Vom anderen Stern

Die „Libelli“ des Dichters Martin Hüttel

Von Georg WitteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Witte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn аußerplanetarische Besucher kämen – wie würden sie mit uns sprechen? Was würden sie uns schreiben? Die Frage trieb schon die Alten um, und heute befeuert sie SF-Phantasien. In Denis Villeneuve’s Film „The Arrival“ ist eine Sprachwissenschaftlerin vor die fast unlösbare Aufgabe gestellt, Zeichen der Besucher vom anderen Stern zu deuten. Diese Zeichen haben mit allem, was sich in der Menschheitsgeschichte als Schrift etabliert hat, nichts zu tun: auf- und abquellende, zyklische, fluide Ornamente, mit einer unbekannten Flüssigkeit für Sekunden auf transparente Flächen geblasen, bis sie wieder verschwinden oder sich in neue Unbeständigkeiten verwandeln. Es sind Quell-Codes im ganz wörtlichen Sinn.

Was aber fangen die Gäste ihrerseits mit dem an, was wir ihnen als Worte in Rede und Schrift anzubieten haben? Unter dieser phantastischen Perspektive ließe sich eine kleine Poetik der Dekodierung entfalten. Stellen wir uns vor, dass es Verse sind, Reime, metrische Rhythmen, poetische Reize für unsere „Anklangsnerven“ (Peter Rühmkorf), die auch den Außerplanetarischen vernehmbar sind. Ihnen folgend würden sie das ihnen gänzlich unverständliche Wort- und Buchstabenmaterial zu Folgen arrangieren, ungefähr so wie Sprachhistoriker es mit ausgestorbenen Schriftsystemen machen. Sie verfertigen kleine Probebücher ihrer Versuche, in Versen den fremden Worten auf die Spur zu kommen, rhythmische und dann vielleicht auch Sinnzusammenhänge zwischen ihnen zu entdecken.

An solche Probebücher erinnern die Libelli des Dichters Martin Hüttel. Er scheint voraussetzungslos an Fundstücke aus Rede und Schrift heranzugehen. Unterschiede zwischen Wortklassen, zwischen Hilfs- und Hauptwörtern, zwischen Namen und Begriffen sind ihm nicht bekannt. Er arrangiert dieses Material, dessen grammatische Systeme, nationale Zugehörigkeiten und kulturelle Gewichtigkeiten er methodisch ignoriert, je nach rhythmischen und klanglichen Passformen in Experimentalreihen. Das erinnert an philologische Techniken der Interpolation und Konjektur: Einfügen plausibler Worte in Lücken, Rekonstruktion fehlender oder verstümmelter Textfragmente anhand von parallelen Mustern. „Glossen“ nennt Hüttel seine Gedichte – also Randvermerke, Übersetzungshilfen. Als seien seine Texte nur die Nebenschriften zu einer abwesenden Hauptschrift. Und wenn er sämtlichen Gedichten in Parallelheften eine russische Übersetzung beifügt, erinnert das an die Methode der Konkordanz. Eine Schrift begleitet und entschlüsselt die andere. 

Die so entstehenden Sätze sind Filterprodukte eines unentwegten rhythmischen Organisierens des Wortsalats. Immer in denselben Mustern, hundertfach, tausendfach: „die Worte worten Leute leuten“, „Clouds ohne Clouds am Abendhimmel“, „hier jetzt und hier und also immer“, „komm halt den Rand geh halt das Wort“, „hirnrissig ausgesterntes Pathos“, „die Krähen karikieren Krähen“. Dann bilden sich kleinere Gruppen: „zumeist als ob zuweilen spastisch / behämmert und versichelt Absicht“, „ein Hund zeigt sich jetzt allerorten / wo der Messias kommen will“. Und schließlich Strophen: „Von hier aus geht kein Krieg nicht aus / wo jeder niemand und doch alle / laut lauter lauthals zu gefallen / besoffen an sich uns verspricht“.

Versprechen – oder sich Versprechen? Der Unterschied schwindet, „wenn sich die Vernunft postum verspricht“. Die Dopplung des antizipierenden Versprechens und des iterierenden Sich-Versprechens, des Ahnens und des Irrens, bewirkt einen Redezwang. Man kann nicht mehr aufhören („kopflos im Wort die Worte worten“, „das Reden redet unentwegt“). Das Sich-Versprechen duldet keine Pause, man muss immer weiter: „From dusk till dawn und weiter weiter / am Horizont ein Licht kein Licht / die Mode wechselt Tote bleiben / im Kopf verspricht sich das Gesicht“.  Man taumelt blind und sehend zugleich herum im Gestöber der Worte. In einer Poetik des Versprechens kommen die Worte nicht zur Ruhe, ihre Freiheit ist die von Gejagten („die Sprache spricht sich vogelfrei“).

