Dreimal Comic-Forschung Made in Germany

Über aktuelle Untersuchungen von Reginald Rosenfeldt, Lino Wirag und Kristin Eckstein

Von Stefan TuczekRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Tuczek

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Über viele Jahre hinweg wurden Comics als Schundliteratur angesehen, sie waren eine Literaturform für Kinder und wurden mit dem Makel des Debilen versehen, weshalb man eine Forschung zu dieser Literaturform vergeblich suchte. Nur hin und wieder wagten sich einige Forscher und Experten an dieses Thema, wohl nicht ganz, ohne Spott auf sich abladen zu lassen und eine Rechtfertigung suchen zu müssen. Aber mittlerweile sind Comics, die jetzt auch als Graphic Novels bezeichnet werden, um auch den Intellektuellen ein gutes Gefühl beim Lesen zu geben, salonfähig geworden. Nicht nur der Buchmarkt hat sich dahingehend weiter geöffnet (inklusive eigener Messen oder separater Messestände), auch die Forschung nimmt sich aktuell verstärkt dieser sequenziellen Kunstform an: Vor allem im deutschen Sprachraum wird Grundlagenforschung betrieben, die bis jetzt noch in den Kinderschuhen steckt. Und so dürfte es nicht überraschen, dass gerade drei besonders interessante Arbeiten zu diesem Thema vorliegen, die wohl ganz entscheidende Grundlagen für die Zukunft legen dürften.

Den Anfang macht die Arbeit Comic-Pioniere. Die deutschen Comic-Künstler der 1950er Jahre von Reginald Rosenfeldt. Wie der Titel schon verrät, dreht sich das Buch um jene Comic-Künstler, die den Comic im Nachkriegsdeutschland weitgehend etabliert haben: Unter anderem werden Hannes Hegen, Manfred Schmidt und Klaus Dill vorgestellt. Dabei wählt Rosenfeldt die Form von Werkbiografien, das heißt jeder der Künstler, der hier besprochen wird, bekommt sein eigenes Kapitel, in dem kurz sein Leben und seine wichtigsten Werke vorgestellt werden. Im Falle von Hegen oder Schmidt bedeutet das, dass hauptsächlich ihre Mosaik- und Nick Knatterton-Comics eingehend besprochen werden. Dabei legt Rosenfeldt den Fokus so, dass vor allem die Besonderheiten der einzelnen Werke herausgestellt werden und gleichzeitig der Frage nachgegangen wird, worin ihre Popularität begründet liegt. Insgesamt werden neun Pionier vorgestellt. Dabei fällt jedoch ins Auge, dass manch einem Neuerer größerer Platz eingeräumt wird als anderen: So wird Hegen auf fast 20 Seiten recht ausführlich besprochen, während Walter Kellermann gerade mal sieben Seiten bekommt. Dies mag den individuellen Biografien der einzelnen Künstler geschuldet sein – denn nicht jeder führte ein ausschweifendes Leben oder nicht jeder der Comics führte zu einer Debatte – oder den privaten Vorlieben von Rosenfeldt. Erwähnenswert ist weiter, dass sich der Autor die Mühe gemacht hat, für jeden Comic-Pionier eine vollständige Werk-Bibliografie anzulegen. So findet man nicht nur zu jedem Künstler die veröffentlichten Comics, sondern auch von ihm gezeichnete Filmplakate oder geschriebene Erzählungen und Romane. Daneben findet sich eine kleine – aber wirklich feine – Einführung, in der die historischen und sozialen Gegebenheiten erläutert werden, die sich in den 1950er-Jahren für die Comics ergeben haben. Hier finden andere Comics und deren Künstler Erwähnung, die nicht gesondert in den Kapiteln vorgestellt werden. So wird die Pionierarbeit von Rolf Kauka gelobt und auch auf die Einflüsse der Meckie-Comis eingegangen, wobei Rosenfeldt ebenfalls kurz auf die Unterschiede im West- und Ostsektor der 1950er-Jahre eingeht. Ohne Frage ist sein Buch dahingehend wichtig, als es die Anfänge und die wichtigsten Vertreter beziehungsweise Pioniere des deutschen Comics vorstellt. Etwas zu kurz kommt jedoch die Frage, inwieweit diese Einfluss auf die gegenwärtigen Entwicklungen des Comics genommen haben. Nichtsdestotrotz bleibt zu hoffen, dass Rosenfeldts Buch den Anfang einer Reihe bilden könnte, die die nächsten Jahrzehnte und ihre Pioniere beziehunsgweise Vertreter abdeckt.

