Zwischen Butler und "Desperate Housewives"

Karin Lederer und andere beleuchten die Dialektik der modernen Kulturindustrie

Von Susan MahmodyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susan Mahmody

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie - von Tatort zur Matrix" lautet der Titel des von Karin Lederer herausgegebenen Sammelbandes, der sich mit den Funktionsmechanismen der modernen Kulturindustrie auseinandersetzt. Durch den Kulturkonservatismus vielfach kritisiert und verschmäht, wird der Massen- und Populärkultur hier ein ganzer Band gewidmet. Die Autoren orientieren sich dabei eher an den gängigen Auffassungen der Cultural Studies, die Populärkultur als Teil der gesellschaftlichen Praxis und des öffentlichen Diskurses ansehen. Auch im vorliegenden Band werden populärkulturelle Manifestationen als Ausdrucksformen gesellschaftlicher Verhältnisse betrachtet und auf ihre historische und gesellschaftliche Funktion sowie ihre Spezifik hin untersucht. Der Schwerpunkt der angeführten Beispiele liegt dabei auf Film und Fernsehen, aber auch literarische Vorbilder werden diskutiert.

Als Ausgangspunkt dient der Begriff der Kulturindustrie, wie er von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in der 'Dialektik der Aufklärung' benutzt wurde. In einer sich stets mehr an Konsum und Kapital orientierenden Welt entwickelte sich hiernach auch die Kunst zur Ware, die natürlich ihre Abnehmer brauchte. Die Produktion und der Vertrieb massentauglicher (und erschwinglicher) Kunstwerke waren die Lösung, ästhetische Gesichtspunkte rückten dabei immer mehr in den Hintergrund. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Zwänge - denen auch die Kunst unterworfen ist - auf das Individuum, sowie das ewige Kräftemessen zwischen Hoch- und Massenkultur bilden den (wenn auch nur im Hintergrund mitlaufenden) Bezugspunkt des Buches.

Die Einleitung verspricht einen Einblick in die Philosophie von Science-Fiction-Serien wie "Star Trek" sowie zeitgenössischer Detektiv- und Krimiserien (etwa "CSI"), eine Kritik der Kulturindustrie im Horizont der modernen Literatur und der deutschen Ideologie in heimischen Produktionen (vor allem anhand des "Tatort"). Weiterhin ein Aufzeigen von Reflexionen über Geschichte und Gesellschaft in von deutschen Emigranten gedrehten amerikanischen Filmen der 1940er-Jahre, eine Auseinandersetzung mit den Konfliktpunkten zwischen den feministischen Theorien Judith Butlers und der Serie "Desperate Housewives", sowie eine Untersuchung der Frage, wieso sich europäische Rechtsextreme von Filmen wie "Matrix" und "Herr der Ringe" angesprochen fühlen.

Alles Themen, die sehr spannend klingen und gute Ansatzpunkte für die verschiedensten geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen bieten. Titel, Klappentext und Einleitung versprechen allerdings leider mehr, als das Werk letztendlich hält. Das Buch könnte vor allem für Experten hilfreich sein, denn Laien dürften den komplexen Zusammenhängen, die oftmals leider viel zu wenig tiefgründig und verständlich erläutert werden, nicht folgen können. Oft sind die Zusammenhänge zwischen dem theoretischen Ansatz beziehungsweise der Problemstellung und der ausgearbeiteten Fallstudie nicht nachvollziehbar und erscheinen als zu konstruiert, als zu "gewollt", denn als logisch und offensichtlich. Zum Beispiel hat sich der Rezensentin die Verbindung zwischen Samuel Becketts "Endspiel" und der amerikanischen Sitcom "King of Queens" auch nach dem zweiten Lesedurchgang nicht erschlossen. Wieso dann auch noch "Tatort" und andere deutsche Serien wie "Schwarzwaldklinik" und "Lindenstraße" in die Studie einbezogen werden, ist nur schwer zu durchschauen. Vielleicht wäre es ratsamer gewesen, sich auf einige wenige Beispiele zu konzentrieren und diese so gut wie möglich auszuarbeiten, anstatt immer neue Fälle in Nebensätzen zu erwähnen oder in kurzen Abschnitten abzuhandeln.

Was den an diesem Sammelband beteiligten Autoren sehr hoch anzurechnen ist, ist der Umstand, dass sie allesamt sehr interdisziplinär arbeiten und auch die jeweiligen Kontexte nicht außer Acht lassen. Die Beiträge beziehen sowohl künstlerische als auch gesellschaftliche, politische und soziale Aspekte ein, verbinden Hoch- und Massenkultur, historische und zeitgenössische künstlerische Manifestationen sowie Literatur und Film scheinbar mühelos und schließen somit an die Arbeitsweise der modernen Geisteswissenschaften an.


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Karin Lederer (Hg.): Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie - vom Tatort zur Matrix.
Verbrecher Verlag, Berlin 2008.
220 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783940426161

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