Philosophen reflektieren über Glück und Lebenskunst

Daseinsbewältigung nach dem Ende der Metaphysik

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Obwohl Sigmund Freud einmal gesagt hat, dass Glück in der Schöpfung für den Menschen nicht vorgesehen sei, streben die meisten von uns nach Glück, zumindest aber nach einem guten oder zufriedenen Leben. Auch die Philosophen haben seit der Antike immer wieder über Glück und Glücklichsein und über den Weg dahin, über die Lebenskunst, nachgedacht. Selbst ein Pessimist und Schwarzseher wie Arthur Schopenhauer verfasste dereinst ein Büchlein mit dem Titel "Eudämonologie oder Eudämonik", der wörtlich übersetzt "Lehre von der Glückseligkeit" heißt oder in freier Auslegung "Die Kunst, glücklich zu sein". Der unvollendet gebliebene Traktat besteht aus fünfzig Lebensregeln und entpuppt sich bei näherer Betrachtung als "ein echtes Kleinod, das bisher im Nachlaß verborgen und unbeachtet geblieben ist." Franco Volpi, Philosophieprofessor in Padua, hat die Lebensregeln entdeckt und sie als Erster nach Schopenhauers eigenem Plan rekonstruiert und herausgegeben.

Warum aber hat sich ausgerechnet Schopenhauer mit der menschlichen Glückseligkeit befasst, da sein radikaler Pessimismus doch eigentlich jeden Versuch im Keim erstickt, seine Philosophie mit dem Gedanken der Glückseligkeit zu assoziieren? Die Erklärung, die Franco Volpi anbietet, leuchtet ein: Gerade aus der pessimistischen Überzeugung heraus, dass das menschliche Leben zwischen Schmerz und Langeweile schwankt, dass folglich die Welt nichts anderes sei als ein Jammertal, habe Schopenhauer den Menschen aufgefordert, sich seiner Erfindungsgabe und praktischen Klugheit zu bedienen. Er sei bemüht gewesen, so Volpi, Verhaltens- und Lebensregeln zu finden, die bei der Abwendung von Übeln und Schicksalsschlägen behilflich sein könnten, in der Hoffnung, dass wir, wenn nicht das unerreichbare vollkommene Glück, so doch wenigstens jene relative Glückseligkeit erlangen könnten, die in der Abwesenheit des Schmerzes besteht. Zudem sei der Philosoph durch seine Biographie und durch eigene Enttäuschung zu dem Traktat motiviert worden. Daher habe er nach Ratschlägen und Hilfsmitteln Ausschau gehalten, die das eigene Leiden mildern und helfen könnten, allem Widrigen zum Trotz, ein glückliches Leben zu führen. So begann er von 1822 an, Sprüche, Maximen, Lebensregeln von Denkern und Schriftstellern in einem eigens dafür angelegten Heft festzuhalten, um sie dann für sich auszuwerten.

Schopenhauers Lebensregeln, mit denen wir in diesem Büchlein konfrontiert werden, bestehen aus Betrachtungen, Überlegungen und Bemerkungen. Oft enthalten sie eine Anweisung. Manchmal werden sie auch durch einen kurzen Kommentar oder durch Beispiele erläutert.

Der Philosoph verspricht kein schrankenloses, ungetrübtes Glück, vielmehr fragt er, wie man möglichst glücklich leben könne, "ohne große Entsagung und Selbstüberwindung". Die Einsicht, dass positives, vollkommenes Glück unmöglich sei, trage dazu bei, uns des Wohlseins, das das Leben zulässt, teilhaftig werden zu lassen. Was wir erreichen könnten, das sei die "Heiterkeit des Gemüts" - man solle ihr deshalb, wann immer sie kommen wolle, Tür und Tor öffnen. Wünschenswert seien ferner "Gesundheit des Leibes" und "Ruhe des Geistes".

"In Arkadien geboren sind wir alle", schreibt Arthur Schopenhauer, "das heißt, wir treten in eine Welt voll Ansprüche auf Glück und Genuss und bewahren die törichte Hoffnung, solche durchzusetzen, bis das Schicksal uns unsanft packt und uns zeigt, dass nichts unser ist, sondern alles sein, da es ein unbestreitbares Recht hat nicht nur auf all unsern Besitz und Erwerb, sondern auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja auf die Nase mitten im Gesicht." Die Erfahrung lehre uns, "dass Glück und Genuss bloße Chimären sind" und "dass das Leiden dem Leben wesentlich ist". Daher gilt: "Willig tun, was man kann, und willig leiden, was man muss." Das Beste, was wir auf der Welt finden, ist eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Gegenwart.

"Vermeidung des Neides" rät eine andere Lebensregel, bei der sich Schopenhauer auf Seneca bezieht. Denn "niemals wirst du glücklich sein, wenn es dich quält, dass ein anderer glücklicher ist." Mit seinen Gedanken "Über das Verhältnis der Ansprüche zum Besitz" scheint Schopenhauer den von manchen später so genannten 'Konsumterror' und die durch Werbung geweckten Begehrlichkeiten vorausgeahnt zu haben. "Die Güter, auf welche Anspruch zu machen einem Menschen nie in den Sinn gekommen ist, entbehrt er durchaus nicht", er ist auch ohne sie völlig zufrieden. "Die Quelle unserer Unzufriedenheit liegt in unsern stets erneuerten Versuchen, den Faktor der Ansprüche in die Höhe zu schieben".

Weitere Lebensregeln, die Schopenhauer sich und anderen gibt, lauten: "Eine Sache reiflich überlegen, ehe man sie ins Werk setzt." Oder: "Seine Phantasie im Zügel halten." Durch zu viele Luftschlösser mache man sich die Wirklichkeit nur noch ungenießbarer. Ferner: "Die Veränderlichkeit der Dinge nicht aus dem Blickfeld verlieren."

Gerade weil Schopenhauer nicht verspricht, die Sterne vom Himmel zu holen, und kein schrankenloses, leicht zu erringendes Glück vorgaukelt wie die meisten Ratgeber unserer Zeit, wirken seine Lebensregeln realistisch, bedenkenswert und durchaus anwendbar im täglichen Leben.

Die in Mannheim lehrende Philosophieprofessorin Ursula Wolf hat sich ebenfalls auf "Die Suche nach dem guten Leben" begeben. Schon 1996 erschien unter diesem Titel ihre erste Studie, in der sie Platons Frühdialoge unter dem Aspekt des guten Lebens unter die Lupe nimmt. Drei Jahre später thematisiert sie die gleiche Frage erneut, diesmal im Streifzug durch die ganze Geschichte der Philosophie.

Der beginnt erwartungsgemäß in der Antike und Spätantike, vor allem bei Platon und Aristoteles, dann bei Senecas Weisheitslehre. Einige Ratschläge Senecas erinnern sehr an Schopenhauers Lebensregeln. Etwa der Satz: "Innere Einheit und Seelenruhe werde gesichert, indem man immer dasselbe will und nicht will." Oder: "Es bedeute weniger Leiden, nichts zu besitzen, als das, was man besitzt, zu verlieren."

Der Streifzug führt weiter in die Neuzeit: zu Descartes, Pascal, Kant, Hegel, Schopenhauer bis hin zu Nietzsche und Dilthey, Fromm, Jaspers und Heidegger. Dabei stellt Wolf fest, dass die großen philosophischen Theorien jeweils durch eine existentielle Spannung aus jenem Lebensbereich begründet wurden, der konkret-alltäglich in der jeweiligen Epoche besondere Probleme aufwarf. Sokrates und Platon beispielsweise wussten, dass das Leben einem Wechsel von günstigen und ungünstigen Bedingungen unterworfen ist. Die Philosophen der Neuzeit betonten dagegen die Grunderfahrung der Vergeblichkeit des Strebens und waren sich darüber im klaren, dass Not, Leiden und alles Negative in der Welt niemals gänzlich beseitigt werden können. Hatten Philosophen lange Zeit mit metaphysischen Theorien einen von Antinomien freien Zusammenhang konstruiert, der den Menschen eine Art Glückersatz bescherte, so sind diese Konstruktionen dann durch Nietzsche zusammengebrochen. Ihm kam es nun ganz auf die Gestaltung des eigenen Lebens an.

Und was ist für uns heute das 'gute Leben', nachdem mythische und religiöse Antworten verloren gegangen sind und die Metaphysik ihrerseits als bloßes Konstrukt durchschaut ist? Vielleicht solle man statt vom guten Leben lieber vom sinnvollen Leben reden, schlägt Wolf vor, da manche Menschen glauben, man müsse das persönliche Glück zugunsten einer Pflicht opfern. Aber kann das Leben sinnvoll sein oder einen Sinn haben, überlegt die Verfasserin weiter, obwohl doch das vollkommene Glück weder denkbar noch erreichbar ist?

Wer Freude am Philosophieren hat, wird es hinnehmen müssen, dass dieser Prozess der Reflexion, nachdem wir die großen metaphysischen Konzepte verabschiedet haben, nie zu Ende kommt und ohne feste Resultate bleibt. Doch nicht jedes Individuum, das die konkrete Frage nach dem sinnvollen Leben stellt, neigt zum Philosophieren, insbesondere dann nicht, wenn es eine realistische Auffassung vom menschlichen Leben hat, der zufolge das Individuum mit bestimmten Fähigkeiten ausgestattet ist, die es dann in der Auseinandersetzung mit Widerständen entfaltet. Alles, was sich für das gute individuelle Leben empfehlen lässt, glaubt die Autorin, besteht darin, dass man die konkreten Probleme zu lösen versucht, ohne ständig in philosophische Tiefen zu gehen.

