Krummelus und Ecstasy

Abgebrochene Bildungsromane: Die Verlage haben die Vorzüge der neuen jungen Literatur entdeckt

Von Kolja MensingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kolja Mensing

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt nichts Schlimmeres, als erwachsen zu werden. Dieses Problem ist in der Literatur schon oft behandelt worden, aber bisher kam es nur einmal zu einer zufriedenstellenden Lösung. "Ich will niemals groß werden", sagt Thomas ganz am Ende von Astrid Lindgrens Kinderbuch "Pipi im Taka-Tuka-Land", und Pipi findet die Vorstellung auch nicht besonders attraktiv: "Große Menschen haben niemals etwas Lustiges. Sie haben nur einen Haufen langweilige Arbeit und komische Kleider und Hühneraugen." Darum kramt Pipi aus irgendeiner Schublade drei Pillen hervor: Das seien Krummelus-Pillen, erklärt sie, die müsse man im Dunkeln schlucken, einen magischen Spruch dazu aufsagen, und dann werde man ganz bestimmt nicht mehr erwachsen.

Nach solch einer Krummelus-Pille hat man sich auch im deutschen Literaturbetrieb lange gesehnt. Die Schriftsteller waren nämlich lange Zeit viel zu alt, vor allem die jungen unter ihnen. Vor einigen Jahren sprach man deshalb zum Beispiel gerne belustigt von den "sogenannten jungen Schriftstellern" - Menschen, die bei Suhrkamp und ein paar anderen Verlagen ihre Debüts veröffentlichen durften oder auf dem Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ihre Text vorlasen, aber meist schon reichlich über Dreißig waren. Also alt. Doch irgendetwas müssen sie im Dunkeln eingeworfen haben, die Schriftsteller und Schriftstellerinnen, und den richtigen Spruch dazu gesagt haben. Denn inzwischen ist alles anders geworden. Auch wenn es immer noch den einen oder anderen Debütanten gibt, der auf die Vierzig zugeht: In Klagenfurt lesen Anfang-Zwanzigjährige und den vorläufigen Rekord im inoffiziellen Wettbewerb des Literaturbetriebs um die jüngste Jugendlichkeit hat der gerade erst siebzehnjährige Münchner Autor Benjamin Lebert mit seinem Roman "Crazy" aufgestellt. Die deutschen Verlage, man kann es in diesem Frühjahr in ihren Programmvorschauen sehen, haben die Krummelus-Literatur entdeckt: Lies' keinen über dreißig.

Klar, daß die Geschichten dieser neuen jungen Literatur auf den ersten Blick nicht besonders aufregend sind. Aus einem Schulwechsel, einem Abitur oder einer Krise während eines Studiums kann man nun nicht gerade hochdramatische Prosa machen. Darum ist die meist schön bunte und poppige Innenausstattung der Romane um so wichtiger. Musik taucht zum Beispiel immer auf. Popmusik, natürlich - ob Benjamin Lebert nun seinen Lesern mit dem Blick eines Archäologen erklärt, daß die Rolling Stones "eine Rockgruppe aus vergangener Zeit" ist oder Benjamin von Stuckrad-Barre im vergangenen Jahr in seinem Buch "Soloalbum" über zweihundert Seiten lang eigentlich nur darüber geschrieben hat, warum es vollkommen in Ordnung ist, gleichzeitig "Oasis" und die "Pet Shop Boys" gut zufinden.

"Gogo-Girl" ist ein Buch, das in diesem Frühjahr erscheint, und das die deutsche Popmusik der 90er Jahr gleich eins zu eins umsetzt. Die Autorin Sarah Khan - Jahrgang 1971 - schickt ein Mädchen namens Ruth mit einer Hamburger Jungsband nach Berlin und wieder zurück. Es gibt einen Ex-Freund, der irgendwie doch noch ganz nett ist und in den man sich vielleicht wieder verlieben könnte, und das war es dann schon. Mehr passiert nicht, nur ein bißchen Alltag. "Tocotronic" oder die "Sterne" hätten ein Lied daraus gemacht, doch das weiß die Autorin selbst: "Songtexte machen Gedichten Konkurrenz", stellt sie fest, "heute werden alle Empfindungen in Songtexte gesteckt". Oder eben in Bücher, die wie Songtexte sind. So darf man das wohl weiterdenken.

Diese Romane, die mit fetten Beats und karger Handlung im Format eines lakonischen Popsongs auftreten, wollen klein bleiben und trotzdem ein bißchen das große Literaturspiel mitspielen. Darum zitieren sie frech die berühmten Kollegen oder nehmen sie zumindest für ein paar Seiten mit auf den Krummelus-Trip. So muß in Benjamin Leberts Roman "Crazy" Hemingway herhalten: "Der alte Mann und das Meer ... das soll ja ziemlich gut sein", sagt da jemand, "Meinst du, du kannst mir etwas daraus vorlesen? Einfach so? Zum Spaß? Wir haben ja sowieso noch ein wenig zu fahren. Außerdem möchte ich mal Literatur gelesen haben." Also liest Erzähler Benjamin seinen Kumpels Hemingway vor, während sie mit der Deutschen Bahn AG aus ihrem Internat fliehen. Zum Schluß müssen die Jungs alle weinen und haben etwas über die Literatur, das Altwerden und das Leben im Allgemeinen gelernt.

