Forschung und Fiktion

Neues und Altes aus dem Familiengedächtnis des "Dritten Reichs"

Von Achim SaupeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Achim Saupe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Gedenkjahr 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes setzte mit der Einweihung des "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" in Berlin gleich zu Beginn ein wichtiges Zeichen. Doch rückten mit der Erinnerung an das Kriegsende die nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Täter teilweise in den Hintergrund des Erinnerungsdiskurses. Neben dem ungebrochenen Augenmerk auf die nationalsozialistischen Haupttäter stand das Gedenkjahr im Zeichen der biografischen Rückerinnerung: Erzählt wurde von den Erfahrungen des Bombenkrieges, von Flucht und Vertreibung, von den Schwierigkeiten des Überlebens und Neubeginnens. Verstärkt griffen auch die "Kinder der Täter" zur Feder und stellten ihre Auseinandersetzung mit ihren Eltern in den öffentlichen Erinnerungsdiskurs.

Der ehemalige Herausgeber der Wochenzeitschrift "Die Zeit" - Theo Sommer - legte mit "1945. Die Biographie eines Jahres" einen journalistischen Syntheseversuch des Kriegsendes vor. Doch die Biografie des Jahres 1945 zu schreiben, heißt nichts weiter, als den fragwürdigen Topos der "Stunde Null" um einige Wochen und Monate auszuweiten: In 12 Kapiteln schreibt Sommer über das Ende des Krieges, die Befreiung und die Schwierigkeiten beim Überleben und im Neuanfang. Dabei muss das biografische Erzählmuster leicht modifiziert werden. Denn traditioneller Weise handelt es von der Abstammung aus gutem Hause, von einer schmerzhaften Geburt, von einer problematischen Identitätsfindung und später von einem konsistenten Subjekt, das seiner Familie ein Erbe auferlegt. In der von Theo Sommer auf- und nachgezeichneten Geschichte des Jahres 1945 steht nun das Ende am Anfang: So zieht sich in einem "Auftakt in der Kälte" langsam die geostrategische "Schlinge" zu, bevor es zum "Untergang" im Führerbunker und zum "Staatsbegräbnis für das Deutsche Reich" (der Potsdamer Konferenz) kommt.

Auf die "Katastrophe" folgt die Anastrophe - die Wendung zum Besseren: Die Deutschen haben bei ihrer Wiedergeburt großes Glück gehabt, dass die Atombombe nicht schon Monate früher abwurfbereit war. So kann sich zwischen den Ruinen ein zarter - genetisch nicht kontaminierter - Spross entfalten, der seine Vitalität bald beweisen wird. Noch ist für "Deutschlands Wiederauferstehung" ein bisschen Starthilfe von den Adoptiveltern nötig: Mit dem im November 1945 beginnenden Nürnberger Kriegsverbrecherprozess und den Nachfolgeprozessen wurden die ärgsten Verbrecher zur Verantwortung gezogen, und die Entnazifizierung sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen in einer Gesellschaft von Mitläufern, schreibt Sommer. Hinter der summarischen Auflistung der getätigten Entnazifizierungsverfahren wird auf die Qualität der eingeleiteten Verfahren kaum eingegangen und vielmehr betont, dass "die Pein der Bewältigung" jene Gesellschaften generell "überfordere", die sich mit eigenen Verbrechen auseinander zu setzen haben.

Mit dieser Universalisierung der Schuldfrage kann die deutsche Familiengeschichte weitergehen: Noch ist für die problematische, zwiegespaltene Pubertät (deutsche Teilung) ein Mann aus dem Osten verantwortlich, den die Amerikaner noch während des Krieges "Uncle Joe" nannten: Stalin lässt 1945 in Berlin die Gruppe Ulbricht einfliegen. Doch schlussendlich sieht man schon die Einheit eines sich restituierenden historischen Subjekts am Horizont. So endet das Buch mit dem weihnachtlichen Familienfest im ersten Nachkriegswinter 1945, bei dem es "Kartoffelsuppe mit etwas Fleisch und ein Stück Brot" gab.

Dieses karge Mahl ist Anlass für Theo Sommer, auf die Entbehrungen der letzten Kriegsjahre und der Nachkriegszeit aufmerksam zu machen und bei den Achtundsechzigern und der Spaßgesellschaft der Neunziger für das Sicherheitsbedürfnis und die "Sehnsucht nach Ruhe" der Nachkriegsgesellschaft Verständnis zu wecken. Es gelte, der Generation der Großeltern Dank zu zollen, "dass sie ausgehalten und durchgehalten hat". Auch wenn man diesem Schlusssatz der "Biografie eines Jahres" eine gewisse journalistische Polemik zugestehen möchte, wirken solche Nachrufe auf Durchhalteparolen vor dem Hintergrund des Krieges und des nationalsozialistischen Mordprogramms äußerst deplaziert.

Im Familiengedächtnis

Nicht jeder kann und will seinen Eltern und Großeltern danken. Zwei sehr unterschiedlich gelagerte Fälle, die den Versuch darstellen, sich mit der eigenen familiären Vergangenheit auseinander zu setzen, sind die Bücher "Mein guter Vater" von Beate Niemann und "Die Grenzen des Gehorsams" von Welf Botho Elster, die sich in ein weites Spektrum von dokumentarischen Annäherungs- und Abgrenzungsversuchen von Kindern und ihren in das NS-Regime verstrickten Eltern einordnen lassen. Schon die Titelgestaltung zeigt, wie unterschiedlich eine familiäre Auseinandersetzung aussehen kann. Beate Niemann präsentiert ein Foto, auf dem sie als Kleinkind auf dem Schoß ihres Vaters gehalten wird. Welf Botho Elster präsentiert hingegen seinen Vater als gestreng dreinblickenden Wehrmachtsoffizier, der anscheinend jeden, der sich annähern will, auf Distanz hält.

Beate Niemann begibt sich in "Mein guter Vater. Mein Leben mit seiner Vergangenheit" auf eine Spurensuche nach ihrem Vater. Kurz nach der Wiedervereinigung stellt Beate Niemann 1991 einen Antrag zur Rehabilitation ihres Vaters, der 1972 in einem DDR-Gefängnis verstorben ist. Ihr Antrag wird zwei Jahre später mit der Begründung abgelehnt, dass die Verurteilung nicht rechtsstaatswidrig war und allenfalls zu prüfen sei, ob die erkannte Strafe in einem groben Missverhältnis zu der zugrunde liegenden Tat gestanden habe.

In den sechziger und siebziger Jahren hatte die Autorin ihre Mutter bei den Bemühungen um eine Freilassung ihres Vaters unterstützt. Bekannt war zwar, dass dieser bei der Geheimen Staatspolizei war, doch galt er in der Familie - in der alte Kollegen ein- und ausgingen - allenfalls als Mitwisser. Die Ablehnung der Rehabilitation leitete eine intensive Spurensuche ein, die die Autorin in diverse Archive führte und in Kontakt mit Zeitzeugen und Historikern brachte.