Ebenfalls im Ch. A. Bachmann Verlag erscheint die Studie Comiczeichnen. Figuration einer ästhetischen Praxis von Lino Wirag. Auch hier verweist der Titel schon auf den Themenschwerpunkt des Buches: Wirag untersucht – als einer der ersten – das Comiczeichnen an sich, das heißt die Praxisprozesse desselben, des Weiteren stehen die körperlich-zeichnerischen und intellektuell-kreativen Fähigkeiten und Techniken im Mittelpunkt der Betrachtungen. Dabei versucht Wirag diese komplexen Praktiken zu operationalisieren, um auf diese Weise eine Ästhetik des Comicentwurfs abzuleiten. Der Autor widmet sich einem recht komplexen Thema, das so noch nicht betrachtet wurde, das aber, wenn man sich mit Comics beschäftigt, auf der Hand liegt: In den sozialen Medien oder in gesonderten Büchern thematisieren die Comickünstler diese Prozesse selbst, indem sie Skizzen oder Zeichenverläufe posten oder zeigen, wie man seine Lieblingshelden oder -schurken selber zeichnen kann. Die Studie ist in drei Teile untergliedert, wobei der erste Teil sich definitorisch den Begriffen nähert und der zweite der Comicentwurfsforschung. Hier verwendet Wirag Versatzstücke aus der Kreativitäts-, Handlungs- und Erkenntnistheorie. Ohne Frage ist dies ein mutiger und auch kluger Schritt, diese Theorie für die Comicentwurfsforschung fruchtbar zu machen. Der Autor kennt sich auf diesem Gebiet sehr gut aus und wendet die Theorien entsprechend kenntnisreich an, so dass kein undurchdringlicher Theoriedschungel entsteht, sondern sich die Theorien effektiv miteinander verbinden und so den Blick auf dieses Forschungsgebiet weiten. Der dritte und letzte Teil wendet die im zweiten Teil entworfene Theorie auf konkrete Beispiele an: Hergé, Chris Ware und Art Spiegelmann werden unter anderem untersucht. Lobend ist noch zu erwähnen, dass Wirag recht unterhaltsam schreibt – nie wirkt seine Untersuchung trocken oder langweilig. Auch der Laie wird hier seine Freude haben und recht kenntnisreich informiert.

Das letzte hier vorgestellte Buch beschäftigt sich mit Mangas: Kristin Eckstein untersucht im Buch Shojo Manga die titelgebenden Shojos. Damit sind Mangas speziell für Mädchen gemeint, eine Gattungsbezeichnung, die es so im deutschsprachigen Raum nicht gibt – die Verlage, die Mangas hier verlegen, etikettieren sie mit bekannten Gattungsbezeichnungen wie Science-Fiction, Action, Fantasy oder zuweilen auch mit Drama beziehungsweise Liebesgeschichte. Mangas haben in Deutschland in den letzten Jahren eine breite Fangemeinde gewinnen können, jedoch sind sie immer noch mit Vorurteilen belastet: Sie seien bloße Ansammlungen von Gewalt und Sex, so das beliebteste Vorurteil. Das dem nicht so ist, beweist Eckstein mit ihrer Arbeit: Neben einem geschichtlichen Abriss, der die Entwicklung der Shojos in Japan und Deutschland beleuchtet, stellt sie verschiedene Motive heraus, die in denselben auftreten. Klassische Motive sind hierbei Fantasy beziehungsweise Magical Girl (damit sind Mädchen gemeint, die magische Kräfte besitzen, das bekannteste Beispiel hierzulande ist wohl „Sailor Moon“), Crossdressing (damit sind jene Elemente gemeint, bei der Jungen oder Mädchen jeweils in die Rolle des anderen Geschlechts hineinschlüpfen) oder auch Boys-Love (Liebesgeschichten zwischen Männern). Eckstein stellt jeweils bei den Motiven heraus, dass sie nicht bloßer Selbstzweck sind, oftmals stellen sie Anknüpfungspunkte an alltägliche Probleme her, die die Leserinnen ebenfalls kennen, und stellen entweder Problemlösungen oder kompensatorischen Wunschvorstellungen dar. Sie können aber auch sozialkritischer Natur sein, indem sie gesellschaftliche Probleme aufgreifen, wie etwa die Stellung der Frau oder der Homosexuellen in Japan. Kurz gesagt: Eckstein zeigt sehr gut an Beispielen auf, dass Mangas eben nicht nur gewaltsame, pornografische Gelüste sind, sondern auch tiefgreifende Probleme behandeln. Damit schafft sie einen wertvollen Beitrag dazu, einerseits Vorurteile abzubauen und anderseits das Medium Manga besser zu verstehen – was oftmals recht schwierig ist, da man als Leser mit der japanischen Kultur, die doch recht verschieden zur europäischen ist, nicht so sehr vertraut ist und man daher nicht alles durchdringt, was wiederum zu Vorurteilen führt.

