Strafsache gegen Mulka und andere

Peter Schulze-Rohrs Radioinszenierung der "Ermittlung" von Peter Weiss als Hörbuch

Von Arnd BeiseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Arnd Beise

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als sein Lektor das Manuskript der "Ermittlung" das erste Mal gelesen hatte, schrieb er an Peter Weiss: "es hat mich ganz krank gemacht. [...] Es ist ein ungeheuerlicher Text, der mich bei der ersten Lektüre völlig erschlagen hatte, so daß ich keinerlei Gedanken an die Aufführbarkeit, an das Theater etc., fassen konnte. Kein Gedanke über aesthetische Kategorien". Diesen Eindruck werden viele, wenn nicht die meisten Leser nachvollziehen können. Im Spiegel der "Strafsache gegen Mulka und andere" (dem so genannten ersten Auschwitz-Prozess) wird die Dimension des nationalsozialistischen Systems der Vernichtungslager auf eine Weise reflektiert, die in der deutschen Literatur bisher noch kein gleichrangiges Gegenstück fand. "Die Ermittlung" gilt als "konsequentestes Stück Literatur über den Holocaust" überhaupt und behauptet sich, wie Alfons Söllner formulierte, als "erratischer, aus Sprache geformter Block der Erinnerung [...] gegenüber einem modischen Gedächtniskult."

Gut eine Woche nach der Aufsehen erregenden Ring-Uraufführung an 15 deutschen Bühnen wurde die von elf Rundfunkanstalten unter Federführung des Hessischen Rundfunks produzierte Hörspielfassung der "Ermittlung" am 27. Oktober 1965 erstmals ausgestrahlt. Wie noch bei jeder Aufführung der "Ermittlung" wurde der Text um etwa ein Drittel eingestrichen, jedoch ohne das Stück in seiner inhaltlichen Substanz anzugreifen. Insgesamt dynamisieren die Streichungen das Stück vor allem in der zweiten Hälfte. Sie betrafen zum Beispiel bestimmte Wiederholungen, die allerdings zu Weiss' ästhetischer Absicht gehörten: das Stück nämlich überlang zu machen, "so mahlend in der immerwährenden Fragestellung", damit es "unerträglich" werde. "Der ganze Sinn liegt hier in dem Ausgedehnten, kein Ende Nehmenden." Außerdem wurden Beschreibungen der Örtlichkeiten sowie der grässlichsten Szenen, etwa im "Gesang von der Schaukel" oder in den "Gesängen vom Phenol und vom Bunkerblock", gestrichen, ohne aber dass darin irgendeine politische Absicht erkennbar wäre. Ein bisschen leichter zugänglich als die Lektüre des gesamten Textes ist die Hörspielfassung dadurch schon.

Akustisch ist das Stück außerordentlich schwach untermalt. Lediglich zwischen den einzelnen Teilen der Gesänge gibt es ganz kurze Einblendungen von Geräuschkulisse aus dem Gerichtssaal (Stühlerücken, Stimmengewirr); ansonsten vertraut die Inszenierung von Peter Schulze-Rohr auf das nackte Wort. Sogar die in Weiss' Text schon seltenen emotionalen Reaktionen seitens der Zeugen und der Angeklagten sind fast ganz zurückgenommen. Die Radioaufführung charakterisiere "eine Sachlichkeit und Nüchternheit, die das Grauen im Alltäglichen belässt, um es gerade dadurch in seinem Wesen zu kennzeichnen", stellte Gerd Fuchs in der "Welt" schon damals fest und fragte sich, ob diese Funkfassung sich möglicherweise "allen Bühnenversionen als überlegen erweisen sollte", und zwar gerade weil sie sich "allein auf das Wort stellt"; dadurch zeige sie, "was das Wort noch zu leisten imstande ist: Imagination wird nicht gefordert, sie wird erzwungen".

Diese besondere Qualität mag den HörVerlag in München dazu bewogen haben, diese erste aller Radiobearbeitungen - sie war vom Klett-Verlag 1988 schon einmal als Hörbuch ediert worden - nun wiederum herauszugeben. Nicht ohne die Hoffnung, "dass alle die, die Ohren haben zu hören", die Botschaft des Stücks vernehmen werden: das Entsetzen darüber, "dass die 'große Idee' des Rassenhasses noch immer bei einem Teil der bundesrepublikanischen Bevölkerung Anklang fand, und - wie man aus heutiger Sicht konstatieren muss - noch immer findet", wie Elsbeth Wolffheim im Booklet schreibt. Diese Publikation solle wie von Weiss intendiert, "einen Erkenntnisprozess einleiten, [...] damit nicht allgemeiner Konsens wird, was in der 'Ermittlung' der Angeklagte Mulka in seinem Schlusswort fordert: 'Heute / da unsere Nation sich wieder / zu einer führenden Stellung / emporgearbeitet hat / sollten wir uns mit anderen Dingen befassen / als mit Vorwürfen / die längst als verjährt / angesehen werden müßten'." Solch offensive Bekenntnisse zu politischem Engagement und gesellschaftlicher Verantwortung sind aus der deutschen Verlagslandschaft nicht mehr allzu häufig zu vernehmen. Dokumentarischen Wert hat diese Wiederveröffentlichung, da sie (anders als die Klett-Veröffentlichung vor 13 Jahren) die damalige Ausstrahlung inklusive der originalen Anmoderation unretuschiert wiedergibt.

Titelbild

Peter Weiss: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen. Szenische Darstellung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Hörspielbearbeitung: Hermann Naber, Regie: Peter Schulze-Rohr. Mit Fritz Strassner, Herbert Fleischmann, Hanne Hiob, Helmut Peine u.v.a.
Der Hörverlag, München 2001.
180 min, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3895841129

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch