Mythos, Praxis und Text des Reisens

Eine Aufsatzsammlung und ein Forschungsbericht zur aktuellen Reiseforschung

Von Tilman FischerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tilman Fischer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Reiseforschung ist nicht Reiseliteraturforschung. Dieser Erkenntnis zeigen sich alle zwölf Beiträger eines Bandes verpflichtet, der im Titel zugleich verspricht, "Neue Impulse der Reiseforschung" zu liefern. Er ist Folgeprodukt einer 1993 in Essen abgehaltenen Tagung zum gleichen Thema und beschäftigt sich vor allem mit dem Zeitraum vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, der "Frühen Neuzeit" gemäß dem Verständnis der historischen Disziplin. Rund ein Drittel dieses Buches beansprucht der Herausgeber Michael Maurer für seinen Forschungsbericht über die Reiseforschung der vergangenen 20 Jahre im "Anhang" - weiter braucht man, so Maurer, nicht zurückblicken. Es scheint zur Konvention dieser Textsorte zu gehören, nach Syntheseleistungen, einheitlichen Typologien oder verbindlichen Kategorienschemata zu verlangen, und darin weicht auch Maurer nicht ab. Sein Fluchtpunkt ist ein interdisziplinärer Zugriff aufs Reisen, das gleichzeitig als "Paradigma einer Kulturgeschichte" fungieren soll. Was das genau bedeutet, weiß auch Maurer noch nicht zu sagen und lässt vorläufig noch die Vielfalt der Disziplinen und methodischen Zugriffsmöglichkeiten gelten. Was er dann an Forschungsliteratur referiert, gruppiert er mal methodisch, mal gegenstandsbezogen, mal historisch und zeichnet so markante Punkte einer noch recht jungen Forschungslandschaft nach. Das ist gut lesbar, treffsicher in der Kritik und erscheint für seine Zwecke klug ausgewählt, auch dort, wo ganze Forschungszweige kommentarlos ausgeblendet bleiben, wie die so beliebte Fremdheitsforschung oder die interkulturelle Hermeneutik. Maurers Beitrag bildet somit eine gute Ergänzung zu dem voluminösen Forschungsbericht Peter J. Brenners von 1990, der vor allem literaturwissenschaftlich und gattungsgeschichtlich ausgerichtet war.

Brenner ist auch im vorliegenden Band mit einem umfangreichen Eröffnungsbeitrag vertreten. Er ist darin dem "Reisemythos" auf der Spur, einer historisch sich wandelnden Zuschreibungspraxis zur sozialen Handlung des Reisens. Mit Hans Blumenberg als Referenzphilosophen skizziert Brenner die Abfolge der so produzierten Vorstellungen von Dante bis Rousseau und weist damit auf eine fruchtbare Fragerichtung, die nun für kleinere Zeiträume präzisiert werden müsste und vor allem gut daran täte, sich nicht nur auf die großen Namen zu beschränken. In der Tat handelt es sich hier um einen anregenden Impuls.

Wem das zuviel Geistesgeschichte ist, der wird schon im folgenden Beitrag von Wolfgang Behringer mit mehr materiellen Zusammenhängen bedient. Der Autor lotet die Möglichkeiten einer Reiseforschung unter dem Aspekt einer Kommunikationsgeschichte aus. Darunter versteht er in erster Linie die Entwicklung der Verkehrswege und des Postwesens sowie Textzeugnisse wie beispielsweise Fahrpläne, die damit einhergehen. Auch Jürgen Osterhammel beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Reisen und Textproduktion vorzüglich bei den großen Entdeckungsreisen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Wie Behringer schon vor ihm entwickelt auch er auf einer enorm breiten Quellenbasis ein Forschungsprogramm für weitere Arbeiten; wenn sich Belesenheit in Fußnotenapparaten dokumentieren kann, dann hier. Osterhammel macht sich stark für eine Lektüre von Reisebeschreibungen als historische Auskunftsquellen über das Reisen selbst, das bereiste Land und den Verfasser. Ihm geht es um den Faktizitätsgehalt dieser Quellen, den er bei aller Kritik zur entscheidenden Substanz dieser Textgattung erklärt. Neu ist dies zwar nicht, die Art wie daran erinnert wird, lässt jedoch kaum einen Aspekt unberücksichtigt.

Dass, wer sich mit Reiseliteratur beschäftigt, sich nur einem Elitephänomen widmet, in dem sich keinesfalls die gängige Reisepraxis einer Zeit spiegelt, weist Thomas Grosser nach. Sein Weg führt ihn von der adeligen Kavalierstour über die Patrizierreise zur bürgerlichen Bildungsreise. Die in den daraus hervorgehenden Textzeugnissen enthaltene Reisetheorie muss stets begriffen werden als sozial spezifische und äußerst beschränkte Aneignung und Prägung der Kulturtechnik Reisen. Wie ein präzisierender Nachsatz dazu erscheint dann der Beitrag von Winfried Siebers, der mit guten Gründen für den Begriff ,Gebildetenreise' statt ,Bildungsreise' plädiert.

Es folgen einige knappere Beiträge, die sich mit weniger umfassenden Themenkomplexen beschäftigen und sich detaillierteren Fragen und Materialien zuwenden. So behandelt Konrad Küster die Bedeutung der Musikerreise für die Biographie Mozarts; Reinhard Wegner die technologisch ausgerichteten Architektenreisen im 18. und 19. Jahrhundert. Zwei gattungsgeschichtliche Beiträge zum Gattungswandel am Ende des 18. Jahrhunderts lenken den Blick auf die Literarisierung der Reisebeschreibungen (Albert Meier) und zum anderen (Rainer Baasner) auf die Binnendifferenzierung der Textgattung in wissenschaftliche Beiträge für ein Fachpublikum (Beispiel ist die Geographie) und unterhaltende Berichte für eine breite Leseöffentlichkeit. Sabine Holländer informiert schließlich über einige Aspekte der "weiblichen Dimension" des Reisens und greift dazu weit ins 19. Jahrhundert aus. Der eklektische Charakter des Beitrags, der sicher dem knappen Raum geschuldet ist, lässt jedoch dieses Thema im Kontext des Bandes als ein um Quotenerfüllung bemühtes Alibi erscheinen. Ekkehard Witthoff setzt sich dann zuletzt mit der Herausbildung einer "europäischen Identität" auseinander, die sich über die Abwertung der Ränder, des für dieses Konstrukt vorgesehenen Raumes, konsolidieren soll. Anhand der Beispiele Russland und Irland wird dies eher zusammenfassend resümiert als am Material gezeigt.

Der Band ist über weite Strecken eine von ausgewiesenen Experten verfasste Aufsatzsammlung. Die Mehrzahl von ihnen ist auf ihren je eigenen Gebieten mit einschlägigen und häufig auch richtungsweisenden Publikationen schon hervorgetreten. Dies schlägt sich in der Qualität der Beiträge nieder, die so aus der Feder von Autoren stammen, die nicht eben auch mal Reiseforschung betreiben. Vielleicht ist es aber gerade dieser Vorzug, der verhindert, dass das im Titel avisierte Versprechen tatsächlich eingelöst wird. Denn: Wirklich "neue Impulse" lassen sich nur vereinzelt in den Beiträgen ausmachen, eher schon wird die Erkenntnisleistung bewährter sozialgeschichtlicher und quellenkritischer Verfahren demonstriert. Ohne Frage aber muss dieses wertvolle Korrektiv einer doch zeitweise stark literaturwissenschaftlich ausgerichteten Reiseliteraturforschung als fundierte Spielart historischer Reiseforschung beigesellt werden.

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Michael Maurer: Neue Impulse der Reiseforschung. Aufklärung und Europa, Beiträge zum 18. Jahrhundert.
Akademie Verlag, Berlin 1999.
420 Seiten, 61,40 EUR.
ISBN-10: 3050034572

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