Gott hat keine Eile

In seiner Erzählung „Gaudí in Manhattan“ hat der katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón eine fantastische und einfühlsame Geschichte über Barcelonas bekanntesten Architekten geschrieben

Von Thomas HummitzschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Hummitzsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Gotteshaus thront gleichsam über der katalanischen Hauptstadt Barcelona, und dabei ist es unvollendet, bis heute nicht viel mehr als bloße Fassade. Schön anzusehendes Blendwerk, hinter dessen Portalen sich das wohl größte Kirchenschiff der Welt verbirgt. Wer hinter die Portale der Sagrada Familia blickt, sieht nichts weiter als den blauen Himmel, als hätte der katalanische Architekt Antoni Gaudí die Weite der Welt zur Kirche machen wollen. Einen ganzen Straßenblock nimmt Barcelonas wohl bekannteste Dauerbaustelle der Kathedrale von Weltruhm ein.

An keinen geringeren als den Meister des Modernismo (Modernisme Català), der spanischen beziehungsweise katalanischen Form des Jugendstils, Antoni Gaudí wurde die Leitung für den Bau im März 1883 übertragen. Es sollte sein unvollendetes Meisterwerk werden. Der Architekt wurde 1926 von einer Straßenbahn überfahren, bevor er das ebenso fantastische wie umstrittene Objekt auch nur annähernd beenden konnte. Sein Leichnam wurde in der Krypta der Sagrada Familia begraben, in den schützenden Armen der „Heiligen Familie“.

Gaudís Architektur prägt das metropole Zentrum der katalanischen Welt. In Barcelonas Architektur lebt sein Geist fort. Sein Stil erinnert an einen verzerrten Jugendstil, als hätte Salvador Dalí nicht nur seine berühmten Uhren, sondern auch die Mauern einer Stadt schmelzen lassen. Appartement- und Bürogebäude wie das Casa Battló und das Casa Milà oder die surrealen-modernistischen Güell-Werke, von den Pavillons bis zum eigens angelegten Park, gehören neben der Sagrada Familia zu den architektonischen Magneten Barcelonas.

Der Insel Verlag hat nun eine Erzählung des katalanischen Schriftstellers Carlos Ruiz Zafón vorgelegt, die sich mit Gaudís unvollendeten Meisterwerk befasst. In einer einfühlsamen und stets bedachten Sprache hat Zafón, der mit seinen Weltbestsellern „Im Schatten des Windes“ (2003) und „Das Spiel des Engels“ (2008) Welterfolge feiert, eine in jedem Sinn „phantastische Erzählung“ geschrieben. „Gaudí in Manhattan“ ist die fiktive Geschichte eines Architekturstudenten, der Barcelonas berühmtesten Architekten aller Zeiten nach New York begleitet. Dort soll Gaudí für eine anonyme Auftraggeberin einen Wolkenkratzer, eine „wagnerische Nadel“, „eine Kathedrale für Leute, die statt an Gott ans Geld glauben“, bauen. Als Gegenleistung würde der Auftraggeber die Kosten für die Vollendung der Sagrada Familia übernehmen. Diese Geschichte ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn 1908 entwarf der katalanische Architekt das New Yorker Hotel Attraction als ein phallisch anmutendes, gigantisches Gebäude. Allerdings wurde der 360 Meter hoch geplante Turm nie gebaut.

Im Zentrum von Zafóns Erzählung steht Gaudís legendäre Äußerung „Mein Kunde hat keine Eile“, mit der er die jahrelange Dauer des Baus der Kathedrale im Herzen Barcelonas rechtfertigte. Zafón verlegt den Fokus in seiner Erzählung auf die begrenzte Zeit des Architekten. „Gott hat keine Eile, aber ich werde nicht ewig leben“, sagt Gaudi seinem Begleiter, um die aufwendige Suche nach einem Sponsor in den Vereinigten Staaten zu rechtfertigen. Um die Dringlichkeit dieses Anliegens zu verdeutlichen, sind neben die Erzählung zahlreiche historische Abbildungen der Sagrada Familia von 1903-1929 gestellt, die den Zauber und die Faszination der Kathedrale, aber vor allem auch ihren unvollendeten Zustand, einfangen.

Es verwundert nicht, dass die fiktive Suche scheitert, denn schließlich kennt die Welt weder einen New Yorker Wolkenkratzer von Gaudí, noch eine annähernd fertig gestellte Sagrada Familia. Die Entwürfe für das amerikanische Hochhaus wirft Gaudí in der Erzählung während der Rückfahrt nach Spanien über Bord. Seinem Begleiter sagt er nur: „Gott hat keine Eile, und ich kann den Preis nicht zahlen, den man von mir verlangt.“

Der Preis wäre ein geradezu faustischer Pakt mit dem Teufel gewesen, denn die blasse, engelsgleiche Auftraggeberin entpuppt sich am Ende als „eine düstere, leichenhafte Gestalt mit einem großen schwarzen Hund zu ihren Füßen“. Die Gestalt dieser fiktiven Auftraggeberin soll in den modernistischen Fresken der Sagrada Familia verewigt sein, ein „Engel mit spitzen Flügeln, leuchtend und grausam“. Mit diesem einfachen literarischen Mittel spannt der katalanische Autor den Bogen aus der Fiktion hinein in die Realität, in der sich nun seine Leser auf die Suche nach dieser teuflischen Dame machen können. Es bedarf nur einer Reise in die Heimatstadt des Autors, in der all seine Romane spielen.

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Carlos Ruiz Zafón: Gaudi in Manhattan. Eine phantastische Erzählung.
Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
57 Seiten, 10,80 EUR.
ISBN-13: 9783458193180

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