Schrecken ohne Ende

„Ich wollte Liebe und lernte hassen“ von Fritz Mertens – eine Erinnerung an einen Autor und sein Buch

Von Alexander WeilRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Weil

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ich wollte Liebe und lernte hassen!“ ist aus verschiedenen Gründen ein außergewöhnliches Buch: Es ist das Dokument des Aufbruchs eines Zwanzigjährigen aus der Sprachlosigkeit seiner Kindheit; es schildert in sachlichem Ton eine tour de force elterlicher Grausamkeiten; es ist ein Buch über das Leben in der deutschen Provinz zwischen den Jahren 1963 und 1982; es ist ein Jugendbuch und ein Buch für Erwachsene.

Wenige Wochen vor Beginn der Niederschrift hatte Fritz Mertens zwei Menschen getötet. Er war im Bett mit der Geliebten von deren Freund erwischt worden. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Mertens zog ein Messer und stach den Mann nieder. Die junge Frau begann zu schreien, und er stach sie ebenfalls nieder. Er überschüttete die beiden mit Rum und zündete sie an. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Frau noch.

Die Tat wird zu Beginn und am Ende des Buches lediglich erwähnt. Sie ist Gegenstand des nachfolgenden Buches „Auch du stirbst einsamer Wolf“, das noch antiquarisch erhältlich ist. „Ich wollte Liebe und lernte hassen!“ endet ein Jahr vor der Tat.

Das Erscheinen des Buches sorgte 1984 für einiges Aufsehen: Es gab eine Fernsehsendung, in der man über Kindesmisshandlung in der Familie und über kindliche Prägung diskutierte; es wurde in Presse und Rundfunk besprochen:

„…immerhin handelt es sich um das menschlich bedeutendste, aber auch stilistisch eines der beachtenwesertesten Werke dieses literarischen Herbstes in Deutschland.“ (Walter Vogt)

„Nach der Lektüre kommen einem erst einmal die Mehrzahl der literarischen Einkleidungen von Menschheitsschicksalen harmlos und auch verwegen vor: Gegen diese Art von Erfahrungen sind selbst die grellsten Erfindungen taub.“ (Börsenblatt)

„Hier werden Erinnerungen an Kindheitsmuster geboten, die sonst verdrängt –entweder poetisiert oder verschwiegen- werden.“ (Süddeutsche Zeitung)

„Seinen langen Leidensweg bis zur Katastrophe beschreibt Fritz Mertens ohne Weinerlichkeit und mit einer fast umwerfend empfindungsnahen Sprache, deren stilistische Schwächen durch die starke Authentizität vollkommen in den Hintergund treten.“(Plärrer, Nürnberg)

„Ein Dokument als Literatur, Literatur als Dokument. Eine Dokumentation der anderen Seite des Lebens, die man lesen sollte, weil niemand vor sich selbst sicher ist.“ (ORF, Wien)

„Man wünscht sich die breite Beachtung dieses Berichts, zumal in Schulen, Sozial- und Jugendarbeit.“ (Einkaufszentrale für öffentliche Bibliotheken)

 

Alle Rezensenten waren sich einig, dass es sich um ein Buch von außergewöhnlicher Drastik handelt. Dagegen herrschte Uneinigkeit in der Einschätzung seines Stils. Was die einen als stilistische Mängel erachteten, hielten ihm andere zugute. Der Grund dafür ist leicht einzusehen: Der Autor hatte zu Beginn der Niederschrift keine literarischen Ambitionen. Er saß in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim und war von seinem Gerichtspsychiater Professor Reinhart Lempp gebeten worden, seinen Lebenslauf niederzuschreiben. Er wusste, dass die Entscheidung, ob er nach Erwachsenen-oder Jugendstrafrecht verurteilt werden würde, ganz erheblich von diesem Gutachten abhinge. Es ging um lebenslänglich oder zehn Jahre Jugendstrafvollzug. Es war Reinhart Lempp gelungen, das Vertrauen des Jungen zu gewinnen, und der erwidert es mit rückhaltloser Offenheit.

