Großartige Chinawaren

Alfred Döblins "Die drei Sprünge das Wang-lun" in neuer Ausgabe

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Alfred Döblin ist auf dem besten (schlechten) Weg zum Ein-Buch-Autor, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Dort ist er der Autor von "Berlin, Alexanderplatz", dem 1929 erschienenen vornehmsten Repräsentanten der Klassischen Moderne in der deutschsprachigen Literatur. Dass Döblin weitaus mehr zu bieten hat als diesen, zweifelsohne vorzüglichen Text, gerät mehr und mehr in Vergessenheit. Großes ist dabei, Außergewöhnliches, in der Qualität, im Umfang und im Missgriff. Döblin hat in seinem Literatenleben eine Menge gewagt, vieles gewonnen, auch wenn ihm nicht alles gelungen ist. Aber wem wäre das auch zuzumuten, dass ihm immer nur alles gelingt? In diesem Zusammenhang ist es sehr zu begrüßen, wenn als neuer Band der Ausgewählten Werke Döblins nun auch "Die drei Sprünge des Wang-lun" erschienen sind.

Die Bedeutung des 1915/16 erstmalig erschienenen Romans in der Werkbiografie Döblins ist hoch genug anzusetzen, markiert er doch den Übergang zum furiosen mittleren Werk, das mit dem "Wallenstein" von 1919 und mit "Berge Meere und Giganten" aus dem Jahr 1924 in Richtung Klassiker der Moderne weist. Dabei geht es freilich nicht nur um einen anzustrebenden Klassikernachweis, sondern darum, dass es Döblin in seinem Romanwerk wie in den begleitenden essayistischen Schriften immer wieder, und in immer neuen Anläufen um die moderne Gesellschaft ging.

Wie ist sie zu begreifen? Wie ist sie zu beschreiben? Welcher Stil, welche Schreibweise, aber auch welches erzählerische Konzept braucht es dafür? Seinen langen Atem in der Sache Moderne beweist er auch mit den "Drei Sprüngen des Wang-lun".

In der "Zueignung" motiviert Döblin seine chinesische Aussteiger- und Revolutionsgeschichte damit, dass "er" (wer immer das nun wieder sein mag) sich in den "sonderbaren Stimmen", die "die Straße in den letzten Jahren" bekommen habe, nicht zurecht finde. "Wem dient es?", fragt der Erzähler. Keine Antwort darauf. Aber immerhin der Verweis darauf, dass im Leben "dieser Erde zweitausend Jahre ein Jahr" seien.

Womit wir bei den großen zivilisationskritischen Kompensationsromanen des frühen 20. Jahrhunderts als Referenzbereich angekommen wären. Im Unterschied zu "Berge Meere und Giganten", der Roman, der gleichfalls in einer Neuausgabe (aus dem letzten Jahr) vorliegt, widmet sich Döblin hier aber nicht den möglichen verhängnisvollen Konsequenzen der technokratischen Fortschrittsdenken, sondern schildert die Entstehung einer ins Chinesische verlegten Aussteigerbewegung, der "Wahren Schwachen". Aus einer heruntergekommenen und erbärmlichen Räuberbande wird eine Bewegung, die der auf Profitmaximierung und auf die Sicherung ihrer Existenz ausgelegten Mandschu-Dynastie sogar gefährlich werden kann. Denn immer mehr Menschen werden von der Gesellschaft ab- und ausgestoßen, und statt dass sie sich vereinzelt durchschlagen, vereinen sie sich. Und schon kann man an ihnen nicht mehr vorbei. Was will ein System ohne seine Menschen, auch ohne die, mit denen es nichts mehr anzufangen weiß?

Dass Döblin seine Geschichte, deren aktuelle Bezüge wenige Jahre später mit der Oktober- und Novemberrevolution offensichtlich wurden, ins Chinesische verlegt, knüpft an die große Beliebtheit der Szenerie im beginnenden 20. Jahrhundert an. Klabund und Brecht gehören zu den bekanntesten Herstellern literarischer Chinawaren in diesen Jahrzehnten. Nimmt man den Orient als Referenzbereich noch dazu, schwillt die Zahl der einschlägigen Texte enorm an (man denke nur an Hermann Hesse). Neben der Exotik der Schauplätze sind die Hintergründe dieses neuen Booms leicht greifbar: Meist werden hier Gegenentwürfe zur sich beschleunigenden Moderne, Rückzugs- und Ruheräume angesiedelt, in denen der moderne Mensch zu sich selber finden kann. Döblin aber verknüpft fernöstliches Leben nicht mit Philosophie und Weisheit, sondern mit einer fulminanten Revue eines Revolutions-, Schauer- und Staatsromans, in dem Macht, Machterhalt und Machtübernahme ihre blutigen Urständ feiern.

Alfred Döblin hat mit diesem Roman freilich nicht nur eine neue Variante des Moderne-Themas aufgeworfen und ein neues erzählerisches Konzept angewandt. Und damit ist er erfolgreich. Er kann sich mit diesem Roman im Literaturbetrieb durchsetzen. Aus dem Geheimtipp, so das Nachwort, wird der bekannte Autor. Allerdings hat der Erfolg der "Drei Sprünge des Wang-lun" zwei Seiten: Verlegerisch ist er strategisch wichtig, insbesondere um den Autor Döblin durchsetzen zu können. Was die Verkaufszahlen angeht, sind die bis 1923 gedruckten 12 Auflagen, was wohl insgesamt 12.000 Exemplare ausmachte, freilich kein überwältigender, sondern bestenfalls ein Achtungserfolg. Zudem braucht es sieben Jahre und vier Drucke, um die Verkaufszahlen auf dieses Niveau zu heben.

Nach 1923 bricht die Druckgeschichte für über 20 Jahre ab. Erst 1946 kommt es zum Neudruck der "Drei Sprünge des Wang-lun". So sehr der Roman Döblin also ins Spiel brachte, so wenig Bestand hat er doch selbst gehabt. Nur wenige Jahre war er auf dem Markt. Nicht einmal Döblins Aufstieg in die erste Linie der deutschen Literatur, seine Berufung etwa in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste hat zu einer Neuauflage geführt. Den Text scheinen Autor und Verleger am Ende der zwanziger Jahre für veraltet zu halten. Angesichts der Nachfolgeprojekte "Wallenstein", "Berge Meere und Giganten", "Manas" und "Berlin, Alexanderplatz" ist das auch kaum verwunderlich. Auch wenn diese Texte bis auf "Berlin Alexanderplatz" selbst wieder nur mäßig erfolgreich waren, haben sie den früheren Roman anscheinend doch verdrängt.


Titelbild

Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-Lun. Chinesischer Roman.
Herausgegeben von Gabriele Sander. Mit einem Nachwort von Andreas Solbach.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007.
672 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783423135702

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Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-Lun. Chinesischer Roman.
Herausgegeben von Gabriele Sander. Mit einem Nachwort von Andreas Solbach.
Walter Verlag, Düsseldorf 2007.
672 Seiten, 54,00 EUR.
ISBN-13: 9783530167177

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