Arbeiten im biografischen Bergwerk

Cara Schweitzer hat eine minutiöse Biografie Hannah Höchs geschrieben und sich dabei wohltuend zurückgehalten

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erstens: Hannah Höch gehört zu den wichtigsten Repräsentantinnen des Dadaismus und hat als Künstlerin zudem noch eine Ausnahmestellung inne (über deren Gründe es sich trefflich streiten lässt). Zweitens: Es gibt umfangreiches Archivmaterial, das über Leben und Werk Hannah Höchs Auskunft gibt. Und es gibt drittens ein umfangreiches Werk, das zum Besten gehört, was in diesem Genre – insbesondere in der Fotomontage – zu finden ist. Alles das sind Voraussetzungen, die normalerweise zu einer ausgedehnten Exegese und wild wuchernden Interpretation von Leben und Werk Hannah Höchs führen müsste. Viertens: Hannah Höchs Biografie ist voller Brüche, die mit ihrer Position als Frau in den Avantgarden, aber auch mit ihren privaten Beziehungen zu tun haben.

Cara Schweitzer aber nimmt die Einladung, die jeder andere Biograf genutzt hätte, einfach nicht an. Und dafür ist ihr zu danken. Welche Einladung denn überhaupt? Eine gehörige Portion Distanzlosigkeit gehört gemeinhin zu den Basisvoraussetzungen der biografischen Arbeit. Immerhin vertieft sich jemand über Jahre hinweg in die Unterlagen, Daten und Dokumente, die in diesem Fall zu Hannah Höch vorliegen (und taucht damit so tief in eine Biografie ein, wie vielleicht niemand zuvor). Und da wir uns in den Zeiten nach Sigmund Freud befinden, ist jeder, der eine Biografie schreibt, nicht nur aufgerufen, die Zufälligkeiten und wundersamen Wendungen, die ein Leben im 20. Jahrhundert nehmen kann, nachzuvollziehen. Nein, darüber hinaus sind zwei Anforderungen zu erfüllen: Das beschriebene Leben soll erstens zu einer Geschichte gemacht werden, die zweitens nicht zufällig, sondern sinnhaft bestimmt ist. Das Leben muss erzählt und begründet werden.

Und wie hält es Cara Schweitzer? Nichts von alledem. In der Darstellung von Schweitzers Biografie wurde Hannah Höch 1889 geboren und starb 1978. Dazwischen hat sie ein schwieriges Leben mit einer Reihe von Extrempartnern, einer zerrütteten Gesundheit, einer permanent wirtschaftlich angespannten Situation und einer erst sehr späten Anerkennung als Künstlerin zu bewältigen. Neunzig Lebensjahre können sehr lang werden, wie es Cara Schweitzer am Beispiel Hannah Höchs beschreibt.

Allerdings bedeutet das eben nicht, dass ein solches Leben mehr sein muss als die mehr oder minder zufällige Aneinanderreihung von Ereignissen und Erfahrungen, die nur durch die Person zusammengebunden werden, auf die all das zugeschnitten ist. Das so genau wie möglich wiederzugeben, ist wohl die biografische Hauptaufgabe – alles andere führte eben dazu, dass die Kunst hinter dem Leben verschwindet. Und daran krankt eben nicht nur das biografische Genre.

Der Grund, sich mit dem Leben Hannah Höchs auseinanderzusetzen, ist ihre Bedeutung als bildende Künstlerin im beginnenden 20. Jahrhundert. Höch als Dadaistin steht dabei im Vordergrund, und eben Höch als eine der Mitbegründerinnen der Fotomontage. Ihr späteres Werk mag gleichfalls interessant sein, es mag Anschluss an die surrealistische Kunst der 1920er-Jahre gefunden haben, es mag in der Linie ihrer frühen Arbeiten stehen, dennoch tritt es hinter ihre dadaistischen Arbeiten zurück. Mit dem Ankauf ihrer frühen Montage „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“ durch die Neue Nationalgalerie Anfang der 1960er Jahre beginnt die Wertschätzung Höchs.

