Grundlagen der Rassismusforschung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Niemand, der gegenwärtig in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielen will, bezieht sich offensiv auf den Begriff der Rasse; das gilt auch für Rechtsintellektuelle. Mag das Wort auch auf den Sprachgebrauch beharrender Anthropologen zurückgedrängt sein - die Sache spielt weiterhin ihre Rolle. Ein Politiker, der vor einer "durchrassten Gesellschaft" warnen zu sollen glaubte, musste die Formulierung bedauern. Die hysterisierte Debatte, die angesichts einer möglichen doppelten Staatsbürgerschaft vor knapp zwei Jahren die Öffentlichkeit beherrschte, zeigt hingegen an, dass Deutschsein für wahrscheinlich eine Mehrheit immer noch an Abstammung, an Biologie gebunden ist. Vielfach steht auch der Begriff der Kultur als Platzhalter für den der Rasse, den man nicht mehr in den Mund nehmen mag - qua Abstammung wird das Individuum zum Träger unveränderlicher kultureller Prägungen erklärt. Dass diese Denkoperation mit trennscharfem biologischem Denken wenig zu tun hat, ist offensichtlich, besagt jedoch wenig: In seiner ganzen Geschichte hat der Rassismus stets nur pseudo-biologisch operiert, ohne dass dies seinen zeitweiligen Erfolg irgendwie behindert hätte.

Anfang der neunziger Jahre begannen die deutschen Sozial- und Geisteswissenschaften, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Das hatte zwei Gründe: zum einen die erste Welle ausländerfeindlicher Gewalttaten vor allem in den neuen Bundesländern, aber nicht nur dort; zweitens wurde allmählich deutlich, dass die Rede von "Gastarbeitern" illusorisch war, dass die Bundesrepublik, ob ihre Repräsentanten und ihre Bewohner es wollten oder nicht, Einwanderungsland war. In dieser Situation halfen theoretische Ansätze zum Rassismus aus den westlichen Nachbarländern, die als ehemalige Kolonialstaaten schon viel früher sich mit den Problemen und Chancen einer ethnisch uneinheitlichen Bevölkerung auseinandersetzen mussten. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre erschienen insbesondere im Argument Verlag eine Reihe von Büchern, die, teils in Neuauflagen erhältlich, auch jetzt noch zur Klärung theoretischer Positionen nützen können.

Einig waren sich die Autoren, dass Rasse nicht als stabile biologische Einheit, sondern als kulturelle Konstruktion zu gelten habe. Differenzen bestanden, was daraus folgen solle. Stuart Hall vertrat (und vertritt) die pragmatisch orientierte Perspektive einer Identitätsbildung der vom offiziellen Diskurs Marginalisierten. In dieser Sichtweise hat die "schwarze" Identitätsbildung der sechziger Jahre ebenso ihre Berechtigung wie die hybriden, patchworkartig Unterschiedliches kombinierenden Ethnizitätskonzepte von Nachkommen der Immigrantengeneration.

Halls Überlegungen bieten eine individuelle Überlebensstrategie an und widersprechen biologistischen Identitätskonzepten, indem die hybride Existenz als frei gewählte erscheint. Die Frage ist allerdings erstens, inwieweit nicht doch traditionell rassische Identitätskonzepte in diesem Lösungsangebot aufgehoben sind. Zweitens besteht bei jeder individualistischen oder biologisch-gruppenorientierten Antwort die Gefahr, dass die Personen nur für den globalen Wettbewerb tauglich gemacht werden - für den Wettbewerb, der Auslöser der gegenwärtigen Rassismen ist und den es politisch zu kontrollieren gilt. Dabei ist Hall kein Apologet der Globalisierung, in der Form, in der sie sich gegenwärtig vollzieht: er sucht nach Haltepunkten in ihr und gegen sie - und ist sich der Ambivalenzen und Gefahren seiner Antworten bewusst.