Zum weiteren Verständnis bereitet Eckstein auf, wie man das Text-Bild-Verhältnis zu verstehen hat. Das heißt, sie untersucht in jeweils gesonderten Abschnitten wie Mangas visuell und verbal funktionieren beziehungsweise aufgebaut sind: Dies liest sich wie eine Einführung zum Aufbau von Comics; sie erklärt zum Beispiel wie Panels, Lettering, Intertextualität, Erzählinstanzen oder auch Onomatopoetika in Comics funktionieren und welchen Zweck sie haben. Dies wäre nicht so neu oder aufregend, wenn sie – wie schon gesagt – nur beim Allgemeinen bleiben würde. Da Eckstein aber immer vom Allgemeinen auf das Spezielle kommt, geht sie hier über den bloßen Einführungsgedanken hinaus. Und das ganz besondere dabei: Sie vergleicht die Ergebnisse, die sie für japanische Mangas gewinnt, mit den Verhältnissen in deutschen Mangas. Eckstein reagiert hiermit auf die Entwicklung innerhalb des deutschsprachigen Markts für Mangas. Im Laufe der Jahre haben sich auch deutsche MangazeichnerInnen profiliert, die auch von den deutschen Manga-Verlagen herausgegeben werden, jedoch von deutschen Fans der japanischen Mangas kritisch betrachtet werden: Denn die deutschen Mangas sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie bloße Kopien der japanischen Originale seien oder sich narrativ respektive visuell zu weit von diesen entfernt hätten. Deutsche Mangas stehen immer im Spannungsverhältnis zwischen Innovation und Tradition. Und eben diese versucht Eckstein im Vergleich mit den japanischen Mangas aufzudecken. Sie geht damit einen wichtigen Schritt, Mangas (und vor allem die deutschen) auch für die Wissenschaft als Forschungsgrundlage fruchtbar zu machen. Denn bisher sind diese kaum im Fokus der Betrachtungen – eben wohl wegen der Vorurteile – getreten.

Alle drei Arbeiten beweisen, dass man Vorurteile ablegen sollte, denn sonst läuft man Gefahr, sich in der elitären Betrachtungsweise von Literatur zu verlieren und dies wiederum auf Kosten eines wirklich spannenden Forschungsfeldes – der Comicforschung. Diese wird uns hoffentlich auch in nächster Zeit weitere so spannende Arbeiten bescheren, wie die hier vorgestellten.

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Reginald Rosenfeldt: Comic-Pioniere. Die deutschen Comic-Künstler der 1950er Jahre.
Ch. A. Bachmann Verlag, Berlin 2016.
294 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783941030633

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Titelbild

Lino Wirag: Comiczeichnen. Figurationen einer ästhetischen Praxis.
Ch. A. Bachmann Verlag, Berlin 2016.
275 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783941030671

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Kristin Eckstein: Shojo Manga. Text-Bild-Verhältnisse und Narrationsstrategien im japanischen und deutschen Manga für Mädchen.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2016.
272 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-13: 9783825365387

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