Die Toten nicht verlieren

Ein Sammelband vergleicht die Trauer- und Totenrituale in verschiedenen Kulturen

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Niemand außer einigen Rechten käme hierzulande auf die Idee, für Nazi-Größen Schreine zu errichten, um ihrer in regelmäßig stattfindenden Zeremonien zu gedenken. In Japan dagegen erhielten gerade jene Generäle Schreine, die von den Siegermächten als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet wurden. Für diese Form des Totenkultes fehlt uns nicht nur jegliches Verständnis, wir finden sie geradezu empörend.

Tatsächlich jedoch, so der Kulturwissenschaftler Jan Assmann, geht es in diesen Ritualen gar nicht um Verehrung als vielmehr um Befriedung. Diese Riten dienen dazu, die Geister zu besänftigen, um so zu verhindern, von ihnen erneut heimgesucht zu werden. Sie sind also eine Form der Vergangenheitsbewältigung. Auch wenn uns gerade Japan, das sich bis heute schwer damit tut, seine Kriegsverbrechen einzugestehen, kaum als Vorbild dienen kann: Für Assmann ist es kein Zufall, dass bei uns, wo man es zunächst mit einer "damnatio memoriae", einem bewussten Vergessen und Verdrängen der "bösen" Ahnen versuchte, diese heute untoter denn je erscheinen und in immer neuen Filmen und Büchern herumspuken.

Assmanns provokativer Vergleich macht deutlich: Während auf dem asiatischen Kontinent die Menschen vielerorts noch wie seit jeher unter dem Schutz traditioneller Riten und Gebräuche leben, geht dieser bei uns zunehmend verloren. Überall im Westen wächst das Unbehagen an den überkommenen Trauerritualen, und das nicht nur im Umgang mit unliebsamen Vorfahren. Gerade auch wo es um die eigenen Verstorbenen geht, erscheinen die Rituale vielen als sinnentleert und zu wenig individuell.

Zwar ist der Tod durch die Medien präsenter denn je, die einst selbstverständliche unmittelbare Erfahrung mit Verstorbenen ist uns jedoch abhanden gekommen. Weshalb der Kulturwissenschaftler Axel Michaels - auch mit Blick darauf, dass heute Pfarrer und Trauerredner häufig die Verstorbenen gar nicht mehr persönlich kennen - zu dem Schluss kommt: "Die Hinterbliebenen haben - hier ist die Sprache verräterisch - ihre Angehörigen im wahrsten Sinne des Wortes verloren."

Davon, wie in verschiedenen Kulturen Trauer- und Totenriten gerade dies, den Verlust der Toten, verhindern wollen, handeln die Beiträge in einem von Assmann und Michaels zusammen mit Franz Maciejewski herausgegebenen Sammelband mit dem Titel "Der Abschied von den Toten". Auf den ersten Blick erscheinen die Rituale und Gebräuche, wie sie im alten Ägypten, in orientalischen oder hinduistischen Kulturen üblich waren oder sind, verwirrend mannigfaltig. Während sich zum Beispiel die alten Ägypter ganz darauf konzentrierten, den vergänglichen Leichnam durch aufwändige Verfahren der Mumifizierung für die Ewigkeit zu konservieren, ist es in Indien bis heute üblich, die Toten zu verbrennen.

In manchen Kulturen müssen sich die Hinterbliebenen erst langwierigen Reinigungsritualen unterziehen, ehe sie wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen dürfen, in anderen ist ihnen für Wochen die Körperhygiene untersagt. In Nepal werden die Verstorbenen zunächst noch tagelang mit ihren Lieblingsspeisen versorgt, ehe man anfängt, ihnen "Fallen" zu stellen, um sie dazu zu bewegen, sich endlich auf den Weg ins Reich der Toten zu begeben.

So unterschiedlich die Rituale auch sein mögen, in ihrer Funktion ähneln sie einander sehr. Stets geht es darum, den Hinterbliebenen zu ermöglichen, mit dem Verstorbenen in eine neue, dauerhafte Beziehung zu treten. Dazu bedarf es nicht nur der Trauerriten, die den Umgang mit dieser potenziell gefährlichen Emotion regeln, sondern oft auch Totenriten. Mit Gesängen oder Fürbitten soll dem Toten geholfen werden, seine letzte Reise anzutreten und das jenseitige Ahnenreich zu erreichen. Denn würde er dort nicht ankommen, bestünde die Gefahr, dass aus ihm ein ruheloser Quälgeist, eine ewige Heimsuchung für die Hinterbliebenen wird - einen Horrorvorstellung, die offenbar kulturübergreifend nachweisbar ist.

Der Abschluss dieser meist ein Jahr dauernden Umwandlung hin zu einem guten Ahnen wird in vielen Kulturen mit einer Art zweitem Begräbnis symbolisch dargestellt. Im Judentum beispielsweise wird erst nach zwölf Monaten der Grabstein gesetzt, und auch im Christentum ist es vielerorts üblich, das provisorische Holzkreuz erst nach einem Jahr durch einen Stein zu ersetzen.

Von der Gefahr des Scheiterns der Trauerarbeit handeln vor allem jene Beiträge des Sammelbandes, die dem westlichen Kulturraum gewidmet sind. Sie beschäftigen sich mit der Totenklage von Holocaust-Opfern oder mit Formen des Gedenkens an Stadtzerstörungen in Dresden, Hamburg oder New York. Augenzeugen des Bombenkrieges in Deutschland berichteten beispielsweise von dem Phänomen der Tränenlosigkeit, der "Unfähigkeit zu trauern". Noch 1949 stellte Hanna Arendt bei einem Besuch in Deutschland fest: "Überall fällt einem auf, daß es keine Reaktionen auf das Geschehene gibt, aber es ist schwer zu sagen, ob es sich dabei um eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern oder um den Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit handelt. Die Gleichgültigkeit, mit der sich die Deutschen durch die Trümmer bewegen, findet ihre genaue Entsprechung darin, daß niemand um die Toten trauert."

Für die Überlebenden war diese emotionale Apathie, mit der sie die verkohlten Überreste des Partners oder Kindes zu den Plätzen von Massenverbrennungen schleppten, wohl eine Art Schutzreaktion, die ihnen das Weiterleben im Chaos des Krieges ermöglichte. Warum diese unbeweinten "Aschleichen", wie sie damals genannt wurden, auch mehr als 60 Jahre danach noch keine Ruhe finden können oder dürfen, macht dieses Buch ein wenig verständlicher.


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Jan Assmann / Franz Maciejewski / Axel Michaels (Hg.): Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich.
Wallstein Verlag, Göttingen 2005.
376 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3892449511

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