Niemann bekommt nun heraus, was im Familiengedächtnis bisher unhinterfragt blieb. Ihr Vater nahm als Mitglied der "Brigade Ehrhardt" am Kapp-Putsch teil, 1928 wird er in die Polizei aufgenommen, 1931 tritt er in die NSDAP ein. Er wird von der Kriminalpolizei übernommen, kommt in die Politische Abteilung und ermittelt gegen die Täter der so genannten Bülowplatzmorde, unter ihnen Erich Mielke. 1933 wechselt er zur Gestapo, nimmt an den "Ermittlungen" rund um den Reichstagsbrand teil. Bei der Ermordung des KPD-Vorsitzenden John Schehr und drei weiteren Kommunisten ist Sattler der verantwortliche Beamte. Er steigt auf und leitet den Kampf gegen sozialistische und kommunistische Kräfte in der Emigration, wird bei Kriegsbeginn in Brüssel und Paris eingesetzt und kommt 1941 mit der Einsatzgruppe B nach Smolensk, wo er in die "Partisanenbekämpfung" involviert ist. 1942, mittlerweile Kriminaldirektor, wird er Gestapo-Chef von Belgrad und organisiert den Einsatz von Gaswagen und die Ermordung serbischer Juden. Weder als Mitwisser oder Mittäter, sondern als Verantwortlicher.

Nach dem Krieg taucht der Vater unter, begibt sich nach Berlin und wird 1947 von dem Regime der DDR verschleppt, verurteilt und bleibt lebenslang in verschiedenen DDR-Gefängnissen. Die Umstände, unter denen er starb, bleiben im Dunkeln. Die Vermutung liegt nahe, dass er 1972 hingerichtet wurde.

Beate Niemann erzählt nicht das Leben ihres Vaters, denn ein rein biografischer Ansatz - das zeigt das Buch - würde eine unweigerliche Distanzierung bedeuten. Sie zeigt uns, wie sie langsam Abschied von dem Bild eines unschuldigen Vaters nehmen muss, den sie als Abwesenden, Inhaftierten und Toten geliebt hat. Verbunden ist damit auch eine Distanzierung von den Schwestern und der Mutter, die mehr über ihren Mann wusste, als sie gegenüber den Kindern eingestand. So entdeckt Beate Niemann, dass ihre Eltern das Haus, in dem sie selbst geboren wurde, der jüdischen Eigentümerin entrissen haben, über deren bevorstehende Deportation sie frühzeitig informiert waren.

Niemann greift in ihrer Erzählung bisweilen voraus und verwebt sie mit Retrospektiven, die ihr eigenes Leben im Zusammenhang mit dem ihres Vaters reflektieren. Sie integriert archivarische Dokumente und Erinnerungsprotokolle in ihren Bericht, sie schreibt über ihre Korrespondenz, Telefonate und Gespräche mit Institutionen, Historikern und Zeitzeugen, und sie berichtet über ihre Gefühlslagen. Sie äußert ihre Mutmaßungen, die nicht alle durch die Bruchstücke der Überlieferung verifiziert werden können. Sie konfrontiert sich mit der Geschichte - mittlerweile begleitet von einem Filmteam - wenn sie Überlebende des Mordens in Serbien aufsucht. Der Bericht, der vom Hier und Jetzt ausgeht und die Chronologie der Geschichte gewissermaßen umkehrt, zeigt eindrucksvoll die Mühen einer personenbezogenen Recherche, die in wissenschaftlichen Werken so selten sichtbar wird. Die sich dabei herauskristallisierende Täterbiografie ist auch von geschichtswissenschaftlichem Interesse, da sie darauf aufmerksam macht, dass die Geschichte der Täter des zweiten oder dritten Gliedes nach wie vor einer systematischen Aufarbeitung harrt. Deutlich wird dabei außerdem, dass die in den Familien aufbewahrten Dokumente eine wichtige Rolle spielen könnten.

Beate Niemann legt ein Zeugnis darüber ab, wie lange das familiäre Schweigen aufrecht erhalten werden konnte und sie zeigt, dass die Familienbande und die Entlastungsmuster, die von einer Generation auf die nächste übertragen oder von den Nachfolgegenerationen in der Erinnerung einfach erfunden werden, durchbrochen werden können. Eine lebendige Erinnerung kann es nur geben, wenn dem Familiengedächtnis mit engagierten und akribischen Rekonstruktionsbemühungen begegnet und auch die geschichtswissenschaftliche Forschung zu Rate gezogen wird.

Ganz anders stellt sich die Auseinandersetzung von Welf Botho Elster mit seinem Vater dar. Ihm geht es um "die Schilderung einer aufkeimenden, lodernden, aufopferungsvollen, dann doch widerstrebenden und schließlich verzagenden, entmutigten Lebenskraft eines inständigen und charakterlich anständigen Dieners seines Vaterlandes": um seinen Vater, ein Generalmajor der Wehrmacht. Diesen Tonfall kennt man aus apologetischen Kriegsdarstellungen, und das Wort "anständig" jagt jedem, der mit dem Nationalsozialismus einigermaßen vertraut ist, gleich zu Beginn einen kalten Schauer über den Rücken.

Doch präsentiert wird ein Vater, der am Ende des Krieges 1944 auf dem Rückzug der Wehrmacht aus Frankreich einen seltenen Realismus bewiesen hat und mit den ihm unterstehenden 20.000 Mann kapitulierte. Für diese "Übergabe an den Feind" wurde Elster - selbst in amerikanischer Gefangenschaft - im März 1945 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Ein NS-Unrechtsurteil, welches dem 1958 gestorbenen Vater wohl nicht bekannt war.

Während ein vom Hessischen Rundfunk und Arte produzierter Film aus der Kapitulation "Ein deutsches Heldenleben" machte, legt der Sohn nun eine Biografie vor, die sich der "beeindruckenden Persönlichkeit dieses Mannes" und seiner "Ehre" widmet. Hier zeigt sich gleich, dass sich der Biograf mehr als Untergebener denn als Sohn seines Vaters versteht. Auf ihre Weise beeindruckend ist diese ungelenke Montage von Tagebucheinträgen, Briefen, Entnazifizierungsdokumenten und sonstigen "Zeitzeugnissen" allerdings, da sie weder quellenkritischen Konventionen folgt noch ihren biografischen Konstruktionscharakter reflektiert, wie man dies von neueren dokumentarisch-literarischen Rekonstruktionen heute gewohnt ist. Darüber hinaus wurde kaum erweiterndes Archivmaterial, geschweige denn die NS-Forschung zu Rate gezogen.

In der schnurrigen Sprache des Militärs und auf preußische Tugenden pochend, stellt der Sohn seinen Vater als Held und Opfer dar. Die wenigen Kommentare, welche die Dokumente verbinden, nehmen Interpretationen vor, die den Vater in einem günstigen Licht erscheinen lassen. Aus fragwürdigen Entnazifizierungsdokumenten schließt der Sohn auf eine "Mitwirkung an der Widerstandsbewegung", auch wenn er wenig später zugeben muss, dass sein Vater wohl schnell "aus dem weiteren Kreis der Widerstandsgruppe ausschied". Unklar bleibt auch, ob sich der Makel, dem Deserteure und Kriegsdienstverweigerer in der Bundesrepublik ausgesetzt waren, so ohne weiteres auf das Handeln und Leben des Generalmajors Elster übertragen lässt. Denn die Kapitulation seines Vaters war wohl nichts weiter als eine realistische militärische Lageeinschätzung und kein Widerstandsakt, wie sein Sohn suggeriert.

