Verneigung vor der Schrift

Markus Kirchhoff porträtiert jüdische Lesewelten und deren Untergang

Von Marcel AtzeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Atze

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine der beeindruckendsten Episoden in den Memoiren von Marcel Reich-Ranicki ist zweifelsfrei jene, wo der Heranwachsende seinen schier unzähmbaren Bücherhunger in der Bibliothek eines lesenden Chemikers stillt, der ihm den Bücherkasten öffnet mit den Worten: "Nehmen Sie mit, was Sie wollen." Ganz freiwillig gibt der Mann die verehrten Bände allerdings nicht her: Er will sich vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten, für Buchgepäck ist da kein Platz. Der junge Reich-Ranicki aber bringt den größtmöglichen Koffer mit und füllt diesen im Nu. Als er sich bedanken will, winkt der Spender ab: "Sie haben mir für gar nichts zu danken. Diese Bücher schenke ich Ihnen nicht. Sie sind Ihnen in Wirklichkeit nur geliehen - wie diese Jahre. Auch Sie, mein junger Freund, wird man von hier vertreiben. Und diese vielen Bücher? Sie werden sie genauso zurücklassen, wie ich es jetzt tue." Reich-Ranicki kommentiert zurückblickend: "Recht hat er gehabt: Ich habe noch manche Bücher aus manchen Schränken zusammengerafft, aber als ich etwa zwei Jahre später aus Deutschland deportiert wurde, durfte ich nur ein einziges mitnehmen."

Diese Episode steht gleichnishaft für das Schicksal vieler Bibliotheken jüdischer Provenienz in den Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, waren sie nun öffentlichen oder privaten, sakralen oder profanen Charakters. Denn in der Tat spiegelt Bibliotheksgeschichte in diesem Zusammenhang vor allem, wie der Romancier Robert Schindel sagen würde, die Katastrophe wider. "Daß jüdische Sammlungen und Bibliotheken aus dem alten Europa heute weltweit verstreut sind", schreibt einleitend Dan Diner, der Direktor des Leipziger Simon-Dubnow-Instituts, dem auch der Autor Markus Kirchhoff als wissenschaftlicher Mitarbeiter angehört, "ist mithin dem Untergang der jüdischen Lebenswelten Europas geschuldet." Wie sehr sich diese jüdischen Lebenswelten vor, während und nach der Katastrophe eben als Lesewelten präsentieren, zeigt Kirchhoff anhand eindrücklicher Beispiele. Der Band "Häuser des Buches" porträtiert, um mit Rudolf Schenda zu sprechen, die Lesestoffe der Kleinen Leute im osteuropäischen Shtetl und in den New Yorker Vierteln jüdischer Einwanderer des 19. Jahrhunderts genauso wie die Anfänge jüdischen Bibliothekswesens in Palästina im frühen 20. Jahrhundert. Das Hauptaugenmerk gilt jedoch dem Schicksal jüdischer Lesewelten auf dem europäischen Kontinent nach 1933.

Wie andere Religionen stützt sich selbstverständlich auch die jüdische auf das Medium Buch, wenn es darum geht, die kanonischen Texte zu überliefern und den Glauben zu verbreiten. Nur beim Feiern der Liturgie steht ein anderer Schriftspeicher, die Thorarolle, im Mittelpunkt. Es verwundert mithin kaum, dass jüdische Bibliotheksgeschichte mit Büchersammlungen in Synagogen und Lehrhäusern beginnt, wo Bibel, Talmud und andere religiöse Werke frei zugänglich sind. Doch im Gegensatz zum Christentum, wo jahrhundertelang nur die sakralen Bücher etwas galten, geht bei jüdischen Lesern die Verehrung des Mediums schnell auch auf Texte weltlicher Herkunft über: So generalisiert sich im Judentum wie bei keiner anderen Glaubensgemeinschaft die fast ehrfürchtige Verneigung vor der Schrift.