Die verstärkten Bemühungen um Höch seit Anfang der 1990er-Jahre platzieren sie endlich genau da, wohin sie gehört, ins Zentrum der Avantgarden der 1910er- und 1920er-Jahre in Europa – auch wenn Höch keineswegs um 1930 zu den anerkannten Künstlerinnen ihrer Zeit gehört. Dagegen mag ihr bevorzugtes Genre – die Fotomontage – und ihr Geschlecht gesprochen haben (auch wenn etwa Schriftstellerinnen mit einem solchen Manko nicht notwendig leben mussten: Vicki Baum ist um 1930 ein Star, warum nicht Hannah Höch? Weil niemand ihre Kunst versteht? Mag sein.).

Aber die produktiven Jahre zwischen 1918 und 1930 sind nur das Eine – das zu lebende Leben danach das andere. Und hier greift Cara Schweitzer besonders intensiv zu.

Denn die Frage, wie Höch die NS-Zeit in Deutschland überlebte, ist in der Tat interessant: Wie schafft es eine der exponierten Dadaistinnen das antimodernistische Deutschland der Nazizeit zu überleben – und dabei auch noch als professionelle Künstlerin tätig zu bleiben? Von Irmgard Keun heißt es, dass es ihr gelungen sei, gedeckt durch den Namen ihres Mannes, nach Deutschland zurückzukehren und dort den Krieg zu überdauern, ohne von den Nazis attackiert zu werden (was angesichts ihres Exilwerks bemerkenswert ist). Marieluise Fleißer hat mehrfach und vergeblich versucht, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Sie wurde als nicht-professionelle Autorin abgelehnt. Hannah Höch blieb professionelle bildende Künstlerin und deshalb eben auch Mitglied in der Reichskulturkammer (die ebenso Kontrollfunktionen wahrnahm wie berufsständische Interessen gegen die Gelegenheitskünstler vertrat).

Höchs Möglichkeiten, als Künstlerin zu reüssieren, waren jedoch naheliegenderweise nach 1933 beschränkt, erst recht was ihre dadaistischen Arbeiten angeht. Dass sie sich auf eher surreale Genres verlegte und Fotomontagen nur für die Schublade produzierte, liegt also nahe. Immerhin gelang es ihr, eine kleine Serie von Arbeiten an das Reichsluftfahrtministerium zu veräußern – für eine Kulturbolschewistin ein merkwürdiger und isolierter Erfolg. Und nicht ohne Risiko.

Aber auch wenn sie sich wohl nach 1945 selbst darüber wunderte, dass sie ihren reichhaltigen Schatz an eigenen Arbeiten und denen ihrer Freunde stets bei sich zuhause aufbewahrt hatte – so musste Höch keine größeren Repressalien über sich ergehen lassen. Was wohl vor allem Glück und dem Umstand geschuldet ist, dass sie nie in den Fokus irgendeines NS-Funktionärs geraten war.

Wirtschaftlich hat sie das Dritte Reich wohl vor allem deshalb überstanden, weil sie seit der Trennung von Til Brugmans mit Kurt Heinz Mathies liiert war, der als freier Vertreter in der Industrie tätig war. Dafür hat sie bitter bezahlt, was einen persönlich leid tun kann – aber was hat das mit ihr als Künstlerin zu tun? Höchs Leben mag mithin mit Schweitzers Biografie nicht auserzählt sein, aber sie hat eine Menge Material vorgelegt, das hilfreich sein kann.

Womit wir wieder am Anfang dieser Zeilen wären: Eine gewisse Distanzlosigkeit ist zweifelsohne die Basis des biografischen Gewerbes. Für sich selbst wollte man sich so etwas sicher eher verbeten haben. Bei Personen des öffentlichen Lebens nimmt man es hin.

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Cara Schweitzer: Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch. Biografie.
Osburg Verlag, Berlin 2011.
445 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-13: 9783940731647

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