Interessant ist dieser Bericht weniger für die Militär- oder Kriegsalltagsgeschichte, sondern für Historiker, die vor einer psychoanalytischen Methodik nicht zurückschrecken und die im Rahmen eines kollektivbiografischen Ansatzes die Tradierung von Vergangenheitsdeutungen untersuchen. Gefeit vor jeder Kritik an seinem Vater, werden unter der Hand die Konflikte zwischen Vater, Mutter und Sohn deutlich, die nun über die Vergangenheit ausgetragen werden. Denn im zweiten Teil der Biografie zeigt sich, dass es dem Sohn noch um etwas anderes geht als um eine Rechtfertigung des Vaters als Militär und Deserteur, der kein "Drückeberger" war, wie Elster zwanghaft betont. Aufgenommen werden in die Biografie auch Briefe aus dem amerikanischen Kriegsgefangenenlager, die über die sexuellen Fantasien des Vaters Rechenschaft ablegen. Hier erfahren wir aus der Feder des briefeschreibenden Vaters über die Vergewaltigung seiner Frau durch einen "marokkanischen" - sprich französischen - Soldaten. Das Buch endet schließlich mit der Entdeckung, dass der Autor einen von seinem Vater unehelich gezeugten Halbbruder hat, der sich in hohem Alter das Leben nimmt, nachdem er in der Presse Neues über seinen Vater erfahren hat.

Diese Veröffentlichung des Privaten und Intimen mündet weder in eine Distanzierung vom Vater noch in eine Reflexion der familiären Verhältnisse. Die Mutter des Biografen erhält überhaupt keine Stimme. Der Autor ist augenscheinlich nicht in der Lage, das familiäre Drama, welches ihn offensichtlich auch zur Veröffentlichung veranlasst hat, in Worte zu fassen. "Das Leben des Generalmajors Botho Henning von Elster" erscheint so als ein Monument, wie etwas nicht zur Sprache gebracht werden kann, um es dennoch in den öffentlichen Diskurs zu stellen. Das Buch endet mit der hagiografischen Äußerung des Autors, dass "die Kinder und Kindeskinder ihm stets ein inniges, ehrendes Gedenken bewahren werden". Dies ist angesichts des Selbstmordes des Halbbruders - was auch immer diesen dazu veranlasst haben mag - eine Feststellung, die entsetzt.

Korrekturen am Vaterbild

Einen Nachruf ganz besonderer Weise auf einen Vater ist der von Thomas Hartnagel unter dem Titel "Damit wir uns nicht verlieren" herausgegebene Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel.

Die Geschichte der beiden beginnt mit einem Brief der sechzehnjährigen Sophie Scholl, in dem sie den vier Jahre älteren, in Augsburg stationierten Leutnant Fritz Hartnagel zu einem "Kränzchen" einlädt. Die Geschichte ihrer Zuneigung und Liebe endet wie bekannt dramatisch: Während Hartnagel mit einem der letzten Flugzeuge Stalingrad verlassen kann und im Februar 1943 in einem Lazarett in Lemberg liegt, wird Sophie Scholl beim Verteilen von Flugblättern an der Münchner Universität beobachtet, kurz darauf von der Gestapo verhaftet und nach dreitägigem Verhör vom Volksgerichtshof unter der Leitung von Roland Freisler mit ihrem Bruder Hans und Christoph Probst zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung erfolgte noch am gleichen Tag. Ihren letzten überlieferten Brief schreibt Sophie Scholl zwei Tage vor ihrer Verhaftung, ihre Mutter wird Fritz Hartnagel durch zwei Briefe über das Schicksal ihrer Kinder informieren, die statt einem Nachwort den Briefwechsel beschließen.

Nach 1945 verwahrte Fritz Hartnagel - der 1944 Sophies Schwester Elisabeth Scholl heiraten sollte - den Briefwechsel lange Zeit auf, bis er 1984 Briefe von Sophie Scholl an ihn zur Veröffentlichung freigab. Seine eigenen Briefe veröffentliche er jedoch nicht, da sie für ihn rein persönliche Dokumente waren. Zudem wollte er den Anschein vermeiden, dass er etwa selbst im Widerstand gewesen sei, oder etwa Nutzen aus dem Nachruhm der Geschwister Scholl ziehen wollte.

Darüber hat sich sein Sohn trotz weiterhin bestehender Zweifel zu Recht hinweggesetzt, denn die Korrespondenz ist ein eindrucksvolles zeithistorisches Dokument für einen erweiterten Blick auf die Vorgeschichte des Widerstandes der "Weißen Rose" und zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus. Innerhalb der Korrespondenz fehlen leider Sophie Scholls Briefe zwischen März 1941 und Januar 1943, die Fritz Hartnagel während des Russlandfeldzugs mit sich führte und die in Stalingrad verloren gingen. Damit gingen diejenigen Briefe für die für die Geschichte des Widerstandes wichtigste Phase in Sophie Scholls Leben verloren, in der sie ihr Studium der Biologie und Philosophie in München aufnahm und in den aktiven Widerstand ging. Zudem hat Thomas Hartnagel auf die Veröffentlichung von rund 90 von ungefähr 400 Briefen verzichtet, die größtenteils aus jener Zeit stammen, aus der auch die Briefe von Sophie Scholl nicht vorhanden sind. Dies mag angesichts einer Lese-Edition, die sich an ein breites Publikum wenden will, gerechtfertigt sein, ist aber aus wissenschaftlicher Sicht nicht befriedigend.

Jedenfalls gelingt es durch die Auswahl, die Entwicklung der Liebesbeziehung zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel mit ihren Höhen und Tiefen zu veranschaulichen und die Grundzüge der religiösen und philosophischen Fragen zu verdeutlichen, mit denen sich die beiden auseinander setzten. Immer schimmern auch die zeitgeschichtlichen Umstände durch die Briefe hindurch, die eine eigene literarische Qualität besitzen.

Das Anliegen des Sohnes ist es - nicht nur, aber auch - das Bild seines Vaters "zurechtzurücken", der in den Darstellungen zu Sophie Scholl oft als "etwas engstirniger, soldatisch-preußischer Gegenpol zu Sophie als Heroin der Freiheit und Menschlichkeit" erscheine. Diese Korrektur erfolgt automatisch dadurch, dass der zweite Teil überwiegend aus den Briefen des Nachrichtenoffiziers Hartnagel besteht. Nicht zu entscheiden ist dabei, ob Hartnagels zunehmend kritische Haltung gegenüber Krieg und Soldatentum auf der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Sophie Scholl, auf der zunehmenden Ausweglosigkeit des Krieges oder etwa aufgrund der Wahrnehmung der Verbrechen der Deutschen beruhte.

Zu Beginn wird der Krieg als Abenteuerreise aufgefasst und es bestätigt sich, was Götz Aly in "Hitlers Volksstaat" so eindrucksvoll als "Gefälligkeitsdiktatur" beschrieben hat: Die Wehrmacht ist auf einer Shoppingtour durch Europa. Schuhe aus Bosnien, Bücher und Schokolade aus Frankreich, eine ungarische Jacke aus Amsterdam: "Auf meiner letzten Hollandfahrt habe ich mich als Kaufmann betätigt und um etwa 12000 RM eingekauft: 1 300 000 Zigaretten, 750 kg Kaffee, 100 kg Tee, über 10 Ztr. Schokolade und vieles andere. Ich habe davon schon genügend für mich bzw. für Dich zur Seite stellen lassen [...]". (25.8.1940) Dann aber zeigt sich gleich zu Beginn des Krieges gegen Frankreich der Schrecken über zerfetzte Kameraden und die rassenideologische Motivierung des Krieges. So berichtet Hartnagel von der gewaltsamen Auflösung eines Streiks in Amsterdam durch die SS, ohne allerdings zu erwähnen, dass es dabei um eine mörderische Aktion gegen niederländische Juden ging. Wenig später berichtet er aus Frankreich, dass seine Einheit einen neuen Stabsarzt zugewiesen bekommen habe, der die Erschießung von gefangen genommenen "Negern" der französischen Armee durch die SS rechtfertigte und forderte, dass diese systematisch erschossen werden sollten. Für Hartnagel war dies nichts anderes als Mord, doch bevor er es zu einer Eskalation des Streites mit dem Arzt kommen lässt, wendet er sich ab.

