Eitle Gedankenkosmetik

Warum man sich den Briefwechsel zwischen E. M. Cioran und Friedgard Thoma getrost abschminken kann

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Mensch ist dem Menschen, frei nach Thomas Hobbes, ein Ego-Wolf. Moment, das Bild hängt schief, denn eigentlich benennt dieses Wort kein Geschöpf aus der Abteilung Kryptozoologie, sondern eben jenes zerreißende, zerstückelnde und pürierende Gerät, durch das hindurch Friedgard Thoma, Freundin und Angebetete Ciorans, ihren privaten Briefwechsel mit dem großen Monomanen der Trostlosigkeit gedreht hat.

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Gravitationspunkt mit den drei Buchstaben, das alles verschlingende schwarze Loch in Thomas Gedanken-Kosmos, heißt 'Ich'. Ein Sog, der noch den fernsten Sternenhaufen, den unscheinbarsten weißen Zwerg ergreift, sich einverleibt und Ich-infiziert wieder ausspuckt. Allein um der solipsistischen Reflexe willen, so scheint es, brütet die Herausgeberin über ihrer Bekanntschaft mit Cioran wie Narziss über dem Wasser oder die böse Stiefmutter vor dem allwissenden Wandspiegel.

Wir schlagen auf mit spitzen Fingern, und zwar jene Seite, auf der Hermann Burger im Februar 1989 Selbstmord begeht. Zu diesem Totalverlust stellt Thoma sogleich die Gegenrechnung auf: In eben diesen Tagen sprießt die durch eine Chemo-Therapie in Mitleidenschaft gezogene Lockenpracht wieder auf ihrem Kopf. Nicht weniger haarsträubend jene Passage, in der sie mit deutlicher Selbstgefälligkeit bemerkt, Cioran habe sie in der "nymphenhafte[n] Darstellerin der Lulu" in einem Stummfilm von G. W. Pabst wieder erkannt.

Beredte Beispiele, die zwar noch nichts darüber aussagen, warum die Beziehung des rumänischen Philosophen zu der um mehr als drei Jahrzehnte jüngeren deutschen Philosophielehrerin bald in die erbärmlichste Selbstquälerei Ciorans einmündete, die aber wohl einiges von den Motiven verraten, die diese Darstellung in Briefen prägen.

Mit der Veröffentlichung der Korrespondenz, sagen die einen, sei dem Bonner Weidle-Verlag - abgesehen von einem über dem Buch liegenden "Hauch von Kitsch" - eine "kleine Sensation" gelungen, da sie hinter dem Skeptiker und Kulturkritiker Cioran "den Menschen" sichtbar mache. Als "anrührendes Zeugnis der Obsession eines alternden Mannes", in der sich "der sonst so abgeklärte Philosoph (...( immer wieder als höchst unsouverän präsentiert", loben andere das Bändchen.

Mehr oder weniger arglos beten die Rezensenten die Einlassungen des Verlegers Stefan Weidle nach, der mit dem Briefwechsel einen Damm gegen die durch Ciorans französischen Verlag und Rechteinhaber Gallimard repräsentierte Gralshüterschaft errichten will.

Gallimard versuchte die Publikation des Buches zu verhindern, was Weidle zu der Annahme veranlasst, dass Ciorans Image als unbestechlicher Berufsskeptiker, verschlossener Menschenfeind und schwarzgalliger Weltverächter wider besseres Wissen am Leben gehalten werden soll. Gegen eine derartige Korrektur und Vervollständigung eines pessimistisch verkürzten Cioran-Bildes wäre im Grunde nichts einzuwenden. Nein, sie wäre ausdrücklich zu begrüßen - wäre der Preis, den der Leser für den authentischen, den verführbaren Cioran zu entrichten hätte, infolge der Eingriffe Friegard Thomas nicht entschieden zu hoch.