Das funktioniert auch bei ausländischen Jungautoren, die von deutschen Verlagen begeistert veröffentlich werden. Kéthévane Davrichewy, eine junge Französin, läßt die Erzählerin Thalia in ihrem gerade erschienenen und etwas hastig zusammengesetzten Roman "Schokoladeneis" verzweifeln: Die beste Freundin liest doch tatsächlich Célines "Reise ans Ende der Nacht" - und dabei waren sie doch einst "beide in Arthur Rimbaud verliebt." In Proust ist Thalia natürlich auch verliebt, und so wie Marcel sich an die Sommeraufenthalte als Kind in Combray erinnert, schaut Thalia bei ihrer Suche nach der verlorenen Zeit nach Precy: "Precy, das war unsere Kindheit. Und dann war eines Tages unseren Eltern klar geworden, daß wir unsere Kindheit hinter uns hatten. Unsere Freunde nahmen Drogen. Wir sind nie mehr dagewesen." Das ist das Stichwort: Drogen gehören zur ganz jungen Literatur einfach dazu. Wenn sie auftauchen, ist die Kindheit zu Ende, in ein Erwachsenenleben gehören sie aber auch nicht hinein. In Alexa Henning von Langes wunderschön oberflächlichem Debüt aus dem vorletzten Jahr, dem Raver-Roman "Relax", wurde zum Beispiel ganz viel geschnieft, geraucht und eingeschmissen. In Sarah Khans "Go-Go Girl" sind es zwar immer nur die anderen, die Drogen nehmen - die dabei aber von der Erzählerin mit einer ungeheuer lässigen Selbstverständlichkeit betrachtet werden: voll normal, schließlich sind das hier die 90er!

h es sein kann, Drogen zu nehmen: wie in Nicholas Blincoes gerade erschienenen, ziemlich komischem Roman "Speed Boys", in dem der englische Autor ein paar jugendliche Kleinkriminelle, die zuviel Amphetamine geschluckt haben, auf dumme Gedanken kommen läßt. Drogen machen einen Roman manchmal böser, manchmal witziger und meistens schneller - darüber freuen sich dann die Werber in den Verlagen, die mit Formulierungen wie "rasant", "temporeich" oder "schnell geschnittenes Roadmovie" um sich werfen können. Und Drogen verleihen einem Roman natürlich sofort die Aura von authentischer Jugendlichkeit: Jeder Text in dem ab und zu mal eine Line Koks weggeputzt wird oder gar, das ist die dreckige Variante, Heroin aufgekocht wird, ist gleich "surreal, spacig und ganz schön abgedreht", wie es in der Ankündigung zu Irvine Welsh neuem Erzählband "The Acid House" heißt. Welsh, der Autor von "Trainspotting", darf also auch bei der Krummelus-Literatur mitmachen, obwohl er schon über 40 ist - weil man seine vermeintlich "spacigen" Bücher wie Drogentrips in eine andere, junge Welt anbieten kann.

Denn natürlich werden die ganzen Bücher von jungen Autoren, die jetzt in den Verlagsprogrammen auftauchen, nicht allein von wirklich jungen Lesern gelesen, sondern vor allem von richtigen Erwachsenen. Das unterscheidet sie von Jugendbüchern. Und Erwachsene wollen das Jungsein so vorgeführt bekommen, wie es ihrer Meinung nach zu sein hat. Lakonisch und poppig. Crazy und bunt. Ein bißchen kaputt, warum auch nicht, aber vor allem randvoll mit Problemen, die keine wirklichen Probleme sind: daß es beim ersten Mal im Bett nicht so richtig klappt, daß man dauernd herumkommandiert wird, daß man nicht so richtig weiß, was man mal werden soll. In dieser Darreichungsform soll die Jugend ewig sein - das ist der Krummelus-Komplex. Darum kommen die Bücher der neuen jungen Literatur so gut an: Das Ende des klassischen Bildungsromans, in dem der Held sich an der richtigen Stelle in die Große-Leute-Welt einsortiert, fällt hier nämlich aus. Bevor das Erwachsensein bedrohlich nahe kommt, sind die Bücher einfach zu Ende. So einfach ist das.

Aber das ist eine sehr erwachsene Sicht. Für den Rest der Menschheit ist der Traum vom forever young ein Alptraum. In Wirklichkeit - aber das möchte man natürlich lieber gar nicht wissen - handeln diese Bücher nicht von Musik oder von Drogen, sondern davon, wie anstrengend es ist, jung zu sein. "Die Jugend ist scheiße", beschwert sich jemand in Benjamin Leberts "Crazy", ,,man hat viel zu wenig Zeit. Immer muß man etwas machen." Vermutlich stimmt das. Vermutlich gibt es nichts Schlimmeres, als siebzehn zu sein.

Titelbild

Sarah Khan: Gogo-Girl.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999.
153 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3499225166

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Kéthévane Davrichewy: Schokoladeneis. Aus dem Französischen von Ilse Straßmann.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1999.
101 Seiten, 6,60 EUR.
ISBN-10: 3596803047

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Nicolas Blincoe: Speed Boys. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach.
dtv Verlag, München 1999.
286 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3423202017

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Titelbild

Irvine Welsh: The Acid House. Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999.
158 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3462028146

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