Variationen eines Gefühls

Der neue Erzählband "Romantiker" von Annette Mingels präsentiert ein breit angelegtes Panorama an Liebesmotiven und -konstellationen

Von Mechthilde VahsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthilde Vahsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bei einem Erzählband - der in diesem Fall 16 Geschichten über die Liebe umfasst - passiert es häufig, dass ein bestimmtes Motiv, eine Metapher, wiederholt auftaucht. Erfreulicherweise nicht so bei der in Zürich lebenden Autorin Annette Mingels. Ihr Buch "Romantiker" zeichnet sich durch eine Fülle aus, die an den im letzten Jahr veröffentlichten Erzählungsband "Lieben" von Irene Dische erinnert. In Ton und Atmosphäre unterscheiden sich die beiden Bücher allerdings deutlich.

Überraschende Wendungen erwartet man bei Mingels vergebens. Stattdessen sind ihre Geschichten charakterisiert durch das prägnante Ausloten von Verbindungsmustern, deren Folgen und emotionale Ebenen. Zwei Freunde wissen um ihre Homosexualität und ihr Begehren füreinander, können nur mit Gewalt, Schweigen und später mit flüchtigen sexuellen Begegnungen darauf reagieren. Beide heiraten.

Eher konventionell in der Anlage ist dagegen die Geschichte um den Hund Toby, der mithilfe eines Rollwagens wieder mobil wird und dann doch stirbt, Metapher für eine Beziehung, deren Emotionen nur über das Symbol des geliebten Tieres ausgedrückt werden können.

Mingels spielt sie alle durch, die Konstellationen der Liebe, verzichtet dabei auf Effekt und ästhetisches Sprachspiel, sondern konzentriert sich auf das, was diese Konstellationen auszeichnet: die möglichen und tatsächlichen Verbindungen zwischen zwei Menschen. Es sind nicht immer Liebende, das wäre zu romantisch. Denn obwohl der Titel auf ein traditionsreiches Gefühl verweist, gibt es durchaus Geschichten, in denen das sexuelle Begehren zur Gefahr wird. Zum Beispiel wenn ein Urlaubsnachbar seine pädophilen Neigungen durch einige wenige Sätze verrät oder zwei Schwestern gefangen sind in ihrem Liebesverhältnis zu einem Mormonen, der von beiden nicht lassen kann.

Die titelgebende Geschichte erzählt von einem Paar, das auf einer Reise in einem französischen Wald eine Pause einlegt. Es kommt zu einem gewalttätigen Zwischenfall, ein Mann wird brutal verprügelt. Bereits hier verflechten sich Liebe, Begehren, Sehnsucht und Gewalt miteinander und zeigen hilflose Figuren in einem Spiel, dessen Regeln sie selbst setzen, dessen Konsequenzen aber für sie nicht zu kontrollieren sind.

Der Ton dieser Erzählungen, die Ausschnitte zeigen, hinter denen das Ausmaß der jeweiligen Beziehung deutlich zu erahnen ist, bleibt stets gleich, was schade ist. Auf fast 200 Seiten hätte man sich mehr stilistische Abwechslung gewünscht. Trotzdem sind die Verbindungen psychologisch dicht und überzeugend. Positive Auflösungen gibt es kaum: ein großer Pluspunkt, denn damit bleibt die Autorin der Ironie treu, mit der sie den Titel "Romantiker" in jeder Geschichte neu unterläuft.


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Annette Mingels: Romantiker. Geschichten von der Liebe.
DuMont Buchverlag, Köln 2007.
200 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783832180140

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