Gegenwärtig gibt es eine große Anzahl populärer Bücher über Lebenskunst, konstatiert der Philosophiedozent Wilhelm Schmid, aber keine Philosophie der Lebenskunst, die zur rechten Lebensführung und zur Gestaltung des Lebens anleiten könnte. Offensichtlich haben die herkömmlichen Ethiken oder Morallehren ihre Verbindlichkeit eingebüßt oder haben keine Antwort mehr parat für das Individuum, das mit einer Vielzahl neu- und fremdartiger Situationen in der modernen und postmodernen Zeit fertig werden muss.

Eingedenk der wachsenden Ratlosigkeit in der neuen "Unübersichtlichkeit" stellt Schmid in seiner schon 1991 veröffentlichten und jetzt als Taschenbuch vorliegenden Studie "Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst" Michel Foucaults "Neubegründung der Ethik als Lebenskunst" ausführlich dar. Wer indessen schnelle Synthesen und Rezepte erwartet und minutiöse Lektüre scheut, wird mit diesem Buch von Schmid wenig anfangen können. Denn der Autor verfolgt die Wege von Foucaults Denken in allen Einzelheiten und Winkelzügen. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dem Zusammenhang zwischen Foucaults Neubegründung der Ethik und seinen Analysen der Macht. Doch befasst er sich darüber hinaus mit Foucaults Reflexionen über etliche andere Aspekte, Gegenstände und Persönlichkeiten: die "Frage nach dem Grund", die "Ordnung der Dinge", die Psychologie und Psychoanalyse sowie Hölderlin, Nietzsche und Heidegger. Das alles dient der Rekonstruktion jener "Neubegründung der Ethik", wie sie Foucault in seinen zahlreichen, verstreuten Arbeiten als "Lebenskunst" und "Ästhetik der Existenz" entfaltet und in einen systematischen Zusammenhang gebracht hat.

Vor allem in der Auseinandersetzung mit Nietzsche und Heidegger entwickelte Michel Foucault sein eigenes Denken. Die Frage nach einem unerschütterlichen, festen und transzendentalen Grund gab er dabei gänzlich auf und wandte sich den Formen zu, die man dem eigenen Leben geben müsse, um dessen Gestaltung nicht dem Zugriff sozialer Normen zu überlassen. Foucaults Konzept der Lebenskunst hat nach Schmid mit der Besonderheit der Person und der Situation zu tun und ist fern vom umfassenden Anspruch einer Totalität. "Sie ist kein Ruhekissen, sondern ein Faktor, der das Leben ständig beunruhigt, - ein Ansporn, anders leben zu lernen." Das Subjekt, das Foucault dabei im Auge hat, ist der von der Erfahrung der Endlichkeit geprägte Mensch der Moderne, der seine Kohärenz im Stil der Existenz findet. Schon Nietzsche, der das Leben des Menschen und den Menschen selbst als Kunstwerk begriff, schrieb in "Die fröhliche Wissenschaft": "Eins ist Noth. - Seinem Charakter Stil geben - eine große und seltene Kunst."

Foucaults Ethik im Sinne einer Lebenskunst enthält sich jeder Anweisung für politisches Handeln. Und sie meidet alle Bevormundungen der Leser. Schmid sieht in dem französischen Philosophen ein Ethos der Aufklärung weiterwirken, das die Leser befähigt sieht, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.

Schmids Auseinandersetzung mit Foucault war die Basis für seine 1998 erschienene, inzwischen bereits mehrfach aufgelegte "Grundlegung" einer "Philosophie der Lebenskunst". Sie reflektiert über Bedingungen und Möglichkeiten einer Kunst, die auf die Herausforderungen unserer Zeit an das Leben jedes Einzelnen zu antworten imstande ist. Der Erfolg des Buches, der andere Verlage offensichtlich zu thematisch verwandten Nachahmungen inspiriert, scheint symptomatisch zu sein: Wo die Lebenskunst abhanden gekommen ist, wächst das Bedürfnis, sie neu zu erlernen.

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Ursula Wolf: Die Philosophie und die Frage nach dem guten Leben.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1999.
216 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3499555727

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Wilhelm Schmid: Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
452 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3518290878

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Titelbild

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, glücklich zu sein. Dargestellt in fünfzig Lebensregeln.
Herausgegeben von Franco Volpi.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
105 Seiten, 7,60 EUR.
ISBN-10: 3406421695

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