Im Streben nach der großen Einfachheit der Form

Vor 150 Jahren wurde Paula Modersohn-Becker geboren

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie ist die wohl wichtigste deutsche Malerin des 20. Jahrhunderts, wurde aber erst nach ihrem Tod 1907 als bedeutende Wegbereiterin der Moderne entdeckt. Paula Modersohn-Becker ist nur 31 Jahre alt geworden, hat aber in knapp 10 Jahren über 700 Gemälde und etwa 1500 Zeichnungen geschaffen. Zu ihren Lebzeiten konnte sie nur vier Gemälde verkaufen, vor allem an Freunde und Kollegen. Ihr Werk ist (wenn auch nicht abgeschlossen) ein erstaunliches, aus beständigem An-sich-selbst-Arbeiten hervorgegangenes großes Experiment. Ihr Ehemann Otto Modersohn blieb zeitlebens ein stimmungsvoller Landschaftsmaler, der die Natur als Spiegel der eigenen Seele begriff. Paula Modersohn-Becker, die „rücksichtslos geradeaus malende“ Künstlerin, wie Rilke sie nannte, orientierte sich dagegen weniger am Naturvorbild, sondern vielmehr an der Kunst. Diese verarbeitete sie bei ihren mehrfachen Aufenthalten in Paris. Die Vielfalt der Anregungen reicht von frühchristlichen Mumienporträts über die Werke der Renaissance bis hin zu japanischen Farbholzschnitten und den Meistern der französischen Avantgarde wie Cézanne, Gauguin, van Gogh oder Maurice Denis. In Worpswede, der Moorregion mit den ständig wechselnden Farbreizen der Natur, hatte sich Modersohn-Becker zunächst der Landschaftsmalerei gewidmet, aber „in der Ferne glüht, leuchtet Paris“. Zwischen diesen beiden Orten, die nicht unterschiedlicher sein können – Worpswede als Ort des Authentischen und Ursprünglichen, Nicht-Urbanen, aber auch Provinziellen und Paris als damalige Welthauptstadt der Kunst und eigentliches Zentrum der Moderne – ist ihr Werk einzuordnen.

In ihrem 150. Geburtsjahr sind Publikationen erschienen und Ausstellungen eröffnet worden, die neue Akzente setzen und den Blick auf ihr Gesamtwerk erweitern wollen: Aus der Vielzahl der Neuerscheinungen sollen eine kunsthistorische Darstellung von Doris Hansmann (in der Reihe der Künstlerbiographien des Wienand Verlages in Köln), ein Porträt Paula in Paris von Andrea Reidt sowie der Paula-Modersohn-Becker-Roman Göttertage von Gabriele Katz betrachtet werden. 

Doris Hansmann, eine Kennerin der Kunst der Moderne, behandelt in ihrer Monographie eigentlich alles, was man über die Künstlerin wissen muss. Die Kurzkapitel zu den jeweiligen Lebens- und Schaffensetappen werden ergänzt durch Exkurse zu speziellen Themen wie zur Worpsweder Künstlerkolonie, zum Paula Becker Museum in Bremen oder zu Paris  um 1900 als Zentrum der Moderne. So geht die Autorin vor: Schon früh weiß Paula Becker, was sie will – Künstlerin werden! Als sie 1897 zum ersten Mal die Künstlerkolonie Worpswede besucht, ist sie begeistert. Clara Westhoff wird ihre engste Freundin, beide verbindet der Traum, nach Paris auf die Kunstakademie zu gehen. In Worpswede lernt Paula auch den 11 Jahre älteren Maler Otto Modersohn kennen, den sie im Jahr 1901 heiraten wird. Paula wie Otto finden ihre Modelle und Motive im Worpsweder Umfeld. Besonders die betagte Armenhäuslerin Anna Schröder, die aufgrund ihres Gehstocks auch „Dreebeen“ genannt wird, regt das Künstlerpaar zu Studien an. Doch während er Landschaft mit Figuren malt – die Figuren sind für ihn gleichsam Geschöpfe der Natur –, konzentriert sie sich immer mehr auf die menschliche Figur und dann auch auf das Stillleben. Eine tiefe Einfühlung in die soziale Situation und persönliche Befindlichkeit ihrer Modelle verbindet die frühen Bildnisse in ihrer schweren und ernsten Form mit ihren mittleren und späten Gemälden, die Kinder und Erwachsene aus ihrem Umkreis, aus der bäuerlichen Umgebung in Worpswede darstellen. Die Gesichter können zu ergreifenden Seelenlandschaften werden. Menschen am Rande der Existenz, gebeugt durch ihr Schicksal und dennoch mit einer Spur von Lebenswillen und derber Würde. Modersohn-Beckers Bilder erlangen eine elementare Kraft, die Monumentalität und Lebendigkeit, Zartheit der Empfindung und Entschiedenheit des Ausdrucks vereint. 

