Ein merkwürdiges Kind

Melissa Harrison erzählt in ihrem preisgekrönten Roman „Vom Ende eines Sommers“ auch vom Ende einer Kindheit im ländlichen England zwischen den Weltkriegen

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Edith June Mather, genannt Edie, ist mit 14 Jahren das jüngste Kind einer Farmerfamilie in der englischen Grafschaft Suffolk, nordöstlich von London. Als Ich-Erzählerin im neuesten Roman von Melissa Harrison, der im Jahr 1933 spielt, beeindruckt sie mit ihrer innigen Verbindung zur Natur. Sie liebt die Felder und Wiesen ihres Dorfs, kennt die Namen unzähliger Pflanzen und Tiere und findet poetische Bilder für die wechselnden Stimmungen der Landschaft. Ihre Tierliebe wird zur Tat, als sie dem Küken eines Wachtelkönigs zum Überleben verhilft. Die eindringliche Schilderung der Naturschönheiten legt nahe, dass die Autorin sie nicht nur wahrgenommen, sondern mit dem Herzen erlebt hat. Zugleich wird deutlich, dass es sich um Erinnerungen handelt. Denn kein Dorfmädchen, gerade mit der Grundschule fertig, würde formulieren, dass sich die Hunde einer Jagdmeute „wie anbrandendes Wasser“ um sie sammelten oder dass „die Landschaft aufrecht zum Gebet“ steht.

Edie weiß früh, dass sie „ein merkwürdiges Kind“ ist. Statt mit anderen Kindern zu spielen, liest sie lieber. Die Familie Mather bewirtschaftet die Wych-Farm, zu der 40 Morgen Land gehören. Wie schwer es fällt, mit Feldarbeit den Lebensunterhalt zu vedienen, geht an Edie nicht vorbei. Sie versorgt die Hühner, hilft auf den Feldern mit und schindet sich am ungeliebten Waschtag mit der Mutter. Es ist eine der Stärken dieses Buchs, die wunderschöne Landschaft nicht als Idylle darzustellen, sondern als den Ort, an dem Farmer im Schweiße ihres Angesichts ums wirtschaftliche Überleben ringen. Auch für die sprachlich meisterliche Darstellung dieses für die Gesellschaft wichtigen Lebenskampfes hat die Autorin den Literaturpreis der Europäischen Union erhalten. Die Farmer sind den Unbilden des Wetters ausgesetzt, das auf einen Schlag bewirken kann, dass die Gerste nur zum Verfüttern und nicht als Braugerste taugt. Auch setzen ihnen die Unwägbarkeiten und Ungerechtigkeiten der Agrarpolitik zu. Lässt die Regierung den Markt von billigen Produkten aus dem Ausland überschwemmen, bleibt der Landbevölkerung nur ein Hungerlohn. Außerdem fehlen auf den Feldern die Männer, die „im Felde“ geblieben sind.

Ein merkwürdiges Kind ist die an der Schwelle zur Pubertät stehende Edie auch, weil der Aberglaube sie beherrscht. Ihre Lektüre beendet sie erst, wenn sie einen Satz mit sieben Wörtern gefunden hat. Ein Feuerstein mit Loch in der Mitte ist ein Hexenstein. Mit runden Mustern am Herd hat es eine geheimnisvolle Bewandtnis. Und jeden Abend fährt Edie mit dem Finger über eine Einfärbung im Holzbalken über ihrem Bett, um sich zu schützen. Sie findet das Ritual dumm, wird es aber nicht los. Später meint sie sogar, über die Zaubermacht einer Hexe zu verfügen, von Mutter und Großmutter geerbt. Zwiespältig ist ihre Reaktion auf die Annäherungsversuche eines Dorfjungen. Sie empfindet sie als unangenehm, fügt sich aber, um nicht als zickig zu gelten, und findet sich dann „verrucht“.

Die Erzählung fließt gemächlich dahin, bis die Londoner Journalistin Constance FitzAllen im Dorf eintrifft, schon bald von allen Conny genannt. In Männerkleidung und auf einem leuchtend roten Fahrrad taucht sie auf, um für eine Zeitung das Landleben zu schildern. Sie interessiert sich für Sitten und Gebräuche und möchte alte Traditionen bewahren. Hier spiegelt sich eine idealisierte Sicht auf das ländliche England wider, die sich als „Deep England“ gegen Modernität und Industrialisierung wandte und der namhafte Künstler wie der Schriftsteller Thomas Hardy und der Maler John Constable anhingen. Später wird die glamouröse Journalistin noch weit gefährlichere Ansichten vertreten. Zunächst aber ist sie für die ziellose Edie, die beiden realistischen Aussichten für ihre Zukunft (Ehefrau mit vielen Kindern oder aber Kindermädchen) nichts abgewinnen kann, sehr willkommen als Freundin und Mentorin beim Erwachsenwerden. Conny nimmt Edie ernst, lädt sie nach London ein, unternimmt Fahrradtouren mit ihr, und einmal deutet sich an einem Badeteich und danach in Edies Gedanken die Möglichkeit einer lesbischen Beziehung an.

