Formen rationalen Denkens unter dem Einfluss religiöser Deutungsmuster
In „Über phantasmatische Vernunft“ untersucht Heiner Hirblinger essayistisch, wie Rationalität unter Macht- und Verdrängungsprozessen ihre Wahrheitsfähigkeit einbüßt
Von Sebastian Meißner
Mit dem Konzept der phantasmatischen Vernunft möchte ich (…) auf einen Typ von Rationalität hinweisen, in dem der Verlust von schöpferischer Erfahrungsfähigkeit zu einem Komplex oder zu einer Struktur geworden ist, die den epistemischen Habitus von Individuen und Gruppen bewusst und unbewusst in ein bestimmtes Verständnis von Rationalität zwingt und dabei zu einer Kraft wird, die auch im Prozess der Zivilisation ihre Effekte hinterlässt.
Mit diesem programmatischen Satz aus dem Vorwort beschreibt Heiner Hirblinger, Philosoph, psychoanalytischer Pädagoge und ehemaliger Gymnasiallehrer, ein zentrales Ziel seines Buches Über phantasmatische Vernunft. Vom falschen Denken in Machtprozessen und steckt zugleich den Horizont einer Untersuchung ab, die sich zwischen Erkenntniskritik, Kulturtheorie und Psychoanalyse bewegt. Die im Band versammelten Essays kreisen um die Frage, wie sich Formen rationalen Denkens unter dem Einfluss religiöser Deutungsmuster, psychoanalytisch beschreibbarer Abwehrmechanismen und institutionalisierter Bildungs- und Machtkontexte verfestigen – und dabei zu systematischen Verkennungen dessen führen können, was Freud als die „facts of life“ bezeichnet hat. Hirblingers Interesse gilt dabei nicht der Denunziation von Vernunft, sondern ihrer kritischen Rekonstruktion unter den Bedingungen moderner Zivilisation.
Aufbau und prismatische Anlage
Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert: „Die Wahrheitsfrage“, „Aufklärung jetzt! – Sieben Thesen zu ‘Paulus und Feud’“, „Der Blick in den Abgrund“, „Hölderlins politische Theologie“, „Navid Kermanis Poesie des ‘Zufalls’“, „Das adoleszente Ich in digitaler Lebenswelt“ sowie „Die Vernunft des Settings und die Idee der Bildung“. Schon diese thematische Spannweite macht deutlich, dass Hirblinger kein geschlossenes Theoriegebäude errichten will. Statt einer systematischen Abhandlung entfaltet sich ein Nebeneinander von Essays, die jeweils unterschiedliche Erscheinungsformen phantasmatischer Rationalität beleuchten. Diese prismatische Struktur erlaubt es, mentale Dissoziationen, affektive Fixierungen und epistemische Verengungen in sehr verschiedenen Praxisfeldern sichtbar zu machen – von religiösen Texttraditionen über literarische Erfahrung bis hin zu digitalen Sozialisationen und Bildungsarrangements.
Macht, Verdrängung und Wahrheit
Ein zentraler Strang des Buches ist die Analyse von Machtprozessen, die unter dem Vorzeichen von Sicherheit, Ordnung und vermeintlicher Alternativlosigkeit den offenen, pluralen Diskurs über Wahrheit beschneiden. Hirblinger zeigt, wie solche Dispositive in politischen, gesellschaftlichen und religiösen Kontexten Ressentiments stabilisieren, reaktive Denkformen begünstigen und Konfliktlösungen blockieren. Dabei geraten Tabuisierungen, kollektive Affektlagen und massenpsychologische Dynamiken in den Blick, die rationales Abwägen unterlaufen, ohne sich selbst als irrational zu erkennen zu geben. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch Hirblingers grundlegende erkenntniskritische Intervention an Kontur, wenn er im Vorwort schreibt:
In diesem Sinne gilt es dann allerdings zunächst das objektivistische Missverständnis aufzulösen, das uns daran hindert, im Phantasma das Stück Wahrheit und in der Wahrheit die phantasmatische Ummantelung als zwei Seiten derselben mentalen Gestalt zu verstehen, die sich im Prozess der Zivilisation durch „Selbstzwänge“, „Verdrängung“ und „Schamgefühle“ bilden können.
Wahrheit erscheint hier nicht als Gegenpol zum Phantasma, sondern als dialektisch mit ihm verschränkt.
Wiederkehr des Verdrängten
Besondere Bedeutung kommt den beiden Essays zu Hölderlin und Navid Kermani zu, mit denen Hirblinger explizit zu den Anfängen seiner eigenen wissenschaftlichen Biographie zurückkehrt. In ihnen verfolgt er die Frage, welchen Beitrag ästhetische Erfahrung und ihre Verarbeitung für eine Kritik phantasmatischer Vernunft leisten können. In Anlehnung an Freud – insbesondere an Totem und Tabu – wird deutlich, dass erst das Wiederauftauchen des Verdrängten den Blick auf den im Phantasma enthaltenen Wahrheitsgehalt freigibt. Ästhetische Erfahrung fungiert dabei als ein Medium, in dem sich blockierte oder abgespaltene Bedeutungen erneut artikulieren können. Für Hirblinger ist dies, wie er nahelegt, das zentrale Anliegen Hölderlins: eine Form von Vernunft zu denken, die sich der eigenen Abgründigkeit aussetzt, statt sie zu verleugnen. Auch Kermanis Poetik des Kontingenten erscheint vor diesem Hintergrund als ein Versuch, starre Rationalitätsformen aufzubrechen und dem Konkreten wieder Geltung zu verschaffen.
Würdigung und Ausblick
Über phantasmatische Vernunft ist kein Buch der schnellen Thesen oder eindeutigen Antworten. Seine Stärke liegt in der geduldigen, essayistischen Annäherung an Denkformen, die sich gerade durch ihre Selbstverständlichkeit der Kritik entziehen. Indem Hirblinger psychoanalytische, theologische, literarische und bildungstheoretische Perspektiven miteinander verschränkt, gelingt ihm eine vielschichtige Diagnose moderner Rationalität in Machtprozessen. Das Buch lädt dazu ein, Vernunft nicht länger als reine Instanz der Entzauberung zu verstehen, sondern als historisch, affektiv und institutionell geformtes Geschehen. Gerade in dieser Offenheit – im Verzicht auf ein geschlossenes System zugunsten eines produktiven Nebeneinanders – entfaltet der Band seinen kritischen und intellektuellen Reiz.
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