Ich und Fake-Ich

Kei᾿ichirô Hirano lässt seinen fiktiven Schriftsteller die Idee des Identitätstauschs ergründen

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Alter Ego des Autors Kei᾿ichirô Hirano gibt gleich in der Eröffnungspassage des Romans den Rahmen für das Erzählte vor. Der Literat begegnet am Tresen einer Bar einem Mann, der sich ihm zunächst unter falschem Namen vorstellt. Als der Gast erfährt, dass sein Gegenüber Schriftsteller ist, entschuldigt er sich und nennt die korrekten Angaben zu seiner Person: Er sei der Rechtsanwalt Akira Kido, Jahrgang 1975, und damit so alt wie sein Gesprächspartner. Jener Kido erscheint dem Autor als sympathischer, ruhiger und sensibler Mensch. Aus professioneller Perspektive nimmt er ihn als interessante Existenz wahr, die sich als Vorlage für einen Roman eignet.

Flucht vor dem Ich

Damit beginnt die Erzählung – ein Autor findet sein Thema: Identitätsflucht oder, wie es in den Schilderungen heißt, Identitätstausch. Zentrales Motiv von Das Leben eines Anderen, im japanischen Original Aru otoko (wörtlich übersetzt: „Ein bestimmter Mann“), publiziert im Jahr 2018, ist die an verschiedenen Fällen erörterte Möglichkeit eines Individuums, in die Rolle eines Fremden zu schlüpfen. Auf diese Weise kann man ein anderes Leben führen als das durch die Geburt vorherbestimmte – vielleicht gelingt es dem neuen Eigentümer, die übernommene Biographie besser zu Ende zu bringen, als dies ihrem authentischen Inhaber möglich gewesen wäre. Die biographische Determination und mit ihr ein vorhersehbarer Lebenslauf werden in Hiranos Entwurf außer Kraft gesetzt: Das Fake-Ich eröffnet den Weg zu ungeahnten Chancen, zu Glück und Erfüllung jenseits eines als belastend empfundenen, geerbten Fatums. Zugrunde liegt dem Szenario das sich seit den 1960ern abzeichnende, seit den 1990ern häufiger bemerkbare und in Japan relativ verbreitete Gesellschaftsphänomen des jôhatsu, d.h. des sich „in Dampf verflüchtigen“. Zu den Faktoren, die potenziell ein solches spurloses Entschwinden aus einer bisherigen Existenz auslösen, zählen der ausgeprägte soziale Druck sowie Schamgefühle vor dem Hintergrund, Anforderungen nicht zu genügen. Während die Alternative des Selbstmords die Familie eines Betroffenen nur zusätzlich in Verruf bringen würde, erweist sich die spontane Flucht als die elegantere Lösung. Deshalb habe sich im Land, so der Roman, eine Identitätsbörse etabliert, über die man alternative Biographien erwerben und zu seinen eigenen machen könne.

Ausgangspunkt der Geschichte, die sich als Reigen biographischer Wechsel herausstellt, ist der Fall des Daisuke Taniguchi. Daisuke war fast vier Jahre lang der Ehemann von Rie, Schreibwarenhändlerin und geschiedene Mutter eines Sohns aus Südjapan. Als er bei einem Arbeitsunfall im Wald stirbt, offenbart sich, dass ihr Gatte, zugleich Vater der gemeinsamen Tochter, nicht der war, der er zu sein vorgab. Der Anwalt Kido wird mit der Recherche beauftragt, und ab diesem Moment entfaltet sich die Narration in fein konstruierten mäandernden Linien. Man erfährt von verwirrenden mehrfachen Identitätswechseln. Der echte Daisuke Taniguchi, zweiter Sohn der Betreiber eines Kurhotels in der Provinz, kehrt der ungeliebten Familie den Rücken und Makoto Hara, der Sohn eines Mörders, will sich vom Schicksal der Diskriminierung befreien. Falsche Personenzuordnungen ergeben sich zudem durch kriminelle Aktivitäten wie Versicherungsbetrug. Kido bewegt sich mit detektivischer Verve durch dieses Labyrinth, um die Motive der Untergetauchten nachzuvollziehen und schließlich das Rätsel in Bezug auf Ries Ehemann zu lösen.

Die Melancholie des Anwalts

Mit der Figur des engagierten, bald über Gebühr mit der Materie befassten Rechtsbeistands gelingt Hirano ein reizvoller Charakter. Geprägt ist der mehr und mehr am Schicksal des Makoto Hara interessierte Kido durch die koreanischen Wurzeln seiner Familie, die ihn immer wieder dazu zwingen, sich mit dem zainichi-Problem, d.h. dem Problem der Japan-Koreaner, auseinanderzusetzen. In der zu Diskriminierungen neigenden insularen Gesellschaft bedeutet eine nicht-indigene Abstammung selbst in der dritten Generation noch immer einen Makel. Da er im Unterschied zur Mehrheit der Bevölkerung einen differenzierten Blick auf die japanische Gesellschaft entwickelt hat, nimmt Kido soziopolitische Gegebenheiten wahr, hat Verständnis für Mitmenschen in schwierigen Lebenslagen und durchdenkt die Dinge oft auf zeitgeschichtlicher oder philosophischer Ebene. Dem Schriftsteller gegenüber rechtfertigt er sich anlässlich der Täuschung zu Beginn ihrer Bekanntschaft mit den Worten: „Ich versuche mich aufrecht zu halten, indem ich den Schmerz anderer Menschen lebe.“

