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Ulrich Schreibers Opernführer liegt komplett vor

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit dem fünften Band liegt nun Ulrich Schreibers "Opernführer für Fortgeschrittene" vollständig vor: ein monumentales Werk, das jedenfalls in deutscher Sprache einzigartig ist und weit über die sonst im Zentrum stehenden Handlungswiedergaben hinaus Inhalt, Form und musikhistorische Bedeutung der Werke auf exemplarische Weise vermittelt. Der Opernführer ist tatsächlich "für Fortgeschrittene", insofern einer differenzierten Darstellung in jedem Fall der Vorrang eingeräumt ist gegenüber populistischer Vereinfachung und der Zurichtung zu oberflächlichem Konsum von Werk und seiner Beschreibung. Es ist dies aber der einzige Zugang, der der komplexen Kunstform Oper - mit ihrer Verschränkung von Musik und Wort wie von gesellschaftlicher Repräsentation und ästhetischer Innovation - angemessen ist. Herablassend vereinfachendes Geplauder würde keine Erkenntnis ermöglichen, sondern sie, dem ersten Anschein entgegen, gerade elitär verhindern. Schreibers Darstellung ist stets sprachlich klar, ohne jedes Imponiergehabe; Fachausdrücke, ohne die kein Lebensbereich auskommt, werden ohne Scheu benutzt und in einem Glossar erklärt.

Der letzte Band ist einer von gleich dreien, die dem 20. Jahrhundert gewidmet sind und die Vitalität der Gattung gerade in der Gegenwart demonstrieren. Er hat die Oper in Nord- und Osteuropa und auf anderen Kontinenten zum Thema. Wie schon in den vorangegangenen Bänden hält sich Schreiber von jeder Schematik fern. Einzelne Aspekte treten in den Vordergrund, so wie es jeweils die Werke in ihrer historischen Verankerung fordern. In jenen Weltgegenden, in denen die Oper eine neue Kunstform ist, sind institutionelle Bedingungen besonders berücksichtigt: wer weiß schon, seit wann und von wem aufgeführt Opern in Indien oder China zu hören sind!

Politik ist besonders für die Oper in Osteuropa, vor allem in der Sowjetunion während des Stalinismus, von Bedeutung. Hier gelingen Schreiber genaue Analysen, etwa in dem Abschnitt über Dimitri Schostakowitschs "Lady Macbeth vom Mzensker Bezirk", der den Stellenwert der Oper im Frühwerk des Komponisten so instruktiv darstellt wie die politisch prekäre Position zwischen Schostakowitschs Zustimmung zum bolschewistischen Kampf gegen das Alte und der stalinistischen Ästhetik, die eine gesellschaftliche Harmonie vorzuspiegeln verlangte. Ebenso aber erfasst Schreiber die Entwicklung der Gattung in der späteren Sowjetunion oder gar in Polen, wo politisch-ästhetische Vorgaben mehr und mehr an Bedeutung verloren.

Problematisch ist allerdings die Gliederung. Das 20. Jahrhundert stellte den bisherigen Höhepunkt der politischen Form ,Nationalstaat' dar. Insofern ist es konsequent, wenn Schreiber seine und Kapitel je verschiedenen Nationen widmet. Das führt im einzelnen auch zu informativem Überblick, doch erscheint die Zuordnung der Komponisten zuweilen willkürlich. Der Rumäne George Enescu war mit seinem "Œdipe" im vierten Band im Kontext der französischen Oper behandelt worden, in den er trotz mancher Bezüge auf südosteuropäische Volksmusik wohl auch gehört. Alfred Schnittke aber, dessen Opern alle im Westen uraufgeführt wurden, gerät nach seinem Geburtsort ins Kapitel zur sowjetischen Oper, ebenso wie der gebürtige Koreaner Yun Isang, der seit den sechziger Jahren in Deutschland lebte und nicht zuletzt wegen seiner Gegnerschaft zum südkoreanischen Regime auf deutsche Bühnen verwiesen war, als koreanischer Komponist erscheint. Kurt Weill, der ebenfalls aus politischen Gründen nach 1933 keinen Zugang mehr zum deutschen Theater hatte, wird mit seinem früheren Werk im dritten Band vorgestellt, mit den Exilopern aber erst im USA-Teil im fünften Band. Sergej Prokofjew, vor der Oktoberrevolution nach Paris ausgewichen und 1936 in die Sowjetunion remigriert, tritt im Russland-Teil auf. Igor Strawinsky, gleichfalls ein Emigrant von 1917, der 1939 aus Frankreich in die USA übersiedelte, bekommt dagegen ein eigenes Kapitel mit dem Titel "Ein Proteus der Weltmusik", das zudem auf die Spannung zwischen Schreibers Haupt- und Untertitel verweist, die gerade seit dem 20. Jahrhundert virulent wird: Handelt es sich im engeren Sinn um einen "Opernführer" oder um eine "Geschichte des Musiktheaters", in der allein Mischformen wie Strawinskys "Histoire du soldat" oder sein "Opéra-oratorio" "Oedipus Rex" ihren Platz hätten?