Nüchterner, begrifflich strenger als Hall und auf theoretische Konsequenz orientiert tritt Robert Miles auf. Seine historischen und systematischen Darlegungen zum Rassismus-Begriff entziehen jeder vorschnellen moralischen Empörung den Boden. Für Miles ist Rassismus die Ideologie von der Ungleichheit von Rassen. Das heißt auch: Verwaltungsvorgänge, ökonomische Entscheidungen, die bei formaler Gleichbehandlung aller Personen Folgeerscheinungen früherer diffamierenden Politik fortschreiben, gelten ihm nicht ohne weiteres als Rassismus. Für diejenigen Menschen, die aufgrund solcher Praktiken benachteiligt sind, ist freilich bei Miles an direkten Handlungsvorschlägen wenig zu holen; für Gesellschaftsanalytiker, die die Ebenen von Ideologie, Ökonomie und Politik trennen, um so mehr. Die historische Herleitung des Rassismus bei Miles, seine Überlegungen zum Verhältnis von Rassismus und Kapitalismus sind fundamental.

Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein untersuchen in ihrem gemeinsamen Band zu den "ambivalenten Identitäten" Rasse, Klasse und Nation das Zusammenspiel dieser drei Kategorien. Ihr Erkenntnisinteresse ist stärker als bei Miles auf die Spezifik des Rassismus in der Gegenwart gerichtet; auch ihre ausführlichen historischen Exkurse dienen diesem Zweck. Sie beobachteten die Funktion des Rassismus in der Globalisierung bereits, als dies Schlagwort sich noch nicht durchgesetzt hatte. Ausführlich diskutieren sie u. a. die Frage, inwieweit der heutige Rassismus sich von seinen Vorläufern unterscheidet. Balibar verweist darauf, dass zumindest Intellektuelle, wenn sie Fremde abwehren, nicht mehr deren Minderwertigkeit behaupten. Allerdings koppeln sie Biologie an Kultur, und indem sie vor einer möglichen Vermischung warnen, führen sie sich gerade als Bewahrer kultureller Vielfalt auf. Das Ergebnis ist dasselbe wie zuvor: dass es eine eigene, ethnisch bedingte Kultur gebe, die von allem Fremden gründlich freigehalten werden müsse. Weitere Kapitel untersuchen den Zusammenhang von Rasse und Nation sowie das komplexe Verhältnis von Klassenbewusstsein und Rassismus auch in der Arbeiterschaft. Der intellektuelle Reiz des Buches besteht nicht zuletzt in seiner Offenheit: Balibar und Wallerstein haben sich nicht auf eine gemeinsame Position geeinigt, sondern diskutieren in den Kapiteln - die einzelnen Autoren zugeordnet sind - auch miteinander.

Neueren Datums ist der von Hans-Dieter König herausgegebene Sammelband zur "Sozialpsychologie des Rechtsextremismus". Die Verfasser favorisieren unterschiedliche Varianten einer hermeneutischen Sozialforschung gegenüber einer empirisch-analytisch verfahrenden; diese Methoden wenden sie in einem ersten Teil auf den historischen Nationalsozialismus und seine medialen Inszenierungen an, insbesondere auf Leni Riefenstahls "Triumph des Willens". Der umfangreichste Abschnitt des Buches ist der zweite zu Adoleszenz und aktuellem Rechtsextremismus, in dem unterschiedliche sozialisationstheoretische Herangehensweisen erprobt werden. Der Schlussteil bringt dann Analysen zu Winfried Bonegels Film "Beruf Neonazi", in dem der Rechtsextremist Ewald Althans porträtiert wird und die Gelegenheit nutzt, sich medial zu präsentieren. Die Autoren untersuchen die filmischen Gründe für Bonegels Scheitern. Dennoch betonen die Studien auch, dass Althans' Selbstinszenierung, sieht man sie nicht als Repräsentation von Realität, sondern als ihre Produktion, erhellend sein kann; an ihr lässt sich sowohl etwas über das Selbstbild als auch über die Werbestrategien gewalttätiger Rechtsextremisten ablesen. Dabei kommen die jugendlichen Gewalttäter allerdings nicht als isolierte Irrläufer vor, sondern fast durchgehend ist ihr gesellschaftliches Umfeld von der Familie bis hin zum Auftreten politischer Repräsentanten mitbedacht.

Kai Köhler

Titelbild

Hans-Dieter König (Hg.): Sozialpsychologie des Rechtsextremismus.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1998.
418 Seiten, 14,20 EUR.
ISBN-10: 3518289756

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Robert Miles: Rassismus.
Argument Verlag, Hamburg 1999.
191 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-10: 3886193896

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