Begriff und Geschichte des Faschismus

Guido Speckmann und Gerd Wiegel geben eine prägnante Einführung

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Faschismus“ ist ein schillernder Begriff. Er bezeichnet erstens politische Strömungen, die zwischen 1920 und 1945 ihre Hochphase hatten, und dient zweitens einer politischen Analyse, die sich auch auf die Gegenwart beziehen lässt. Drittens tritt er als politischer Kampfbegriff auf, wenn aus je unterschiedlichem Interesse eine tränengasfreudige Polizeieinheit oder ein islamistisches Terrorregime abgewertet werden soll; und viertens kommt er allgemein lebensweltlich vor, wenn es etwa einen Hausmeister, der lärmende Kinder tadelt, zu tadeln gilt.

Faschistisch kann also manches sein, und wer mit dem Begriff arbeiten will, tut gut daran, ihn einzugrenzen. Eben dies unternehmen Guido Speckmann und Gerd Wiegel, die eine vorbildlich lesbare und instruktive Einführung in Geschichte und Analyse des Faschismus verfasst haben. Ihr Buch informiert über die gegenwärtige Theoriediskussion zum Thema, über die Entwicklung des Faschismus in Deutschland und Italien und über die Frage, inwieweit von einem gegenwärtigen Faschismus zu sprechen ist. In seiner Knappheit setzt es solide historische Kenntnisse voraus, ist also für eine erste Orientierung wenig geeignet. Wer aber bereits ein Grundlagenwissen hat, bekommt die Chance, es besser zu ordnen.

Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert. Ein ausführlicher Abschnitt zur Theorie bietet gleichzeitig eine kurz gefasste Forschungsgeschichte und eine Begriffsdefinition. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Ansätzen aus dem linken Spektrum – Totalitarismustheorien werden von Speckmann und Wiegel knapp, doch mit überzeugenden Argumenten als unhistorisch widerlegt. Die extreme Linke und die extreme Rechte ähneln sich nur manchmal in ihren Mitteln, doch nie in ihren Zielen; entsprechend gehörten Kommunisten und Sozialdemokraten zu den Opfergruppen, die zuerst betroffen waren, als es aus faschistischer Sicht galt, alle Organisationen von Arbeitern zu zerschlagen.

Gleichwohl folgen Speckmann und Wiegel keinem orthodox marxistischen Ansatz. Die berühmte Dimitroff-Formel vom Faschismus als „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ lässt sich nicht ohne weiteres aufrechterhalten. Dimitroffs Referat brachte 1935 – also lange vor dem Weltkrieg und vor dem Holocaust – durchaus neue Erkenntnisse, doch muss man den Ansatz heute weiterentwickeln. Dabei stellen sich zwei Fragen, denen die Autoren im zweiten, dem historischen Teil nachgehen. Erstens lässt sich zwar nicht leugnen, dass der Faschismus von Industrie und Grundbesitzern gefördert wurde und auch deren Interessen vertrat. Doch klärt dies noch nicht, inwieweit die Politik von der Wirtschaft unabhängig agierte. Speckmann und Wiegel beantworten die Frage für die beiden faschistischen Hauptländer unterschiedlich: Nur in Deutschland, nicht aber in Italien, hatte sich in der Schlussphase das Regime ganz der Kontrolle durch seine Geldgeber entwunden und besaß die Politik die ganze Macht.

Dass hier Deutschland überhaupt genannt ist, verweist auf die zweite Frage. Viele Forscher leugnen, dass hier überhaupt von Faschismus zu sprechen sei. Zu groß seien die Unterschiede zu den Faschismen in anderen Ländern, und insbesondere zum Völkermord an den Juden gäbe es in anderen Ländern keine Parallele.

Speckmann und Wiegel verkennen die Differenzen nicht, gewichten aber die Gemeinsamkeiten mit anderen faschistischen Bewegungen und Regimes höher. Insbesondere verweisen sie darauf, dass auch der italienische Faschismus – beim Angriff auf Abessinien 1935/36 – genozidale Mittel anwendete und dass die italienische Wendung zu einer antisemitischen Politik ab 1936 aus eigenem Antrieb erfolgte, und nicht auf Druck der deutschen Verbündeten.

Ausdrücklich betonen Speckmann und Wiegel, dass der Abessinien-Krieg nicht als verspäteter Kolonialkrieg zu begreifen sei, eben wegen seiner genozidalen Praxen und weil er „auf die Errichtung eines institutionalisierten rassistischen Systems“ zielte. Eben dies lässt sich freilich auch von zahlreichen früheren Kolonialkriegen sagen. Der Zusammenhang von Kolonialismus und Imperialismus einerseits (auch von dem der westlichen Demokratien) und Faschismus andererseits hätte eine genauere Beleuchtung verdient gehabt.

