Ästhetische Theorie neu gedacht

Peter Struck legt eine literarisch ansprechende kunstphilosophische Reihe vor

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Peter Struck stellt gleich zu Beginn des ersten von sechs Bänden zum Thema „Apprehension“ klar: Weder Erkenntnistheorie noch Ästhetik haben bisher eine fundierte Apprehensionstheorie der Kunst aufgestellt. Dieser Aufgabe nimmt sich der promovierte Philosoph nun an und richtet sich damit direkt an andere Ästhetiker, aber auch an eine zukünftige Künstlerschaft. Seine Fragen sind, was auf dem Weg vom Reiz zum Handlungsimpuls im Menschen geschieht, was dem Zwischenschritt bewusster Vorstellung vorgeschaltet sein könnte und im Hintergrund perspektiv-binokulare Sinnesreize ordnet – dieses wenig besprochene Phänomen ist die Konstruktionsleistung der „Apprehension“, wie Struck sie nennt. Der Ausdruck kann mit „Auffassung“ übersetzt werden, meint aber noch viel mehr: Apprehension, im Erkenntnistheoretisch-Metapsychologischen verortet, orientiert den Menschen und seinen Organismus existentiell, lässt ihn Raum, Zeit, Energie, Dynamik und die daraus resultierende Kausalität seiner Umgebung strukturieren und interpretieren, folglich Raumobjektivität herleiten. Apprehendieren deutet Struck als reflexives und reflektierendes, identifizierend-einordnendes Denken – vom Reizmaterial zur Anschauung –, in seinem Aufbau ist es allerdings, das betont er mehrfach, ein Gegenentwurf zweckrationalen Denkens und nicht, wie in der Philosophie üblich, der Verstandesfunktion untergeordnet. Apprehension ist also einerseits diejenige Instanz, die Wahrnehmungsreize verrechnet, andererseits erfüllt sie eine Funktion für den menschlichen Organismus und motorischen Apparat, was lebhaft an bekannten Beispielen aus der Ästhetik vorgeführt wird. Struck geht nicht nur – wie es sich für jemanden, der in Marburg studiert hat, gehört – vom Subjektivismus in Immanuel Kants Ästhetik aus, sondern arbeitet mit dessen Vokabular, ohne es unüberlegt zu übernehmen.

Nicht nur am Beispiel der Kunst, sondern in ihr begründet erarbeitet Struck seine Apprehensionstheorie, denn er sieht die apprehensive Funktion unter anderem durch Bildinhalte evoziert. Das bedeutet, dass Kunstwerke neben ihrer anschaulich-verständlichen Seite eine apprehensiv-reflexive Bedeutung aufweisen. Struck nimmt durchgängig scharfsinnige Bildanalysen vor, die direkt am Material arbeiten und dabei Tizians „Venus von Urbino“ ebenso miteinbeziehen wie die Werke von Adolph Menzel. Die Lesenden werden anhand der Apprehensionstheorie durch große Phasen der Kunstgeschichte geleitet, ohne dabei weltanschaulich-ideologischen Differenzierungsversuchen kunsthistorischer Epochen zum Opfer zu fallen.

Mehrere Aspekte an Strucks mehrbändigem Werk unter dem Arbeitstitel „Die apprehensive Synthese“ beeindrucken. Erstens wird die Idee der apprehensiven Funktion im menschlichen Geisteshaushalt nicht einfach nur monologisch dargelegt, sondern durchgängig in einem von Struck fingierten Dialog präsentiert. Er interviewt sich also selbst – was allerdings dazu führt, dass sein Gegenüber natürlich immer nur die richtigen Fragen stellt, Hochkomplexes sehr schnell begreift und seine Thesen stets, wie in einem platonischen Dialog, brav und begeistert befürwortet. Dieses ironische Spiel des Autors macht den Text in einer spätkapitalistischen Event-Gesellschaft auch für Rezipienten lesenswert, die von ihrem Geld mehr haben wollen als einen weiteren sechsbändigen Textblock ohne Spannungen. Das leitet zur zweiten Leistung der Veröffentlichung über: Struck informiert seinen hochinteressierten Interviewer beispielsweise sogar über seinen nächtlichen Harndrang und bringt die konzentrierten Lesenden damit kurz aus der Fassung – aber selbst das hat im Kontext seiner Ausführungen Berechtigung, führt die Tücken der Apprehension humorvoll vor Augen und geht naht- und irritationslos in theoretische Gedankengebäude über. Wenn Lachtränen die Seriösität eines philosophischen Werkes nicht mindern, dann ist man an der richtigen Adresse. Weiterhin ist die klare Sprache Strucks ansprechend. Der Begriff „Apprehension“, der über dem gesamten Werk steht, wird nicht nur einmal definiert, sondern im Laufe der Ausführungen immer wieder aufgestockt, inhaltlich reformuliert und angepasst. Apprehension vollzieht sich insgesamt auf drei Ebenen: Erstens bezeichnet sie das Syntheseprodukt, das im Klarbewusstsein bereits „als Eindrucksempfindung ankündigt“, zweitens ist es ein sich im Unterbewusstsein ereignender Syntheseprozess und drittens handelt es sich um ein „bewusstseinserweiterndes“ Reflexionsmoment mit dem Ziel, Ordnungsstrukturen innerhalb einer Raumanschauung aufzufinden, zu transferieren und dabei methodisch voranzuschreiten.

Als Ästhetiker besteht Struck darauf, den Schönheitsbegriff traditionellerweise als Zentralkategorie der Ästhetik zu betrachten und ihn deshalb in den Vordergrund zu stellen. Schönheit ist für ihn gerade nicht die Einheit des Mannigfaltigen, da ihm die Suggestion, Schönheit verhielte sich lediglich wie ein Begriff und sei deshalb entweder anwesend oder nicht anwesend, nicht zusagt. Struck möchte dem Bestimmungsversuch der Schönheit eine mathematisch-logische Form geben. Er vertritt sogar die Position, dass Mathematik für das menschliche Schönheitsempfinden maßgeblich mitverantwortlich sei und macht dies an Epochen wie der Antike und der Renaissance fest, die sich der Hinwendung zu Wissenschaft und Mathematik auch dem Bereich der Kunst verschrieben und für dieselbe dadurch einen qualitativen Vorschub erzielten. Vor dem Hintergrund des Apprehensionsbegriffs wundert das nicht, denn gerade mathematische Aussagen beziehungsweise Strukturen sind synthetisch, mit qualitativen Unterschieden verschiedener mathematischer Syntheseformen. Und Synthese heißt Erweiterung. Es sind also die in den Bildinhalten wirksamen synthetischen Verbindungen, die ein künstlerisches Objekt ästhetisch ansprechend machen.

Bei seinem formalen Bestimmungsversuch der Schönheit ist Struck das Problem bewusst, dass das „Klarbewusstsein im Prädikat des Schönheitsurteils nur die einfache Einheit registriert, ihr Zustandekommen sich aber unterhalb der Klarbewusstseinsschwelle vollzieht beziehungsweise vollziehend angenommen werden muss“ und deshalb „auf den Input der Ingredienzien in den als Summationsprozess zu veranschlagenden Vorgang nur hypothetisch geschlossen werden kann“. Sichere Beweise und Erkenntnisse gebe es folglich nicht. Schönheit versteht Struck insgesamt als Leistung der apprehensiven Funktion. Allein Ästhetik definiert Struck nicht, sondern stellt Fragen an sie – eine sympathische Herangehensweise. Dass Struck nicht nach dem Wesen der Schönheit fragt, liegt an seinem Begriff der „Wesenheit“, einem ebenfalls wichtigen Begriff im Gesamtwerk des Philosophen. Diese versteht Struck in dreierlei Hinsicht: Sie ist einerseits innerhalb ihrer klassifikatorischen Funktion die Angabe einer Gegenstandsklasse, andererseits bezeichnet sie die Menge an Funktionen, die eine Gegenstandsklasse ausmacht (Kants transzendentales Subjekt) und bleibt als Begriff unabschließbar, da Wesenheit nicht von empirischen Bezugsobjekten getrennt werden kann und daher nicht zu verabsolutieren ist. Drittens sind Abstrakta gemeint, bei denen Struck elegant der Gefahr des Essentialismus, dem auch der gängige Schönheitsbegriff ausgeliefert ist, entgeht. Weder Wesenheit noch Schönheit haben überzeitliche Geltung. Ewigkeit zertritt Struck also ebenso unter dem Absatz wie er die alleinige Verbuchung der Apprehension auf das Konto des Verstandes beziehungsweise der Intellektualität verwirft. Letzteres scheidet Struck beispielsweise von Arthur Schopenhauers Ästhetik, der er sonst in groben Zügen folgt – auch Schopenhauer verwendete übrigens das Wort „Apprehension“. Da der Verstand jedoch zuerst im Klarbewusstsein konstatiert und dann verknüpfend arbeitet – was die Apprehension gerade nicht leistet –, fällt Apprehension für Struck nicht unter die Verstandeskategorie.

Ein weiterer positiver Aspekt, der sich im dritten Band namens „Die Monströsität des Kitsches“ auftut, verdient besondere Anerkennung, weil es kaum Kunsthistoriker gibt, die den Schritt wagen, den der Autor wagt: Er traut sich, die Deklaration des Duchamp’schen Pissoirs zum Kunstwerk zu kritisieren, nein, über seine Apprehensionstheorie, die die Komplexität und die Vielzahl der Apprehensionsschritte als ästhetischen Maßstab für das Schönheitsempfinden festlegt, gekonnt in der Luft zu zerfetzen. Die ontologische Neubewertung des Pissoirs und der Kunst fällt unter die Kategorie Kitsch, genauer „Theoriekitsch“. Und es ist ein monströser Kitsch – den Struck deshalb „Monstrum“ nennt, weil das Wort sich etymologisch von monstruosus ableitet, das zugleich „widernatürlich“, „scheußlich“, aber auch „seltsam“, „wunderbar“ und „abenteuerlich“ bedeutet und außerdem auf das Wort „monstrare“ beziehungsweise „demonstrare“ verweist. Kitsch ist, so Struck, forciertes Zeigenwollen und überzähliges Demonstrieren genau dort, wo vom Rezipienten letztlich keine Syntheseleistung gefordert ist. Anders verhält es sich bei Menzel, dessen Abweichung von der üblichen perspektivischen Wahrnehmung die Apprehension des Betrachters kontinuierlich herausfordert, anregt und seinen Standpunkt über den Bildinhalt variiert. Ein einfach-gerichteter Blick ist hier nicht möglich und der physikalisch-physiologische Vorgang, der zu dem Bewusstseinsresultat führt, vollzieht sich auf mehreren komplexen Ebenen. Apprehension ist also nicht mehr Wahrnehmung, sondern bestimmt sie mit, geschieht jedoch formal am Material, ohne dieses zu bilden. Dieses Phänomen konstatiert Struck auch bei Größen wie Jan Vermeer und Edgar Degas, die uns in ihren Werken einen größeren, über den Bildinhalt hinausgehenden Umraum zu apprehendieren ermöglichen. Die Menge der verschiedenen Syntheseformen von der progredierenden Syntheseform (aus der Mathematik), der reflexiven, in die Gegenstandsschichtung diffundierende und die Gesamtsynthese sind in den Werken dieser Künstler bestenfalls gegeben.

In den Stilpluralismen des 20. Jahrhunderts, etwa im Bildräumlichkeit technisch aufhebenden Impressionismus und Kubismus, sieht er durch das Verfahren der direkten Darlegung sinnlicher Abstraktionen eine Reduktion ästhetischer Lust verursacht. Abstraktionen können laut Struck also kein Schönheitsempfinden hervorrufen, weil sie nicht apprehendierbar sind. Selbstverständlich liefert er sich hier der Gefahr aus, als alter spießbürgerlicher Bildungsphilister mit hochgezogenen Brauen wahrgenommen zu werden, dem die Dinge erst schön genug sind, wenn das Reizangebot des künstlerischen Materials seinen Intellekt grenzenlos fordert: „Je schwieriger und also zeitaufwendiger, desto intensiver das Erleben“. Wenn man seine Theorie aufmerksam liest und mit seinen gegebenen Bildbeispielen abgleicht, lässt sich dieser falsche Eindruck jedoch schnell verwerfen. Struck versucht dem ausufernden Kunstbegriff einen Rahmen zu geben, betont die fundamentale Zugangsweise zu Kunstwerken über die ästhetische, apprehensiv-synthetische Grundfunktion des Geistes und nimmt in seiner explizit als kunstphilosophisch – nicht kunsthistorisch – bezeichneten Theorie Abstand von ikonographisch-ikonologischen Kunstbetrachtungsweisen im Sinne Erwin Panofskys. Der Ästhetiker hat, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, eine klar auszumachende Meinung und ein starkes Theoriegebäude vorzuweisen, das er den Lesenden mit allen Mitteln verständlich zu machen versucht. Einige Reibungspunkte gibt es trotzdem und nicht alles an den Ausführungen mag stimmig sein. Gerade deshalb ist Strucks Apprehensionstheorie lesenswert und lässt auf die Vervollständigung der Reihe hoffen.

In dem hier nicht besprochenen zweiten Band erarbeitet Struck schrittweise die Raumproblematik, im vierten Band den Zeitaspekt – denn auch Zeitapprehension ist Synthesis –, der fünfte Band konzentriert sich auf die Frage der Dynamik und Energetik während sich der sechste einer Gesamtanalyse am Beispiel von Leonardo da Vincis „Dame mit dem Hermelin“ widmet. Struck nimmt in ihm sogar den Versuch vor, die Gesetzesbeziehung zwischen progredierenden und regredierenden reflexiven Synthesen zu formalisieren beziehungsweise zu mathematisieren. Auf die Veröffentlichung dieser Bände kann man mit Vorfreude und Spannung warten.

Titelbild

Peter Struck: Die Monstrosität des Kitsches. Gespräche zur Einführung in die apprehensive Kunsttheorie. Teil 3.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2014.
159 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-13: 9783865253675

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Peter Struck: Auf welche Frage ist Ästhetik die Antwort? Teil 1.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2015.
192 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783865254498

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