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Wie sich die Wissenschaften den Laien verständlich machen können

Von Ernst GrabovszkiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ernst Grabovszki

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wem gehört die Wissenschaft? Diese Frage stellt sich in einer Zeit der hochgradigen wissenschaftlichen Spezialisierung im besonderen Maß. Gehört sie einer gesellschaftlichen Gruppierung allein oder allen? Will sagen: Wird die Wissenschaft nur für Wissenschaftler produziert oder für die Allgemeinheit? Beides ist der Fall. Die Zielgruppe des Forschungsdiskurses sind jene, die Forschung betreiben und sie weiterentwickeln möchten, die Ergebnisse sollen letztendlich der Allgemeinheit zugute kommen. Die Relevanz ihrer Ergebnisse für eine Gesellschaft ist wiederum von deren Wertmaßstäben und ökonomischen Bedürfnissen abhängig. Dennoch: Die Sinnhaftigkeit jedes Forschens liegt in der Umsetzung von wissenschaftsexternen Bedürfnissen und wissenschaftsinternen Desideraten in eine wenn nicht lebenspraktische, so doch diese Lebenspraxis ergänzende Funktion. Diese Erkenntnisse, die in der angesprochenen hochspezialisierten gesellschaftlichen Sphäre hergestellt werden, können schließlich nur dann relevant werden, wenn sie auf eine bestimmte Weise in den öffentlichen Raum vermittelt werden. Die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Laientum ist demnach eine Kommunikationsschnittstelle, um die sich die Transferwissenschaft bemüht. Ihr Problemhorizont ist natürlich ein weiterer als hier angedeutet: Die Fülle vorhandenen Wissens macht es beispielsweise notwendig, dieses vor der Informationsbeschaffung erst zu strukturieren. Der Zugang zu Wissen setzt also ebenfalls Wissen voraus. Wissen, das für bestimmte Zwecke produziert wurde, wird darüber hinaus mithilfe von Medien an Adressaten vermittelt. Daran lassen sich wiederum Fragen etwa nach der Wahrheit, der Wissenstransparenz, der Vollständigkeit und sozialen Zuordenbarkeit von Wissen usw. stellen. Spätestens hier ist eine Form der Vermittlung notwendig, der es gelingt, nicht nur Verständnis für den Forschungsbetrieb zu schaffen, sondern auch seine Inhalte und Ergebnisse in eine dem jeweiligen Zielpublikum adäquaten Sprache zu "übersetzen". Die Transferwissenschaft untersucht zum einen also die Zugangsbarrieren zu Wissen und zum anderen die Möglichkeiten seiner Verarbeitung.

Dem "Wissenstransfer zwischen Experten und Laien" ist der erste Band der Reihe "Transferwissenschaften" im Peter Lang Verlag gewidmet. Ihm ist ein Kolloquium mit dem Titel "Wissenstransfer zwischen Experten und Laien. Umrisse einer Transferwissenschaft", das im September 1999 in Göttingen stattfand, vorausgegangen. In 20 Beiträgen werden Konzepte der Transferwissenschaft und themenspezifische, mediale und gruppenspezifische Aspekte des Wissenstransfers diskutiert. Zu fragen bleibt, wann eine Kommunikation zwischen Experten und Laien notwendig wird. Wer sich in einer Apotheke Aspirin besorgt, wird sich nicht unbedingt für die Forschung, die zu diesem Produkt geführt hat, interessieren, sondern lediglich das Ergebnis schätzen. Wenn er jedoch die Wirkungsweisen eines Medikaments verstehen möchte, wird die Lektüre des Beipackzettels zur Pflicht. Das bedeutet, dass der medizinische Laie mit Fachwissen konfrontiert ist, das er verstehen muss, um richtig handeln zu können. In ihrem Beitrag "Kulturspezifik des Wissenstransfers: Experten und ihre Laieneinschätzung im deutsch-japanischen Vergleich am Beispiel der Textsorte Beipackzettel" behandelt Taeko Takayama-Wichter dieses Problem und macht darüber hinaus klar, dass der Transfer von Wissen auch kulturenabhängig ist. Der japanische Beipackzettel zum Aspirin unterscheidet sich vom deutschen durch vereinfachte Syntax, hohe Standardisiertheit und veränderte Gestaltungsform. Das wiederum lässt Rückschlüsse auf die Beziehung zwischen Experten und Laien zu. Weitere Beiträge widmen sich u. a. dem Wissenstransfer in Gesundheitszirkeln, in der Sportberichterstattung, im Diskurs über die Rechtschreibreform, im Gesundheitswesen, im wissenschaftlichen Bereich, in der Werbung, unter Jugendlichen und in Beratungsgesprächen.

Worin liegt die Relevanz dieses Sammelbands? Zweifellos darin, dass die Überlegungen zur Kommunikation zwischen Experten- und Laientum jenen Wissenschaften, die aufgrund ihrer scheinbar fehlenden Relevanz für die "Öffentlichkeit" zusehends unter Druck geraten, eine Möglichkeit geben, diese Rolle sowohl innerhalb als auch außerhalb von Forschung und Lehre neu zu reflektieren. Die bereits bestehenden Kommunikationskanäle und -leistungen können überprüft und kritisch überdacht werden. Schließlich geht es den Beiträgern um die Formulierung einer Transferwissenschaft, die "die Prinzipien, Wege und Strategien des selektiven und nachhaltigen Zugangs zu Wissen im Zeitalter der Informationsflut und der Wissensexplosion erforschen soll" (S. 5).

Aber nicht nur die "Orchideenfächer" sind angesprochen. Das Beispiel "Beipackzettel" hat gezeigt, dass jede wissenschaftliche Disziplin in bestimmten Situationen vor die Aufgabe gestellt ist, ihre Inhalte einem Publikum plausibel zu machen. Naheliegend ist daher, dass sich die Transferwissenschaft als eine interdisziplinäre Disziplin versteht, die ihre Aufgaben mithilfe von Linguistik, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Didaktik, Soziologie, Ökonomie, Philosophie und anderen Kulturwissenschaften lösen möchte. Die thematisch breitgestreuten Beiträge deuten diese Absicht an. Man darf also gespannt auf die weiteren Bände in der neuen Reihe warten.

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Sigurd Wichter / Gerd Antos (Hg.): Wissenstransfer zwischen Experten und Laien. Umriss einer Transferwissenschaft.
In Zusammenarbeit mit Daniela Schütte, Oliver Stenschke.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
364 Seiten, 45,50 EUR.
ISBN-10: 3631365721

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