Die Sehnsucht nach dem letzten Wort

O. Martin Dahms finsterer Lyrikband

Von Manuel BauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manuel Bauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Aufmerksamen Lesern der Kleinanzeigen des Musikmagazins "Zillo" dürfte O. Martin Dahm durch die häufige Eigenwerbung für Lesungen aus seinen Gedichtbänden ein Begriff sein. So düster wie das ganze Magazin ist auch die Lyrik Dahms ausgefallen. Leider auch in qualitativer Hinsicht.

In dem knapp 90 Seiten starken Band "Eine Dichtung der letzten Worte" sind Lyrik sowie im Untertitel als "Aphorismen" bezeichnete Prosagedichte versammelt. Sie machen es dem Leser schwer, das weit verbreitete Desinteresse an Poesie zu bedauern.

Gleich zu Beginn gilt es, sich mit der Attitüde des Autors vertraut zu machen: "Diese Texte sind absolut charakterlos, zudem furchtbar egomanisch und anmaßend. - Doch keine Angst, den Menschen werden sie gefallen, denn sie haben ja schließlich nach ihnen verlangt."

Dass Menschen nach einer derart platten Außenseiter-Masche, gepaart mit einer schier unerträglichen Überheblichkeit, verlangt hätten, ist schwer vorstellbar. Nicht zu reden von den dichterischen Ergebnissen.

Dahm stellt sich unglücklicherweise mit Größen wie Rimbaud, Kundera und Conrad in eine Reihe, gegen die er im Vergleich erwartungsgemäß keine glückliche Figur macht. Viel schwerer wiegt allerdings, dass er zu keinem Zeitpunkt zu einem eigenen Stil findet. Ständig glaubt man, einen Querschnitt der Werke Baudelaires, Nietzsches, Allen Ginsbergs und Jim Morrisons zu lesen, mit dem schlichten Unterschied, dass die Originale lesenswert sind.

Wenn er sich nicht gerade für die Reinkarnation seiner Idole hält, bemüht der junge, 1974 geborene Autor gerne das Klischee vom wissenden Krieger für eine poetische Welt und Streiter wider "die prosaischen Monstren". Seine Waffe ist dabei eine Sprache, die stets gewollt poetisch, überladen und bemüht wirkt und ein ums andere Mal auch jenseits aller lyrischen Freiheiten schlicht falsch ist: "die euren räder", "die Anatomie der uns'ren Türme". Ähnlich wie diese seltsamen Genitive verhält es sich mit dem gesamten sprachlichen Gestus. Alles wirkt konstruiert, was selbst für eine betont lyrische Sprache eine Mangelerscheinung darstellt.

Unglücklicherweise hat der sprachliche Bombast kein inhaltliches Fundament. Die ständig wiederkehrenden Motive Schmerz, Tod, Außenseitertum und die penetrante Selbstdarstellung als "dunkler Zauberer" und poetischer Krieger in einer gefühlskalten Welt sind schnell durchschaut. Alles andere vermag den Leser nicht zu berühren, da es ihm nicht möglich ist, hinter den Wortkonstrukten eine stimmige semantische Ebene auszumachen.

Selbst wenn es Dahm kurzzeitig gelingt, eine poetische Stimmung zu erzeugen, überwiegt noch immer das Ärgernis über seine unübersehbare Anlehnung an bekannte Dichter. So werden etwa bei einem Gedicht gleich zweimal nur minimal veränderte deutsche Entsprechungen von Textausschnitten der Doors wiedergegeben. Kenner der Songtexte und Gedichte Morrisons werden eine zweifelhafte Freude am Auffinden bekannter Wendungen haben. Erst das letzte Gedicht des Bandes ist schließlich ganz offen Jim Morrison gewidmet und ist doch nur ein verkrampfter Versuch, den Stil der Rock'n'Roll-Ikone nachzuahmen. Ebenso wirkt es peinlich, wenn Dahm eine berühmte Wendung Ginsbergs ("die besten Köpfe meiner Generation") in ein Gedicht einbaut: "Mit den Silben anderer reden, das muß Freiheit sein". Anstelle von Freiheit sollte hier vielleicht besser von Frechheit die Rede sein.

Allenfalls einige einsame schwarze Seelen mit nachhaltig gestörtem Verhältnis zur Welt dürften bei Vollmondschein, Werwolfsgeheul, Kerzenlicht und unter Einfluss einer nicht zu unterschätzenden Dosis eines blutroten Weines Freude an dieser Lyrik haben.

Titelbild

Oliver Martin Dahm: Eine Dichtung der letzten Worte. Aphorismen und Gedichte.
Peter Segler Verlag, Freiberg 2000.
98 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3931445011

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