Welt ohne Wagnis

Norbert Staubs entbehrliche Jünger-Studie über "Das abenteuerliche Herz"

Von Manu SlutzkyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manu Slutzky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Elliot Neaman zeigt in seiner Jünger-Studie "A Dubious Past" eindrucksvoll, dass bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts alle wesentlichen Aspekte der Deutung von Ernst Jüngers Werk und Person formuliert und zum Teil sogar ausgeführt sind. Alles Spätere ist Wiederholung der immergleichen Bilder, Metaphern und Vergleiche. Auch die Literaturwissenschaft tritt auf der Stelle und wiederholt sich oder wiederholt Jünger. Ein Beispiel dafür ist Norbert Staubs Dissertation "Wagnis ohne Welt", die sich vorgenommen hat, Ernst Jüngers Schrift "Das abenteuerliche Herz" (in beiden Fassungen) in ihrem "Kontext" darzustellen.

Eine schwierige Aufgabe, wie sich zeigt. In einem ersten Kapitel stellt Staub die Forschungslage dar, versäumt es jedoch, einschlägige Arbeiten (wie die von Armin Steil) auch nur zu erwähnen. Im zweiten Kapitel formuliert er einige heuristische Basisannahmen, um dann im weiteren konsequent gegen sie zu verstoßen. Eine dieser Annahmen besagt, dass das fiktionale Ich und Ernst Jüngers Person nicht identisch seien. Eine elementar wichtige Ausgangsposition, doch schwer durchzuhalten, wenn man einen Kontext-Begriff besitzt, der im Prinzip nur zwei Wirklichkeiten kennt, die literarische und die außer-literarische. Staub kennt daher auch nur zweiBezugspunkte, den des Œuvres, den er in einem literatur- und denkgeschichtlich fragwürdigen Bildungsregister verortet und den der "Realität", den er mit der biographischen, historischen und sozialen Lebenswirklichkeit Jüngers verwechselt.

Das fiktionale "Ich" stellt uns Staub anhand des Eingangsbildes des "Abenteuerlichen Herzens" vor. In seiner Interpretation dieser Prosavignette kommt hinten heraus, was Jünger vorne hineingesteckt hat, und würde Staub nicht so ein verquollenes Deutsch schreiben, so könnte man Jüngers und seine Aussagen synoptisch nebeneinander legen. Wenn es bei Jünger heißt: "Dann aber weiß ich auch, daß mein Grunderlebnis [...] das für meine Generation typische Erlebnis ist [...]. Aus diesem Grund heraus meine ich auch, wenn ich mich mit mir beschäftige, nicht eigentlich mich", so folgert Staub, hier spreche ein "repräsentatives Ich". D´accord, doch schon die nächste Folgerung, Jünger meine einen "exemplarischen Autor", ist verräterisch, denn von einem Autor spricht der Text nicht. Schon hier wird im Grunde deutlich, dass Staub jedes Jünger-Buch als "fiktionalisierte Autobiographie" liest, nicht nur "In Stahlgewittern" oder "Afrikanische Spiele". Im Falle des "Abenteuerlichen Herzens" sieht er sich dazu legitimiert, weil Jünger die Texte mit Daten seiner eigenen biographischen Realität ausgestattet hat. Ortsangaben wie Berlin, Leipzig, Neapel werden hier quasi mit Tagebuch-Funktion wahrgenommen, weil sie auch für Jüngers realen Lebensweg von Bedeutung gewesen sind. Und so wird Jüngers Buch ungebrochen auf das biographische Substrat zurückgeführt: Spricht der Ich-Erzähler des "Abenteuerlichen Herzens" von Verdiensten, die er sich "in der Kommission zur Aufstellung der neuen Reglements [...] für den nächsten Krieg" erworben habe, so weiß Staub von Jüngers Funktion in der Heeresvorschriftenkommission 1920 in Berlin zu berichten.

Jüngers Waffengefährten, die mit ihm in dieser Kommission gesessen haben, mögen seine Ausführungen als "unverstellt autobiographisch" gelesen haben, für einen Literaturwissenschaftler ist diese Lesart methodisch illegitim. Weder die Ortsangaben noch Jüngers beruflicher Werdegang gehörten und gehören zum allgemeinen kulturellen Wissen, und es muss für sie textuelle Funktionen geben, die über den Befund hinausgehen, es handele sich um ein "verschlüsseltes Autorportrait in der Zeit". Staub aber bleibt im biographischen wie im denkgeschichtlichen Bezugsrahmen gefangen, sein Konzept von "Lebensgeschichte" ist weithin naiv-historisch, jeder Text wird im Hinblick auf den "Krieger-Aristokraten" Ernst Jünger gelesen und interpretiert. Für eine methodisch saubere Rekonstruktion eines sekundären modellbildenden Systems, vulgo Literatur, fehlt Staub das Handwerkszeug, und seine Bestimmung eines fiktionalen Ichs hätte überhaupt nur dann Sinne, wenn sie eingebunden wäre in einen Literatur- und Realitätsbegriff, der nicht primär auf die Abbildung von Wirklichkeit abzielte, sondern auf deren Stiftung.

Über Nietzsches "Lebens"-Begriff kommt der Verfasser auf die epochale Geltung der "Lebensideologie" der Frühen Moderne zu sprechen; er zeigt, wie dort "vitalistische Begründungshilfen" für Konzepte wie "Volk" und "Nation" Hochkonjunktur haben. Auch Jüngers Nihilismus wird auf Nietzsche zurückgeführt, und das ist auch im weiteren genau Staubs Verfahren: Statt Texte zu interpretieren, konfrontiert er sie mit anderen Texten. So wird ein Zitat aus dem "Abenteuerlichen Herzen" zum Verhältnis von Erlebnis und Erinnerung mit Platons Theorie des Erinnerns verglichen; was Jünger beschreibe, sei im Prinzip im "Menon" nicht viel anders. Ähnlich wird ein Text über die "Gnade" der Erkenntnis mit aktuellen Befunden aus der Neurophysiologie konfrontiert. Zum methodischen Holzweg dieser Motivforschung passen die mürbe Rhetorik und der sprachliche Gestus des Verfassers: ein Gemenge aus Germanistenprosa der sechziger Jahre ("in gut essayistischer Tradition", "'perspektivisch' im Nietzscheschen Sinn", "atmosphärisch mit dem Autor fühlendes Publikum") und haltlosen Abstrahierungen im Heidegger-Stil ("das einsam-nächtliche Im-Bett- und das Tot-Sein", "Referenzpunkt des Sinnens" usw.).

Der besondere Status der "Traum"-Sequenzen im "Abenteuerlichen Herzen" soll wiederum mithilfe Nietzsches bestimmt werden, dem "nachhaltigsten Einflussgeber Jüngers", wie Staub meint. Doch der Nietzsche-Exkurs führt erneut von Jünger weg; Staub amalgamiert aus Konzepten von Gotthilf Heinrich Schubert, Sigmund Freud, C. G. Jung und Ludwig Binswanger eine allgemeine Traumtheorie, die nur leider zur Bestimmung der Textsorte "Traum" gar nichts beiträgt. Immer wieder entzieht sich der Verfasser der Textanalyse, um in der Mottenkiste der Vorbilder und Vergleiche, der "Lektürefrüchte" und der Rezeptionszeugnisse zu kramen. Und immer wird er fündig, bringt die haltlosesten Bezüge und Querverweise ans Licht, statt sich endlich einmal mit dem "Abenteuerlichen Herzen" selbst zu beschäftigen. Der Anspruch, Jüngers Frühschrift in ihren geistesgeschichtlichen Kontext einzubetten und den "narrative[n] Pol" zu bestimmen, "um den die essayistischen Reflexionen des Bandes kreisen", bleibt Rhetorik. Und der Autor bleibt den Nachweis schuldig, Jüngers Frühschrift sei der "Kristallisationspunkt des Jüngerschen Denkens um 1930". "Das "assoziative Verfahren", das angeblich "Das abenteuerliche Herz" charakterisiere, trifft vor allem auf Staub selber zu.

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Norbert Staub: Wagnis ohne Welt. Ernst Jüngers Schrift "Das abenteuerliche Herz" und ihr Kontext.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1999.
360 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3826016858

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