Wenn Gedichte schweben dürfen

In „stille trommeln“ erbaut Ulla Hahn aus Wörtern ein poetisches Zuhause

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ulla Hahn legt einen Band mit neuen Gedichten vor, die begleitend zu ihren in den letzten zwanzig Jahren publizierten Romanen entstanden sind. Sie hat diese Verse für sich notiert, möchte die Gedichte nun aber – dankenswerterweise – nicht für sich behalten. Zu Beginn beschreibt die Dichterin federleicht das Lassen-Können, das in die Gelassenheit führt. Auch der Stift für das Wichtigste, sogar für Lyrik, mag losgelassen werden. Wer sich ausruht, sogar vom Denken und Schreiben, empfindet eine besondere Freiheit – wenn Ruhe einkehrt. Nur manchem sei eine herbe Prosa ins Gesicht geschrieben, den Verbitterten, Gereizten und Zornigen, sodass sich Wörter auch „furchtsam wie scheue Katzen“ zurückziehen, ja „bang wie verjagte Katzen“ entschwinden. Doch vielleicht schnurren sie wieder herbei, neu zutraulich, der Liebkosung bedürftig:

Ich halte ihnen die Hand hin
ihre Zungen auf meiner Haut
Begnadigung

Sanftmut und eine atmosphärische Schönheit strahlen Ulla Hahns Gedichte aus. Sie formt in liebevoller Sympathie und leise ihre Verse, ehe sie diese freilässt, mit diskreten Goethe-Reminiszenzen:

Wenn ein Gedicht erwacht
spürest du
kaum einen Hauch
Hände auch
die mit meinen
Zeilen scharf in die
Kurven gehen zwanzig
plus sechs von
vorne und hinten und
mitten drin
von A bis Z
bist
DU
mein letztes liebstes Wort

Die Lyrikerin arbeitet sich langsam vor, schreibt und dichtet weiter, wie dieses lyrische Ich, das nichts lieber sagt, schreibt und denkt, wenn es dem geliebten „DU“ sich zuwendet – das noch lange nicht ruhen möge und soll. DU ist ein Wort, das mehr ist als das ganze Alphabet. So beschreibt sie, sinnierend, auch den Alltag, der „einfach genügsam schlicht“ sein möge, wie die Kunst, die jene Wunden schließt, die „du in dir verschließt“ und die eine wahre Plage sind. Ganz ohne Hoffnung dichtet Ulla Hahn nicht, trotz aller Skepsis und mancher Illusionslosigkeit trotzend:

Die Wirklichkeit begraben in den Sätzen
Sätze ausgraben aus der Wirklichkeit
Wer glaubt an Auferstehung
Hochzeit zum Leichenschmaus

In das poetische Spiel mit den Wörtern – in die Lust, etwas „Schönes“ zu schreiben, einfach nur zu schreiben und auch einfach nur einfach zu schreiben – eingezeichnet ist auch der Schmerz, den die Wörter nicht verdecken können. So bleibt manchmal nur noch ein „Schrei“. Auch Lyrik schreit, seufzt, singt, verklingt, lässt Dichtende, lässt Lesende zurück, gelegentlich versonnen und wehmütig, bisweilen auch nur traurig. Die Stille sei auch die „die Schrift / deiner Seele / zwischen den Zeilen“.

Über die „Geliebte“ dichtet Ulla Hahn, und die „Geliebte“ ist die Zeit, zeitlebens das kostbarste Geschenk. Es ist gut, nur da sein zu dürfen – auch schreibend, aber nicht nur. Erlaubt, ja nötig und sinnvoll ist es, die Zeit anzunehmen, der verbliebenden Zeit den Raum zu schenken, der ihr gebührt. Nicht die alte lateinische Sentenz, die mahnt, den Tag zu nutzen, rezitiert die Dichterin, sie erfreut sich an der Zeit und nimmt an, „was sie mir gibt“:

Die Wege der Wolken
die Wege meiner Gedanken
die Wege meiner Hand auf dem Papier
den Wechsel der Blätter
von Grün zu Gelb zu Staub
Eine Haut nach der anderen
streift sie mir ab

Die Zeit gibt mir mein Leben
Was gebe ich ihr zurück

Bleibt diese Frage rhetorisch? Darüber mag gegrübelt, vielleicht sogar philosophiert werden, ob auf den „Inseln der Traurigkeit der Sehnsucht“ oder anderswo. Der Begriff Auferstehung, christlich getönt, erklingt wieder, mehr als einmal, als in einem grauen Sommer nur noch Regen gewünscht wird. Das „lechzende Gras“ empfängt die Schauer, die mit „Donnerschlag wie Domglockenklang“ die trockene Erde erfrischen – und dann „hob ein Singen an leicht / hin über Berg und Tal / blühten die Lilien / Auferstehung“. Stets aufs Neue würdigt die Dichterin die Stille, betrachtet diese in ihren Farben und Formen, vom Schnee über den Apfelbaum und das verwaiste Vogelhaus bis zur blattlosen Birke hin. Selbst die Spatzen verstummen, aber der Stille scheinen Dichtende bedürftig zu sein – und jeder andere Mensch wahrscheinlich auch, um in Gedanken fortzuschwimmen oder sich gedankenlos treiben zu lassen:

Glücklicherweise ist da ein Meer
für jeden von uns in uns
[…]
Glückliches Leben

Das klingt einfach, aber es ist nicht einfach nur so gedacht und poetisch verdichtet, sondern scheint aufrichtig, authentisch zu sein, denn Dankbarkeit für das, was sich schlicht und einfach Glück nennt, ist gestattet. Ulla Hahn empfiehlt auch darum Freundlichkeit und Güte, zu den Wörtern wie zu den Mitmenschen:

Immer ist da der rechte Ort und die rechte Zeit
Wo Menschen leben die das Wort an dich richten so
Dass es die Schwingen auftut und Freundlichkeit fällt
Herab

wie nach langer Dürre ein Regen und dein Herz
wieder fest wird und weich und Wörter stellen
sich ein die sehen einander in die Augen

umarmen dich liebkosen dich nehmen dich mit
auf Reise ohne Ziel ohne Zweck ohne Absicht
Grasharfenmitternachtsmelodie

Die Dichterin schenkt den Wörtern lyrisch ein Obdach, vielleicht auch ein Zuhause, das Gäste gern mitbewohnen dürfen. Die scheue Schönheit der Sprache scheint auf in Ulla Hahns Gedichten. Wörter bedürfen der Achtung und Fürsorge. Sie sind nicht weniger, nur anders verletzlich als Menschen und Tiere. Verletzt werden sie durch unbedachten Gebrauch wie durch übellaunige Zeitgenossen. Auch die Sprache darf und möchte aufrichtig geliebt sein. Im Nachwort beschreibt Ulla Hahn ihre Art zu dichten, sie habe Fragen und suche nach Antworten, das gewiss, vor allem aber wolle sie „Lust machen, Neugier wecken auf diesen neuen Blick“. Diese Gedichte deuten auf mögliche Sichtweisen hin, wie lyrische Angebote, die auch musikalisch erklingen und über deren Melodien wir nachsinnen dürfen, bisweilen nachdenklich, vor allem aber dankbar machen. Die eine Leserin oder der andere Leser wird sich glücklich an diesen so oft zart schwebenden Gedichten erfreuen. 

Titelbild

Ulla Hahn: Stille Trommeln. Neue Gedichte aus zwanzig Jahren.
Penguin Verlag, München 2021.
208 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783328601470

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