Während Doris Hansmann Leben und Werk der Malerin weiter aufmerksam verfolgt, widmet die Reisebuchautorin und Paris-Kennerin Andrea Reidt in ihrem literarischen Essay speziell Paula in Paris ihre Aufmerksamkeit. Um die Jahreswende 1899/1900 war die 24-jährige Paula Becker erstmals nach Paris gereist. Hier wollte sie ihre Vision eines fundamentalen Aufbruchs verwirklichen. In Paris führte sie ein selbstbestimmtes Künstlerinnenleben, das sie dann auch als verheiratete Frau in ihren weiteren Paris-Aufenthalten fortsetzte. Sie besuchte die Akt-Malkurse in der Académie Colarossi – erst bei ihrem dritten Paris-Aufenthalt sollte sie zur Académie Julian wechseln – und ging regelmäßig in den Louvre und das Palais du Luxembourg. In den Antikensammlungen des Louvre zogen sie die farbigen Holztafeln aus dem oberägyptischen Fayum an, porträtähnliche, in großen Formen gemalte Totenbildnisse aus frühchristlicher Zeit. In den Galerien der Rue Laffitte verschafft sie sich einen Eindruck über die aktuelle Kunstszene. Monet und Cézanne, der ihr „ein Verwandter im Geiste“ (Andrea Reidt) wird, betrachtet sie mit ihrer Freundin Clara, die sich inzwischen in eine unglückliche Ehe mit Rilke gestürzt hat. Dazu kommen Paul Renoir, Charles Cottet, Vincent van Gogh und Paul Gauguin, auch Gustave Courbet, später Matisse und die Künstlergruppe Nabis, der autodidaktische „Zöllner“ Henri Rousseau, der die moderne Kunst mit seinen Wachträumen verzaubert. Eine Begegnung mit Rodin, der damals als Rilkes Privatsekretär tätig war, wird zu einem nachdrücklichen Erlebnis für sie, vor allem seine sinnlich-erotischen Aquarelle findet sie beeindruckend. Modersohn-Becker wollte ihre Erlebnisse mit ihrem Mann Otto teilen und wünschte sich, dass er nach Paris komme. Nach Worpswede zurückgekehrt, vermochte Paula zwar den Sommerlandschaften, die er inzwischen geschaffen hat, „viel Schönes“ abzugewinnen. Doch sie selbst faszinierte immer stärker die menschliche Figur. 

Es ging Paula Modersohn-Becker in den Akten nicht um die Verführungskraft des weiblichen Körpers, sie entbehren des sogenannten „männlichen Blickes“. In ihrer Natürlichkeit, Ehrlichkeit, ja auch Ungeschöntheit sind sie Auseinandersetzungen der Malerin mit der eigenen Weiblichkeit. Der nackte menschliche Körper ist Ausdruck einer natürlichen Menschlichkeit. Die weiblichen Akte stehen, sitzen oder liegen, sie halten eine Blume in der Hand, haben ein Kind im Arm, schauen den Betrachter direkt an, fragend, forschend, schirmen sich mit maskenhaftem Antlitz ab oder sind in Gedanken mit sich selbst versunken. Die Nacktheit ist nicht nur Ausdruck einer neuen Art des Aktes, sondern sie symbolisiert eben auch das wahre Ich. 