Auch führt es mehrfach zu Problemen, dass Schreiber zwischen der Einführung in Hauptwerke und einer Gattungsgeschichte schwankt. Besonders in den knapp hundert dabei höchst instruktiven Seiten zur Oper in den USA führt dies mehrfach zu Vor- und Rückgriffen, die die Darstellung etwas unübersichtlich werden lassen. Zudem wird deutlich, dass eine Weltgeschichte des Musiktheaters das Vermögen eines Einzelnen vielleicht doch überschreitet. Von den drei Seiten zur Oper in Korea sind etwa zweieinhalb dem zwangsweise auf Deutschland bezogenen Yun Isang gewidmet, der Rest einer in der Heimat keineswegs bekannten Komponistin Lim June H. und wenig zuverlässigen Angaben zur koreanischen Aufführungspraxis. Bekanntere Komponisten wie der an der deutschen Avantgarde orientierte Kang Sukhi oder der auf nationalkulturelle Popularität zielende Lee Geunyong dagegen fehlen.

Doch vermögen solche Schwächen Rang und Bedeutung von Schreibers Opernführer nur geringfügig zu beinträchtigen. Wie in den früheren Bänden, so beeindrucken auch hier die umfassenden Kenntnisse des Autors wie sein Darstellungsvermögen, das sich wieder besonders in den fast monografisch angelegten Teilen zu den bedeutendsten Komponisten fürs Musiktheater zeigt: Neben Strawinsky ist das hier vor allem Leoš Janácek, dessen Opern Schreiber überzeugend zu charakterisieren weiß.

Wie gewohnt zeigt sich der Verfasser auch durchaus wertungsfreudig, und zumeist vermag er auch zu überzeugen. Dabei stützt er sich kaum auf ein musikalisches Fortschrittsmodell. Allzu schamlose Rückgriffe auf eine allmählich verbrauchte Spätromantik lehnt er zwar auch da ab, wo sie wie im Fall des Japaners Shigeaki Saegusa mit seinem "Chushingura" (1997) auf eine positive Resonanz des heimischen Publikums stießen. Doch zeigt sein differenzierter Umgang mit verschiedenen Spielarten der minimal music, die seiner Ästhetik merklich fern steht, dass es ihm eher um die anspruchsvolle Umsetzung eines musiktheatralischen Konzepts als um das Urteil über das Konzept geht: während er besonders die neueren Kompositionen von Philip Glass mit nachvollziehbaren Gründen ablehnt, sind Werke von John Adams oder Louis Andriessen durchaus positiv gewertet. In jedem Fall ist Schreibers streitbares Urteil intellektuell anregend und erhebt seinen Opernführer, über seine dokumentarische und analytische Ebene hinaus, zu einer Grundlage künftiger Auseinandersetzungen über das Musiktheater.


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Ulrich Schreiber: Opernführer für Fortgeschrittene. Band 3. III Die Geschichte des Musiktheaters. Das 20. Jahrhundert III: Ost- und Nordeuropa. Nebenstränge am Hauptweg. Interkontinentale Verbreitung.
Bärenreiter Verlag, Kassel 2006.
692 Seiten, 47,50 EUR.
ISBN-10: 3761818599
ISBN-13: 9783761818596

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