Bereits im ersten Absatz gibt Mertens zu verstehen, dass er es mit der Wahrheit genau nimmt: „Am 15.6.1963 bin ich geboren worden, nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause auf dem Sofa. So hat man es mir erzählt. Also ich bin Fritz, und versuche hier meine Lebensgeschichte zu erzählen, und das, was ich noch so alles von mir gehört habe, aber ich mich nicht daran erinnern kann, da ich noch zu klein war.“

Fritz leidet an einem Hüftgelenkschaden. Auf den ersten sechzig Seiten schildert er, wie er von Krankenhaus zu Krankenhaus gereicht wird, monatelang eingegipst im Bett liegt, auf Gehapparate und Krücken angewiesen ist und dann beginnt das, was bis dahin lediglich angedeutet wurde: die Schilderung der Hölle des Elternhauses. Diese Schilderung mit ihren sich ständig wiederholenden Gewaltexzessen wäre unerträglich, würde sie im Autor nicht einen erzählerischen Dammbruch auslösen. Immer mehr vertraut er sich seinem Erzählfluss an und horcht in den sprachlosen Jungen hinein, der er einst war, und der beginnt zu sprechen.

Fritz hat zwei jüngere Brüder, eine Schwester kommt später dazu. Der Vater arbeitet als Gießer, Bauarbeiter, Kellner; die Mutter als Kellnerin und Putzfrau. Später betreibt sie das Vereinslokal eines Fussballvereins und schließlich eine eigene Wirtschaft. Fritz muss bis zum Umfallen arbeiten, die jüngeren Geschwister versorgen und immer wieder schwerste Prügel: vom Vater, von der Mutter. Verhöhnungen. Hass.Niedertracht.

Mertens berichtet aus einer Welt, in der unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in einer Umgebung von nichtssagender Normalität, Terror und Anarchie herrschen. Ortschaften wie Villingen, Freiburg, Orsingen tauchen auf. Dem Leser drängt sich das Bild einer grauen Provinz auf, in der hinter heruntergelassenen Jalousien Verzweiflung und Brutalität herrschen. Es geht in diesem Buch nicht um den trügerischen Schein von Ordnung, sondern um deren Abwesenheit. Fritz erfährt Ordnung lediglich in Institutionen: in der Schule und im Krankenhaus. Die kurzen Aufenthalte bei den Großeltern verschaffen ihm vorübergehende Verschnaufpausen von der Schicksalsgemeinschaft Familie, die hier eine Hölle ist. Und immer wieder Versuche, Liebe und Zuneigung zu erfahren. Kleine Freuden, Zärtlichkeiten.

In einem Vorwort schildert Reinhart Lempp seinen ersten Leseeindruck: “Ich kannte viele sogenannte Lebensläufe Jugendlicher, die sich mehr oder weniger mager an ihren äußeren Lebensdaten entlang hangeln und über das eigene Erleben so gut wie nichts enthalten. In dieser Erwartung ging ich zunächst auch an die Lektüre dieses Berichts heran. Anfangs noch etwas steif und holprig, dann aber von Seite zu Seite flüssiger geschrieben, sah ich mich bald gefangengenommen von der Ursprünglichkeit und Offenheit, vor allem aber vom Gewicht des kindlichen, jungenhaften Erlebens, wie da geschildert wird, wie ein Junge zwischen Hoffnung und sich immer wiederholender Enttäuschung hin- und hergerissen wird, wie er Verständnis sucht und abgewiesen wird, immer wieder, immer noch einmal. Alle diese Erfahrungen haben sich bei ihm offenbar eingekerbt in seiner Erinnerung, so daß er sie dem Erleben entsprechend wiedergeben konnte, ja wohl musste, um nicht daran zu ersticken.“

Irgendwann im Verlauf der Niederschrift war Mertens klar geworden, dass er zu einer Sprache gefunden hatte, die er so nicht von sich kannte, und er schickte das Manuskript an Reinhart Lempp mit der Bitte, ihm bei der Suche nach einem Verlag zu helfen. So gelangte es zu Diogenes, wo man es in seiner ursprünglichen Form beließ und lediglich orthografische Fehler korrigierte.

„Mit dem Strick in der Hand ging ich dann auf den Speicher und suchte mir mit der Kerze einen geeigneten Platz, an dem ich in Ruhe hängen konnte.

