Grenzgebiet unter preußischem Adler

Die Elsass-lothringische Frage in deutschen und französischen Zeitschriften

Von Stefan WoltersdorffRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Woltersdorff

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Michel Grunewald ist Professor an der Universität von Metz und Leiter des dortigen "Centre d´études des périodiques de langue allemande des lumières jusqu´à l´époque contemporaine", dessen etwa zwanzig Mitglieder zwei verschiedenen Arbeitsgruppen angehören: Die eine befasst sich mit der deutschsprachigen Presse des 18. und 19. Jahrhunderts, die andere (seit 1988) mit der des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam haben sie bereits mehr als ein Dutzend Kolloquien veranstaltetet und entsprechend viele Veröffentlichungen vorgelegt.

Der jüngste Band, der 1998 - wie schon einige seiner Vorgänger - in der Reihe "Convergences" bei Peter Lang erschienen ist, geht zurück auf ein Kolloquium, das vom 4. bis 6. Dezember 1997 an der Universität Metz stattgefunden hat. Thema war die Debatte um die "Elsass-Lothringische Frage" in deutschen und französischen Zeitschriften der Jahre 1871 bis 1914, also der Phase der Annexion dieser Gebiete durch das neu geschaffene Deutsche Kaiserreich. Zwar gibt es zur Geschichte dieses sogenannten "Reichslandes Elsass-Lothringen" bereits eine sehr umfangreiche Forschungsliteratur, doch fehlte bisher eine imagologisch orientierte Studie, die nicht die historische "Realität", sondern deren Perzeption durch die zeitgenössische Presse fokussiert, die just zu diesem Zeitpunkt in beiden Ländern eine Blütezeit erlebt.

Der Band versammelt 21 Beiträge deutscher und französischer Wissenschaftler, davon neun in deutscher und zwölf in französischer Sprache. Nach einem einleitenden Essay, der einen Überblick über die 47-jährige "Reichslandzeit" gibt, folgen Einzelstudien zu insgesamt 20 verschiedenen Zeitschriften: zwei französischen, fünf "elsass-lothringischen" und 13 deutschen (davon zwei aus der Zeit nach 1918). Insgesamt hätte man sich diese Verteilung etwas ausgewogener gewünscht. Neben Beiträgen zu der "Exil"-Presse emigrierter Elsass-Lothringer in Frankreich, vermisst man vor allem solche zu wichtigen elsass-lothringischen Zeitschriften dieser Zeit, wie der "Erwinia", dem "Stürmer", den "Cahiers alsaciens" und der "Zukunft". Auch die völlige Ausgrenzung von Tageszeitungen trägt zu einer gewissen Schieflage des Gesamtbildes bei.

Was die deutschen Zeitschriften dieser Zeit anbetrifft, bietet der Band jedoch eine reiche Fundgrube von Einzelstudien, die sich zu einem natürlich nicht vollständigen, aber doch sehr umfassenden Panorama fügen: So werden liberale Zeitschriften ("Die Gegenwart", "Die Hilfe") ebenso berücksichtigt wie sozialistische ("Die Neue Zeit", "Leipziger Volkszeitung", "Der Sozialist"), protestantische ("Christliche Welt", "Allgemeine Kirchenzeitung") und katholische Zeitschriften ("Hochland"), sowie einige kulturelle "Rundschauen" unterschiedlicher Tendenz ("Deutsche Rundschau", "Der Türmer", "März").

Die verschiedenen Beiträge machen deutlich, dass der Status quo in Elsass-Lothringen damals auch in Deutschland kaum jemanden befriedigt zu haben scheint. Stattdessen werden verschiedene Gegenmodelle diskutiert, von denen einige deutlich utopischen Charakter tragen: die Rückgabe des Landes an Frankreich, seine Aufteilung zwischen Deutschland und Frankreich (deutsches Elsass, französisches Ost-Lothringen), die Schaffung eines neutralen Pufferstaates (dem sich auch Belgien, Luxemburg und die Schweiz anschließen könnten), die Autonomie Elsass-Lothringens innerhalb des Deutschen Reiches (die von 1911-1914 teilweise auch umgesetzt wird) und schließlich die völlige Assimilation durch die Auflösung des "Reichslandes" und seine Aufteilung unter den deutschen Anrainer-Ländern Baden, Bayern (Pfalz) und Preußen.

Von besonderem Interesse sind aus heutiger Sicht dabei Beiträge zu solchen Zeitschriften, die bezüglich der Elsass-Lothringischen Frage eine aktive Mittlerrolle einzunehmen suchen, um den drohenden militärischen Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich abzuwenden. So werden die Verbindungen von Friedrich Naumanns "Die Hilfe" zu elsass-lothringischen Politikern dargestellt, was 1911 letztlich die Gründung der um Versöhnung bemühten "Elsass-Lothringischen Fortschrittspartei" zur Folge hatte. Aufschlussreich sind auch die Ausführungen über Kontakte der Münchner Kulturzeitschrift "März" zu elsass-lothringischen Publizisten, Künstlern und Schriftstellern, darunter etliche aus dem ehemaligen "Stürmer"-Kreis um René Schickele (der auch zum Vorstand der "Fortschrittspartei" gehörte). Erwähnung verdient schließlich auch noch das bisher kaum bekannte Konzept für ein postnationales "Lotharingien", das der Anarchist Gustav Landauer in seiner Zeitschrift "Der Sozialist" entwickelt hat.

Auch wenn alle diese Entwürfe heute historisch überholt sind, so stellen sie doch für den historisch interessierten Leser repräsentative Beispiele für die Aporien konkurrierender Nationalkonzepte in der Frühen Moderne dar. Darüber hinaus bietet der Band Einblick in die damalige Debatte um die deutsch-französischen Beziehungen, die bekanntlich bis heute andauert. Und schließlich enthält er auch Informationen zur Geschichte der französischen und vor allem deutschen Presse zwischen dem Deutsch-französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg.

Michel Grunewald (Hrsg.): Le problème de l´Alsace-Lorraine vu par les périodiques (1871-1914) / Die Elsass-lothringische Frage im Spiegel der Zeitschriften (1871-1914).
Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M. 1998.
492 Seiten, 99 DM.
ISBN 3-906760-44-8


Titelbild

Michel Grunewald (Hg.): Le problème de l'Alsace-Lorraine vu par les périodiques (1871-1914) / Die Elsass-Lothringische Frage im Spiegel der Zeitschriften (1871-1914).
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 1998.
492 Seiten, 50,60 EUR.
ISBN-10: 3906760448

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