Mit dem Beginn des Russlandfeldzuges ändert sich nochmals die Wahrnehmung des Krieges. Dem allgegenwärtigen Tod begegnet Hartnagel mit kitschigen Landschaftsreflexionen: "[...] bei den oft recht scheußlichen Bildern, die einem längs der Vormarschstraße begegnen, strahlt trotz allem ein blauer Himmel über uns, blühen die Blumen und stehen die Birkenwäldchen in ihrem frischen Grün. Ist dies nicht schon Grund genug, sich auch über diese Ereignisse zu erheben?" Hartnagel empfindet die russische Landschaft als eine trügerische Idylle und als Bedrohung, wenn das Summen der Insekten von russischen Fliegerangriffen abgelöst wird. Je aussichtsloser der Krieg, desto bedrohlicher auch die Umwelt: Hitze, Staub und Kälte.

Das Offiziersleben besteht vor allem aus übermäßigem Alkoholkonsum, von dem sich Hartnagel wiederholt distanziert. Die Verbrechen des Krieges und der Besatzung tauchen auf, wenn auch nur am Rande: Hartnagel berichtet Sophie Scholl am 26.6.1942, "mit welcher zynischen Kaltschnäuzigkeit mein Kommandeur von der Abschlachtung sämtlicher Juden des besetzten Russland erzählt hat und dabei von der Gerechtigkeit dieser Handlungsweise vollkommen überzeugt ist." Hartnagel zieht sich daraufhin auf sein Feldbett zurück, um "zu Dir und meinem Gebet" zu flüchten - augenscheinlich nicht das erste Mal, muss er doch schon wesentlich früher über das rassistische Mordprogramm informiert gewesen sein. Doch in anderen politischen Diskussionen beweist Hartnagel - bei aller Vorsicht gegenüber diesen Selbstzeugnissen - den Mut, seine Distanz zum Rassen- und Vernichtungsdenken zu äußern. Denn immer wird man bei diesem Briefwechsel berücksichtigen müssen, dass Hartnagel an seine Freundin schreibt, die sich politisch immer weiter exponiert.

Gerade in der weitgehenden Abwesenheit von Sophie Scholl im zweiten Teil des Briefwechsels, der ihrer Ermordung durch die NS-Unrechtsjustiz folgen wird, liegt das Berührende. So entzieht sie sich einer Vereinnahmung, die aus ihr bisweilen eine mythisch überhöhte Figur des Widerstandes gemacht hat. Inwieweit Hartnagel von Scholls Aktivitäten wusste, bleibt aber anhand der Briefe unklar. Scholl bat ihn augenscheinlich um eine aktive Beteiligung, doch versagte er ihr die Unterstützung bei der Beschaffung eines Vervielfältigungsapparates: "Den gewünschten Bezugsschein kann ich nur unter Schwierigkeiten erhalten, ich habe immer noch Bedenken und weiß nicht, ob der Zweck eventuelle Unannehmlichkeiten rechtfertigen würde."

Der Herausgeber hat mit moderaten Kommentierungen die einzelnen Briefe miteinander verknüpft. Zwei einfühlsame biografische Skizzen leiten den Band ein, der mit einer chronologischen Gliederung der wichtigsten politischen Ereignisse und der Lebensstationen von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel abgerundet wird.

Der Briefwechsel von Sophie Scholl und Fritz Hartnagel "Damit wir uns nicht verlieren" ist ein unprätentiöses, bewegendes historisches Dokument zur Alltagsgeschichte der Vorkriegs- und Kriegszeit. Er ermöglicht über die Liebesbeziehung der beiden einen emotionalen Einstieg in die Vorgeschichte und das Umfeld des Widerstandes der "Weißen Rose". Wer sich allerdings direkt für die Geschichte der Widerstandsgruppe der "Weißen Rose" interessiert, sollte zu anderen Büchern greifen. Dies gilt auch für die in der Forschung umstrittene Frage, ob erst die Fronterfahrung der männlichen Protagonisten die Gruppe in den aktiven Widerstand führte, und auch für die Deutung des intellektuellen und religiösen Horizontes der Widerstandsgruppe.

Kinder der Täter

Die Bücher von Beate Niemann, Welf Botho Elster und auch der von Thomas Hartnagel herausgegebene Briefwechsel zwischen seinem Vater und Sophie Scholl sind drei ganz unterschiedliche dokumentarische Versuche der Kinder, sich mit ihren Vätern auseinander zu setzen, sich zu distanzieren und anzunähern, zu dokumentieren und memorieren. Auch in die wissenschaftliche Forschung haben die Kinder von NS-Tätern und NS-Opfern Einzug gehalten, wie etwa in den Studien von Harald Welzer oder Gabriele Rosenthal.

Margit Reiter widmet sich in ihrer Studie "Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis" - sie stellt damit ihr Habilitationsprojekt vorab einem breiteren Publikum vor - den Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die "Kinder der Täter" in Österreich. Unter den "Kindern der Täter" versteht Reiter letztlich alle Österreicher, deren Eltern nicht einer rassischen oder politischen Verfolgung durch den Nationalsozialismus ausgesetzt waren. Der Pauschalisierung dieses weiten Täterbegriffes, der auf eine moralische Mittäterschaft der Eltern und die Verantwortung der Nachfolgegenerationen zielt, ist sich Reiter wohl bewusst. Dieser weit gefasste Täterbegriff wird durch ihr Sample von achtzehn Interviews eingeschränkt. Denn unter den Vätern der Gesprächspartner sind hochrangige SS-Einsatzgruppenleiter und NS-Funktionäre, SS-Angehörige, illegale Nationalsozialisten und Wehrmachtssoldaten. Immerhin sechs Mütter sind aktive Nationalsozialistinnen gewesen. Aufgrund der "vergleichsweise geringen empirischen Basis" ihres Samples geht es ihr weniger um eine "quantitative Repräsentativität" als um "eine exemplarische Veranschaulichung und Grundtendenzen der persönlichen Erfahrungen" der Interviewpartner.

Knapp sind ihre Ausführungen zu sozialpsychologischen Forschungsansätzen als auch zur oral-history und Erinnerungsforschung, der sie methodisch folgt. Deren Forschungsansätze und -ergebnisse werden kaum referiert, wodurch die Chance vergeben wird, klare Forschungshypothesen zu entwickeln. Dies mündet in die recht weitläufige Fragestellung, warum die NS-Nachfolgegesellschaften und die nicht unmittelbar in den Nationalsozialismus verstrickten Generationen so lange so wenig Bewusstsein und Sensibilität für die familiären NS-Verstrickungen entwickelt haben.