Dies manifestiert sich insbesondere in der Welt der Genisa, einem wichtigen Teil jüdischer Religionspraxis, wie Kirchhoff erläutert: "Im Altertum vor allem in der Form des Begrabens religiöser Schriften und Gegenstände verbreitet, aber auch im Sinne des Versteckens von als häretisch geltender, dem Gebrauch zu entziehender Literatur aufgefaßt, finden sich Genisot seit dem Mittelalter als Stauraum in Synagogen." Die Genisa ist eine Art "Endlager" des nicht mehr Gebrauchten, doch nicht Unbrauchbaren, des Zerlesenen, doch nicht Unlesbaren. In dem Verließ finden sich nicht selten auch profane Texte wie Heirats- und Handelsverträge bzw. solche Schriftstücke, über deren religiöse Bedeutung man sich nicht im klaren war, beispielsweise Gemeindekorrespondenz oder Lehrbücher. Die jüdische Gemeinde Kairos sah stets von einer Bestattung der Texte ab, so dass sich unterschiedlichste Zeugnisse seit dem 9. Jahrhundert erhalten hatten. Erst 1896 ließ der in Deutschland geborene Hebraist Solomon Scheckter die Genisa öffnen und aus diesem "battlefield of books" etwa 140.000 Fragmente nach Cambridge bringen. Noch heute sind Philologen verschiedener Fachrichtungen mit der Auswertung beschäftigt. Die dem Buch beigefügten Photographien von den Puzzlearbeiten ähneln jenen, die die Bastelstunden der Gauck-Behörde dokumentieren, wo Angestellte Anfang der 90er Jahre damit beschäftigt waren, zerrissene Stasi-Akten wieder zusammenzusetzen und lesbar zu machen. Solche Genisot, Ausdruck der Verehrung für die Schrift, gab es auch in den jüdischen Landgemeinden Süddeutschlands. "Unter der Decke der Synagoge da ist ein Speicher", heißt es in einer autobiographischen Reminiszenz von Berthold Auerbach, "und da liegen die Gebetbücher von hundert und hundert Jahren und der Atem der Lebenden steigt auf zu den Blättern, worauf der Atem der Verstorbenen gehandelt war und manche Träne hineinfiel, und die Worte der Verstorbenen und der Lebenden gehen miteinander hinauf zu Gott." In der Pogromnacht verbrannten die Genisot mitsamt den Gotteshäusern.

Kirchhoff erhebt die hier vorgeführte Verbindung von Bild- und Buchzitaten zum Darstellungsprinzip. Ganz gleich, ob die in den Text montierten Photographien jüdische Bibliothekare und Verleger, Bibliotheksinterieurs und Lesesäle, Bucheinbände und Titelblätter zeigen, sie korrespondieren mit einschlägigen Passagen aus fiktionaler Literatur und autobiographischen Werken, die ihrerseits von Büchern und Bibliotheken erzählen. Nach Kirchhoff handelt sich dabei immer um "Bilder". Dieses heterogene Material mit Quellencharakter soll Visuelles, Textuelles und Biographisches vereinigen. Denn das Bild fordert hier nicht Beschreibung, es ist Beschreibung - der ehedem lebendigen Wirklichkeit nämlich. Diese soll bildlich erneut fassbar werden, aus dem Bild sollen die einstigen Lesewelten gewissermaßen unmittelbar in die Vorstellung des Rezipienten gelangen. Die Bebilderung gelingt aufs Schönste, wo Kirchhoff genügend Material anbietet. Das Prinzip des Augenfälligmachens wird freilich dort problematisch, wo wichtige, keineswegs abseitige Quellen nicht konsultiert werden. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Mit zahlreichen Bildern macht Kirchhoff auch die urbane Landschaft jüdischer Bibliotheken im Berlin der Zwischenkriegszeit lebendig. Geprägt wurde sie durch die bedeutenden Hebraika- und Judaica-Sammlungen der staatlich und universitär getragenen Einrichtungen, der jüdischen Lesehalle mit ihren Zweigstellen, den Leihbüchereien sowie den wissenschaftlichen Sammlungen, etwa der Bibliothek der berühmten Hochschule für die Wissenschaft des Judentums: Leo Baeck lehrte hier. Franz Kafka jubelte anläßlich seines dortigen Aufenthaltes im Jahr 1923, dass er in dem "gut geheizten" Lesesaal einen "Friedensort in dem wilden Berlin und in den wilden Gegenden des Inneren gefunden" habe. Mit der Machtübernahme Hitlers aber wurde dieser so friedlichen wie reichen Welt ein bisweilen abruptes Ende gemacht. So schloss man etwa Magnus Hirschfelds erst 1919 gegründetes Institut für Sexualwissenschaft gewaltsam, die einzigartige Büchersammlung wurde teils beschlagnahmt, teils verbrannt und letztlich in alle Winde zerstreut. Kaum besser erging es den Beständen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Nur die nach bibliophilen Maßstäben zusammengetragenen Bände des schon 1929 verstorbenen Aby Warburg, der seine Bibliothek als "Büchertrutzkasten" bezeichnet hat, blieb, obwohl hier auch der nationalsozialistische Antisemitismus dokumentiert wurde, unangetastet: Sie konnte komplett von Hamburg nach England gebracht werden und ist dort unschätzbarer Teil des am Woburn Square gelegenen Warburg-Institute der University of London.

Kirchhoff verdeutlicht am Beispiel Warburg, dass Bibliophilie häufig ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen Selbstbehauptung im Deutschen Reich war. Dass auch diese angesichts heutiger Buchgestaltung anachronistisch anmutende Form der Selbstvergewisserung von den Nationalsozialisten nicht nur beargwöhnt, sondern bekämpft wurde, bestätigt diese These. Leider hat Kirchhoff auf die Auswertung der vielgelesenen Tagebücher von Victor Klemperer verzichtet; er wäre auf einige für ihn relevante "Bilder" gestoßen. Noch als der Sammler Klemperer seine wertvollen Bücher längst verloren oder versteckt hatte, kamen die Nazischergen zu ihm, um "Kulturgut sicherzustellen". Am 6. Oktober 1939 notiert er: "Vorgestern wieder eine Hausdurchsuchung: Bibliothek. Zwei Gestapoleute (sehr höflich) suchten mit Katalog in der Hand Beschlagnahmtes; eine Dame (von der Staatsbibliothek [...] gewiß: zum Dienst gepreßt, aber zu was für einem Dienst!), die Dame also fahndete nach ,sicherzustellendem Kulturgut', d. h. kostbaren Erstdrucken und derartigem. Sie fand nichts, den andern beiden fielen übersehene sechs oder sieben Ludwigbände in die Hand, darunter die ,Fahrten der Goeben', eines der patriotischen Bändchen aus dem vorigen Weltkrieg - jetzt Judenliteratur." Unverständlich ist außerdem, dass Kirchhoff die Welt der Antiquare unberücksichtigt lässt. Autobiographisches von Martin Breslauer, dessen Archiv mittlerweile aus dem Exil an die Staatsbibliothek zu Berlin zurückgekehrt ist, oder "Die Saga von den kostbaren Büchern" eines H. P. Kraus, der nach dem "Anschluss" Österreichs für einige Wochen im Konzentrationslager saß, bevor er über die Schweiz nach New York flüchten konnte, um dort ein berühmtes Antiquariat zu begründen, hätten Kirchhoffs These besser zu illustrieren vermocht.

Allerlei Überraschendes fördert freilich die verdienstvolle Darstellung zu Tage, die das Schicksal der Bücherhäuser in den Zeiten von Krieg und Holocaust nachzeichnet. Ist man sarkastisch genug gestimmt, so wird man Reinhard Heydrich einigen Weitblick bescheinigen müssen, denn als Chef der Sicherheitspolizei erließ er den Befehl, dass am 9. November 1938, während man ungestraft die Synagogen zerstörte, doch alles Schriftliche, insbesondere jüdische Gemeindearchive und Geburtsregister, unbehelligt bleiben sollte. Das Archivgut wurde später unverzichtbare Verwaltungsgrundlage für die Absicht, Deutschland "judenfrei" zu machen. Das 1905 in Berlin gegründete "Gesamtarchiv der deutschen Juden" wurde nach der Pogromnacht in seinen Aufgaben völlig pervertiert, da es als "Zentralstelle für jüdische Personenstandsregister" dem Reichssippenamt angegliedert wurde.

