischer Widerstand gegen familiäre Genealogien, sondern zugleich ein Befreiungsschlag einer postmigrantischen Generation, die ihre eigenen Wege geht
Von Marieluise Labry
Dass Frauen als Mütter einen anderen Status haben als Frauen ohne Kinder und dass Mutterschaft eine politische Kategorie ist, ist in feministischen Diskursen seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Doch was ist eigentlich mit den Töchtern? Jede Frau ist eine Tochter – das ist keine Lebensentscheidung wie die Entscheidung für oder gegen eigene Kinder. Doch auch das Tochtersein ist keine neutrale Rollenzuschreibung in der Familie, sondern ebenso eine politische Kategorie, die sich auf Herkunft, Zugehörigkeit und Verantwortung von Frauen bezieht. Die Autorin Oliwia Hälterlein widmet sich genau diesem Thema und stellt in ihrem Debütroman die Frage danach, was eine gute Tochter ausmacht. Sie schaut sich matrilineare Genealogien an und beschreibt den Konflikt einer Tochter, die keine Mutter sein will und kann. Der Status der Tochter scheint auf den ersten Blick banal. Doch daran schließen sich existenzielle Fragen nach Weiblichkeit, Frauengesundheit, Reproduktionsarbeit, Unterdrückung und weiblichem Widerstand an.
Neben dem universellen Thema der Tochterschaft spielen in dem Roman auch Migrationserfahrungen eine wichtige Rolle, die mit den Erfahrungen einer Tochter verflochten sind. So wird von den Erfahrungen der Figur Róza erzählt, die Ende der 1980er Jahre mit ihrer fünfjährigen Tochter von Polen nach Deutschland migriert. Sie ist in Deutschland „eine gute Polin“, die immer gründlich in deutschen wohlsituierten Haushalten putzt, teilweise 16 Stunden am Tag. Róza bleibt als Individuum unsichtbar, wie schon ihre Mutter Marianna, die im bäuerlichen Umfeld in der polnischen Peripherie lebt und arbeitet. Ihr Lebensweg als Frau ist von Geburt an als Ehefrau, Mutter und Bäuerin vorbestimmt. Ein höherer Bildungsweg nach nur wenigen Jahren Schule bleibt ihr, trotz des Engagements ihrer Lehrerin, durch ihre Eltern verwehrt. Als dritte weibliche Perspektive einer Tochter erzählt Hälterlein den Lebensweg von Waleria, Rózas Tochter. In ihrer Kindheit und Jugend ist sie viel allein, da ihre Mutter rund um die Uhr arbeiten muss. Die Sommerferien bei ihrer polnischen Großmutter Marianna prägen sie. Sie liebt das Leben, die Gemeinschaft im Dorf und das Essen in Polen – all das, wovor ihre Mutter Róza geflohen ist. Waleria wird zu einer Grenzgängerin zwischen zwei Welten, die sich nicht vereinen lassen. Ihre Mutter merkt, dass Waleria sich nach dem Leben in Polen bei ihrer Großmutter sehnt, und unterbindet das: „Zu groß die Gefahr, dass ihre Tochter nicht mehr in ihr richtiges Leben zurückfand.“ Hälterlein lässt dabei polnische Begriffe und Sätze unübersetzt miteinfließen. Diese können zwar in einem Glossar am Ende des Buches nachgeschlagen werden, aber mitunter durch den Kontext erschlossen werden. Der Wechsel zwischen zwei Sprachen, um migrantische Perspektiven zu verdeutlichen, ist ein häufig gewähltes Stilmittel, welches sich beispielsweise auch bei Lena Gorelik in Wer wir sind und Jehona Kicajs ë finden lässt. In Wir Töchter funktioniert dieser Sprachwechsel sehr gut, um die Situation der Figuren zwischen Polen und Deutschland zu verdeutlichen. In Kombination mit der detaillierten Beschreibung von typisch polnischen Speisen erzeugt das ein Gefühl zunehmender Verbundenheit mit der polnischen Heimat der Figuren.
Der Roman ist in drei große Kapitel unterteilt, die den Namen „Zukunft“, „Spinnenflug“ und „Herkunft“ tragen. Am Anfang des Romans und am Ende der Kapitel „Zukunft“ und „Spinnenflug“ sind mehrseitige Prosa-Gedichte eingefügt, in denen ein lyrisches Wir von weiblichen Zuschreibungen, weiblicher Arbeit, Schmerz, Anpassung und Widerstand spricht. Auch hier sind polnische Begriffe in den Text integriert. Die Prosa-Gedichte geben in einer verdichteten Form all die Themen wieder, die der Roman anhand der drei Frauen-Figuren erzählt. Er verdeutlicht damit, dass das Schicksal der Figur keine Singularität ist.