Reiter fasst zunächst zentrale Erzählmuster und Mechanismen des Verschweigens und Ausblendens zusammen, welche die familiäre Erinnerung prägen: öffentliche Opferstilisierungen und heimlich vorgetragene Heldengeschichten, zentrale Distanzierungsstrategien wie die Dämonisierung der Täter als auch die "nacherzählte Zeugenschaft", in der aus der Perspektive eines unbeteiligten Zeugen über Verbrechen berichtet wird.

Zweitens fragt sie nach den gesellschaftlichen und sozialen Irritationen, die das Familiengedächtnis beeinflussen. Dies sind insbesondere die "braunen Kindheiten", die in Jugendlagern und Turnerbunden verbracht wurden, die Rolle der Schule, der Medien und der Literatur, die das familiäre Gedächtnis in Frage stellen oder bestätigen können, sowie prägende Orts- und Milieuwechsel. Die Politisierung vor und nach 1968 habe sich - so Reiter - nicht auf die familiäre Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ausgewirkt, sondern erst die Waldheim-Affäre Mitte der 1980er Jahre führte in Österreich zu einer breiteren gesellschaftlichen Infragestellung der Entlastungskonstruktionen. Das wichtigste Entlastungsargument in Österreich - dies stellt Reiter heraus - war lange Zeit die "Opferthese", nach der Österreich durch den Anschluss 1938 das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen sei.

Das Kernstück der Arbeit liegt bei den Vater- und Mutterbildern der Kinder der Täter. Die familiäre Auseinandersetzung erfolgt geschlechtsspezifisch vornehmlich über die Väter, denen schneller eine politische Verantwortung zugeschrieben wird als den Müttern, obwohl diesen eine tragende Rolle für die Tradierung des Familiengedächtnisses zugewiesen werden muss. Während die Söhne der Täter einen sehr nüchternen, rationalen Zugang zur Familiengeschichte pflegen, setzen sich die Töchter sehr emotional und engagiert mit der Vergangenheit auseinander und stellen stärkere Verbindungen zu ihrer eigenen Identität her.

Die Ergebnisse der Studie bleiben insgesamt recht vage: Die "Generation danach" lasse sich generell in drei Gruppen aufteilen: jene, die sich mit ihren Eltern überhaupt nicht auseinandergesetzt haben, diejenigen, die die Vergangenheit ihrer Eltern affirmativ bestätigen und jene, die sich mit der Vergangenheit der Eltern kritisch auseinandergesetzt haben.

Eine systematische Auswertung der politischen oder biografischen Gründe der Fortschreibung und Infragestellung familiärer Legenden bietet Reiter nicht. So bleiben als Begründung für die Tradierung und kritische Distanzierung von den Eltern nur die individuellen Lebensgeschichten. Plausibel erscheint jedoch, dass auch die kritischen Kinder letztlich auf eine Verständigung und Versöhnung zielen, die dies jedoch über den Umweg der Infragestellung der Eltern tun.

Margit Reiter spricht in ihrer Studie das zentrale Spannungsverhältnis von Nichtwissen, Ahnen und Wissen an, welches das Verhältnis der Kinder zu den Biografien ihrer Eltern wesentlich prägt und aus dem Belastungs- und Entlastungsstrategien entstehen kann. Auch die Forscherin ist in dieses Ahnen und Mutmaßen mit einbezogenen, da sie darauf verzichtet, eigene Recherchen zu unternehmen, die ihr Bild von den Tätereltern ergänzen könnten. So kommt es zu einer Häufung von Vermutungen von Seiten der Wissenschaftlerin, die die Be- und Entlastungsmuster ihrer Gesprächspartner in Frage stellen.

Selbstverständlich haben nicht alle NS-Lebensgeschichten Spuren in den Archiven hinterlassen, weshalb auch aus lebensgeschichtlichen Interviews auf eine Beteiligung an Verbrechen geschlossen werden kann. Doch der Versuch einer stärkeren Integration einer erweiterten dokumentarischen empirischen Basis hätte der Studie sicherlich gut getan.

Hier zeigt sich ein Problem, welches die verbreitete Arbeitsteilung zwischen lebensgeschichtlicher Biografieforschung und Geschichtswissenschaft betrifft. Während traditionelle Historiker selten - allenfalls im Rahmen kollektivbiografischer Ansätze - einen Zugang zu den individuellen Familiengeschichten finden, scheut die lebensgeschichtliche Forschung den Abgleich mit einer erweiterten dokumentarischen Basis. Doch die Analyse der Differenz zwischen "erzählter" und "erlebter" Lebensgeschichte sollte, wie Gabriele Rosenthal betont hat, auf einem Wissen über dieses Leben basieren. Nur so können Verschiebungen in den sich überlagernden Gedächtnisschichten festgestellt werden.

Im Fall der "Kinder der Täter" hieße dies, zumindest anhand eines Fallbeispieles die (familien-)biografischen Konstruktionen vor dem Hintergrund einer breiteren empirischen Basis zu analysieren, die sowohl das Leben der Eltern als auch das der Kinder einbeziehen sollte. Falls dies aufgrund einer fehlenden Quellenbasis unmöglich ist oder aber aufgrund theoretischer Erwägungen verworfen wird, sollten die Mechanismen biografischer Selbstkonstruktionen und wiederkehrende Erzählmuster stärker in den Vordergrund der Analyse treten, als dies bei Margit Reiter der Fall ist.

Die Wiederkehr apologetischer Kriegserinnerungen als therapeutische Fiktion

Die lebensgeschichtliche Biografieforschung, wie sie bei Margit Reiter durchgeführt wird, arbeitet meist mit narrativen Interviews, die in den Wissenschaftstexten gesprächsgetreu wiedergegeben werden. Zitiert werden Gesprächspassagen, in denen unstrukturierte Sätze und Füllwörter unbarmherzig aufgenommen, Betonungen typographisch hervorgehoben und Denkpausen durch Gedankenstricke vermerkt werden. Ein solches Aufzeichnungsverfahren erhöht die psychologischen Deutungsmöglichkeiten des Wissenschaftlers, doch gleichzeitig wird es dem Leser schwer gemacht, dem wissenschaftlichen Text zu folgen.

Diesem Problem begegnet das Buch "Bevor es zu spät ist. Begegnungen mit der Kriegsgeneration" von Bruni Adler mit einer literarischen Ausgestaltung der Gespräche mit den Zeitzeugen. Doch diese Form eignet sich wohl kaum, von den Wissenschaften adaptiert zu werden.

Bruni Adler stellt sich ihren Lesern als Familientherapeutin vor, und in ihrem Buch geht es im übertragenen Sinn um "misshandelte Kinder": um die Deutschen insgesamt, denen nur eine Gesprächstherapie des nationalen Gedächtnisses weiterhelfen könne, um eine neue "Freiheit" im Umgang mit deutscher Schuld wiederzufinden, und um sie selbst, die sich als Opfer einer feindlichen Männerwelt, der "Achtundsechziger" und der "Kollektivschuldthese" stilisiert. Um "unsere Identität für eine freiere, glücklichere Zukunft" zu finden, greift Adler zum Mittel "heilsamer" und "befreiender" Gespräche, denn ein "Mangel an Eigenliebe und Selbstachtung" könne in Fremdenhass umschlagen. In ihrem Buch versteckt sich jedoch eine Fortschreibung apologetischer Rechtfertigungsmuster der Verbrechen der "Kriegsgeneration" durch die Kinder.