Die Briefe sind in deutscher Sprache verfasst, denn das Deutsche war dem aus Siebenbürgen gebürtigen Cioran geläufig. Er vervollkommnete seine Kenntnisse bis zu einem gewissen Punkt während eines Aufenthalts in Berlin, doch gelang es ihm nicht, sämtliche Schwächen und Holprigkeiten auszubügeln. Obwohl der Verlag auf eine Nachbesserung fehlerhafter Briefe verzichtet hat, ist es beileibe nicht Ciorans eigene, "unverfälschte" Stimme, die der Leser vernimmt.

Thoma hat den Briefwechsel eingeleitet und kommentiert - und sie hat keine Seite lang einen Zweifel daran gelassen, wer hier im Mittelpunkt des Interesses steht. Im Umgang mit dem berühmten Mann beginnen noch die bescheidensten Geistesgaben zu glänzen. Deshalb gibt die Frau ihrem Intellekt kräftig die Sporen, tritt das Gaspedal der Sinnmaschinerie durch, bis diese nur noch hochtourig winselt.

Schon in den ersten Briefen klaubt Thoma, sichtlich bemüht um eine Demonstration einer allseitigen Belesenheit, Zitate von Lenz, Robert Walser, Hölderlin und anderen zuammen. Sie schickt Cioran Bücher und Schallplatten, versucht noch den kümmerlichsten Belanglosigkeiten den Anstrich des Hintersinnigen zu verleihen. Dieses bemühte Generieren von tieferem Sinn und höherer Bedeutung geht erschreckend lange gut, denn nur selten reagiert Cioran so unbestechlich wie im Fall ihres Lobs auf Milos Formans Hollywood-Schinken "Amadeus".

Thoma hatte sich in ihrer Einschätzung des Films hoffnungslos vergaloppiert. Ciorans Entgegnung kommt prompt: "Mozartsfigur ist falsch und oberflächlich, unwirklich wie eine Drahtpuppe (...(. Das Ende, anstatt herzzerreißend, ist ein tragischer Kitsch. Die Requiem-Geschichte, über die ich viel gelesen habe, ist verfehlt." Aber auch dort, wo Cioran nicht widerspricht: Hoffart, eitle Selbstbespiegelung, intellektueller Dünkel Seite um Seite.

Setzen wir den Karren noch einmal zurück. Das Unglück nimmt seinen Lauf, als die Verehrerin dem Philosophen 1981, angetan von seinen Werken, einen Brief schreibt. Cioran, inzwischen im Besitz eines Fotos der mit glatt gekämmtem Haar und tiefgründig dekolletiertem Ausschnitt nicht gerade unansehnlichen Frau, lädt die Briefeschreiberin noch im selben Jahr in das "verkommene" Paris ein, wo er seit Ende der 30er Jahre lebte.

Aus dem Besuch entwickelt sich eine von unerfüllter Begierde, Ohnmacht und Abhängigkeit geprägte Beziehung, unter der Cioran nachweislich litt. Seine Absichten sind handfest und treten bereits nach kurzer Zeit klar zutage: "Sie waren irgendwie erschrocken", schrieb er an Thoma, "als ich von einer 'perversen' Zuneigung zu Ihrem Körper gesprochen habe. Pervers war nicht das richtige Wort; scharf wollte ich sagen."

Die Erwartungen auf beiden Seiten waren wohl zu unterschiedlich, als dass die Geschichte ohne ein klärendes Wort Thomas zu einem guten Ende hätte finden können: "Im allgemeinen mit/für den Frauen mit denen ich mich geistig verwandt fühle, habe ich keine sinnlichen Neigungen. Mit Ihnen möchte ich mich im Bett über 'Lenz' unterhalten", schreibt Cioran ihr nach ihrem ersten Besuch in seinem fehlerhaften Deutsch. "Bitte achten Sie mich dennoch als den Menschen, der Sie liebt, was immer darunter zu verstehen ist", antwortet Thoma. Und später: "In Worten und Briefen bin ich bei Ihnen mehr zu Hause als in der nonverbalen Gestik der Zuneigung ... Idiotischerweise hindert mich nur die unvermittelte physische Präsenz an der Unmittelbarkeit meiner Empfindung."

