Primitive Sehnsüchte - Jan Gerstner geht in "die absolute Negerei" der Rolle des Kolonialismus in der Avantgarde nach

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Zu den Strategien der Avantgarde gehörte der Rückgriff auf das, was in der Herausbildung der kulturellen Identität Europas zu dessen Anderem erklärt wurde. Vor allem das "Primitive", das aus dem Begriff der Kultur überhaupt herauszufallen schien, sollte nun eine radikalen Neubestimmung der Kunst ermöglichen helfen. Die im Zuge der Kolonisierung Afrikas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmende Präsenz der Stereotypen vom "wilden Neger" in der Populärkultur stellte den Avantgarden einen Bilderfundus bereit, der für eine antibürgerliche, transgressive Ästhetik eingesetzt werden konnte. Aber auch afrikanische Skulpturen und Masken erfuhren aus der Suche nach neuen formalen Möglichkeiten in der bildenden Kunst Europas heraus eine Neubewertung. Die Avantgarde trug dazu bei, die "primitive" Kunst in den europäischen Kunstdiskurs zu integrieren.

Die Arbeit geht den Zusammenhängen des Primitivismus in den Avantgarden mit den Diskursen des Kolonialismus vor allem am Beispiel Frankreichs nach. Nach einem kurzen Überblick zur Kolonialliteratur und den im frühen 20. Jahrhundert gängigen Stereotypen von Schwarzen als "Negern" widmet sie sich dem Einsatz des "Primitiven" in ästhetischen Praktiken der Avantgarde-Bewegungen. Hierbei geht es sowohl um das formal motivierte Interesse an afrikanischer Kunst als auch um die Idealisierung des "Negers" als Musterbild einer authentischen Existenz. Rassistischen Zuschreibungen steht dabei eine ästhetische Praxis gegenüber, die den Identitätskonstruktionen, die mit solchen Zuschreibungen verbunden sind, tendenziell entgegenläuft. Anhand von Texten unter anderem Carl Einsteins, Guillaume Apollinaires und des Züricher Dada-Kreises wird dieses Spannungsverhältnis dargelegt und in allgemeinere Überlegungen zur Avantgardeästhetik überführt. Mit der Popularisierung des Primitivismus in der so genannten "Negermode" der zwanziger Jahre tritt ein neues Element hinzu, dessen Aufnahme durch avantgardistische Künstler ebenfalls Eingang in die Arbeit findet. Ausführliche Analysen der Romane "Le nègre" von Philippe Soupault und "Der Neger Jupiter raubt Europa" von Claire Goll weisen abschließend den widersprüchlichen Charakter rassistischer Klischees in Texten der Avantgarde nach. In "Le nègre" wird das von Authentizitätssehnsüchten getragene "Neger"-Stereotyp innerhalb einer surrealistischen Erzählung eingesetzt, die implizit ihren eigenen rassistischen Untergrund mitreflektiert; während Claire Golls Roman durch die offene Inszenierung des primitivistischen Diskurses der 1920er-Jahre diesen in seiner ganzen Klischeehaftigkeit herausstellt.

J.G.

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Titelbild

Jan Gerstner: "die absolute Negerei". Kolonialdiskurse und Rassismus in der Avantgarde.
Tectum Verlag, Marburg 2007.
146 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783828892354

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