Redezwang ist die Ausdruckskunst der Paranoia. Hier herrscht ein Beziehungswahn, in dem alles und jedes durch geheime Fäden und Strahlen miteinander verbunden ist. Die Rede des Paranoikers ist das stimmliche Insistieren eines zur Methode gewordenen Wahnsinns. Wenn das Sich-Versprechen Regel wird, dann stiftet der Lapsus höheren Sinn. Gerade die kleinen Versprecher eröffnen dem Paranoiker die dunklen Vernetzungen, die den Normalen verschlossen bleiben. So lassen zum Beispiel „zahlenlose Zahlen“ statt zahlloser Zahlen eine mystische Mathematik erahnen.

Die fast durchgängige Ordnung der Strophen in den Libelli ist die des Sonetts, nur wissen die dichtenden Sprachforscher vom anderen Stern wohl nichts von der Abgeschlossenheit dieser Form. Sie ist ebenso Reihungsmasse wie Worte, Verse, Strophen. Innerhalb ein und desselben Gedichts folgen drei oder mehr Sonette nacheinander. Auch Gedichte der Romantik und Volkslieder werden als Generatoren von Strophen entdeckt. Allerdings sind Unterschiede zwischen Novalis, Matthias Claudius und einem Karnevalslied unbekannt. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade in den poetischen Niederungen Strophen entstehen, die verständlicher Rede am deutlichsten nahekommen – im vulgären Register: „Der Rosenmontag Hose offen / der Prinz vor lauter Prinz besoffen / der Bauer Jungfrau und die Jecken / mit Kohle ja mit Dreck am Stecken“.

Martin Hüttel nennt seine Gedichte Städtereisen und gibt ihnen den Untertitel „Glossen zur oneiroiden Touristik“. Die Routen sind mal lokal begrenzt, mal planetarisch weit. Oft sind es Städte des Ruhrgebiets, des Rheinlands, Schwabens, Berlin und Potsdam, oder auch, noch enger vermessen, deren Stadtteile (Querenburg, Aplerbeck, Kreuzberg, Babelsberg). Genauso oft aber bewegen wir uns in multilingualen Hotspots einer globalistischen Moderne zwischen New York und Tbilissi. Geschichtlich beladene und belastete Orte (Dachau, Buchenwald, Königsberg, Todtnau alias Toutenouuah, Jerusalem alias Al-Quds) werden ebenso besucht wie neue und alte imperiale Metropolen („Sankt Leningrad“). Traumreisen sind das aber nicht im Sinne touristischer Reklame. Traumhaft sind die poetischen Reisen aufgrund ihres unentwegten Verschiebens und Verdichtens der Worte („im Kopf unendlicher Verkehr“), also eben jener von Sigmund Freud untersuchten Arbeit des Traums. Städtenamen sind die Signaturen von Verschiebebahnhöfen innerhalb und zwischen den Sprachen. Redezwang wird Redetransfer. Die Glossen sind Glossolalie, wie Gisela Krey in ihrem fundierten Begleitessay erörtert.

Die interstellaren Linguisten haben uns also, um unsere Sprache zu verstehen, Gedichte geschenkt. Und je mehr sie zu verstehen beginnen, umso besser verstehen wir selbst die Tiefenzeit unserer Sprache, unserer Sprachen. Kein Gedicht, dessen Worte nicht imprägniert wären vom Echo der Kriege, Völkermorde, Revolutionen, Klassenkämpfe. Das immerzu und überall hörbare Gekrächz der Krähen, das Heulen der Hunde – Hörproben für die Apokalypse. Und wenn unsere Augen mit schwebender Aufmerksamkeit über die Zeilen driften, sehen wir – in Bochum oder Dortmund, Teheran oder Jerusalem, Moskau oder New York, Prag oder Odessa, Basel oder Eriwan –  ein alles beherrschendes, heilig unheiliges Paar: Gott und Geld. Sie spuken in verstörender Austauschbarkeit durch jedes Gedicht. An beide muss man glauben. Der Gott dieses Dichters ist so mystisch wie banal, er würfelt nicht und würfelt doch, stars & stripes sind die Universen, die er schöpft. Sein „reinster Reim“ ist der Spott. Gott und Geld sind so etwas wie poetische Joker. Wo Gott ist, wird Geld werden. Wo Geld ist, wird Gott helfen.

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Martin Hüttel: Libelli 1. Fünf Hefte in Sammelmappe. a) Martin Hüttel: Städtereisen, b) ders: Städtereisen+, c) ders.: Goroda, d) ders.: Rotfront, e) Gisela Krey: Stadt-Land-(Sprach-) Fluss.
Aspei, Bochum 2025.
163 Seiten , 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783936839357

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