Kidos Interesse an den Identitätswechslern liegt darin begründet, dass er ihre Entfremdung und Isolation auf der Basis eigener negativer Erfahrungen nachvollziehen kann. Schnell wird klar, dass der Liebhaber von Musik, Literatur und Film zur Melancholie neigt. Dazu tragen Minderwertigkeitskomplexe und seine ab und an aufbrandende Existenzangst bei. Auch die etwas schwierigen Umstände der Ehe belasten ihn, die Scheidung steht im Raum. Seine Frau Kaori, Tochter eines seit langem in Yokohama ansässigen Zahnarztes und von Beruf Firmenangestellte, leidet seit Frühjahr 2011 – als sich die Dreifachkatastrophe in Fukushima ereignete – unter Post-3.11-Stresssymptomen. Sie zeigt sich zeitweise als überfordert mit der Erziehung des Sohns Sôta, den sie streng maßregelt. Zu Kido baut sie immer größere Distanz auf. Vermutlich hat sie eine Affäre mit ihrem Chef. Obwohl es in der Familie auch glückliche Momente gibt, manifestieren sich bei den Ehepartnern unterschiedliche Auffassungen – etwa bei der Frage nach der Todesstrafe für Mörder. Der Anwalt fühlt sich nicht zuletzt deshalb zunehmend von der Idee angezogen, es den Verschwundenen gleichzutun und ebenfalls unter einem geborgten Namen eine neue Existenz zu wagen. Verstärkt wird dieser Impuls durch den Umstand, dass er im Verlauf seiner Nachforschungen Misuzu, die ehemalige Freundin von Daisuke Taniguchi, kennenlernt. Misuzu arbeitet zwei Abende in der Woche in einer Bar namens Sunny im bekannten Tokyoter Viertel Yotsuya-Sanchôme. Bei der attraktiven Frau mit ihrer lässigen Art fühlt sich der Anwalt sehr wohl. Es ist offenkundig, dass Kido, wenn ihn nicht das Pflichtgefühl in der Familie halten würde, sich in einem anderen Leben gerne bei ihr wiedergefunden hätte.

Professionelle Perspektiven auf die Seele

Kei᾿ichirô Hirano schreibt mit Das Leben eines Anderen nicht den für ihn üblichen Detektivroman, sondern eher einen philosophischen Text zu Fragen der menschlichen Freiheit, der Glücksfindung jenseits sozialer Normen und der Bildung von Persönlichkeit und Charakter. Beteiligt an der Diskussion dieser Faktoren sind direkt und indirekt Spezialisten für die Natur des Menschen: ein Schriftsteller (fiktives Alter Ego des Verfassers), Rechtsanwalt (Kido), Bartender (Misuzu) und Psychologe (Gesprächspartner Kidos). Während der Anwalt juristische und rechtshistorische Aspekte der Integrität des Individuums beleuchtet, trachtet die Autor-Persona danach, „außergewöhnliche Menschen“ als Modelle für seine Arbeit aufzuspüren. Allerdings müssten sie „auch etwas an sich haben, was sie zum Sinnbild für Andere oder einer ganzen Zeit werden lässt, damit sie, durch die Fiktion geläutert, Symbolcharakter erhalten“. Mit diesen Vorgaben strebt der fiktive Schriftsteller eine Literatur an, wie sie für die Shôwa-Ära repräsentativ war: humanistisch-weltanschaulich mit existentialistischen Anklängen und auf die Erörterung der Conditio Humana ausgerichtet.

Hiranos Retro-Entwurf beinhaltet zudem eine Bezugnahme auf psychologische Ansätze, genauer auf den Entwurf des geteilten Selbst (divided self) von R.D. Laing (1927-1989) aus den 1960er Jahren. Dieser besagt, ein gesellschaftlicher Außenseiter könne weder sich selbst noch andere als „real“ begreifen; er konstruiere ein falsches Selbst, mit dem er der Außenwelt und seiner eigenen Verzweiflung entgegentrete. Schreite die Entwicklung auf psychopathologischer Ebene fort, desintegriere sich die Persönlichkeit und die Konstellation zwischen genuinem Ich und Fake-Ich ende in einer schizophrenen Zuspitzung. Denkt man den Text in einem solchen Muster, eröffnen sich diverse Deutungen: Handelt es sich bei Das Leben eines Anderen eventuell nicht vorrangig um die Spurensuche für eine Klientin, sondern um die Schilderung der eigenen seelischen Konfliktphase des Anwalts, aus dessen Ehekrise ein Fake-Ich-Szenario erwächst? Plant er als Makoto Hara mit Misuzu tatsächlich das Leben eines Anderen zu führen? Oder könnte man die Komposition als Simulation des Autordaseins während des Schreibprozesses verstehen, als Dokumentation der zeitweisen Auflösung des schreibenden Ich in die vielen Personen des Texts?

Hirano verwiese dergestalt auf die unübertroffenen Potentiale des Literarischen als Ort, an dem multiperspektivisch jegliche Konstellation durchgespielt werden kann. Nicht ohne Grund spricht er in Das Leben eines Anderen die Leseerfahrungen seines Protagonisten (kanonische Autoren der japanischen Moderne wie Ryûnosuke Akutagawa und Motojirô Kajii) an, wie er auch die Wirkkraft der Literatur als Universaltherapeutikum betont: Sie ist Medium der Lebensreflexion sowie der Lebensbewältigung. In ihr und durch sie werden Momente geistiger Inspiration gestaltet, die dem Individuum mit der Kenntnis zahlreicher Identitäten über die Beschränkungen des eigenen Selbst hinweghelfen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Keiichirō Hirano: Das Leben eines Anderen. Roman.
Aus dem Japanischen von Nora Bierich.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022.
360 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783518430552

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