Walerias Gegenwart als Anfang 30-jährige Frau wird aus der Ich-Perspektive erzählt. Mit ihr beginnt der Roman und beschreibt auf eine eindrückliche Art eine schwere Unterleibsoperation. Ungeschönt und direkt werden Schmerzen, Krämpfe, Narben und Körperflüssigkeiten beschrieben. Denn das eint alle drei Frauen: ihr weiblicher Körper – und damit sind explizit die weiblichen Geschlechtsorgane gemeint –, ist mit Schmerz und Leid verbunden. Die Menstruation erscheint Waleria wie eine Bestrafung: „Waleria hatte schnell begriffen, ihre Menstruationsschmerzen waren ein Teil einer vererbten Schuld.“ Die Schmerzen während der Periode und ihr sich schnell verändernder Körper während der Pubertät entfremden sie zunehmend von sich selbst: „All das führte dazu, dass Waleria ihren Körper nicht betrachten wollte, besonders nackt.“ Die Erschöpfung, wenn die Schmerzen nachlassen, nimmt Waleria als eine Art Katharsis wahr. Keine/r der Ärzte und Ärztinnen, die sie im Laufe der Jahre aufsucht, nimmt sie ernst. Umso älter sie wird, desto häufiger wird ihr die Frage gestellt, ob sie Kinder wolle. Es scheint so, dass Walerias Körper und Schmerzen nur dann ernst genommen werden, wenn sie dem Zweck der Reproduktion nachkommen: „Warum interessiert sich niemand für ihre Schmerzen, aber alle dafür, ob sie ein Kind bekommen wollte“? Alle drei Frauen leiden unter ähnlichen Symptomen. Auch nach der Schwangerschaft erfahren Róza und Marianna keinen körperlichen Frieden. Sie ertragen einfach alles, was ihnen aufgebürdet wird. Für Widerstand und Rebellion fehlt beiden die Kraft. Mit ihrer Mutter diskutiert Waleria darüber, warum sie keine Mutter werden will. Letztlich ist es die Angst davor, den Anspruch, dem eigenen potenziellen Kind ein geborgenes, sicheres und vor allem problemfreies Umfeld zu gewährleisten, nicht einzuhalten. Neben der persönlichen Entscheidung ist die Entscheidung gegen eigene Kinder für Waleria ein Akt des politischen Widerstandes:
Ich möchte selbst entscheiden, ich möchte mich nicht wegen Drucks von außen oder wegen meines Alters dazu gezwungen fühlen, Mutter zu werden. Es geht mir um eine freie Entscheidung, darum, mit den Aufgaben einer Frau zu brechen. Ich möchte nicht unreflektiert Dinge nachmachen, Traditionen fortführen, etwas wiederholen, nur, weil es alle tun. Ich möchte selbst entscheiden, mit meinem Kopf. In Polen darf keine Frau selbst über ihren Uterus entscheiden. Es ist auch was Politisches.
Trotz ihrer unversöhnlichen Haltung gegenüber Mutterschaft bricht das Verhältnis mit ihrer Mutter nicht. Róza hat Verständnis für ihre Tochter. Gleichzeitig ist es ihr wichtig zu betonen, dass sie kein Opfer der Umstände ist. Und das ist die große Stärke des Romans. Es geht nicht darum, Frauen zu bedauern, sondern Verständnis für unterschiedliche Lebensumstände zu haben und vor allem unter Frauen solidarisch zu sein. Róza verlässt als Erste ihrer Familie ihr Heimatdorf, zieht erst nach Gdansk, später nach Deutschland. Ihre Mutter Marianna verliert ihr gegenüber nie ein böses Wort deswegen, sondern unterstützt sie, soweit es geht. So zeigt Róza wiederum gegenüber ihrer Tochter Verständnis. Jede der Töchter geht ihren eigenen Weg und bricht mit Traditionen. Rational gesehen sind Walerias Argumente gegen Mutterschaft nachzuvollziehen und vernünftig. Noch immer ist der Preis für Elternschaft für Frauen deutlich höher als für Männer und das nicht allein aus biologischen Gründen, die mit Schwangerschaft und Stillen zu tun haben, sondern maßgeblich von gesellschaftlichen und politischen Umständen abhängen. Am Ende des Romans bleibt bei Waleria eine ambivalente Erkenntnis zurück:
Mir kam der Gedanke, dass es jetzt losgehen könnte. Für meine Tochter wäre jetzt ein passendes Fundament gelegt. War es nicht eine bittere Wendung, dass es keine geben wird? Alles Erlebte und Erzählte umsonst, wenn jetzt niemand mehr nach mir käme?
Auf diese Fragen gibt es keine Antworten. Das macht der Roman deutlich und zeigt, dass es nicht darum gehen sollte, dass wir (Frauen) nicht alle Mütter sind, werden können oder wollen, sondern dass wir alle Töchter sind – jede mit ihren eigenen Herausforderungen, Biografien, Beziehungen und Herkünften. Die postmigrantische Perspektive in Verbindung mit den feministischen Themen um Mutter- und Tochterschaft schafft den Sprung aus einer marginalisierten Perspektive heraus in eine universelle, die jede Frau betrifft. Ein Roman, der (scheinbar) marginalisierte Perspektiven in den Mittelpunkt rückt und dabei jeden miteinbezieht.
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