Adler präsentiert zwanzig Gespräche "mit Bekannten und Zufallsbekanntschaften", die ein breites Panorama von Erlebnissen und Erfahrungen der Kriegsgeneration abdecken sollen. Dabei treffen die Erfahrungen von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus nicht nur unvermittelt aufeinander, sondern werden gegeneinander ausgespielt. Konfrontiert werden etwa die Erlebnisse eines Volkssturmjungen, eines Wehrmachtsangehörigen, einer Augenzeugin des Dresdner Bombardements und die "Kriegserlebnisse" eines schlesischen Angehörigen der Waffen-SS in Stalingrad mit den Erlebnissen einer deutschen Emigrantin, die als "Halbjüdin" (so Adler) augenscheinlich die Opfer des Holocaust repräsentieren soll, oder aber der Kommunistin Gertrud Müller, die als einzige mit Nachnamen genannt wird. Sie war in Ravensbrück inhaftiert und später Vizepräsidentin des Internationalen Ravensbrückkommitees.

Dieses Ungleichgewicht bei den Befragten von tatsächlichen Opfern im Sinne von Verfolgten des NS-Staats und Deutschen, die sich als "Opfer" fühlen oder stilisieren, macht das Anliegen der Autorin umso leichter: Es geht ihr um ein - letztlich - verklärendes Verständnis der durch Nationalsozialismus und Krieg geprägten Deutschen, deren Lebens- und Leidensgeschichten angeblich lange Zeit unterdrückt worden seien. Dabei interessiert sich die Autorin nur vordergründig für die deutschen Täter. Denn in den Kapiteln, die persönliche Erlebnisse wie Judenerschießungen, Plündern und Brennen in Russland ankündigen, wird nie auf die eigene Beteiligung der Gesprächspartner an den Verbrechen insistiert: Wenn von Verbrechen die Sprache ist, dann haben die Mordtaten anonyme und kriminelle "Bestien" der SS und der Gestapo durchgeführt, oder aber ukrainische und polnische Antisemiten. So lässt sich leicht vom "Menschsein der Täter" sprechen, zumal die Autorin effektsicher auf die drastische Beschreibung der Taten der Anderen, beispielsweise von Tschechen, setzt.

Das zentrale Argumentationsmuster von Adler ist: Selbst die deutschen Täter - wie etwa die Mitglieder der Waffen-SS, die im Zuge der Nürnberger Prozesse als kriminelle Organisation eingestuft wurde - waren Opfer, und zwar "Opfer der Propaganda, der Drahtzieher, Opfer ihrer Taten, Opfer ihrer Erinnerung". Konsequent wird eine Täter-Opfer-Umkehrung und eine Gleichsetzung von Verbrechen betrieben. Hier wird frei assoziiert und alles in einen Topf geworfen: Deutsche Vernichtungs- und Konzentrationslager, stalinistische Lager, Kambodscha, britische Luftangriffe, Judenerschießungen, Widerstand, amerikanische Straßen-Gangs, folternde Franzosen, deutscher Vernichtungsfeldzug und Grausamkeiten in amerikanischen Gefangenenlager und - immer wieder - "Massenvergewaltigungen" von deutschen Frauen.

Die narrative Konstruktion dieser 20 Fallgeschichten folgt einem Muster: Die Autorin führt ein kurzes Telefonat mit einem Mitglied einer undifferenzierten Kriegsgeneration, welches aus seiner Vergangenheit berichten will. Hinweise auf solche Gesprächswilligen bekommt die Autorin angeblich durch Tipps von Bekannten, die schon die therapeutische Wirkung des Sprechen-Dürfens erfahren haben. Wenig später sitzt die Familientherapeutin dann in den guten Stuben, Wohnzimmern und Altenheimen der Nation. Nach einleitenden Kurzbiografien, die immer wieder den bedeutungsschweren Einschnitt des Jahres 1933 betonen, kommt sie schnurstracks zu den Erfahrungsberichten ihrer Gesprächspartner im Krieg. Dabei greift sie stets in das Gespräch kommentierend ein, stellt vermeintlich kritische Fragen, schildert die gemeinsamen Gefühlsregungen und glänzt mit unstimmigem Faktenwissen und haarsträubenden Schlussfolgerungen. Der literarisch stilisierte Dialog wird dabei nicht konsequent eingehalten. Schriftliche Erinnerungen ihrer Zeitzeugen werden von der Autorin literarisch so bearbeitet, dass der Leser bisweilen an den Tatort in der Vergangenheit zurückversetzt wird. Bruni Adlers Begegnung mit der Kriegsgeneration ist Doku-Fiction und Kolportageliteratur. In ihrem Zentrum steht eine literarisch ausgestaltete Figur, eine Familientherapeutin, die das apologetische Gedächtnis der Nation antelefoniert.

Ob die Autorin ihre Gespräche wirklich geführt und literarisch ausgestaltet oder aber einfach frei erfunden hat, sei dahin gestellt: Kritischer Sachverstand erfordert, Letzteres zu erwägen. Meist versteckt die Autorin ihre politische Tendenz hinter dem Pseudo-Dokumentarischen, die dann jedoch in ihren verständnisheischenden Kommentierungen deutlich wird. Nicht nur in den Köpfen ihrer Interviewpartner sind jedenfalls nach wie vor die apologetischen Deutungsmuster der NS-Vergangenheit präsent, die das Mitwirken im Nationalsozialismus nach 1945 rechtfertigten und die hier nun unkommentiert und "verständnisvoll" aufgezeichnet werden.

Denn in den Beschreibungen ihrer Gesprächspartner und in ihren Kommentierungen werden ganz klar antisemitische Stereotype reproduziert und eine subtile Verklärung der Volksgemeinschaft betrieben, die sich im intergenerationellen Selbstgespräch anscheinend neu konstituieren soll: Während ein Angehöriger der Waffen-SS noch mit neunzig Jahren ein "mitreißender Erzähler, schlank, rege, und erstaunlich fit" ist, raucht eine weibliche Figur, über deren "Halbjüdischsein" schwadroniert wird, nicht nur viele Zigaretten. Schon am Anfang ihrer Aufzeichnungen delegitimiert Adler ihre fiktive Gesprächspartnerin, in dem sie kommentiert, dass diese ihr Leben mit schauspielerischem Talent "inszeniert". Ihr Großvater ist ein gescheiterter Bankier, ihre Eltern stammen aus einer Schauspielerfamilie und tragen den Namen des "Film-Schindlers", ihre Mutter liegt mit einem Homosexuellen im Bett. Ihre verzweigte Emigrationsgeschichte evoziert das Stereotyp einer vermeintlichen Staaten- und Heimatlosigkeit, ihre Lehrerin heißt unglaubwürdiger Weise "Fräulein Jahrmarkt". Und am Ende berichtet die Adler'sche Fiktion einer "Halbjüdin" auf die insistierende Frage der Therapeutin, dass sie erst nach der Fernsehserie "Holocaust" Anfang der 1980er Jahre das Ausmaß der Katastrophe begriffen haben will. Der Holocaust - so wird hier implizit unterstellt - ist vor allem eine filmische Fiktion.