Ausdruck des NS-Rassenwahns ist auch das, was man heute einigermaßen hilflos als "wissenschaftlichen Antisemitismus" apostrophiert. Es existierte, gleichsam als Spiegel von Hitlers Herrschaftsprinzip, das nach der bekannten Devise divide et impera funktionierte, ein verwirrendes Netz rivalisierender Institute, die sich ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen überwarfen, um sich auf grotesk-dilettantische Weise mit dem Judentum zu beschäftigen. Bekannt ist etwa Alfred Rosenbergs "Institut zur Erforschung der Judenfrage", das ein Teil der geplanten Hohen Schule der NSDAP werden sollte. Frankfurt wurde zum Standort, weil man sich die umfangreiche Judaicasammlung der dortigen Stadtbibliothek einverleiben konnte. Denn, soviel wusste auch Rosenberg, wo ernsthaft "geforscht" werden soll, muss eine hervorragende Bibliothek vorhanden sein. Zu Rosenbergs Konkurrenz gehörte u. a. die Abteilung für das Studium der Judenfrage im RSHA, geleitet von keinem anderen als Adolf Eichmann. Kirchhoff gelingt es vor dem Hintergrund des komplizierten Machtgefüges die institutionelle Büchergier, die sich in den Häusern des Buches gütlich tat, plastisch zu beschreiben. Hatte man vor Kriegsbeginn schon die Bestände aller jüdischen Archive und Bibliotheken auf ihre Tauglichkeit hin geprüft und auch vor der Konfiszierung von Privatsammlungen nicht zurückgeschreckt, so beeilten sich nicht nur die genannten Stellen nach 1939 die für sie interessanten Buchbestände in den eroberten Ländern zielgerichtet zu plündern. Betroffen war etwa die "Bibliothek für jüdische Studien" an der Großen Synagoge in Warschau und auch die legendäre Sammlung Rothschild in Paris, die in 760 Kisten verpackt nach Frankfurt ging. Für den Buchraub hatte Rosenberg eigens einen Einsatzstab begründet, zynischerweise "Stoßtrupp der Wissenschaften" genannt, der vor allem in Saloniki fündig wurde. Die dortige Plünderung von Archiven und Bibliotheken ist ein Menetekel für die Auslöschung der jahrhundertelangen Kultur dieser sefardischen Gemeinde.

Der europaweite Diebstahl in großem Stil verlangte nach Arbeitskräften. Es verwundert kaum, dass man deshalb eine nicht geringe Zahl von Zwangsarbeitern heranzog, die in Wilna, wo sich mehrere beachtliche jüdische Bibliotheken befanden, die Rosenbergs Einsatzstab zu leeren gedachte, "Papierbrigade" genannt wurde. Auch Prag erwähnt Kirchhoff als Umschlagplatz des Raubguts. Teile der Bestände sollten wohl das dortige jüdische Museum, eine Gründung der SS, bereichern, andere Teile gingen weiter nach Theresienstadt. Im Prager Bücherlager wurde H. G. Adler zur Arbeit gepresst. "Dämonenschicksale Kafkaesker Traurigkeit umwittern uns", schrieb er am 27. November 1941 an seine Frau, der später in Birkenau ums Leben gekommenen Ärztin Gertrud Klepetar. Er arbeitete für die jüdische Gemeinde, die, so Adler, als "Liquidationsorgan" das geraubte Vermögen der Deportierten, darunter die Bücher, verwaltete. "Es war eine erschütternde Tätigkeit", schrieb er nach 1945 in einem unveröffentlichten Brief, der sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach befindet: "Ich erinnere mich noch, wie der Buchnachlaß Franz Kafkas (aus der Wohnung seiner Schwester) durch meine Finger glitt, Bücher, die er geliebt haben mochte, mit seinem teuren Namenszug, mit Widmungen an ihn, namentlich von Brod und den anderen Prager Autoren." Adler sollte Theresienstadt, Auschwitz und Langenstein-Zwieberge überleben und einer der renommiertesten Holocaustforscher werden, der sein Lagerschicksal auch als Autor zahlreicher Romane verarbeitete. Leider fehlen die Bücher Adlers als zentrale Quellen in Kirchhoffs Literaturverzeichnis, was den Abschnitt über Ghettobibliotheken weniger wertvoll macht.

Vorgestellt wird bibliothekarische Arbeit und Lesehunger in den Ghettos von Warschau und Theresienstadt. Die jeweilige Bücher-Subkultur war Teil des "geistigen Beitrags zum Überleben", ja sowohl für den versteckten Leihbuchhandel als auch für die Kinderbibliothek in Warschau gilt, dass das Buch zum "Narkotikum" mutierte, das für die allzu kurze Zeit der Lektüre Ablenkung und Vergessen versprach. "Eine hervorragende Rolle im Lager spielte das Buch", bemerkt H. G. Adler in seinem Standardwerk über das Theresienstädter Ghetto. "Fast jeder brachte einige Bände mit, gewöhnlich gediegene Werke, die man immer und immer wieder zu lesen begehren konnte. Manche hatten 30 und noch mehr Bücher in ihrem Gepäck, die für die hohe Bildung der Gefangenen zeugten." Adlers Buch liefert zahlreiche Quellen zur "Ghettozentralbücherei" (die er selbst während seines Lageraufenthaltes gesammelt und anschließend versteckt hat), etwa einen Rechenschaftsbericht vom 17. 11. 1943, Bestandszahlen, Entleihstatistiken (im Oktober 1943 3.775 Entleiher) sowie die Benutzungsordnung. Der Bibliothekar Hugo Friedmann, der im Herbst 1944 nach Auschwitz "verschickt" wurde, hielt über die etwas unscharfe Physiognomie der Sammlung fest: "Die Theresienstadter Ghettobibliothek ist sicherlich die einzige öffentliche Bibliothek dieses Ranges in Europa, welche auf die Art ihrer Bestände und deren Vermehrung keinerlei unmittelbaren Einfluß zu nehmen im Stande ist. Da sie zur Gänze auf den Eingang aus ihr übermittelten Sendungen von außen und Schenkungen angewiesen ist, hat sich die Form ihres Antlitzes selbsttätig und zufälligermaßen herausgebildet. Trotzdem hat die Bücherei ein ganz bestimmtes und für die allgemeinen Aufbauverhältnisse der jüdischen Siedlung charakteristisches Profil erhalten."

Kirchhoff vertritt die Ansicht, dass diese Bibliothek nur als Bestandteil der SS-Propaganda zu sehen sei. Bekanntlich "verschönerte" man das "Vorzeigeghetto" für einen Film über das Lager. Adler widerspricht dieser Annahme: "Auf Elbkähnen und in Waggonladungen wurden Bücher aus Deutschland und Prag herangeschafft. Die Absichten der SS sind in diesem Falle nicht ganz deutlich, denn propagandistisch wurde die Bibliothek nicht annähernd so bemüht wie die ,Geldwirtschaft' und die Gerichtsbarkeit." Es sollen einige Aufträge der SS bearbeitet worden sein, so wurden etwa Teile des Talmud neu übersetzt. Auch das Leo Baeck zugeschriebene Typoskript "Die Entwicklung der Rechtstellung der Juden in Europa, vornehmlich in Deutschland", das kürzlich für Aufsehen gesorgt hat, ist angeblich hier auf Geheiß der SS entstanden. Die Liquidationsmasse der Theresienstädter Bibliothek hat nach Adler 180.000 Bände betragen.

Nach Kriegsende galt es nicht nur diese 180.000, es galt vielmehr Abermillionen von Büchern den ursprünglichen Besitzern wieder zurück zu erstatten. Mit diesem traurigen Kapitel schließt Kirchhoff. Traurig deshalb, weil die Redistribution oft gar nicht mehr möglich war. Viele Privatsammler waren in den Vernichtungslagern ums Leben gekommen, viele institutionelle Träger waren nicht mehr existent bzw. ihre Nutzer vertrieben oder getötet. Gershom Scholem, der 1946 in dem von den Amerikanern eingerichteten Offenbach Archival Depot arbeitete, um herrenlose Bestände zu sichten, ließ deshalb Leo Baeck wissen: "Wir glauben, mit einem Wort, daß dorthin, wo die Juden hinwandern, auch ihre Bücher mitgehen sollen." Ähnlich liest sich das in H. G. Adlers Roman "Die unsichtbare Wand" (1989), wo er seine Arbeit im jüdischen Museum Prag in den Jahren 1946/47 thematisiert. Dort befinden sich zehntausende jüdische Gebetsbücher: "Aus allen geräumten Wohnungen im ganzen Land, einbändige, drei- und neunbändige Ausgaben, leider eine Menge davon fliegende Blätter, aber viele noch anständig, wie man sie gerade gefunden hat. Was sich noch halbwegs verwenden läßt, wird nach Sorten zu zehn oder zwanzig Stück gebündelt und kommt provisorisch in den Keller." In den Keller, so klärt der Erzähler auf, kommen sie, weil niemand mehr da sei, der sie verwenden könne. Niemand? "Nein, niemand, es ist ein Malheur. Doch wir hoffen einen großen Posten bald nach Amerika abstoßen zu können, natürlich für ein Spottgeld. Noch immer die beste Lösung. Wir haben schon Verhandlungen mit Vertretern des Wiederaufbaukomitees aufgenommen." In Amerika waren noch Menschen am Leben, die sich vor der Schrift verneigten.

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Markus Kirchhoff: Häuser des Buches. Bilder jüdischer Bibliotheken.
Herausgegeben vom Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig.
Reclam Verlag Leipzig, Leipzig 2002.
191 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3379007862

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