Der Corona-Leugner-Leugner

Mit „Schwermutmacher“ verordnet uns Ulrich Horstmann eine heilsame COVID-Zivilisationskritik

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Kleist-Preisträger Ulrich Horstmann und die Schwermut haben eine gemeinsame Geschichte. Sie ist nachzuverfolgen in den Essays Die Kunst des großen Umsonst. Melancholie als ästhetische Produktivkraft (1989) und Der lange Schatten der Melancholie. Versuch über ein angeschwärztes Gefühl (2012). Sie erklingt in Horstmanns vielbeachteter Burton-Übersetzung Anatomie der Melancholie (1988) ebenso wie in seinem Melancholie-Lesebuch Die stillen Brüter (1992). Als Leitmotiv durchzieht das schwermütige Temperament auch Horstmanns literarische Arbeiten.

Mit Schwermutmacher lässt der Autor, laut Klappentext, keine metadiskursiven Mitteilungen über Melancholie folgen, sondern solche „aus der Innenperspektive, die, mal Schwermut machend, mal schwer Mut machend, über die Stränge schlagend und auf Resonanz aus sind“. In den zwei etwa gleich langen Teilen des Bandes geben sich Gedichte und Aphorismen ein Stelldichein. Wobei, wie Horstmann dem Rezensenten einmal mitgeteilt hat, die Gattungsgrenzen produktionsästhetisch fließend seien: Manche der aphoristischen Entwürfe evolutioniert der Autor zu Versen – der umgekehrte Weg dagegen werde praktisch nie beschritten. Wie umwegig sich der Schaffensprozess dabei gestalten kann, lesen wir im Gedicht „Punktlandung“: Ein „Spitzengedicht“ erhebe sich als „Kartenhaus“ auf den Trümmern eines „vergeigt(en)“ ersten Spiels. „Nach dem Gnadenstoß“ (hat man) auf Trümmern […] freie Bahn“.

Wie für Petrarca, so hat die Melancholie für Horstmann tausend Ursachen. Eine davon ist das Bewusstsein der Begrenztheit unserer Existenz. Was uns vor allen andern Lebewesen auszeichnet, ist die Fähigkeit, dieser zuzustimmen. So arbeitet sich Horstmann in seinen Gedichten in die „Welt-ohne-mich“ vor. Hier ziehen antarktische Temperaturen und „Dauerfrost“ auf. Lebensfeindliches „Packeis“ und „Gletscher“ machen sich breit. Das lyrische Ich verspürt „Grabeskühle“ und bekommt „kalte Füße“. Der Leser blättert Horstmanns Bekunden nach in einem „Nachruf“, dem das Löschpapier zu anderen Zeiten „die Totenmaske“ abgenommen hätte. Und in einem Magazin halten die Regale mit dem Vorlass des Autors „dicht […] für die Nachgeschichte“.

Die Bilder des Endes kommen nicht ohne Flashbacks aus. Experimentelle Lyrik „in Keilschrift“ verweist auf die menschliche Frühgeschichte. Sie wird begleitet von Reminiszenzen in Form erinnerter „Weißt du nochs“ und „Has Beens“. Dazwischen blitzen Kindheitsszenen auf. Sie zeigen Horstmann als fünfjährigen „Dotz“.

Doch nicht immer geht es in Schwermutmacher so existenziell zu. Als „Mitteilungen ohne Mundschutz“, den er auch als „Maulkorb“ versteht, legt sich der Skeptiker Horstmann über Seiten hinweg gegen die aktuellen „Coronarr“-Maßnahmen ins Schreibzeug. Regierungsseitig sei ein „Lockdown des gesunden Menschenverstandes“ verhängt worden. Wirtschaftliche Depression, Vernichtung wirtschaftlicher Existenzen, soziale Paralyse, Aufkündigung bürgerlicher Freiheiten mitsamt verheerender Auswirkungen auf den Bildungs- und Kulturbereich sind die melancholisch machenden Folgen des in seinen Augen „grotesken Corona-Mißmanagements“. Auch wenn manche der verarbeiteten Informationen den Faktencheck nicht bestehen würden, Horstmann die Mortalitätsfolgen ungebremster Wellen auf die leichte Schulter zu nehmen scheint und Langzeitfolgen mit keinem Wort erwähnt – unsinnigerweise wollten wir an dem genesen, was „neun von zehn […] als saisonale Erkältung durchgeschwitzt und durchgewunken“ hätten – von der Hand zu weisen ist seine Gegenwartsdiagnose dennoch nicht.