Nach kurzem Suchen fand ich dann auch eine passende Stelle. Es war ein Balken, der ungefähr die Dicke von einem männlichen Oberarm hatte. Ich stellte die Kerze auf den Boden und fing an eine Schlaufe zu knüpfen. Als der Strick fertig war, sah er zwar nicht so aus wie die in den Western, aber er sah kräftig aus und würde mich halten. Das eine Ende des Strickes schmiß ich dann über den Balken. Da ich zu kurz war und den Balken nicht erreichte, suchte ich mir etwas zum Draufstehen. Ein alter morscher Stuhl diente dazu. Ich stellte ihn unter den Balken, stieg darauf, knotete das Seil an den Balken und schaute, ob das Seil auch die richtige Länge hätte. Als ich dann mit meiner Arbeit zufrieden war, legte ich mir die Schlinge um den Hals. Das war ein merkwürdiges Gefühl, dazustehen und die Schlinge um den Hals zu haben. So stand ich dann einige Minuten, und es war nur noch ein Sprung bis zu meinem Ende. Da der Stuhl alt war, quietschte und knarrte er, und ich dachte mir, wenn er jetzt zusammenbricht, dann brauch ich nicht einmal mehr zu springen. Ich hatte nicht den Mut vom Stuhl zu springen. Warum wußte ich auch nicht. Ich stieg langsam wieder vom Stuhl, und setzte mich dann auf ihn. Über mir baumelte der Strick. Ich konnte nicht mehr. Ich schaute nur noch in die flackernde Flamme der Kerze. Da saß ich nun, zu feige vom Stuhl zu springen und mit allem Schluß zu machen. […] Ich lag die ganze Nacht wach auf dem Bett und überlegte, wie ich das mit dem Zeugnis nur hinter mich bringen könnte.“

Nach seiner Entlassung schloss Mertens eine Lehre als Elektroinstallateur ab. Später machte er den Meister. Zusammen mit seiner zweiten Frau, einer diplomierten Sozialarbeiterin, gründete er 1998 eine gemeinnützige Jugendhilfeeinrichtung. Bis zu vierundzwanzig Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechzehn und einundzwanzig Jahren wurden von ihnen in einem Team mit Erziehern und Sozialpädagogen in Wohnungen, Wohngemeinschaften, einer Beschäftigungs- und Freizeitstätte betreut. Junge Menschen wurden zu Schulabschlüssen geführt, ihre berufliche Ausbildung wurde begleitet. 2007 wurde das erfolgreiche Projekt von einem großen, freien Träger übernommen. 2008 verstarb der Autor, vierundvierzigjährig, an einem Schlaganfall.

Fritz Mertens war, wie man in Süddeutschland sagt, ein „Schaffer“. Ein großer, kräftiger Mann, laut und hellhörig zugleich. Er war stolz auf sein Buch und hat das Manuskript doch Ende der 1990er-Jahre in den Reißwolf gesteckt. Es gab auf den fünfhundert, handgeschriebenen Seiten keine Korrekturen und nur eine einzige Streichung: die Änderung des Namens im ersten Absatz, die Wahl des Pseudonyms „Fritz“. Es war aus einem Guss.

In seiner Besprechung schreibt Hartmut von Hentig 1989 in der Neuen Sammlung: „Kinder spüren, daß sie den Erwachsenen im Wege sind –Ihrer Freiheit, ihrem Ehrgeiz, ihrer Eitelkeit. Sie können ihnen schon darum nicht trauen. Und das merken sie nicht gleich. Wenn sie es merken, haben sie eine lange Geschichte der Täuschung hinter sich. Das Böse ist nicht erkennbar. Vor allem ist es nicht durch Zuwendung zu besänftigen. Ihm ist nur durch List zu entkommen, bis man selber stark genug ist, erwachsen, frei von Rücksicht, gleichermaßen böse.“

Das ist das große Thema dieses Buches. Als es beendet war wusste Mertens, dass er bei aller Drastik seiner Erfahrungen über kindliche Enttäuschung schlechthin geschrieben hatte. Immer wieder sprach er davon: „Kinder und Jugendliche müssen lernen in Worte zu fassen, was sie bewegt.“ Es ist Reinhart Lempp und dem Diogenes Verlag zu danken, dass sie die karge Schönheit des Manuskripts erkannt haben.

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Fritz Mertens: Ich wollte Liebe und lernte hassen! Ein Bericht.
Diogenes Verlag, Zürich 2006.
256 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-10: 3257215398
ISBN-13: 9783257215397

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