1905 bis 1907 rückten dann Stillleben in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie werden in leichter Aufsicht gezeigt. In pastoser Malweise – die Materialität des Farbauftrags wird betont – werden die Gegenstände aus dem Tiefenraum zurück auf die Bildfläche geholt und damit näher an den Betrachter herangeführt. Die Malerin wendet sich von einem abbildenden Illusionismus ab, um zu einer Reduktion auf das als wesentlich Erkannte zu gelangen. Sie will das Bild als Fläche und nicht als imaginierten Tiefenraum verstehen. 

Trotz der Missbilligung ihres Mannes nahm sich Modersohn-Becker die Freiheit heraus, immer wieder nach Paris zu fahren. 1906 – sie ist schon sechs Jahre verheiratet – verschwindet sie, ohne ihren Gatten um Erlaubnis zu bitten, aus Worpswede, um sich in Paris ein Atelier zu nehmen. Es beginnt eine der produktivsten Phasen in ihrem Leben. Der Malerin, die er zuvor „rücksichtslos und geradeaus malend“ in Worpswede angetroffen hatte, sitzt Rilke 1906 in Paris Porträt, ein bestürzendes Werk, das die Verletzlichkeit des Dichters preisgibt. Die intensive Auseinandersetzung mit Rodin und die Bilder von Paula M.-B., so ihr Biograph Rainer Stamm, haben Rilke veranlasst, „seine Sprach-Bilder aus konkret Gesehenem zu konstruieren, so wie die Malerin Gesehenes zu Bildern komponiert“. Wirken Rilkes Sprachbilder – vor allem in den „Neuen Gedichten“ – tatsächlich wie Antworten auf Modersohn-Beckers Gemälde? Zu ihrem 6. Hochzeitstag malt sie ein Selbstbildnis mit bloßem Oberkörper und einem leicht gewölbten Bauch. Wie soll sie es signieren? „Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht Paula Becker. Ich bin Ich und hoffe, es immer mehr zu werden“. Ihr „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906) ist als erster weiblicher Selbstakt in die Kunstgeschichte eingegangen. Muss es nicht als ahnende Selbstbesinnung, auch als appellative Mahnung verstanden werden? 

Gegenseitiger Respekt und Anerkennung haben Modersohn-Beckers Verhältnis mit ihrem Ehemann Otto bestimmt: Beide empfanden den künstlerischen Austausch als fördernd, der auch während Paulas Paris-Aufenthalte nicht abbrach. Er war wohl der Einzige, der zu Lebzeiten Paulas ihre Bedeutung für die Moderne erkannt und gefördert hatte – auch wenn er dann ihrer Kunst nicht mehr bedingungslos folgen konnte. Sie wollte sich von Otto trennen, erhoffte von Rilke wie von Bernhard Hoetger Unterstützung. Doch beide rieten ihr von einem Leben als Alleinstehende ab. Zweimal begab sich Otto Modersohn nach Paris, um sie wieder zur Rückkehr nach Worpswede zu bewegen. Im Frühjahr 1907 kehrt Modersohn-Becker mit ihm zurück. Ist ihr Gefühl von Stärke und Willenskraft einer stillen Ergebenheit gewichen, wie Andrea Reidt vermutet? Aber zugleich gab ihr Zustand als werdende Mutter ihr ein neues beglückendes Gefühl. Am 2. November wird ihre Tochter Mathilde in Worpswede geboren. Wenige Wochen später verstirbt Paula an einer Embolie als Folge der Geburt. „Wie schade“, sollen ihre letzten Worte gewesen sein. 