Denn der Autor erweist sich wie schon in seinem letzten Aphorismenband Blasser Schimmer (2021) als blitzgescheiter Corona-Leugner-Leugner. Denn öffnet man den Blickwinkel mit Horstmann nur ein wenig und stellt die Ereignisse in einen zivilisationskritisch und seuchengeschichtlich erweiterten Rahmen hinein, so beginnen sich die Maßstäbe unserer gesellschaftlichen COVID-Konstruktion plötzlich zu verschieben.

Reagieren wir nicht panisch und kopflos auf die Erfahrung eines „kollektiven Ausgeliefertsein(s)“? Überheben wir uns nicht, wenn wir glauben, Pandemien „wegimpfen und wegdigitalisieren“ zu können? Ist die Virenfreiheit nicht eine Illusion und das Aufrüsten „bis zur Selbstschädigung“ von vornherein zum Scheitern verurteilt? Stellt der Impfschutz der „als Vergleichmaßstab verpönte[n] Grippe“ nicht Jahr für Jahr seine Unzulänglichkeit unter Beweis? Wer sind denn die wahren Corona-Leugner? Diejenigen, die sich ihre Ohnmacht eingestehen und mit dem Unvermeidlichen leben lernen oder diejenigen, die uns, der Unverfügbarkeit der Natur zum Trotz, zum Heil der Keimfreiheit führen wollen?

Zu Recht leugnet Horstmann, das Virus zu leugnen. Im Gegenteil erkennt er es als „unerfreuliche Begleiterscheinung“ an, die man hinnehmen müsse. So hätte man Corona „links liegen lassen“ und „die virale Verkettung unglücklicher Umstände geschmeidig in einen trauten Wegbegleiter um( )biegen“ können. Integration statt allgemeiner Mobilmachung laut also die Losung.

Zum Zeitpunkt seines Erscheinens war Schwermutmacher eine Zumutung. Unter dem dominanten politisch-wissenschaftlichen Paradigma wurde Kritik an der herrschenden Marschrichtung oft reflexartig in die Schwurbelecke verwiesen. Dieser Gefahr hatte sich auch der Autor ausgesetzt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erscheinen Horstmanns Diagnosen dem in Aussicht gestellten Übergang in die endemische Phase allerdings gar nicht einmal so unähnlich.

Mitunter kommt die Schwermut leichtfüßig daher. So zeigt sich Horstmann als neugieriger und wissbegieriger Zeitgenosse – als Bücher verschlingende Leseratte, beim Betrachten von Werken der bildenden Kunst, beim Lateinlernen, bei Ausflügen in die Sprachgeschichte. Gleich drei Aphorismen widmet er Fritz J. Raddatz, in dessen „zwanghafte(r) Nabelschau, dem ebensowenig abstellbarem Hadern mit […] Nichtzurkenntnisnahme und einem überkompensierten Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Begnadeten“ sich der Autor wiedererkennt. Nur humortechnisch liege man himmelweit auseinander: „FJR macht keinen Spaß.“

Für Horstmann hat eine melancholische Lebenshaltung immer etwas mit Aktivität und Selbstbehauptung zu tun. Dieses ästhetische Programm beschreibt auch der letzte Aphorismus des Bandes: „Auf der Wippe kesse Lippe dieser hipp, hipp, hoppen allerletzten Kippfigur: sich der Aufgabe stellen.“

Titelbild

Ulrich Horstmann: Schwermutmacher. Gedichte und Aphorismen.
PalmArtPress, Berlin 2021.
144 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783962580957

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