Weshalb diese Einschränkung? Die Wahrheit ist, dass Thoma für Cioran immer einen Hoffnungsschimmer am Glimmen halten musste, dereinst doch noch in den Besitz der hübschen Larve zu kommen. Für die Tragfähigkeit der in diesem Buch narzisstisch vorgeschützten Geistesverwandtschaft spricht das Netz aus Verbot und Verlockung indes nicht, eher schon für eine nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtete Obsession.

Nur virtualiter und hinter dem Schutzzaun der Sprache hat der in Leidenschaft für die attraktive Freundin Entbrannte durchgespielt, wie er sich aus seiner misslichen Lage hätte befreien können: "Hätten meine Gedanken sich gleich in Taten verwandeln können, Sie (Thoma) würden heute in einem Grab und ich in einem Gefängnis sitzen".

Ist das noch Hassliebe oder bereits Liebeshass? In Thoma findet Cioran die "liebe Aggressorin", deren Geburtstag "zu rühmen und zu verfluchen" ist. Trotz der von Cioran gerade wegen der starken Zuneigung empfundenen Mords-Lust zweifelt der Leser, ob Thoma die ihr entgegenschlagende Feindseligkeit überhaupt registriert hat. Befördert, so viel steht fest, hat sie sie nach Kräften. So setzt sie einerseits alles daran, den alternden Denker für ihre Vorzüge einzunehmen, andererseits hat sie sich den liebestollen Cioran offenbar gekonnt vom Astralleib zu halten gewusst. Die zweite Hälfte des Schriftverkehrs sollte sich um nichts in der Welt amourös verselbständigen.

Zwischendurch ein Jahr Funkstille, ohne dass der Leser über die Gründe aufgeklärt würde. Unterdessen wechselt Thoma, wohl wissend um Ciorans rasende Eifersucht, fast beiläufig ihre Liebhaber: "Inzwischen war Walter von Klaus abgelöst worden".

Nur eine einzige Textstelle lässt erahnen, dass Thoma Ciorans Werbung schließlich nachgegeben haben könnte. 1981 nämlich, als der Verehrer anlässlich ihres Geburtstages ein Zimmer im Hotel Brésil reserviert hatte und seine Augen noch Jahre später mit "einer konspirativen Leidenschaftlichkeit" aufblitzten, "so daß kein Zweifel an der präzisen Erinnerung alles Gewesenen bestehen konnte". Haben oder haben sie nicht?

Der letzte Teil des Buches lässt einen müde gewordenen und zerbrochenen Cioran sichtbar werden. Im August 1987 notiert er: "Endlich die Weisheit. Ich mache keine Pläne mehr und schreibe überhaupt nicht mehr. Fünfzehn Bücher, fünfzehn Kadaver - das genügt." Dann der Rückbau, die ersten Erinnerungslücken, Cioran zunehmend verstört, im Gespräch nur noch Bruchstücke von sich gebend und schon nahe der Demenz. Cioran im Oktober 1992 auf dem Friedhof Montparnasse, die gehetzte Suche nach dem eigenen Grabstein.

Es will scheinen, als könnte sich Thoma, die das Bildungsrouge in diesem Bändchen immer wieder reichlich dick aufträgt und mit ihren Bekanntschaften zu Henri Michaux, Ulrich Horstmann und anderen so nachdrücklich nicht hinter dem Berg hält, allein angesichts des jämmerlichen Endes ihres "Vaterfreundes" ein wenig vergessen.

Die pietätvolle Zurückhaltung des letzten Teils ändert jedoch nicht das geringste am unvorteilhaften Gesamteindruck der Ausgabe, durch die ein Ausspruch Ciorans unversehens an Bedeutung gewonnen hat: "Ich bin ein erledigter Kerl."

Titelbild

Friedgard Thoma: Um nichts in der Welt. Eine Liebe von Cioran.
Weidle Verlag, Bonn 2001.
140 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3931135608

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