Ausgerechnet bei Edies blindem Großvater stößt Conny sofort auf Widerspruch, als sie die Bewahrung des Althergebrachten fordert. Der alte Mann erwidert, man brauche Veränderung und jede Generation habe einen Wandel geschaffen. Die Journalistin beweist Anpassungsfähigkeit. Gut reden kann sie sowieso, nun lernt sie das Zuhören. Durch reges Interesse am Dorf und tätige Mithilfe auf dem Feld überwindet sie das instinktive Misstrauen von Connys Mutter Ada.

Ada ist wie alle Hauptfiguren des Romans einprägsam geschildert. Die arbeitsame und starke Frau wirkt von Geheimnissen umwölkt. Bei aller Mutterliebe gibt es keine Vertrautheit mit Edie. Adas Begeisterung fürs Kino findet bei der Tochter so wenig Anklang wie umgekehrt deren Liebe zur Lyrik bei der Mutter. Der Vater ist Herr im Hause. Er bestimmt, wem seine Frau bei den Wahlen ihre Stimme gibt. Der älteste Bruder und künftige Hoferbe Frank hat wenig Zeit für Edie, auch wenn er einmal mit ihr schwimmen geht. Edie leidet darunter, dass die vertraute Schwester Mary nach ihrer Heirat aus dem Dorf weggezogen ist und sie einsam zurückgelassen hat. Zu den beiden Helfern auf der Farm gehört der loyale und aufrechte John. Im Gegensatz zum konservativen Farmer legt er seit dem Krieg nicht mehr die Hand an die Mütze, wenn er jemandem vom Landadel begegnet.

Bei der Lektüre fragt man sich zuweilen, was aus Edie geworden ist. Immerhin sind ihre Erinnerungen sprachlich meisterhaft. Ist sie Schriftstellerin, was bei ihrer Vorgeschichte nicht verwundern würde? Allerdings deuten frühe Bemerkungen an, dass manches in ihrem Leben schiefgeht. Aus Connys Einladung nach London zum Beispiel wird nie etwas. Lange bleibt offen, warum nicht.

Mit Connys Eintreffen im Dorf nimmt das gemächliche Erzähltempo allmählich Fahrt auf und steigert sich ungestüm, als sie ein Erntefest in der Kneipe organisiert und die Dorfbewohner mit Freibier anlockt. Die in Edies Augen wundervoll aussehende Conny wirbt für einen „Orden der englischen Freibauern“, dem sich Edies Vater schon angeschlossen hat. Vom Schutz der Gesundheit und Reinheit der englischen Erde ist die Rede, Antisemitismus predigt sie nicht. Das hat schon ein von ihr engagierter Redner erledigt, der die Juden als Parasiten bezeichnete.

In einer historischen Anmerkung zitiert die Autorin einen Satz von George Orwell, wonach man irrsinnigerweise ganze ‚Rassen‘ oder Nationen für schlecht hält. Der sonst so zurückhaltende John erschüttert Connys Glaubwürdigkeit: Ihr angeblicher Freiwilligendienst als Krankenschwester im Frankreich ist reine Erfindung. Und sie hat eine verarmte Familie, die ein verlassenes Haus im Dorf bezogen hatte, nur deshalb vertreiben lassen, weil sie Juden waren. Das vierjährige Mädchen ist daraufhin verhungert.

Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen John und Edies Vater. Edie ist erschüttert, dass Conny ungefragt ein Bild von ihr in der Zeitung abgedruckt hat. „Mir wurde bewusst, dass die Tatsache, dass dies hatte geschehen können, abermals bewies, dass ich keine reale Person war.“ Der ihr zugetane Dorfjunge ist dem Antisemitismus verfallen. Als ihr klar wird, dass sie sich nie wieder von ihm anrühren lässt, schlägt hinter einem Feld ein orangefarbenes Glühen in die Höhe: Feuer. Edie ist überzeugt, dass ihre Wut die Schober in Brand gesetzt hat. Später singt ihr der Großvater ein Lied von der goldenen Gerste vor; eine Zeile daraus – All Among the Barley („Mitten in der Gerste“) – ist der englische Originaltitel des Romans.

Im bedrückenden Epilog meint die Ich-Erzählerin, sie habe ein glückliches Leben gehabt. Der Ort, an dem sie sich befindet, sei wundervoll, auch wenn einige Frauen da nicht ganz richtig im Kopf seien. Sie spürt große Kräfte in sich kommen und gehen. Man sagt ihr, dass sie 70 ist. Und dass die Großmutter keine Hexe war, sondern geisteskrank. Aus der aufzulösenden Anstalt wird Edie im Rahmen „kommunaler Betreuung“ dorthin zurückkommen, wo sie aufgewachsen ist. Sie will wieder ein Teil davon werden, auch wenn sie weiß, dass ihr Vater wegen seiner Schulden das Feuer gelegt hat und danach unauffindbar blieb.

Man mag mit dem Erzählrhyhtmus oder dem niederschmetternden Schluss hadern. Dennoch handelt es es sich bei diesem Roman um große und mit Recht preisgekrönte Literatur. Den Lesegenuss an einer Prosa mit poetischen Sprachbildern und beeindruckendem Kontrast zwischen sanfter Landschaft und harter bäuerlicher Arbeit verdanken deutschsprachige Leser auch dem erstklassigen Übersetzer Werner Löcher-Lawrence.

Titelbild

Melissa Harrison: Vom Ende eines Sommers.
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
DuMont Buchverlag, Köln 2021.
400 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783832181529

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