In ihrem lebendig und fesselnd erzählten Roman Göttertage lässt uns die Kunsthistorikerin Gabriele Katz, Verfasserin zahlreicher Roman-Biographien außergewöhnlicher Frauen, tief in das Leben und die Gedankenwelt des Menschen hinter der Künstlerin Paula Modersohn-Becker hineinsehen. Natürlich basieren ihre Aufzeichnungen auf deren Notizen, Briefen und Tagebüchern. Doch nimmt sich Katz auch die erzählerische Freiheit, Situationen, Gespräche oder auch innere Überlegungen der Figuren hinzuzufügen, die zwar so nicht stattgefunden haben dürften, aber die so wirken, als hätten sie das wirklich getan. Fakt und Fiktion werden vermischt, die Autorin übernimmt kursiv gesetzte Formulierungen aus Originalquellen, die sie in die von ihr selbst frei erfundenen Szenen einbindet. Die Psyche dieser lebenshungrigen, erwartungsfrohen, leidenschaftlich ihrer künstlerischen Berufung folgenden jungen Frau wird offenbar; ihr Fühlen, Denken und Empfinden, ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, Zweifel, Träume und Enttäuschungen, ihre Widersprüche, die das „kurze, intensive Fest“ ihres Lebens, wie sie es bezeichnet hat, ausmachen. So ist eine Biographie in vielstimmigen Sätzen und Zeugenschaften entstanden. Eine Struktur der offenen Form, der Brüche und des Fragmentarischen. Ja, es gibt mitunter spektakuläre Begebnisse im Spielraum des Wahrscheinlichen, aber sie scheinen zu funktionieren. 

Sollte Paula, die Ende März 1907 mit Otto aus Paris wieder nach Worpswede zurückkehrte, einen neuen Anfang finden oder ihre Geschichte des Anfangs zu Ende erzählen, fragt Gabriele Katz. In ihrer Roman-Biographie erscheint der Paula-Figur im Traum wiederholt ein altes, vom Leben gezeichnetes Weib, unschwer als Mutter Schröder aus dem Armenhaus erkennbar, das Paulas geheimste Gedanken offenbart: Würde sie nie Frau, Geliebte, Mutter sein, sondern sich ausschließlich der Malerei widmen und im Alter verbittert sterben? Nach zwei Ehejahren mit Otto ermahnt sie die sich erneut in Paris aufhaltende Paula: „Das kannst du am besten, lieben aus der Ferne und auf dem Papier. Davon wird man aber nicht schwanger. Geh heim, dein Mann vermisst dich“. Sie ist es, die Paula zur Rückkehr ins „Dorf“ auffordert, sie solle noch einmal ein Bild von ihr malen. Dieses Bildnis der Mutter Schröder – sinnbildhaft mit dem Fingerhut-Zweig in den Händen, umgeben von leuchtenden Mohnblumen und einer silbernen Glaskugel („Alte Armenhäuslerin im Garten“, 1907) – bildet den Abschluss des Romans. Eine Prophezeiung, eine Voraussage, eine Weissagung? Farbe, Fläche, Form und Symbolik dieses Schlüssel-Bildes erweisen Paula Modersohn-Becker auf dem Weg in die Moderne. Und zu bestätigen ist wohl, dass sie zwar ihre Motive aus Worpswede, aber ihre Bildsprache aus Paris gewonnen hat. 

Fragt man sich, was uns heute wohl an dieser Malerin, die ihrer Zeit weit voraus war, am meisten fasziniert, dann ist es dieses „unentwegte Brausen“, das sie stets empfunden hat: das beharrliche, bedingungslose Arbeiten dem erstrebten Ziele zu. Die noch frische Farbe hat sie oft mit dem Pinsel aufgeraut – eine solche Malweise sollte das „Vibrieren der Dinge“ auslösen. Oder wie es Gabriele Katz formuliert: „Die große, klare, einfache Form, kombiniert mit einem Geheimnis von Verletzlichkeit“.

Titelbild

Doris Hansmann: Paula Modersohn-Becker.
Wienand Verlag, Köln 2015.
95 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783868322101

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Andrea Reidt: Paula in Paris. Paula Modersohn-Becker in der Welthauptstadt der Kunst.
ebersbach & simon, Berlin 2026.
138 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783869153285

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Gabriele Katz: Göttertage. ein Paula Modersohn-Becker Roman.
ebersbach & simon, Berlin 2026.
328 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783869153278

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