Ein Roman, der den Kranken als Mensch zeigt

Familie, Freundschaft und eine positive Haltung zum Leben prägen Stefan Hornbachs intensives Debüt „Den Hund überleben“

Von Martin GaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Gaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn man das diesem Buch vorangestellte Zitat aus Susan Sontags Krankheit als Metapher liest, ist sofort klar, dass diese Lektüre keine leichte, primär unterhaltsame werden wird. Doch Obacht: Den Hund überleben ist keine schlimme Krankheitsgeschichte, die während des Lesens ein permanentes „Oh Gott, der Arme“ provoziert oder Berge von verheulten Papiertaschentüchern verursacht. Dieses starke Debüt  postuliert einen anderen, optimistischen, dem Leben zugewandten Umgang mit Krebs.

Also, worum und um wen geht es? Um Sebastian, einen 24-jährigen Studenten, der zu Beginn des Buches zu Besuch bei seiner sehr guten Freundin Su in Paris ist. Die Beiden haben viel Spaß, sind auf Partys, gehen shoppen, trinken viel. Sebastian verbringt eine wilde Nacht mit einem älteren Typen, der ihn irgendwo aufgegabelt hat. Nach diesem prallen Anfang kommt der totale Absturz in Form einer niederschmetternden Diagnose. „Sie haben da eine Geschwulst, sagte der Radiologe, und ich wunderte mich, dass er eine sagte, nicht ein.“ Sebastian hatte immer mal wieder Schmerzen, ein Drücken, weswegen er nach dem Paristrip zum Arzt ging. Ganz, ganz langsam setzt das Verstehen ein, ihm wird klar, dass es um einen Tumor geht, dass er sehr ernsthaft krank ist. Doch die Dimension dessen, was nun auf ihn zukommen wird (und für wie lange), ist in diesem frühen Stadium, das noch zu sehr von der Überraschung und dem Schrecken geprägt ist, nicht fassbar.

Stefan Hornbach arbeitet sich an dieses Verstehen, an das Akzeptieren-müssen sehr klar heran, sein Protagonist versinkt nicht in Heulkrämpfe und Apathie, doch er muss schnell gewärtigen, dass das lockere, das unbeschwerte Leben auf einen Schlag vorbei ist. Und so bleibt ihm als direkte Reaktion nichts anderes übrig, als seine WG erst einmal zu verlassen und wieder zu seinen Eltern zu ziehen, da er dort – er ist ein Einzelkind – die dringend benötigte Unterstützung und organisatorische Sicherheit bekommt. Stefan Hornbach, der dieses Thema bereits vor acht Jahren beim Berliner open mike und in seinem vielbeachteten Theaterstück Über meine Leiche (Uraufführung 2016 in Osnabrück) verarbeitet hat, zeigt in Den Hund überleben auf der langen Distanz des Romans viele Aspekte dieses grundlegenden Lebenseinschnitts. Die Rückkehr ins Kinderzimmer, das erneute Leben mit den Eltern, die Teilnahme an familiären Ritualen, das Spazierengehen mit dem Hund, all das sind Vorgänge, die den bereits so selbständigen Studenten, den spontan Reisenden, den ausgelassenen Liebhaber seine Energie verlieren lassen.

Doch kann es ja nicht anders sein, die Krankheit und die beginnenden Therapien, die vielen Autofahrten und Diagnosebesprechungen, die Klinikaufenthalte verengen den Horizont, lassen kaum gedankliche Freiräume und schon gar keine Aktionen zu. Meint man. Doch tatsächlich mutiert Sebastian nicht zum ausschließlich Kranken, zum Patienten ohne „Restleben“, seine ehemalige Freundin Jasna, die ihm manchmal mit etwas zu viel Enthusiasmus und abenteuerlich anmutenden Ideen Wege aus der Krankheit zeigen will, besucht ihn häufiger. Und er verliebt sich, trifft den ein paar Jahre jüngeren Linus, mit dem er einige sehr intensive und schöne Begegnungen hat und der ihn für ein paar Tage in seinem Elternhaus besucht. Stefan Hornbach gelingt in dieser Episode etwas sehr Besonderes, indem er sowohl den Umgang des jungen Paares miteinander, als auch den von Sebastians Eltern und Großmutter mit dem Freund des Sohnes/Enkels in keiner Weise besonders ausstellt; die Sensiblitität und Feinheit sind bewundernswert, die Dichte dieser Passage beeindruckend.

Und so gibt es viele Stellen in diesem unterhaltsamen Roman, der den Vergleich mit anderen Romanen, deren Hauptfiguren ebenfalls junge Menschen sind, in keiner Weise zu scheuen braucht und die das Buch und dessen Lektüre immer wieder auf angenehme Weise wegführen vom Problem, von der Krankheit, vom durchaus denkbaren Tod, ohne jedoch irgendetwas an der Ernsthaftigkeit des Themas zu schmälern. Diese Balance ist Stefan Hornbachs Kunst und großes Verdienst, mit Den Hund überleben hat er einen sehr besonderen Roman geschrieben, der ohne zu viel Pathos den Wert von Freundschaft und Familie zeigt, der trotz der ganz großen, der existenziellen Themen unter dieser Last nicht zerbricht.

Titelbild

Stefan Hornbach: Den Hund überleben.
Hanser Berlin, Berlin 2021.
288 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783446270787

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch