Nothing Sweet About Life

Dietmar Sous schildert in seinem Roman „Sweet About Me“ in bittersüßem Ton und mit lakonischem Humor die Zerbrechlichkeit eines ganz normalen Lebens, das zu einem Albtraum wird

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Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu Beginn des Romans entwirft der Autor das Bild einer Familie, wie es stereotyper kaum sein könnte: Vater, Mutter und Tochter Maya sind unterwegs zu einem Familienurlaub an der Nordsee; eine ganz normale Familie. Das einzige, was den Musikjournalisten und Vater aufregen kann, ist der moderne Musikgeschmack der Tochter und ihre allzu extreme Hingabe an den Tier- und Pflanzenschutz. Eine freche Bemerkung von Maya am ersten Abend, die auf die Unzulänglichkeiten und Wehleidigkeit ihres Vaters zielt, trifft ihn an seinem wunden Punkt und lässt die Situation eskalieren. Der Vater rastet aus, Maya läuft weg. Die Beiden begegnen sich ein letztes Mal am Strand, wo Maya versucht, sich zu entschuldigen. Ihr Vater lässt sie einfach stehen. Kurz danach wird sie Opfer eines Verkehrsunfalls, an dessen Folgen sie wenige Tage später stirbt.

Das Leben des Journalisten gerät nach dem Tod der Tochter aus den Fugen und lässt die Eltern macht- und sprachlos gegenüber ihrem Leben werden. Sie erstarren in einem Zustand absoluter Leere, unfähig, die Gefühle füreinander am Leben zu erhalten – sie entfremden sich zusehends voneinander. Er gibt sich selbst die Schuld an Mayas Tod und vermag es nicht, seiner Frau Betty die Wahrheit über die Ereignisse am Strand, kurz vor dem Unfall, zu sagen. Er kann ihr nicht sagen, dass die letzten Worte, die er an die Tochter gerichtet hat, alles andere als Worte der Versöhnung waren. In einem letzten Versuch zu retten, was nicht mehr zu retten ist, lassen sie ihr bisheriges Leben hinter sich. Mayas Sachen werden verpackt, das Haus auf dem Land mit dem Garten, der Mayas Handschrift trägt, wird verkauft. In der neuen Wohnung angekommen, scheint sich für einen Augenblick alles zum Guten zu wenden. Das Pärchen, das die Wohnung über ihnen hat, scheint sympathisch und nett, entpuppt sich aber nach kurzer Zeit als echtes Problem: Ihre aufdringlichen Annäherungsversuche und das Gekläffe ihrer Hunde treiben alle in den Wahnsinn. Zudem nimmt ihn die ältere Nachbarin Frau Hauenstein für diverse Botengänge in Beschlag. Alles beginnt ihm zu entgleiten: Er verliert seinen Job, seine Frau an eine religiöse Sekte und die potentielle Adoptivtochter Michelle, die nichts anderes als ein Ersatz für Maya sein sollte, an die Trostlosigkeit und Bitterkeit, die seit dem Tod der geliebten Tochter sein Leben und das seiner Frau kennzeichnen. Der Musikjournalist, und mit ihm die Handlung, scheint an vielen Stellen in eine tiefe Lethargie zu verfallen, bevor es am Ende zu einer wahren Explosion kommt: In einem Zustand tiefster Trauer und zerstörerischer Wut erschießt er das Pärchen von oben und die beiden Tiere. Er holt die alte Frau Hauenstein aus dem Pflegeheim, in welches sie von ihrer Tochter abgeschoben wurde und macht sich mit ihr zusammen auf den Weg nach Venedig. Mit diesem Aufbruch ins Ungewisse, endet der nachdenklich machende Roman.

Sous richtet den Blick auf das Nicht-Verarbeiten eines Unglücks und auf die fehlende Auseinandersetzung des Ich-Erzählers der Geschichte mit sich selbst. Die Ursachen für die Schwäche des Ich-Erzählers, sich nirgends zu behaupten, nie wirklich ein deutliches Wort zu sagen, zeigt Sous in den eingestreuten Rückblenden, die von großen und kleinen, oft witzigen, Ereignissen aus dessen Leben berichten. Ähnlich wie Mayas Lieblingslied – „Sweet About Me“ – im Hintergrund der Handlung „mitläuft“, werden auch wichtige Entwicklungen, wie die Hinwendung Bettys zu einer Sekte, der Verlust des Jobs und die Gründe für die enger werdende Bindung an die alte Frau Hauenstein nur nebenbei erwähnt, nicht aber in ihren Details beschrieben. Indem Sous die Ich-Perspektive des Vaters und Musikjournalisten wählt, gewährt er seinen Lesern tiefgründige Einblicke in das Innenleben eines Individuums, das an der persönlichen Tragödie des Verlustes eines geliebten Menschen zerbricht. Der Leser ist Beobachter eines langsamen, aber stetigen Zerfalls einer anfangs glücklichen Familie, dessen Ursache in einer Lappalie, einer unbedacht geäußerten Bemerkung eines jungen Mädchens liegt.

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Dietmar Sous: Sweet About Me. Roman.
Knaus Verlag, München 2012.
188 Seiten, 16,99 EUR.
ISBN-13: 9783813504552

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