Für eineTheorie literarischer Leidenschaften

Zu einem neuen Sammelband der Konstanzer Literaturwissenschaft

Von Christine KanzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christine Kanz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die anthroplogische Grundkraft der Leidenschaften und ihre Manifestation in literarischen Texten stoßen innerhalb der sich zur Kulturwissenschaft öffenenden Literaturwissenschaft auf zunehmendes Interesse. Die Beschreibung von Affekten in der Literatur, die Analyse der Emotionalisierung von Literatur, die Untersuchung des Zusammenhangs von Rezeption und Gefühl sind verwandte Forschungsbereiche, die aufregende Problemfelder eröffnen.

Die Fachgruppe Literaturwissenschaft der Universität Konstanz hat einen Sammelband über "Leidenschaften literarisch" herausgegeben, der ihre Interdisziplinarität und ihr theoretisches wie historisches Interesse an anthropologischen Fragestellungen dokumentiert. Der Band enthält die Ergebnisse einer Ringvorlesung über klassische Werke der Weltliteratur, die einer neuen Lektüre unterzogen wurden, wobei das thematische Element der Leidenschaften den theoretischen Konvergenzpunkt bildete. Das Resultat ist eine kleine Kulturgeschichte der Leidenschaften. Die exemplarisch behandelten Texte verschiedener Nationalliteraturen und unterschiedlicher Epochen reichen von Homers "Ilias" (Gerhard Baudy), über Shakespeares "Hamlet" (Aleida Assmann), Goethes "Wahlverwandtschaften" (Eva Horn), Jane Austens "Sense und Sensibility" (Walter Göbel), Gogols "Die Toten Seelen" (Susi K. Frank) oder Fontanes "Effi Briest" (Rudolf Helmstetter) bis zu Nabokovs "Lolita" (Schamma Schahadat), und die im Zentrum stehenden Affekte von Liebe über Lust, Zorn oder Aggression bis zum "Staunen als erster Leidenschaft" (Felix Thürlemann). Die hervorragende Einleitung der Amerikanistin Reingard M. Nischik, die den Band herausgegeben hat, führt in die Literarizität und in die Theorie der Leidenschaften ein.

Trotz der Unterschiedlichkeit der Beiträge wird unter anderem deutlich, daß sich die Einschätzung der Bedeutung von Leidenschaften - für das jeweilige Menschenbild, für das Individuum wie für die Kulturen - im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert hat. Stets oszillierte der Begriff "Leidenschaft" zwischen positiver und negativer Valenz. Verächtlich konnotiert wurde er insbesondere dann, wenn er, wie etwa von Kant, als Gegenpol zum Begriff "Verstand" oder. "Vernunft" eingesetzt wurde und wiederholt in die semantische Nähe des Krankhaften geriet, und dies bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hinein. So wird deutlich, daß auch Emotionen kulturell überformte, soziale Konstrukte darstellen. Doch das ist nur einer der vielfältigen Aspekte, die durch die Lektüre dieser anregenden Studie vor Augen geführt werden.

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Reingard M. Nischik (Hg.): Leidenschaften literarisch.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 1998.
304 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3879406049

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