Unerträglich ist es, wie die Autorin im pseudo-dokumentarischen Gespräch darauf insistiert, dass die Deutschen nichts vom Holocaust gewusst hätten, nichts hätten wissen können, wenn ihre vermeintlichen Augenzeugen berichten, dass sie zwar im Konzentrationslager gewesen seien, dort aber nichts vom systematischen Mord an den Juden mitbekommen hätten. Unerträglich ist es, dass ihre Gesprächspartner stets von den Verbrechen der Anderen sprechen, aber nicht von ihren eigenen. So wird etwa in windigen Spekulationen in Frage gestellt, ob es sich beim Massaker von Lidice ebenso wie bei der "Partisanenbekämpfung" (der Begriff diente als Deckmantel der Vernichtung von Juden, Slawen, Sinti und Roma) um Verbrechen in einem juristisch verfolgbaren Sinne handelte. Ebenso unerträglich ist es schließlich, wenn Gertrud Müller als politisch verfolgter Kommunistin vorgehalten wird, sie solle doch ihr eigenes Schicksal mit jenen der Bombenopfer und vergewaltigten Frauen vergleichen. Nicht zuletzt ist es skandalös, dass antiamerikanische und antisemitische Äußerungen eines ehemaligen Kriegsgefangenen unkommentiert wiedergegeben werden und stattdessen über den Nutzen von Luftballons im Krieg gefaselt wird.

"Bevor es zu spät ist" sollte man dieses Buch zuklappen. Man kann nur hoffen, dass in Schulen, Altersheimen und Landeszentralen für politische Bildung, von denen die Autorin zu Vorträgen eingeladen wird, die kritische Auseinandersetzung mit ihr gesucht wird.

Literarisch-dokumentarischer Wiedergutmachungsversuch

Brigitte Jägers Buch "Leben nach den Nazis. Entschädigungsfälle im Nachkriegsdeutschland" ist der Versuch einer literarisch-dokumentarischen Aufarbeitung der Restitutionsansprüche der Verfolgten. Anhand von Akten aus dem Archiv eines Rechtsanwalts, der sich für Entschädigungsverfahren von jüdischen und politischen NS-Opfern einsetzte, zeigt sie das strapaziöse und demütigende bürokratische Verfahren der "Wiedergutmachung", welches oft genug mit negativen Bescheiden für die Antragssteller ausging. Die von Jäger geschilderten 18 Fälle - ein Pitaval der "Wiedergutmachung" - zeigen ganz unterschiedliche Verfolgungsschicksale. Dabei verfährt die Autorin nach einem zweiteiligen Schema: Zunächst schildert sie in emotionalisierender, literarisch recht anspruchsloser Prosa aus der ersten und dritten Person die Verfolgungsgeschichte. Dies erfolgt mit dem Ziel, den Opfern des NS-Regimes individuelle Konturen wiederzugeben. Dann folgen Exzerpte aus den Akten, die die Personen als anonyme Antragsteller präsentieren. Da diese Exzerpte unkommentiert bleiben und die Verfolgten nicht selbst durch eine Befragung von Seiten der Autorin ins Spiel gebracht werden, bleibt der Leser ratlos zurück, zumal diese Fälle nicht in die Geschichte der Wiedergutmachungspolitik und des Entschädigungsrechts eingeordnet werden. Die Konfrontation der aus den Akten gezogenen literarisch ausgestalteten, traumatischen Lebensgeschichten mit der bürokratischen Faktizität der Restitution erzeugt eine Disharmonie, bei der zu fragen bleibt, warum neben den auf Authentizität ausgerichteten Verfolgungsgeschichten nicht auch der Rechtsverkehr eine literarische Ausgestaltung erfahren hat.

Verfolgung und Exil

Wer diesem etwas hilflosen Versuch, den Verfolgten eine Stimme wiederzugeben, nicht folgen will, greife zur Autobiografie des Literaturhistorikers Egon Schwarz, die der C.H. Beck-Verlag 2005 neu aufgelegt hat. Schwarz ist ein souveräner Erzähler seines Lebens, welches von Verfolgung, Emigration und Exilerfahrung berichtet und nun nicht mehr "Keine Zeit für Eichendorff. Chronik unfreiwilliger Wanderjahre", sondern "Unfreiwillige Wanderjahre. Auf der Flucht vor Hitler durch drei Kontinente" heißt. Ohne Hitler - das mag sich der Verlag gedacht haben - geht es nicht.

Als Sohn ostjüdischer Einwanderer 1922 geboren, berichtet er mit viel Ironie und wenig Wehmut über das Wien der Zwischenkriegszeit, welches er kurz nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 mit seiner Familie verlässt. 1939 gelingt es der Familie mit Hilfe des jüdischen Hilfsvereins, eine Einreisegenehmigung für Bolivien zu erlangen. Auf dem Schiff nach Südamerika treffen die rassisch und politisch Verfolgten mit den Besiegten des spanischen Bürgerkrieges zusammen, und Schwarz wird sich in der Folge mit dem Marxismus auseinandersetzen, der seinen Blick auf die Ausbeutung Lateinamerikas schärft. Nach einem ersten "Kultur-Schock" beginnt in Bolivien und Ecuador seine erzwungene Existenz als "Pikaro". Mit Schärfe zeichnet er nach, dass auch in Bolivien der Antisemitismus grassiert, und er muss beobachten, wie deutsche Angestellte eines Bergwerkes sonntags in SA-Uniformen exerzieren. Während er sich mit Gelegenheitsarbeiten notdürftig das Überleben ermöglicht, wird die Literaturlektüre immer wichtiger. Unter widrigsten Umständen holt er sein Abitur nach und nimmt ein Studium an einer Provinzuniversität Ecuadors auf. Nach mühseligen Anläufen schafft er es schließlich, sein Studium in den Vereinigten Staaten fortzusetzen.

Die Autobiografie von Schwarz betreibt eine kühle Analyse der Umstände der Emigration. Sein Leben ist für ihn Zeugnis dafür, dass die Meinung, der Einzelne könne seinem Leben im Wesentlichen selbst einen Lauf und eine Richtung geben, eine Anmaßung ist. Allein Vitalität und ethischer Wille im Verbund mit glücklichen Umständen und hilfsbereiten Menschen habe ein Weiterleben ermöglicht, so Schwarz. Als Germanist hat er sich wiederholt mit dem deutschen Antisemitismus auseinandergesetzt und dem literarischen Schaffen jüdischer Autoren gewidmet. Das Wort des glücklich Geretteten, ob in seiner Autobiografie oder in seinen literaturhistorischen Werken, spricht immer auch von jenen, die zum Verstummen gebracht worden sind.

Erinnerung und Rekonstruktion in der Literatur

Die italienische Germanistin Elena Agazzi untersucht in ihrer Studie "Erinnerte und rekonstruierte Geschichte" drei Generationen deutscher Schriftsteller und ihre Bemühungen, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinander zu setzen. Agazzi präsentiert einen Blick von außen auf die spannungsgeladene deutsche Erinnerungskultur.

Ihre Textauswahl - literarische Werke von Martin Walser, Dieter Forte, W. G. Sebald, Hans-Ulrich Treichel, Michael Kleeberg, Tanja Langer und Marcel Beyer - umschifft dabei konsequent die Opfer-Täter-Debatte, zumal das deutsch-jüdische Verhältnis weder in den ausgewählten Texten noch in ihrer Analyse im Vordergrund steht. Von besonderem Interesse dürften insbesondere die Interpretationen der weniger bekannten Werke von Forte oder Kleeberg sein.