Doch würden sich hier nur Ähnlichkeiten zeigen, keine Gleichheit. Der Kriterienkatalog, den Speckmann und Wiegel vorlegen, ermöglicht eine genauere Bestimmung dessen, was Faschismus ist. Er umfasst erstens ideologische Merkmale wie einen völkischen Nationalismus und eine Wendung gegen Werte der Aufklärung, zweitens eine Bestimmung seiner sozialen Basis, drittens seine Organisationsform als auf einen Führer ausgerichtete Massenpartei (unterstützt vom Aufbau paramilitärischer Gruppen), viertens als soziale Funktion der Schutz der bestehenden Eigentumsordnung, fünftens als politische Praxis die gewaltsame Ausschaltung aller gegnerischen Gruppen im Inneren und eine Expansion nach außen.

Faschismus ist also, wie sich sogar in dieser hier stark verkürzten Aufzählung zeigt, ein außerordentlich voraussetzungsreicher Begriff. Er ist sogar derart voraussetzungsreich, dass bei Speckmann und Wiegel nur zwei faschistische Regimes – nämlich Deutschland und Italien – übrigbleiben. Selbst die Franco-Diktatur in Spanien, sonst eine der Hauptverdächtigen, erscheint so als konservativ-klerikales, katholisches System, da sein Charakter als politische Bewegung kaum ausgeprägt ist.

Dennoch verschwindet die Sache nicht im Bemühen um eine exakte Definition. Vielmehr verwenden die Autoren, im Anschluss an Robert O. Paxton, ein Mehrphasenmodell. So unterscheiden sie zwischen der Entstehung einer Bewegung, ihrer Verwurzelung im politischen System, dem mehr oder minder erfolgreichen Griff nach der Macht und schließlich die Alternative von Radikalisierung oder Niedergang. Auf diese Weise können sie auch die nur teilweise erfolgreichen faschistischen Bewegungen in West- und besonders Osteuropa in die historische Betrachtung einbeziehen.

Ein abschließender Teil fragt danach, welche faschistischen Bedrohungen es heute gibt. Es überrascht nicht, dass Wiegel und Speckmann hier sehr vorsichtig argumentieren und etwa die Rede vom „Islamfaschismus“ zurückweisen. Schließlich überschreitet der Bezug auf Religion den für den Faschismus grundlegenden Bezug auf Volk, Nation und Rasse – ohne dass man deswegen für Islamisten Sympathie entwickeln müsste.

Problematischer ist Wiegels und Speckmanns Unterscheidung zwischen neofaschistischen und rechtspopulistischen Gruppierungen. Dabei ist richtig, dass im Politikstil und teils auch in inhaltlicher Ausrichtung Differenzen zu finden sind, wenn man beispielsweise die offen militant auftretende NPD mit ihren Verbindungen in das Feld der gewaltfixierten Nazi-Kameradschaften einerseits, die eher auf Seriosität bedachten Republikanern andererseits vergleicht. Doch ist die Abgrenzung schwankend. Die österreichische FPÖ, im Buch dem Rechtspopulismus zugeordnet, setzt immer wieder gezielt Signale, die als positiver Bezug auf die NS-Vergangenheit verstanden werden können und damit als Drohung für die Zukunft. Die ungarische Jobbik-Partei kommt denn auch bei Speckmann und Wiegel zwar im Abschnitt zum Rechtspopulismus vor, doch benennen die Autoren zu Recht auch ihre Ausrichtung an Elementen des traditionellen Faschismus.

Es gibt hier also ein Übergangsfeld, und bezogen auf die zukünftige Entwicklung heißt das: Parteien, die heute rechtspopulistisch sind, haben das Potential, sich zu faschistischen Parteien zu entwickeln. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis der Autoren auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Reaktion der Rechten darauf. So haben sich im Gefolge der Wirtschaftskrise seit 2008 rechtspopulistische Parteien von ihrem zuvor propagierten neoliberalen Wirtschaftsmodell entfernt und tendieren nun zu einem Sozialstaat, der nach ethnischer Herkunft diskriminiert. Die soziale Frage wird nicht mehr geleugnet, sondern sie wird rassistisch beantwortet.

Überzeugend begründen die Autoren, dass hier nicht von wirklicher Systemopposition die Rede sein kann, sondern es sich um eine Rechtsverschiebung im Rahmen des Bestehenden handelt. Dies führt auf eine Frage, die den Rahmen des Buches gesprengt hätte: wie der Faschismus zu bekämpfen ist. Wahrscheinlich ist ein direkter Antifaschismus hilfreich, doch nicht entscheidend. Wichtiger ist es wohl, welcher politischen Richtung es gelingt, die soziale Frage überzeugend zu beantworten.

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Gerd Wiegel / Guido Speckmann: Faschismus.
PapyRossa Verlag, Köln 2012.
122 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783894384739

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