Ausgangspunkt ihrer lose miteinander verknüpften Essays ist Martin Walser. Ihre Auseinandersetzung beschränkt sich dabei auf den Roman "Ein springender Brunnen" (1998), der selbstverständlich im Zeichen der skandalösen Rede Walsers anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels interpretiert wird. Moderat in ihren Ausführungen und betulich bedacht, im Fall der literarischen Erzählung zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden, kommt sie am Ende dennoch nicht umhin, Walser zu attestieren, dass man von ihm "eine deutlichere Distanzierung vom Nationalsozialismus erwartet" hätte. Doch warum sollte man dies von einem Autor erwarten, der schon im Zuge des Historikerstreits die private Erinnerung gegen das öffentliche Gedächtnis ausspielte und von einer "Unschuld der Erinnerung" sprach, die nicht öffentlich zu kommunizieren sei?

Ansonsten entzieht sich die Autorin weitgehend einer politischen Stellungnahme und konstatiert stattdessen eine zunehmende Einebnung von Täter- und Opferbildern, was sie kurz an der Debatte über "Im Krebsgang" von Günther Grass rekapituliert.

Wie der Titel andeutet, geht es um die schwierige Frage, wie sich erinnerte und rekonstruierte Geschichte gegenseitig bedingen, welche literarische Ausgestaltung sie finden, und wie sie generationsspezifisch einzuordnen sind. Was ist Erinnerung, was ist Rekonstruktion der Vergangenheit und welche Rolle spielt dabei die literarische Erzählung? Die Autorin sieht keinen Bedarf, ihre titelgebenden Begriffe näher zu präzisieren, sondern überweist dies an die Interpretation der Werke. Dabei kommt insgesamt der Aspekt der literarischen Rekonstruktion der Vergangenheit zu kurz - den man als vielgestaltigen Prozess des Erforschens und als Spurensuche zusammenfassen könnte, und der in der literarischen Erzählung eine spezifische und dennoch von der historiografischen Erzählung abhängige Ausgestaltung findet.

So geht es in den Essays folgerichtig mehr um die literarische Konstruktion der Erinnerung und des Gedächtnisses, wobei sich das literarische Erzählen immer wieder auf den Gegensatz zur Geschichtserzählung beruft. Der Leitgedanke ihrer Essays ist die Differenz zwischen Geschichtsvergessenheit und Geschichtsbesessenheit, wie sie in einem Buch von Aleida Assmann und Ute Frevert nachgezeichnet worden ist. Bedingt durch den Blick auf drei Generationen deutscher Schriftsteller, wird diese Unterscheidung im Anschluss an Harald Weinrichs Buch "Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens" chronologisch aufgelöst: Vom Vergessen-Wollen und nicht Vergessen-Können Walsers bis hin zur Verpflichtung der dritten Generation, die den Wunsch zu Vergessen verspüre, jedoch als Konsequenz aus der deutschen Geschichte zieht, dass man nicht vergessen darf. Die Bezugnahmen auf zeitgenössische Theoretiker des Gedächtnisses - ebenso wie viele überraschende und inspirierende intertextuelle Verweise - erweitern den Spielraum der Interpretation, laden in ihrer aphoristischen Kürze jedoch zur Nachfrage ein: Während Jörn Rüsens Begriff des "historischen Bewusstseins" prägnant für die Interpretation der Figurenkonstellation der Familientrilogie "Das Haus auf meinen Schultern" von Dieter Forte herangezogen wird, fällt etwa die Inanspruchnahme Paul Ricœurs für die Einschätzung des Werkes von Martin Walser weniger überzeugend aus.

Agazzi kommt wiederholt auf die Fotografie als zentraler Gedächtnismetapher zurück, der in vielen - bei Sebald in größter Intensität - der von ihr in den Blick genommenen Werke eine entscheidende Bedeutung als Auslöser eines Erinnerungsprozesses oder Rekonstruktionsversuches zukommt. Die schwierige Frage, in wie weit sich die Generationszugehörigkeit auf die Erzählverfahren, auf die Konstruktion des Gedächtnisses und die Rekonstruktion der Vergangenheit ausgewirkt hat, bleibt unbeantwortet, auch wenn es dazu viele anregende Hinweise gibt.

Agazzi folgt dem zentralen literatur- und kulturwissenschaftlichen Fokus auf die Konstitution des Gedächtnisses und der Erinnerung und verliert dabei aus den Augen, mit welchen Themen sich die Autoren überhaupt auseinandersetzen. Deutlich wird nämlich en passant, dass der Holocaust keinesfalls im Vordergrund der literarischen Annäherungsversuche an die nationalsozialistische Vergangenheit steht, wenn man dies nicht allein auf die Textauswahl von Elena Agazzi zurückführen will.

Insbesondere zeigt sich dies bei den Repräsentanten der von Agazzi ins Feld geführten Autoren der dritten Generation: Jens Sparschuh schreibt über die pseudowissenschaftliche Forschungsgemeinschaft "Deutsches Ahnenerbe e.V.", Judith Kuckarth über Züchtungsfantasien in den Lebensborn-Heimen, während Tanja Langer die Thulegesellschaft und okkulte Zirkel innerhalb der SS thematisiert. Dies sind äußerst traditionelle Topoi der populären Kultur, die den Nationalsozialismus als widersprüchliches Faszinosum und frivol-pikantes Abenteuer erscheinen lassen. Gerade bei diesen Themen wäre es interessant gewesen, nach der Verknüpfung von Kitsch und Tod und von Faszination und Gewalt in der literarischen Thematisierung des Nationalsozialismus zu fragen, wie dies Saul Friedländer und Peter Reichel angeregt haben.


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Theo Sommer: 1945. Die Biographie eines Jahres.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2005.
284 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3498063820

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Bruni Adler: Bevor es zu spät ist. Begegnungen mit der Kriegsgeneration.
Klöpfer, Narr Verlag, Tübingen 2005.
520 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-10: 3937667628

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Sophie Bandel, Jan F Scholl / Fritz Hartnagel: Damit wir uns nicht verlieren. Briefwechsel 1937-1943.
Herausgegeben von Thomas Hartnagel.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
495 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3100004256

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Welf Botho Elster: Die Grenzen des Gehorsams. Das Leben des Generalmajors Botho Henning Elster in Briefen und Zeugnissen.
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2005.
228 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3487084570

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Elena Agazzi: Erinnerte und rekonstruierte Geschichte. Drei Generationen deutscher Schriftsteller und die Fragen der Vergangenheit.
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005.
175 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3525208383

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Brigitte Jäger: Leben nach den Nazis. Entschädigungsfälle im Nachkriegsdeutschland.
edition Grüntal Verlag, Berlin 2005.
302 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3938491043

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Beate Niemann: Mein guter Vater. Mein Leben mit seiner Vergangenheit Eine Täter-Biographie.
Hentrich & Hentrich Verlag, Teetz 2005.
223 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3938485035

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Egon Schwarz: Unfreiwillige Wanderjahre. Auf der Flucht vor Hitler durch drei Kontinente.
Verlag C. H. Beck, München 2005.
260 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3406528368

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Margit Reiter: Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis.
Studien Verlag, Innsbruck 2006.
331 Seiten, 36,90 EUR.
ISBN-10: 3706519402

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